Süddeutsche Zeitung
vom 31.05.1999
Tod des Sudanesen bleibt rätselhaft
Innenminister Schily stoppt Abschiebungen mit dem Flugzeug
Presse-Dokumentation
zum Tod des Sudanesen Aamir Omer Mohamed Ahmed Ageeb
(ab 31.05.1999)
- Innenminister der Union wollen Abschiebestopp nicht hinnehmen – Frankfurter Rundschau vom 01.06.1999
weitere Artikel zusammengestellt von Georg Classen, Berlin
- Deutschland: Abschiebungen gestoppt – Die Presse, Wien, 31. Mai 1999
- Nach Tod eines Sudanesen Abschiebungen teilweise gestoppt – DIE WELT, 31.05.1999
- Tod des Sudanesen bleibt rätselhaft – Süddeutsche Zeitung vom 31.05.1999
- 9. Mai – Tod eines Asylbewerbers – Der Spiegel online 30.5.1999
- Schily muß Abschiebungen aussetzen – junge Welt Inland 31.05.1999
- Tod im Linienflug LH 558 – Die Tageszeitung vom 31.05.1999
- „Otto Schily muß zurücktreten“ – Die Tageszeitung vom 31.05.1999
- Dokumentation der Grausamkeit – Die Tageszeitung vom 31.05.1999
RESSOURCEN
Hessischer RundfunkAbgeschobener sudanesischer Asylbewerber stirbt im FlugzeugPRO ASYL kritisiert Unmenschlichkeit – Presseerklärung PRO ASYL vom 29.05.1999
Marcus Omofuma ist erstickt. Omufuma saß in einem Flugzeug, als er starb, an Händen und Füßen gefesselt, den Mund mit Klebeband verschlossen, „verschnürt wie eine Mumie“, sagten Zeugen. Woran Aamir Ageeb starb, ist ungeklärt. Ageeb trug bei seinem Tod am Freitag an Bord einer Lufthansa-Maschine einen Motorradhelm, seine Füße und Hände waren gefesselt. Als der afrikanische Asylbewerber Omofuma vor vier Wochen bei der Abschiebung aus Österreich zu Tode gekommen war, hatte der deutsche Innenminister Otto Schily (SPD) eine Überprüfung der Abschiebe-Methoden des Bundesgrenzschutzes angeordnet.
Die Prüfung ergab Beruhigendes: Untersagt sind „alle Hilfsmittel der körperlichen Gewalt, bei denen die Atemwege durch Verschließen des Mundes“ beeinträchtigt werden können. So steht es in den Richtlinien. Dem Sudanesen Ageeb hat dies nichts genützt. Bevor die drei begleitenden Polizeibeamten zur Kenntnis nehmen mußten, daß in Ageebs Körper kein Leben mehr war, hatten sie nach eigenen Angaben dessen Kopf, der in einem Integralhelm steckte, beim Start des Flugzeugs in Frankfurt „durch Nach-unten-Drücken fixiert“. Ärzte an Bord versuchten danach erfolglos, den 30jährigen wiederzubeleben. Passagiere und Besatzung reagierten geschockt. Die Maschine, die in den Sudan fliegen sollte, landete außerplanmäßig in München. Schily bedauerte den Tod des Mannes, ordnete eine sorgfältige Prüfung an und setzte bis auf weiteres alle Abschiebungen per Flugzeug aus, „bei denen mit Widerstand des Betroffenen zu rechnen ist“. Eine erste Obduktion des Toten in München ergab keine „anatomisch eindeutig nachweisbare Todesursache“.
Daß Abschiebehäftlinge, die als gefährlich gelten (Ageeb war nach Auskunft aus Sicherheitskreisen wegen Körperverletzung vorbestraft), einen Helm tragen müßten, um sich vor Kopfverletzungen und die Beamten vor Bissen zu schützen, sei durchaus üblich, erklärte das Innenministerium am Sonntag. Ob im Fall Ageeb aber die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt wurde, oder vielleicht doch ein verbotener Knebel verwendet wurde, muß sich noch zeigen. Grenzschützer und die Polizeigewerkschaft forderten eine faire Untersuchung. Auch die Beamten stehen unter Druck, wenn sich „Schüblinge“ heftig gegen den Zwangstransport wehren. Sie klagen über zunehmende Gewaltbereitschaft, vor allem bei verurteilten Straftätern, seltener bei abgelehnten Asylbewerbern. Etwa 10 000 Abschiebungen per Flugzeug gibt es jährlich von Frankfurt aus. Zuletzt war dort 1994 ein geknebelter, herzkranker Nigerianer nach einer Beruhigungsspritze gestorben. Das Verfahren wurde eingestellt, der Arzt mußte 5000 Mark an Amnesty International zahlen und wollte fortan nicht mehr an Abschiebungen mitwirken.
Pro-Asyl-Sprecher Heiko Kauffmann sagte, in einem Rechtsstaat dürfe es solche Todesfälle nicht geben – schon gar nicht unter einer rot-grünen Regierung. 1998 trat der belgische Innenminister Louis Tobback zurück, nachdem Beamte eine schreiende Asylbewerberin mit einem Kissen erstickt hatten.
So eindeutig ist der Fall Ageeb nicht. Passagiere einer Swissair-Maschine befreiten jüngst einen gefesselten Kongolesen aus den Händen der begleitenden Schweizer Polizisten – mit Gewalt. Auch dieser Vorfall wurde am Freitag bekannt. Christiane Schlötzer