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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 2008 :::

Ökumenische Erfahrungen
in Kriftel a. Taunus

INHALT
Erinnerungen an eine ökumenische, sozial-karitative Zusammenarbeit zwischen Protestanten und Katholiken in einer Gemeinde am Rande Frankfurts und ihre Auswirkungen auf mein persönliches Verhalten; aufgezeichnet am 11.4.2008

Am 23. Dezember 1966 verstarb in Kriftel bei Frankfurt a. Main mit 64 Jahren der katholische Pfarrer Josef Kup. Der beliebte Pfarrer war 16 Jahre in der Pfarrei tätig gewesen. Von seinen Kollegen wurde er wegen seiner Gutmütigkeit und Kontaktfreude „Väterchen Kup“ genannt. Kriftel, sich selbst als „Obstgarten des Vordertaunus“ bezeichnend, gehörte mit 6.000 Einwohnern zum Einzugsbereich Frankfurts. Von der wachsenden Bevölkerung waren ca. 3.500 katholische und ca. 2.500 evangelische Christen.

Kurz nach dem Tod des katholischen Kollegen machten sich der evgl. Pfarrer Dr. Christian Müller und der evgl. Theologe Dr. Holger Samson aus Kriftel auf, um dem Personaldezernenten des Bischöflichen Ordinariates Limburg wegen der Besetzung der Pfarrei die Bitte vorzutragen, einen Geistlichen in die Obstbau- und Arbeitergemeinde zu schicken, der besonders aufgeschlossen für soziale Fragen und eine ökumenische Zusammenarbeit sei.

Die Wahl unter mehr als zehn Bewerbern fiel auf mich, der ich seit fünf Jahren als Kaplan in der St. Antoniusgemeinde im Frankfurter Westend tätig war. Ich hatte mich seinerzeit auf jede frei werdende Stelle gemeldet, so auch auf die von Kriftel. Dabei kannte ich diese Gemeinde überhaupt nicht. Auch hatte ich mich bisher weder auf dem sozialem, noch auf dem ökumenischen Sektor besonders hervor getan. Ich erfuhr allerdings später, dass man mich deswegen ausgesucht habe, weil mein Vater, Alois Leuninger, als Vorsitzender des Arbeitsgerichtes Limburg und ehemaliger Gewerkschaftssekretär naturgemäß als besonders aufgeschlossen für soziale Fragen galt. (Als anfangs meine Eltern bei mir in Kriftel lebten, war er auch so etwas wie der soziale Arm des Pfarramtes.) Ebenso muss es wohl eine Rolle gespielt haben, dass der Bruder meines Vaters, Ernst Leuninger, von 1960-1963 Hessischer Landesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) war und gute Kontakte zur Frankfurter Sozialschule, einer Einrichtung der katholischen Kirche, hatte. Nach dem Prinzip „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ bekam ich die ausgeschriebene Stelle.

Einmal In Kriftel ergaben sich sofort erste Kontakte zur evangelischen Seite, die ich gern und mit steigender Intensität aufnahm. Christian Müller übernahm damals das Amt für Industrie- und Sozialarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), das seinen Sitz in Kriftel hatte. Sein Nachfolger war der politisch und sozial engagierte Pfr. Werner Licharz. Auch Holger Samson mit seiner Frau Janine waren von Anfang an ein wichtiger Kontakt für mich. Ich wusste es sehr zu schätzen, es mit einem Schüler des berühmten Schweizer evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth zu tun zu haben. Samson war als Hilfsarbeiter in die Farbwerke Hoechst AG in Frankfurt/Main gegangen, eines der drei größten Chemie- und Pharmaunternehmen Deutschlands mit vielen italienischen Arbeitskräften. Inzwischen war er in die Sozialabteilung des Werkes gewechselt. Außerdem bekam ich bei Samsons ähnlich wie bei Müllers einen nachhaltigen Einblick in Familien, in denen adoptierte Kinder aufwuchsen. Für eines dieser Kinder durfte ich auch das Patenamt bei der Taufe übernehmen.

Unsere ökumenischen Kontakte wurden institutionalisiert, insofern wir uns alle zwei Wochen jeweils freitags um 8:00 Uhr reihum zum gemeinsamen Frühstück trafen, entweder bei Werner und Reinhilde Licharz, bei Agnes und Christian Müller, bei der Mitarbeiterin im Sozialpfarramt Helga Gewecke oder dann in meiner Wohnung. Hier konnten wir dann alles besprechen, was für eine gemeinsame Arbeit anstand.

Am 11. September 1969 fand in Limburg der Tag der Caritas mit Bischof Wilhelm Kempf und ca. 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Da ich mittlerweile Mitglied in Gremien des Caritasverbandes des Bistums und Hessens geworden war, wurde mir das Grundsatzreferat übertragen. Ich wählte dafür das Thema „Der allgemeine Diakonat der Gemeinde“, Es ging dabei um die Spezialfunktion des allgemeinen Priestertums der Gläubigen. Dabei bin ich ausführlich auf die ökumenische Arbeit in Kriftel und die dort gemachten Erfahrungen zu sprechen gekommen. Ich habe damals die ökumenische Zusammenarbeit im sozial-karitativen Bereich zum Pflichtkatalog einer Gemeinde gehörig bezeichnet.

Wir seien in Kriftel, so stellte ich es in meinem Referat dar, davon überzeugt gewesen, dass unbeschadet aller bisherigen gesonderten sozialen Aktivitäten in den einzelnen Kirchengemeinden sich gemeinsame Aufgaben stellten, für die zusätzliche ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen wären. Dafür hätten wir die Mitglieder beider Gemeinden mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die geplante katholisch-evangelische Zusammenarbeit befragt. Bei dem Aufgabenkatalog ging es um die Bereitschaft in bestimmten Notlagen einzuspringen, so etwa darum, zu älteren, alleinstehenden oder kranken Mitbürgern Verbindung aufzunehmen, stundenweise ein Kind zu betreuen, bei Erkrankung der Mutter ein Kind auch evtl. mehrere Tage aufzunehmen, oder der Mutter im Haushalt zu helfen, eine gelegentliche Aufgabenbetreuung bei Kindern zu übernehmen und vielleicht auch finanzielle Unterstützung zu gewähren. Danach wurden alle, die sich aus den beiden Gemeinden gemeldet hatten, zu einem gemeinsamen Gespräch eingeladen. Es stellte sich ein sehr gemischter Kreis von Personen ein, der aus Männern und Frauen, Ehepaaren wie Jugendlichen bestand. Aus diesem Kreis bildeten sich zwei Arbeitsgruppen, die die Organisierung ihrer Arbeit selbst in die Hand nehmen sollten.

Damals wohnten in Kriftel – auch das erwähnte ich in meinem Referat – bereits zahlreiche, vorwiegend italienische Arbeiter, die entweder allein in Wohnheimen der Farbwerke Höchst AG oder mit ihren Familien zusammen lebten. Sie stellten uns vor Aufgaben, die die „Gruppo di Kriftel“, ein international und ökumenisch zusammen gesetzter Kreis bereits früher aufgegriffen hatte. Ihm hatten meine evangelischen Partner angehört. Ich lernte die Gruppe allerdings nur noch aus Erzählungen kennen. Es ging bei unserem derzeitigen Vorhaben besonders darum, bei den Einheimischen mehr Verständnis für die neuen Mitbürger zu wecken, und Wege zu finden, um sie besser einzugliedern. Der Versuch, mit einem internationalen Klub, an dem verschiedene Nationalitäten beteiligt werden sollten, das Miteinander zu fördern, scheiterte an den vorhandenen Sprachschwierigkeiten.

Sprachprobleme erschwerten auch den nichtdeutschen Kindern die erfolgreiche Teilnahme am schulischen Unterricht. Um hier Abhilfe zu schaffen, wurde ökumenischerseits und unter maßgeblicher Mitwirkung der evgl. Sozialsekretärin Helga Gewecke die „Krifteler Lernstube“ eingerichtet. Sie war in Hessen eines der ersten Modelle dieser Art. Bei dieser Einrichtung ging es uns um ein Doppeltes: einerseits um die direkte schulische Förderung der Kinder, andererseits sollten durch entsprechende Anfragen und Anträge aber auch die Schulbehörde und die Wohlfahrtsverbände angeregt werden, sich mit ihrer Kompetenz in die umfassende Integrationsaufgabe einzubringen. Der Lernstube ist beides auf beachtliche Weise gelungen.

Die drei Jahre meiner Tätigkeit in Kriftel haben mich sehr motiviert, der ökumenischen und dabei der sozialpolitischen Zusammenarbeit von Christen einen besonderen Rang einzuräumen. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass ich als späterer Ausländerreferent des Bistums Limburg (1972-1992) ganz selbstverständlich mit der evangelischen Seite zusammen gearbeitet habe. Das galt vor allem auch für meine Tätigkeit im „Initiativausschuss Ausländische Mitbürger in Hessen“ , der auf den „Tag des ausländischen Mitbürgers“ zurück ging und erstmals 1970 in Hessen auf Initiative der Kirchen und der Wohlfahrtsverbände durchgeführt worden war. In der Vorbereitung hierzu hatte man sich der Mitarbeit des bekannten italienischen Sozialreformers Danilo Dolci versichert. Ich war im Initiativausschuss der katholische Partner des evangelischen Pfarrers Detlef Lüderwaldt.

Auf Bundesebene gehörte ich über Jahre dem „Ökumenischen Vorbereitungsausschuss für den Tag des ausländischen Mitbürgers“ an, wie dieses Gremium ursprünglich hieß. Hier ergab sich eine höchst vertrauensvolle und auch fruchtbare Zusammenarbeit mit dem damaligen Ausländerbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. Jürgen Micksch. Sie führte später auch zu der Idee, das vielfältige Engagement für Flüchtlinge in der Bundesrepublik durch die Gründung der Menschenrechtsorganisation PRO ASYL zu bündeln. Als ihr Sprecher (1986-1994) habe ich zwar darauf geachtet, dass wir nicht als kirchlicher sondern als bürgerrechtlicher Zusammenschluss verstanden wurden. Dennoch spielte die ökumenische Zusammenarbeit in diesem Bereich eine wichtige Rolle. Übrigens entwickelte sich sowohl im Ökumenischen Vorbereitungsausschuss wie bei PRO ASYL eine bedeutsame und ungewöhnliche Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften. Auch das passte zu meiner familiären Herkunft und zu meinen Krifteler „Lernhilfen“.


24. Juni 1994
KRIFTELER NACHRICHTEN

25 JAHRE LERNSTUBE KRIFTEL

Hausaufgabenhilfe für ausländische Kinder

Die Lernstube Kriftel feiert ihr 25jähriges Bestehen am Mittwoch, 29. Juni 1994, 14.00 Uhr in der Aula der Lindenschule in Kriftel, Lindenstraße 14a.

Diese wertvolle Einrichtung des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche, die Organisation der Hausaufgabenhilfe für ausländische Kinder, wurde bereits kurz nach ihrer Gründung im Jahre 1969 ein Vorbild für ähnliche Institutionen in ganz Hessen.

Festtag für die Lernstube Kriftel

Das Ziel der Lernstube ist in dieser Zeit gleichgeblieben: Wegen der fehlenden Kenntnisse der deutschen Sprache, insbesondere der deutschen Grammatik, soll den Kindern bei dr Bewältigung ihrer Hausaufgaben geholfen werden und um ihnen den Weg in das Berufsleben zu erleichtern. Die Eltern können hier nicht helfen, da sie oft selbst noch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben.

Heute ist die Lernstube Kriftel für unsere ausländischen Kinder neben der Schule, die sie besuchen, eine zweite vertraute Anlaufstelle geworden.

Zur Zeit werden ca. 80 ausländische Kinder an drei Nachmittagen in der Woche von 15 freiwilligen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sowie einem Zivildienstleistenden des Diakonischen Werkes betreut.

Die ehrenamtlichen Betreuerinnen der Lernstube

Die Schülerinnen und Schüler der Lernstube beim Fest


Die Fotos stellte Heide Cornelius, die Leiterin der Lernstube, zur Verfügung


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