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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::

Der allgemeine Diakonat der Gemeinde

HINWEIS
Das Referat wurde vom Autor als Pfarrer in Kriftel a. Taunus gehalten auf dem Tag der Caritas in der Limburger Kreuzwoche am 11. September 1969 in Limburg und ist veröffentlicht in: Caritasbrief für das Bistum Limburg, Dezember 1969, Nr. 3/4, S. 7-19

Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird die Gemeinde als Trägerin sozialer Einrichtungen an Bedeutung verlieren, dafür aber an Einfluß gewinnen als Inspirationszentrum. Sie wird sich vornehmlich der Aufgabe widmen, den Christen und christliche Gruppen fähig zu machen, ihre Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen, wird ihnen die seelischen Kräfte vermitteln, um überall uneigennützig die angestrebte Ordnung der Welt mitentfalten zu helfen.

Der Begriff „Allgemeiner Diakonat“ ist Ihnen nicht geläufig und wird auch in der Theologie meines Wissens nicht verwendet. Man spricht wohl von einem allgemeinen Priestertum der Gläubigen, nicht aber von ihrem allgemeinen Diakonat, obwohl das sachlich gerechtfertigt wäre; denn wenn die Gläubigen teilnehmen am Priestertum Christi, dann nehmen sie auch teil an dem, was man seinen Diakonat nennen könnte. Dabei kommt es nicht darauf an Priestertum und Diakonat dogmatisch säuberlich voneinander zu trennen, zumal man mit Diakonat oder Diakonie das gesamte Tun Christi bezeichnen kann. Diakonat heißt nichts anderes als Dienst. Als Dienst hat Jesus sein ganzes Leben und Werk aufgefaßt, wie es das Wort zeigt: „Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mk 10, 45). Kurz zuvor heißt es im Bibeltext „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener“ oder ganz wörtlich übersetzt „Euer Diakon“. Mit sehr schlichten Worten umschreibt Christus seine Aufgabe und auch die Aufgabe jedes Christen, der in seiner Nachfolge lebt: Diener sein, Diener der Menschen. Dieser Dienst ist umfassend, er umgreift die helfende Liebe, das Wort der Verkündigung und die Kreuzeshingabe, zeichenhaft vorweggenommen im letzten Abendmahl.

Die Apostel unterscheiden bereits die Diakonie des Wortes, der sie sich vorzüglich widmen wollen von der Diakonie des Tisches, die sie anderen geachteten Helfern übertragen. Ihnen als den amtlich eingesetzten Diakonen, d.h. Tischdienern oder Kellnern, ist das Wohl gerade der ärmeren Gemeindemitglieder anvertraut. Das bleibt auf lange Zeit, wenn auch nicht die einzige so doch die ursprüngliche Aufgabe des Diakons. Bekannt ist uns der Diakon Laurentius, dem die Verwaltung des Kirchengutes und die Betreuung der Armen oblag. Die Legende berichtet, daß er vom Kaiser nach den Schätzen der Kirche gefragt, die Antwort gab: „Die Schätze der Kirche, das sind die Armen.“ Zur Zeit des Laurentius bezeichnet das Wort „Diakonie“ in Ägypten das Almosenwesen der Klöster. Diese Diakonien entwickelten sich sogar zu Körperschaften öffentlichen Rechtes, denen vom Staat ein Teil der öffentlichen Abgaben von Korn überlassen wurde. (Vergleichen Sie damit die öffentlichen Zuschüsse, die Einrichtungen des Caritasverbandes erhalten.) In Rom geht die Unterstützung der Armen auch von Diakonien aus, sie entwickeln sich später zu den Pfarreien, die noch heute den Kardinaldiakonen zugewiesen werden.

Angesichts dieser Entwicklung ist es höchst verwunderlich, daß der Diakonat in der römischen Kirche nur noch als zeitlich begrenzte Vorstufe zum Priestertum erhalten blieb. Bei der ursprünglichen Einheit von Agape und Eucharistie war auch der Tischdienst des Diakons ein einheitlicher. Als die Agape verfiel, und die Eucharistiefeier immer stärker mit einem besonderen Zeremoniell umgeben wurde, schlug sich der Diakon auf die Seite des liturgischen Tischdienstes. Schließlich wurde er zu einer Figur, die in Samt und Seide gekleidet zwischen Altar und Kredenz herumlief und ohne echte Aufgabe in der Gemeinde war. Das Amt des Diakons soll jetzt eine Wiederbelebung erfahren. Bedauerlicherweise stehen dabei Priestermangel und priesterliche Zölibatsverpflichtungen so sehr Pate, daß der künftige Diakon zu einem „Fast“priester zu werden droht, bei dem es aus irgendeinem Grund nicht zum vollen Priestertum reicht. Was die Gemeinde aber nicht weniger dringend braucht als einen Gemeindeleiter mit theologischer und pädagogischer Ausbildung, ist ein Fachmann des caritativen und sozialen Bereiches, der hauptamtlich oder nebenamtlich, als Mann oder Frau, geweiht oder nicht geweiht, in jeder einzelnen Gemeinde oder für mehrere Gemeinden zur Verfügung steht. An seine Ausbildung müssen hohe Anforderungen gestellt werden, da der soziale Sektor immer anspruchsvoller, komplizierter und differenzierter wird, Keineswegs darf ihm nun der ganze caritative Dienst der Gemeinde aufgebürdet werden. Er steht dem Pfarrgemeinderat und dem Gemeindeleiter als Berater zur Verfügung, übernimmt oder arrangiert die Schulung der Helfer und Helferinnen, informiert die Gemeinde und die Öffentlichkeit über wichtige Fragen. Vor allem müßte er dafür sorgen, daß die Eucharistie wieder die Ausrichtung auf die Agape erfährt und Ausdruck der diakonischen Haltung der Gemeinde wird. – Im übrigen wird die ideelle und personelle Kompetenz des Caritasverbandes bei der Behandlung der Frage des Diakonates nicht genügend gesehen und wahrgenommen.

Sollte sich in der Kirche ein besonderer Diakonat durchsetzen, so tritt er in ein besonderes Verhältnis zur Gemeinde, denn die diakonische Aufgabe ist der Kirche als solcher, nicht einzelnen in ihr aufgetragen. Daher ist der Diakon Diener am Diakonat der Gemeinde, die Gemeinde aber ist der Diakon, der den Tischdienst für die Menschen, für die ganze Menschheit versieht.

Wir stehen an einer entscheidenden Wende in der kirchlichen Entwicklung, durch die die Gemeinde wieder zum Träger kirchlicher Initiative wird, auch im Hinblick auf eine umfassende Diakonie. Das Wohl und Wehe der Kirche wird nicht in erster Linie abhängen von der Aktivität der Amtsträger, sondern von der Lebendigkeit der Gemeinden. Die Kirche ist keine einzige große Diözese, die von einer zentralen Stelle aus gelenkt wird, sondern ein Bund, eine Gemeinschaft von Gemeinden, in der Papst und Bischöfe den Dienst der Leitung und Einigung versehen. Es handelt sich hier um eine Wiederentdeckung kirchlicher Lebensgesetze, die über Jahrhunderte hinweg überdeckt waren. Die Schuld an der heutigen Krise der Kirche trägt nicht zuletzt die Auffassung, daß das Volk Gottes nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam von oben her zu lenken und zu leiten sei. Die wirklichen Brennpunkte des christlichen Lebens sind aber die Ortsgemeinden, als Gemeinschaften, als Bruderschaften, als Liebesbund, ja als Dienstgemeinschaften. Der Dialog mit der Welt wird nicht von irgendwelchen kompetenten Stellen oder Zentralen ausgeführt, sondern vornehmlich von der Gemeinde. Der Dienst an der Welt geht nicht von päpstlichen, auch nicht von bischöflichen Werken aus, sondern von der Basis einer christlichen Gemeinschaft. Von daher kommen große Aufgaben auf die Gemeinde zu, zu deren Bewältigung, das sei auch eindringlich gesagt, die Gemeinde ohne Verbindung mit den anderen Gemeinden, mit Papst und Bischöfen nicht in der Lage ist. Es liegen hier Wechselwirkungen vor, die prinzipiell als solche erkannt sind, aber immer noch einseitig zugunsten der Amtsautorität ausgelegt werden.

Das größte Hindernis bei dieser Entwicklung sind die Gemeinden selbst, weil sie nicht darauf vorbereitet sind, wirkliche Gemeinden zu sein. Es fehlen auch noch manche Voraussetzungen, daß die Gemeinden ihren allgemeinen Diakonat ausüben.

Das „Colloquium Europäischer Pfarreien“ in Turin, das zur selben Zeit wie die europäische Bischofskonferenz in Chur stattfand, und an dem 200 Priester aus 15 europäischen Ländern teilnahmen, stellte sich der Frage, ob die bestehenden Pfarreien der heutigen Zeit und ihren Erfordernissen gerecht werden. Man antwortete darauf rundweg mit einem Nein. Die Pfarrei wurde als eine veraltete, schwerfällige Institution bezeichnet, in der die Interessen sehr stark auf eine liturgische Konsumbefriedigung hingerichtet sind. Nach außen hin abgeschirmt, fehlt ihr jeder missionarische Geist. Gruppen, die in den Gemeinden den caritativen Dienst vollziehen, sind zumeist strukturell und personell überaltert und nicht willens und in der Lage neuen Geist, neue Formen, vor allem auch junge Menschen mit ihrem neuen Geist aufzunehmen. Der Gottesdienst wird überbetont, ist aber durchwegs steril.

Dennoch blieb man bei der Auffassung, daß vorzüglich die Ortsgemeinde berufen ist, kirchliches Leben zu manifestieren. Geradezu mit Hoffnung blickte man auf die Gruppen und Bewegungen, die sich außerhalb der üblichen Pfarreien bilden und auf nonkonformistische Weise Kirche zu bilden suchen. Sie wollen eine christliche Gemeinschaft sein, die auf das Evangelium hört und sich vor allem für ihre Umwelt einsetzt, ja geradezu im sozialen Dienst ihre einzige Existenzberechtigung sieht. Es wurde auf dem Colloquium die Erwartung geäußert, daß die Gemeinden von diesen unruhigen Geistern lernen müssen. Man könnte den notwendigen Wandel auf eine kurze Formel bringen: weg von der auf sich selbst konzentrierten Kultgemeinde zu einer weltoffenen Dienstgemeinschaft.

Es ist ein großer Unterschied, ob eine Gemeinschaft ihre Ziele in sich selbst hat oder an einer Aufgabe arbeitet, die über die Gemeinschaft hinausgeht. Selbst Gemeinden, die als lebendig und modern angesehen werden, geben sich mit einer internen Funktionsfähigkeit zufrieden. Die Sakramentenspendung ist gewährleistet, man ist bemüht um einen gepflegten Gottesdienst und eine gute Predigt; viel Energie wird auf die Kinder- und Jugendarbeit verwandt, es muß ein Kindergarten vorhanden sein, der Veranstaltungskalender ist vielseitig, es bestehen mancherlei Gruppen, Verbände und Vereine, ältere Gemeindemitglieder empfangen Geburtstagsglückwünsche, die neu Zugezogenen werden begrüßt und zur Teilnahme am kirchlichen Leben eingeladen. Die Aufzählung könnte noch fortgeführt werden.

All diese Aktivitäten sind richtig und notwendig, wenn sie auf das Ziel ausgerichtet sind, den einzelnen und die Gemeinde verfügbar zu machen für einen Dienst, der eben nicht in einer gut funktionierenden Gemeinde kulminiert, sondern in einer Welt, die im Sinne Christi verändert wird. Die Grundforderung, die dann an die Gemeinde gestellt wird, besteht darin, daß sie in sich selbst das verwirklicht, was sie für die Menschheit zu erreichen sucht: Sie muß der Ort der Gemeinschaft, der Verständigung, der Vergebung, der Einheit, der Brüderlichkeit und des Friedens sein.

Die Voraussetzung zu einer brüderlichen Gemeinschaft ist die Bereitschaft der einzelnen, miteinander nach Maßgabe der Verhältnisse in Kontakt zu treten. In der Großstadt bedeutet das bei aller Wahrung familiärer und individueller Intimität, daß man sich nicht hinter der Anonymität verschanzt, die so gern bis in den kirchlichen Raum aufrechterhalten wird. Dafür gehört es in ländlichen Gegebenheiten, wo der Schutz berechtigter Anonymität weitgehend fehlt, zum brüderlichen Verhalten, daß die für die Entfaltung und die Freiheit der Persönlichkeit so wichtige Anonymität bis zu einem gewissen Grade gewahrt wird. Andererseits darf man sich nicht auf die durch Verwandtschaft und Herkommen vorgegebenen Kontakte beschränken.

Zur Kontaktpflege gehört hinzu, daß jeder als gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft geachtet wird. Gerade die christliche Gemeinde muß sich darin auszeichnen ins Vorgriff auf die Gemeinschaft aller Menschen. Daher sind irgendwelche Rang- oder Klassenunterschiede, die auf Herkunft, Hautfarbe, Einkommen, gesellschaftlicher Stellung, Begabung oder Leistung beruhen können, als geringfügig zu werten. Bemühungen schichten- oder berufsspezifische Gemeinden aufzubauen, laufen Gefahr, einen elementaren Grundsatz christlicher Gemeinsamkeit zu verletzen. Der große Vorzug, natürlich auch das große Problem, aller am Ort gebildeten Gemeinden, ist die Möglichkeit, alle Schichten zusammenzuführen. Wichtiger als jede soziologische Gemcinsunkcit ist der Geist, der die Gemeinde zusammenführt und durchdringt.

Auf dem Boden dieser Gleichheit, die sich von der Bruderschaft mit Christus und der Kraft seines Geistes herleitet, kann auch eine echte demokratische Gesinnung wachsen. In einer Bruderschaft ist es notwendig, daß herrschaftsfreie Verhältnisse walten. Theologischerseits bestehen immer noch Bedenken, von Demokratie in der Kirche zu sprechen, da doch in einer Demokratie alle Gewalt vom Volke ausgehe; das aber widerspreche der hierarchischen Struktur der Kirche. Vergißt man dabei aber nicht, daß die eigentliche Realität der Kirche das Volk Gottes ist, in dem in seiner Gesamtheit der Geist Gottes wirkt. Alle Verbindlichkeit leitet sich von diesem Geist her, der eben nicht nur in einigen bevorzugten Vertretern wirkt. Insofern ist die Kirche keine Demokratie im politischen Sinne, auch keine Volksdemokratie, sondern wenn sie so wollen, eine „Volk-Gottes-Demokratie“. Vielleicht wird es auch gelingen, das, was man als hierarchische Struktur der Kirche bezeichnet, mit den modernen Demokratisierungsbestrebungen in echten Einklang zu bringen. Der Aufruf an die Gemeinden und an die einzelnen Verantwortung zu übernehmen, ist überhaupt nicht vertretbar, wenn keine demokratischen Spielregeln zugestanden werden. Gerade die Diskussion um die Synodalordnung der Diözese Limburg zeigt, daß demokratische Rechte nicht dosiert gewährt werden können. Es liegt nicht im Belieben der Kirche, wie demokratisch sie sich gebärden will. Eine Gesellschaft, in der die Humanisierung ganz entscheidend von der Demokratisierung aller Bereiche abhängt, kann nur den Dienst einer demokratisch gesonnenen Kirche annehmen. Eine demokratische Gesinnung kann man aber nicht haben, wenn man sie nicht praktiziert. Positiv ausgedrückt wird eine Gemeinde, die einen demokratischen Stil frei von Manipulation und Passivität pflegt, einen heilenden Einfluß auf politische Gemeinwesen ausüben. Auch das ist Heilsdienst!

Von besonderer Qualität muß die Eucharistiefeier der diakonischen Gemeinde sein. Hier hat die Liturgiereform, wenigstens die von oben verordnete, noch keinen entscheidenden Wandel einleiten können. Zwar ist die Liturgie verständlicher und durchsichtiger geworden, sie bewegt sich aber immer noch in weltentrückten und lebensfremden Bahnen. Es fehlt das, was eine christliche Tischgemeinschaft ausmacht. Es fehlt eine menschlich ungezwungene Atmosphäre, die Fühlungnahme untereinander und die Stellungnahme zu wichtigen Fragen, es fehlen die zeitgemäßen Lieder und Gebete, es fehlt die unmittelbare Beziehung der Feier zur notwendigen Aktivität der Gemeinde, es fehlt der ideale Bezug zur Welt, der allenfalls, wenn es glückt, bei den Fürbitten und in der Predigt erreicht wird. Dabei soll die Eucharistiefeier Kristallisationspunkt der Wirklichkeit sein, bei der der Mensch nicht in eine andere Welt eintaucht, sondern die Tiefe seiner Welt erfährt und bejaht. Wichtige Impulse für die Reform der Eucharistiefeier sind von ökumenischen Gottesdiensten und von Hausmessen zu erwarten. Da, wo man sich im kleinen Kreis um den Tisch setzt, um miteinander zu sprechen, auf das Wort der Schrift zu hören, und in schlichter Weise das Brot zu brechen, wird das Muster sichtbar, auf das hin auch das Brotbrechen der Gemeinden angelegt sein muß.

Wenn die Voraussetzungen, die als notwendig für eine christliche Dienstgemeinschaft aufgezählt wurden, nur ansatzweise geschaffen werden, zeigen sich erlösende und heilende Kräfte, die nicht nur die Gemeinde selbst läutern und erheben, sondern auch auf die Umgebung ausstrahlen. Die Tätigkeit der Gemeinde nach außen hin ist dann nur eine selbstverständliche Konsequenz dieser Erfahrungen. Niemals schafft die christliche Gemeinde sich eine Idylle ungeschorener Existenz. Vielmehr lebt sie in einer anstrengenden Kommunikation mit ihrer Umwelt. Dabei wählt sie nicht aus, was sie tun möchte, oder was ihr weniger liegt; die Aufgaben werden ihr vom Evangelium und von den Verhältnissen angetragen, um nicht zu sagen, aufgezwungen. Dabei wandelt sich die Situation, auf die die Gemeinde zu reagieren hat, ständig. Nicht nur dadurch, daß familiäre, regionale oder gar internationale Katastrophen eintreten, die jedes wohlvorbereitete Konzept der Hilfe überholen, sondern gerade dadurch, daß eine stetige gesellschaftliche Entwicklung neben ihren unbestreitbaren Verbesserungen ebenso unbestreitbare Nöte heraufbeschwört. Wir werden immer wohlhabender und verfügen über immer mehr freie Zeit. lm Gefolge dieser Entwicklung, bei der menschliche Arbeit durch die Automation ersetzbar und ersetzt wird, gehen wir einer neuartigen Massenarbeitslosigkeit entgegen, die wir aber als solche nicht zu fürchten brauchen; denn die Gesellschaft wird dem Individuum und der Familie ein Recht auf ausreichendes Einkommen ohne Forderung einer Gegenleistung einräumen. Bis auf den kleinen Teil, der immer durch die Maschen des Gesetzes fällt, wird es das Problem der Mittellosigkeit und damit der notwendigen finanziellen Unterstützung in unseren Breiten bald nicht mehr geben.

Dafür tauchen neue seelische Nöte auf, die aus dem unbewältigten Raum der zwischenmenschlichen Beziehungen kommen. Diese Nöte, die alten und neuen Krankheiten, außerdem die weltweiten Probleme, werden alle helfenden Kräfte erfordern.

Wie es um den Wahrheitsgehalt dieser Zukunftsprognosen auch bestellt sein mag, heute wie morgen gilt für die Kirche und damit auch für die Gemeinde, daß sie auf der Seite der Mittellosen, Leidenden, Unterdrückten, von sich selbst Entfremdeten, der Verwirrten, Beiseitegeschobenen und Ausgebeuteten steht. Sie steht nicht nur an ihrer Seite, sondern pflegt geradezu ein besonders gutes Verhältnis zu diesen physisch, psychisch und besitzmäßig Armen. Sind sie doch für sie die sakramentale Gegenwart des Herrn. Diese Gegenwart wird im Unterschied zu anderen Gegenwartsweisen des Herrn erheblich unterschätzt. Wer so auf der Seite der Armen steht, wird auch vom Geist der Armut durchdrungen. U. a. müßte hier sehr sorgsam geprüft werden, was eine Gemeinde sich an Aufwand, an Bauten und Einrichtungen leisten kann. Ich gehöre nicht zu denen, die der Gemeinde als Versammlungsraum eine Baracke anweisen möchten. Sicher, ich könnte mir Gemeinden vorstellen, die aus grundsätzlicher Überlegung sich zu einer Baracke entscheiden und dabei keinerlei Schaden an ihrem Gemeindeleben nehmen, vielmehr reichen, spirituellen Gewinn daraus ziehen. Die Gemeinde darf und soll alles haben, was sie braucht um funktionsfähig zu sein, gerade was ihren Dienst betrifft. Ob sie deswegen aber noch einen Anspruch auf eine aufwendige Kirche mit Turm, Glocken und Pfeifenorgel hat, das wage ich zu bezweifeln. Sparsamkeit ist hier keine wirtschaftliche, sondern eine theologische Frage.

Bei der neuen Struktur der Gemeinden fällt dem Pfarrgemeinderat für den Diakonatsdienst der Pfarrei eine entscheidende Rolle zu. Nicht gemeint ist damit, daß er selbst nun alle Aktivitäten in die Hand nimmt, auch nicht, daß er sich für kompetent hält, jeder bestehenden Helfergruppe Direktiven zu geben, sondern daß er die vorhandenen Kräfte mustert und sie ins Verhältnis setzt zu dem, was in und von der Gemeinde an Hilfe zu leisten ist. Das setzt an sich einen hohen Informationsstand voraus, über den ein Pfarrgemeinderat normalerweise nicht verfügt. Es bedarf wenigstens eines Ausschusses, der den Pfarrgemeinderat mit den notwendigen Informationen versorgt, sowohl was die Nöte angeht, denen gesteuert werden muß, als auch was die Hilfsmöglichkeiten betrifft und die Helfer, die zur Verfügung stehen oder erforderlich sind. Da die Gemeinde in vielen Fällen nicht direkt helfen kann, wäre es schon eine Leistung ersten Ranges, wenn es Stellen in der Gemeinde gäbe, die wüßten, welche örtlichen und überörtlichen Möglichkeiten der Beratung, Betreuung und Heilung bestehen. Nicht minder wichtig ist eine Kenntnis der rechtlichen Lage. Daß hier durch die Gesetzgebung des Bundes eine neue Situation eingetreten ist, dürfte dem Öffentlichkeitsbewußtsein der Gemeinde fremd sein, nicht nur im Hinblick auf die verschiedenen vielseitigen Hilfsangebote der öffentlichen Hand, sondern auch im Hinblick auf die Tatsache, daß den freien Wohlfahrtsverbänden, inklusive den kirchlichen, ein beachtlicher Rang innerhalb der Sozialhilfe ein-. geräumt wurde. Vor allem aber müßte man um die neue geistige Grundlage wissen, auf die die Sozialhilfe gestellt wurde, insofern nämlich von dem Recht auf Hilfe gesprochen wird, das der einzelne hat von seiten der Gesellschaft und des Staates. Hier hat der Gesetzgeber die grundsätzliche Einstellung der Christen und Gemeinden zur Sozialhilfe überholt, und dieser Vorsprung ist von den Gemeinden noch nicht verkürzt worden. Die Einstellung der Gemeinde zum Helfen ist weithin noch die einer herablassenden Milde, welche ein paar Brosamen des seelischen und materiellen Reichtums abfallen läßt. Auch will die in abgewandelter Form erhobene Frage nicht verstummen, die die Umgebung des Blindgeborenen im Evangelium stellt: „Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern?“ „Ist die Familie nicht selbst schuld daran, daß sie in diese Notlage gekommen ist?“ „Daher mag sie auch selbst zusehen, wie sie wieder herausfindet.“ Dieses Schuld- und Vergeltungsdenken ist unter den Christen noch weit verbreitet. Wenn das Gesetz ein Recht auf menschenwürdiges Dasein proklamiert, und der Allgemeinheit die Pflicht auferlegt wird jedem Menschen dazu zu verhelfen, sobald seine Kräfte, aus welchen Gründen auch immer, nicht ausreichen, dann heißt das in unserer Sprache, daß wir helfen ohne einzuteilen in Gerechte und Ungerechte, in Heilige und Sünder, in Würdige und Unwürdige.

Nicht alle Hilfe in der Gemeinde muß organisiert, geschweige denn institutionalisiert werden. Bei näherem Zusehen wird der Pfarrgemeinderat nämlich feststellen, daß in seiner Gemeinde, wie in jeder Gemeinde, ein hohes Maß nachbarlicher und individueller Hilfe geleistet wird. Selbst der Pfarrer, der schon lange Jahre in seiner Pfarrei tätig ist, weiß nicht um das Ausmaß, der aus christlichem Geist hervorgehenden Akte der Hilfe, Unterstützung, Ermunterung, Tröstung, Friedensstiftung, Heilung und Vergebung. Entscheidend ist dabei die vom Evangelium geprägte Atmosphäre. Sie zu fördern ist die Aufgabe der Verkündigung und aller innergemeindlichen Aktivität. Dann können sich auch die Begabungen und Charismen entfalten, die zum Aufbau der Gemeinde beitragen. Die in einer heutigen Gemeinde vorhandenen Gaben sind sicher nicht weniger zahlreich als zu Zeiten des hl. Paulus, vor allem sind es die Charismen der gegenseitigen Hilfe. Sie entbergen sich aber nur in einem Klima freundlich-partnerschaftlicher Begegnung.

Individuelle Hilfe kommt aber, so unabdingbar sie auch ist, oft an eine Grenze, wenn die Kräfte, Kenntnisse und Mittel nicht ausreichen. Auch gibt es die Erfahrung, daß potentielle Hilfsbereitschaft zwar vorhanden ist, aber aus irgendwelchen Gründen nicht da, wo Not am Manne ist, eingesetzt werden kann. Schon hier ist eine Koordinierung notwendig, die die Helfer mit dem, der Hilfe braucht, in Verbindung bringt. Wo diese Koordinierung bereits in freier Initiative erfolgt, bedarf es keiner weiteren offiziellen Maßnahme. Es ist sogar ein Zeichen hoher Verantwortlichkeit, wenn nicht alles von oben angeregt werden muß. Allerdings muß der Pfarrgemeinderat verhindern, daß ein ungesundes Konkurrenzdenken aufkommt. Hier liegen psychologische Schwierigkeiten für alle bereits aktiven Gruppen und Kreise einer Gemeinde, wenn sich neue Gruppen bilden, die eine ähnliche Zielsetzung haben wie die bestehenden. In diesem Falle sind folgende Gesichtspunkte zu beachten: Niemand besitzt ein Monopol des Helfens. Weiterhin hat auch in der Gemeinde jeder das Recht zu freien Zusammenschlüssen. Gruppenpsychologisch sind bestehende Kreise personell und organisatorisch oft so abgesättigt, daß sie sich nicht mehr auf andere Formen und andere Kräfte einstellen können. Es verlangt viel Selbstkritik, das einzusehen, und noch mehr Demut es anzunehmen. Wenn der pfarrlichen Caritasarbeit junge Leute oder gar Männer fehlen, liegt es bestimmt nicht daran, daß heute keiner mehr helfen will, und die Jugend nur noch ans Vergnügen denkt. Es ist höchst unfruchtbar, sich hinter einem solch törichten Gerede zu verschanzen, denn es zeigt sich, daß der Wille zu gemeinschaftlich verfaßter Hilfe gar nicht so klein ist. Könnte es nicht deswegen an Helfern fehlen, weil die Gemeinde nicht in der rechten Form angesprochen wird, weil man zu wenig Phantasie für Neues entwickelt und vielleicht auch deswegen, und unterschätzen sie das bitte nicht, weil man das Ganze noch zu sehr unter konfessionellen Vorzeichen betreibt?

Die ökumenische Zusammenarbeit im Sozial-caritativen ist aber ein Gebot der Stunde und gehört mittlerweile zum selbstverständlichen Aufgabenkatalog einer Gemeinde. Indessen liegt das weitgesteckte Feld gemeinsamer Tätigkeit erschreckend brach. Schuld daran sind organisatorische Schwerfälligkeit, gegenseitige Fremdheit und mancherorts auch kindisches Ressentiment. Grundsätzliche Bedenken können keine vorliegen, seitdem das Konzil in seinem Dekret über den Ökumenismus zu gemeinsamer Arbeit anregte. Einen Schritt weiter geht die letzte Sitzung des Ökumenischen Rates in Canterburry, an der auch zwei offizielle katholische Beobachter teilnahmen. Man war dort der Auffassung, daß gemeinsames Handeln auch zur Einheit führt. Die Kirchen sollen nicht so sehr einen Dialog führen, der rückwärts blickend von konfessionellen Besonderheiten ausgeht, sondern die gemeinsame Aufgabe der Kirchen sehen, die auf den Weg der Einheit hinführt. Die gemeinsame Aufgabe aber ist vornehmlich caritativ-sozialer Natur. In diesem Falle befaßte man sich mit der Entwicklungshilfe und der Überwindung der Rassenschranken.

Wie kann nun die ökumenische Zusammenarbeit auf dem Boden der Gemeinde aussehen? Gestatten Sie mir, hier von einigen Erfahrungen zu sprechen, die in einer Wohngemeinde von 6000 Einwohnern bei gemeinsamer katholisch-evangelischer Tätigkeit gemacht wurden.

Wir sind davon ausgegangen, daß es uns gar nicht mehr gestattet ist, getrennt zu planen und zu arbeiten. Es konnte nicht darum gehen, die in den Gemeinden bestehenden Einrichtungen und Arbeitsgruppen nun einfach hier zusammenzulegen. Es gibt auch hier eine gemeindliche Eigenständigkeit, die wohl zu vereinbaren ist mit einer ökumenischen Haltung. Unbeschadet der bisherigen Aktivität stellten sich neue Aufgaben; bei allen sollten zusätzliche Mitarbeiter gewonnen werden.

Was die Werbung neuer Mitarbeiter anbetraf, so gingen die beiden Gemeinden einen recht konventionellen Weg. Die Gemeindemitglieder wurden schriftlich befragt, wer in bestimmten Situationen helfen könne. Dazu wurde vermerkt, daß eine katholisch-evangelische Zusammenarbeit geplant sei. In der katholischen Gemeinde zeigten sich 23 bereit, zu älteren, alleinstehenden oder kranken Mitbürgern Verbindung aufzunehmen, 18 stundenweise ein Kind zu betreuen, 9 bei Erkrankung der Mutter ein Kind auch evtl. mehrere Tage aufzunehmen, 7 bei Erkrankung der Mutter im Haushalt zu helfen, 5 gelegentliche Aufgabenbetreuung bei Kindern zu übernehmen, 17 notfalls finanzielle Unterstützung zu gewähren. Als nächstes wurden alle, die sich aus den beiden Gemeinden gemeldet hatten, zu einem gemeinsamen Gespräch eingeladen. Es stellte sich ein sehr gemischter Kreis ein, der aus Männern und Frauen, Ehepaaren wie Jugendlichen bestand. Aus diesem Kreis bildeten sich 2 Arbeitsgruppen, die die Durchführung ihrer Arbeit selbst organisieren wollten.

Mit den eben genannten Fragen sind natürlich nicht alle Bereiche umschrieben, in denen eine Gemeinde aktiv werden muß. Einige Hundert ausländische Arbeiter mit ihren Familien stellen uns z. B. vor mancherlei Fragen. Es gilt immer wieder Verständnis zu wecken bei den Einheimischen, und Wege zu finden, um die Ausländer besser einzugliedern. Der Versuch, durch einen internationalen Klub, an dem verschiedene Nationalitäten beteiligt waren, das gegenseitige Verständnis zu fördern, scheiterte an den bestehenden Sprachschwierigkeiten.

Die Sprachprobleme erschweren den ausländischen Kindern auch die erfolgreiche Teilnahme am schulischen Unterricht. Um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen, wurde ökumenischerseits – und dazu gehört auch ein evangelisches Sozialpfarramt – eine Lernstube eingerichtet. Bei diesem Unternehmen, das natürlich mit finanziellen Aufwendungen verbunden ist, sind wir uns im klaren, daß es in den schulpolitischen Kompetenzbereich fällt. Die zuständigen Stellen sind aber rechtlich und damit finanziell und personell nicht in der Lage, einzugreifen. Kirchliche Hilfe ist hier, wie in vielen anderen Fällen, wesentlich flexibler, da der Entscheidungsspielraum größer ist. Das ist ein positives Charakteristikum, das sich über die Kreiscaritasstellen bis hin zur Diözese bemerkbar macht. Bei der Lernstube, und deswegen ist es auch hier so ausführlich erwähnt, ging es um ein Doppeltes: einerseits wollten wir helfen, so gut wir konnten, andererseits sollte durch entsprechende Anfragen bei den zuständigen Stellen angeregt werden, daß man sich der Angelegenheit in größerem Umfang annahm. Wir würden nämlich sagen, daß die eigentliche Kompetenz nicht bei uns liegt, sondern bei der Schulbehörde. Daher sind wir also prinzipiell bereit, die Lösung der Aufgabe anderen gesellschaftlichen Kräften zu überlassen, erst recht, wenn sie es besser können als wir.

Es geht hier um die theologische Frage, wie sich die kirchliche Sozialarbeit in den größeren und staatlichen Raum einfügt. In der Auseinandersetzung ob es eine spezifisch-kirchliche Sozialarbeit gibt, neigen die heutigen Theologen dazu, dies abzulehnen. Sie formulieren sogar so: Überall, wo dem Menschen gedient wird, wo zu seiner Befreiung, Heilung und Befriedigung gearbeitet wird, da geschieht Diakonie im theologischen Sinn. Die Kirche, die Gemeinde, die von ihrem Wesen her auf die Diakonie an der Welt eingestellt ist, wird überall zur Stelle sein, wo die Gesellschaft Aufgaben, die ihr in erster Linie gestellt sind, nicht oder noch nicht übernimmt. Von dem Zeitpunkt an, wo gesellschaftliche, ich sage nicht staatliche Kräfte, eine Aufgabe selbst in die Hand nehmen können, muß die Kirche nicht nur bereit sein, sie diesen zu überlassen, sondern sie wird sogar ermuntern, sie zu übernehmen. Leider ist die Kirche in vielen Fällen zu sehr mit ihren Einrichtungen verbunden, als daß sie sich von ihnen trennen könnte. Im Dekret über das Apostolat der Laien (Nr. 7) heißt es: „Es ist Aufgabe der ganzen Kirche daran zu arbeiten, daß die Menschen fähig werden, die gesamte Ordnung der Dinge richtig aufzubauen.“ Das bedeutet doch wohl auch, daß der Sektor des sozialen Tuns darunter fällt. Die Kirche wird also darauf einwirken, daß die gesellschaftlichen Kräfte mobilisiert werden, die die rechte Ordnung aufbauen. Damit ist der Kirche eine dienende Rolle zugewiesen. Es kommt zum Tragen, was wir anfangs über das Wesen der Diakonie gesagt haben. Der Diakon dient und hilft, er steht auf dem letzten Platz, er tritt zurück, ja er macht sich überflüssig; auf ihn kommt es nicht an; seine Existenz ist eine Existenz für andere. Er verschwindet in der Anonymität. So auch die Gemeinde. Sie setzt überall da an, wo es notwendig ist, arbeitet zusammen mit allen, sucht nicht nach indirekter Machtausweitung, Anerkennung und Repräsentation.

Gelegentlich prescht sie vor in einen Raum, in den sich noch niemand gewagt hat, und wendet sich neuen Aufgaben zu, wenn andere Kräfte vorhanden sind. Es besteht keinerlei Befürchtung, daß eine Gemeinde unter diesen Voraussetzungen „arbeitslos“ wird.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird die Gemeinde als Trägerin sozialer Einrichtungen an Bedeutung verlieren, dafür aber an Einfluß gewinnen als Inspirationszentrum. Sie wird sich vornehmlich der Aufgabe widmen, den Christen und christliche Gruppen fähig zu machen, ihre Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen, wird ihnen die seelischen Kräfte vermitteln, um überall uneigennützig die angestrebte Ordnung der Welt mitentfalten zu helfen.

Es ist die Aufgabe der Zurüstung für den Diakonatsdienst, den der Christ in irgendeiner gesellschaftlichen, kommunalen oder staatlichen Einrichtung versieht. Nehmen wir die Krankenhäuser! Dort herrscht der vielbeschworene Personalmangel. Im gewissen Sinne hat die Kirche diesen Personalmangel noch verschärft, indem sie nicht mehr in derselben Relation wie früher Schwestern anzubieten hat. Ist sie damit aus der Verantwortung entlassen? Keineswegs! Mit allen verantwortlichen Stellen zusammen trägt sie Verantwortung, daß die Gesellschaft aus dieser Misere herauskommt. Dabei ist es weniger Aufgabe der Kirche für günstigere Arbeitsverhältnisse zu sorgen, sondern eher sich um eine Beeinflussung der Mentalität zu kümmern. Das gesamte Anstaltswesen wird aus seinem bedrängenden Personalmangel nicht herauskommen, wenn die grundsätzliche und umfassende Erziehung zum Dienen vorab von der einzelnen Gemeinde unterlassen wird. Die besten Voraussetzungen sind dann geschaffen, wenn dort das Klima eines allgemeinen Diakonats gepflegt wird. Speziellere Anregungen gehen dann schon in Richtung des Krankenhaushilfsdienstes und des Jahres für die Kirche. Die Gemeinde selbst sollte in irgendeiner Form Verbindung haben, sei es zu Krankenhäusern, Altenwohnheimen und Pflegeheimen, Heilanstalten und ähnlichen Einrichtungen, damit gegenseitig Einfluß genommen wird.

Das Betätigungsfeld einer christlichen Gemeinde beschränkt sich also nicht auf den Wohnbezirk. Es ist in jeder Hinsicht „allgemein“. Damit endet es nicht an der Stelle, wo unmittelbare Hilfe gebraucht und Not gewendet werden muß, sondern schließt auch die gesellschaftspolitische Aktivität mit ein, der es darum geht, die Voraussetzungen zu verändern, die immer wieder zu bestimmten Notsituationen führen.

Man bezeichnet das heute als die gesellschaftliche Diakonie der Kirche. Hier ist besonders das Lebensgefühl der jungen Generation angesprochen, das darum weiß, wie anders die Welt aussehen könnte, und wie wenig schicksalhaft es ist, übermächtigen Einflüssen ausgesetzt zu sein. Diese Gesinnung schlägt sich nieder in dem Rundschreiben Paul’s VI „Über den Fortschritt der Völker“, in dem es heißt: „Es geht darum, eine Welt zu bauen, wo jeder Mensch ohne Unterschied der Rasse, Religion, der Abstammung ein volles menschliches Leben führen kann, frei von einer Natur, die noch nicht recht gemeistert ist, eine Welt, wo die Freiheit nicht ein leeres Wort ist“. Mit diesen Bildelementen des Gleichnisses vom barmherzigen Samaritan wird man sagen können, bislang bemühte sich christliche Caritas darum, die Wunden des von den Räubern Überfallenen zu heilen. Jetzt geht es auch darum, die Räuber zu stellen und ihnen das Handwerk zu legen, gemeint sind die Mächte und Gewalten, die dafür verantwortlich sind, daß Menschen über andere Macht gewinnen, sie auslaugen und verkommen lassen. Liegen aber hier nicht ganz erhebliche Versäumnisse der Christen und der Kirche? Der französische Dominikaner Cardonnel meint sogar: „Würde man die Christen nicht immerfort zu guten Werken ermahnen, so wären sie gezwungen, Revolution zu machen, damit es keine Armen mehr geben wird.“ Was kann eine Gemeinde, die nicht gerade zum Umsturz aufruft, lieht tun, als Geld sammeln und vielleicht gelegentlich einen Entwicklungshelfer stellt? Schließlich geht es ja um eine Einflußnahme, die politisch wirksam werden muß. Um es wieder an einem Versuch unserer beiden Gemeinden darzulegen. Aus einem ökumenischen Arbeitskreis hat sich eine Gruppe ausgegliedert, die sich ausführlich mit Entwicklungsfragen beschäftigt. Das einschlägige Material wird studiert, gezielte Fragen ausgearbeitet, bis man sich schließlich gewappnet weiß, um einen Experten etwa in Gestalt eines einflußreichen Bundestagsabgeordneten einzuladen. Damit ist man nicht nur bei der eigenen Information über die Probleme stehengeblieben, sondern hat auf demokratische Weise versucht, Einfluß zu nehmen auf die Kreise, die entscheiden und bestimmt nicht unabhängig sind von dem, was ihre Wähler denken. Schließlich gibt es noch einen Kreis, der sich mit dem Strafrecht und den Gefängnissen befaßt und Verbindung mit einer Strafanstalt aufgenommen hat. Außerdem besteht ein sozialpolitischer Arbeitskreis zusammen mit den Gewerkschaften, der entsprechende Vortragsreihen durchführt. Denn es geht ja nicht nur um Entwicklungsfragen, sondern um einen ständigen Wandel der Gesellschaft, zumal es auch Sünde und Schuld gibt, die sich in einem System oder in einem überholten Gesetz niederschlägt. Bei aller gesellschaftspolitischen Aktivität ist die Gemeinde aber nicht gleichzusetzen mit irgendeiner Partei oder Gewerkschaftsorganisation. Vor allem dann nicht, wenn man aus christlicher Grundhaltung heraus in manchen Fragen verschieden denkt. Ich muß einräumen, daß die ökumenische Arbeit auf diesem Gebiet nicht ganz einfach ist. Während dogmatische Fragen im Grunde eine untergeordnete Rolle spielen, treten die nicht geklärten Fragen einer politischen Theologie in den Vordergrund.

Wenn wir zum Abschluß fragen, was wird aus einer Gemeinde, die sich im geschilderten Sinne dem Diakonat an der Welt verschreibt, so müßte die Antwort lauten: Sie würde endlich zum Salz der Welt! Demgegenüber wird heute die ernste Sorge geäußert, die Kirche könnte sich in Welt auflösen und wäre dann nichts mehr anderes als Welt. Die Sorge ist verständlich, andererseits erfüllt das Salz erst seine Funktion, wenn es sich auflöst. Wie dem auch sei, keinesfalls wird sich die Gemeinde mehr zurückziehen können auf eine von der Welt abgeschlossene selbstgenügsame Existenz. Die Gefahr, daß die Gemeinde es dennoch versucht, ist weitaus größer als die Gefahr, daß sie in der Welt völlig aufgeht.


Das Referat wurde vom Autor als Pfarrer in Kriftel a. Taunus gehalten auf dem Tag der Caritas in der Limburger Kreuzwoche am 11. September 1969 in Limburg und ist veröffentlicht in: Caritasbrief für das Bistum Limburg, Dezember 1969, Nr. 3/4, S. 7-19


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