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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 2005 :::

Mengerskirchen – 1. März 2005

Gedenkgottesdienst
zum 60. Jahrestag der Hinrichtung
von Franz Leuninger

Begrüßung

Liebe Gemeinde,
besonders lieber Walter und liebe Gertrud,
liebe Familie Leuninger

Wir sind hier zum Gottesdienst versammelt, um des 60. Jahrestages der Hinrichtung von Franz Leuninger in einer uns gemäßen Weise zu gedenken.

Wir entsprechen mit dieser Feier der Aufforderung des Papstes, die Erinnerung an diejenigen wach zu halten, die das Martyrium erlitten haben. Deswegen hat er sich dafür eingesetzt, dass mit dem Martyrologium des 20. Jahrhunderts eine Aufstellung aller Blutzeugen dieses Zeitraums erfolgt.

Als Märtyrer gilt in der Kirche, wer gewaltsam umgebracht wurde, wer dabei ein Opfer des Hasses auf Kirche und Glauben war, und wer seinen Tod in der bewussten Annahme des Willens Gottes auf sich genommen hat.

Diese drei Voraussetzungen treffen auf Franz Leuninger zu. Er wurde am 1. März 1945, also kurz vor dem Untergang des Naziregimes, in Berlin-Plötzensee hingerichtet, seine Verurteilung beruhte auf der Ablehnung von Christentum und Kirche, er hat die bewusste Hingabe an den Willen Gottes vollzogen.

Weil er die drei Kriterien des Martyriums erfüllt, wurde er auch in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts mit dem Titel „Zeugen für Christus“ aufgenommen (S. 346).

In Klöstern und Priesterseminaren war es üblich, die Namen der Märtyrer des jeweiligen Tages zu verlesen und ihrer zu gedenken. In dieser Tradition gedenken wir heute Franz Leuningers.

Besinnung

Beginnen wir unsere Besinnung mit einem Gebet des evangelischen Theologen und Blutzeugen Dietrich Bonhoeffer, dem Abendgebet seines Lebens.

Dieses Gebet hat Jörg Leuninger, der heute die Orgel spielt, bei dem 50. Jahresgedächtnis vor 20 Jahren vorgetragen.

Herr Gott, großes Elend ist über mich gekommen. Meine Sorgen wollen mich erdrücken. Ich weiß nicht ein noch aus. Laß die Furcht nicht über mich herrschen. Sorge du väterlich für die Meinen. Barmherziger Gott, vergib mir alles, was ich an Dir und den Menschen gesündigt habe. Ich traue Deiner Gnade und gebe mein Leben ganz in Deine Hand. Mache Du mit mir, wie es Dir gefällt und wie es gut für mich ist. Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei Dir und Du bist bei mir, mein Gott. Herr ich warte auf Dein Heil und auf Dein Reich. Amen.

Herr erbarme dich…

Tagesgebet

Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Franz Leuninger die Kraft gegeben, durch seinen Tod für Recht und Wahrheit einzutreten. Höre auf seine Fürsprache und hilf uns, alle Mühen unseres Lebens tapfer zu ertragen und dich, unser wahres Leben, mit ungeteiltem Herzen zu suchen. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Lesung

(Röm 6,3-5)

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom:

Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben. Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein.

Evangelium

(Mt 10,17-20)

In jener Zeit sagte Jesus zu seinem Jüngerkreis: Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt, damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt.

Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.

Predigt

Liebe Gemeinde

Als der Film „Der Untergang“ (Der Untergang Hitlers) im September des vergangenen Jahres in den Kinos lief, hat Niklas Frank, Sohn von Hitlers Generalgouverneur in Polen, Hans Frank, der Frankfurter Rundschau ein Interview gegeben. Darin distanziert er sich, wie schon in einem früheren Buch, in aller Klarheit von seinem Vater, dem Massenmörder polnischer Juden. In dem Gespräch sagt er „Wir sind Hitler“. Das macht die Zeitung zu ihrer Schlagzeile. Noch schockierender für mich ist sein Satz: „Wer nicht zufällig Kommunist, Sozialdemokrat oder Jude war, hat den Nationalsozialismus richtig genossen.“

Ich habe mich in einem Leserbrief gegen diese Einschätzung verwahrt. U.a. habe ich geschrieben: Ich empfände dies als eine geschichtlich haltlose Beleidigung großer Bevölkerungsgruppen vor allem des katholischen Milieus. In meinem Archiv befänden sich Statistiken über das Wahlverhalten der katholischen Bevölkerung Deutschlands 1932-33. Daraus ginge hervor, dass die Katholiken in ihrer großen Mehrheit Hitler nicht gewollt hätten.

Ich habe auch das Wahlverhalten der Mengerskirchener bei der letzten freien Wahl zum Reichstag im Juli 1932 erwähnt. 84% hätten seinerzeit die katholische Zentrumspartei gewählt, nur 5% die Nationalsozialisten.

Ich hätte als Kind in Köln und später in Mengerskirchen die deutliche Distanz der Katholiken zu Hitler erlebt. Ich sei stolz darauf, einer Großfamilie zu entstammen, die nicht das Geringste mit Hitler zu tun gehabt hätte. Dabei habe ich natürlich auch meinen Onkel Franz erwähnt. Am Schluss meines Briefes habe ich geschrieben: „Wir und unzählige Menschen sind und waren nicht Hitler“.

Wenn ich diese Auseinandersetzung hier schildere, geht es mir vor allem darum die Bedeutung von Familie, Gemeinschaft, Gemeinde und Kirche für die moralische Haltung eines Menschen herauszustellen. Die Entscheidung von Franz Leuninger sich dem Widerstand gegen Hitler anzuschließen und damit sein Leben auf’s Spiel zu setzen, war eine einsame und ganz persönliche Entscheidung. Sie dürfte maßgeblich von den Erfahrungen im Polenfeldzug beeinflusst worden sein, wo er die Grausamkeit des deutschen Generalgouverneurs unmittelbar erleben musste. Als 9-Jähriger habe ich in Köln nachts heimlich seinen entsetzlichen Bericht mit angehört. Er erzählte meinen Eltern, wie er als Feldwebel an einem offenen Massengrab erschossener Menschen gestanden habe.

Im Augenblick läuft der Film über die Münchener studentische Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Er konzentriert sich auf die letzten Tage von Sophie Scholl: die Verteilung von Flugblättern gegen den Krieg, ihre Verhaftung, die zermürbenden Vernehmungen, die skandalöse Verhandlung vor dem Volksgerichtshof in München, die damals noch von Roland Freisler geleitet wurde, die letzten Stunden vor der Hinrichtung und dann die Hinrichtung selbst.

Ein Film, der mich zutiefst aufgewühlt hat, weil ich immer wieder daran denken musste, dass es Onkel Franz wohl ähnlich ergangen sein musste.

Zwei Mitglieder der „Weißen Rose“ Willi Graf und Christoph Probst wurden übrigens als Katholiken ebenfalls in das Martyrologium aufgenommen. Der geistige Hintergrund dieser Gruppe war der christliche Glaube, die Einbettung in die Gemeinschaft der Kirche. Christoph Probst hatte sich vor seiner Hinrichtung durch das Fallbeil noch taufen lassen.

Die Entscheidung zu einem heldenmütigen Verhalten ist immer sehr persönlich. Dies gilt auch für Franz Leuninger. Aber ich denke, sie ist maßgeblich beeinflusst von dem, was er in seiner Familie, im kirchlichen Leben der Pfarrei Mengerskirchen und später bei den christlichen Gewerkschaften erlebt und mitbekommen hat.

Niklas Frank hat sich in einem zweiten Buch jetzt auch von seiner nationalsozialistischen Mutter abgesetzt hat. Er sucht sich die Last von der Seele zu schreiben, Sohn solcher Eltern sein zu müssen. Ob es ihm jemals gelingen wird? Wichtig dabei wäre es, nicht auch noch dort Untäter oder Mitläufer zu suchen, wo sie wahrlich nicht zu finden sind. Im Gegenteil, er sollte versuchen, sich tiefer mit denen zu befassen, die gegen Hitler waren, ohne dass dies in der Öffentlichkeit bisher wahrgenommen wurde.

Wir jedenfalls dürfen es als Gnade betrachten – und nicht nur als Gnade der späten Geburt – , wenn wir in einem kirchlichen Umfeld groß geworden sind, das nichts mit Hitler zu tun haben wollte. Das macht uns aber auch verantwortlich dafür, dass wir Menschen unterstützen, die Last ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten, dass wir es verhindern helfen, wenn rechtsextremer Ungeist und die Verherrlichung Hitlers wieder Eingang in unsere Gesellschaft suchen, und dass wir die Erinnerung an die Menschen wach halten, die im Geiste des Evangeliums gelebt haben und dafür gestorben sind.

Fürbitten

Unsere Fürbitten beruhen auf Worten, die zu einem Gedenken für den Arbeiterführer und Publizisten Nikolaus Groß formuliert wurden. Auch er wurde wegen seines Widerstandes gegen Hitler hingerichtet und vor drei Jahren selig gesprochen. Ernst, der an der Seligsprechung teilgenommen hat, geht davon aus, dass Franz Leuninger, wenn er uns in Köln besuchte, geheime Kontakte mit ihm gepflegt hat. Unsere Eltern waren Nikolaus Groß und seiner Familie persönlich verbunden.

(Nach den Fürbitten von Studierenden des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums Essen im Gottesdienst am 23.01.2003)

Wir wollen unsere Bitten an Gott richten:

Gott wir bitten dich, schenke uns und allen Menschen die Fähigkeit, Unrecht zu erkennen und den Mut, für das Recht unserer Schwestern und Brüder ein zu stehen.

Wir bitten dich, schenke auch uns die Kraft, damit wir einander ein Licht in den Dunkelheiten unseres Lebens sein können und auf unserem Weg nicht verzweifeln.

Wir bitten dich, hilf uns die Verantwortung die wir tragen, zu erkennen, damit auch wir uns einsetzen für eine gerechtere Welt.

Wir bitten dich für uns und unsere Familien, dass wir auch in schweren Zeiten zueinander stehen können und nicht aneinander zweifeln.

Wir bitten dich, schenke uns die kleinen Erfolge in unserem Alltag, aus denen wir die Kraft und Energie schöpfen um nicht aufzugeben, damit wir unsere Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst unserer Gesellschaft und unserer Schwestern und Brüder stellen.

Gütiger Gott und Vater, nur du kannst uns die Kraft geben, nach dem Wort deines Sohnes zu leben und dir treu zu dienen. Dich preisen wir in Ewigkeit.

Gabengebet

Gütiger Gott, erfülle diese Gaben mit deinem Segen. Mache uns treu im Glauben, den Franz Leuninger mit seiner Hinrichtung bezeugt hat. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Schlußgebet

Herr, unser Gott, du hast uns mit den heiligen Gaben gestärkt. Gib, daß wir standhaft bleiben wie Franz Leuninger und mach uns bereit, wenn es gilt, alle Ängstlichkeit abzulegen, damit wir am Lohn deiner Märtyrer Anteil erlangen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Segen

Mit den Segensworten, die nach dem Film „Sophie Scholl“ der evgl. Gefängnispfarrer über Sophie Scholl spricht, werde jede und jeder von euch zum Abschluss unserer Gedenkfeier gesegnet:
Es segne dich Gott der Vater,
Der dich nach seinem Ebenbild geschaffen hat.
Es segne dich Gott der Sohn,
Der dich durch sein Leiden und Sterben erlöst hat.
Es segne dich Gott, der Heilige Geist,
Der dich zu seinem Tempel bereitet und geheiligt hat.

Der dreieinige Gott sei dir gnädig im Gericht und bewahre dich zum ewigen Leben.


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