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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 2000 :::

NACHRICHTEN UND BERICHTE AUS DEM BISTUM LIMBURG
INFORMATIONSDIENST

Nr. 7, 2. März 2000, Seite 4

Ein Mengerskirchener
im Martyrologium des 20. Jahrhunderts

Franz Leuninger wurde am 1. März 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet

KLAPPENTEXT
Papst Johannes Paul II., der seine Jugendzeit unweit der Schrecken von Auschwitz verbrachte, hat 1994 den Anstoß gegeben, eine alle Kontinente umfassende Martyrergeschichte des 20. Jahrhunderts auf den Weg zu bringen, die für das Heilige Jahr 2000 bestimmt ist.

Das „Deutsche Martyrologium“ versteht sich als Teil dieses großen Gesamtprojekts. In Zusammenarbeit mit den Bistümern und den Ordensgemeinschaften haben über 135 Fachleute in knapp vierjähriger Arbeit die Lebensbilder von mehr als 700 katholischen Martyrern und Martyrerinnen erarbeitet. Auch nichtkatholische Glaubenszeugen werden namentlich erwähnt, sofern sie in ökumenischen Gruppen tätig waren.

Wer ist „Martyrer“? Seit dem berühmten Werk des Kanonisten Prospero Lambertini (*1675), des späteren Papstes Benedikt XV. (1740-1758), „Über die Seligsprechung der Diener Gottes und die Heiligsprechung der Seligen“ gibt es gültige theologische und kanonistische Kriterien zur Bestimmung des Begriffs „Martyrium“. Diese Kriterien sind – in ihrer Erweiterung und Spezifizierung vor allem während des Pontifikats Pauls Vl. – noch heute der römischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren Grundlage und Maßstab.

ARTIKEL
Artikel für das deutsche Martyrologium – 1. Fassung (Ernst Leuninger)

MENGERSKIRCHEN/LIMBURG (ids). Franz Leuninger, aus Mengerskirchen/Westerwald stammender überzeugter Christ, Katholik und christlicher Gewerkschafter, der am 1. März 1945 als entschiedener Gegner des Naziregimes in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, ist in das offizielle deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts (Zeugen für Christus) aufgenommen worden. Papst Johannes Paul 11. hatte die Herausgabe dieses Martyrologiums angeregt, das im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. In zwei umfangreichen Banden werden mehr als 700 Martyrien, darunter Blutzeugen des Hitlerterrors und der Zeit des Kommunismus dokumentiert. Kommentar des Papstes dazu: ,,In unserem Jahrhundert sind Märtyrer zurückgekehrt, häufig unbekannt… So weit als möglich dürfen ihre Zeugnisse in der Kirche nicht verloren gehen“. Dr. Ernst Leuninger, Diözesanpräses für Büchereiarbeit und naher Verwandter von Franz Leuninger, meint, die Publikation müsse um des Gedächtnisses dieser Menschen willen in jeder Pfarrbücherei präsent sein. In schwieriger Zeit hatte Franz Leuninger, am 28. Dezember 1898 als drittes von neun Kindern in Mengerskirchen geboren, seine berufliche Position im Laufe der Jahre mit einiger Mühe verbessern können. Er wurde Mitglied der christlichen Gewerkschaften und Vertrauensmann des Christlichen Bauarbeiterverbandes. 1922 berief man ihn zum Lokalsekretär des Verbandes in Aachen und 1927 zum Bezirkssekretär in Breslau. Als Bezirksleiter war er damals für den gesamten schlesischen Raum zuständig.

Nach der Entlassung aus dem Kriegsdienst, den er in Polen erlebt hatte, baute er -neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Geschäftsführer einer christlich-sozial orientierten Heimstätte in Breslau und Schlesien den Widerstand gegen das Naziregime auf. Wenige Wochen nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet. Im Haftbefehl war unter anderem nachzulesen, Leuninger habe ,,bereits 1941/42 von dem ehemaligen sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Fritz Voigt erfahren, dass gewisse Kreise des Adels und der Wirtschaft einen Sonderfrieden mit den Westmächten anstrebten. Auch Leuninger erklärte sich zur Mitarbeit für die neue Regierung durch Überwachung der wirtschaftlichen Organisation bereit“. In einem seiner letzten Briefe schrieb er aus dem Gefängnis: ,,Ich habe mein Schicksal in die Hände des Herrgotts gelegt. Wie er es macht, so wird es schon richtig sein.“ (IDO0 136)


ARTIKEL
Ernst Leuninger

Franz Leuninger

Artikel für das deutsche Martyrologium

(1. Fassung)

Am 1. März 1945 wurde Franz Leuninger – ein Katholik und christlicher Gewerkschafter – in Berlin Plötzensee durch Erhängen hingerichtet. Am 26.2.1945 war er durch den Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden. Mit ihm gingen zwei ehemalige Gewerkschaftskollegen aus Breslau in den Tod. Es waren Fritz Vogt, der ehemalige Polizeipräsident von Breslau, und Oswald Wiersich, ehemalige Bezirkssekretär des ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) in Schlesien. Franz Leuninger war für das Amt des Oberpräsidenten in Niederschlesien vorgesehen, das führte zu seiner Verurteilung nach dem Scheitern des 20. Juli.

Wer war dieser Franz Leuninger? Er wurde am 28.12.1898 in Mengerskirchen im Westerwald als das dritte von neun Kindern geboren. Die Eltern waren Kleinlandwirte, der Vater übte im Winter das Handwerk eines Nagelschmiedes aus. Sie gehörten zur Schicht mit geringerem Einkommen. Beide Eltern waren aber als katholische Christen ihrem Glauben und ihrer Kirche sehr verbunden. Deshalb war es selbstverständlich, daß das Kind am Neujahrstag 1899 in der Pfarrkirche St. Maria Magdalena in Mengerskirchen von Pfarrer Franz Hannappel getauft wurde. Franz Leuninger wurde am 18. Mai 1911 in Mengerskirchen durch Bischof Dominicus Willi gefirmt.

Er war schulisch sehr begabt, aber für Kinder armer Eltern gab es zu dieser Zeit keine Chance, das Gymnasium zu besuchen. Damals gab es die Regel, daß der beste Schüler auf dem vordersten Platz saß. Das war der Platz von Franz. Er war aufnahmebereit und sah die Verhältnisse auch mit kritischen Augen.

Die Familie war in der katholischen Kirche fest verwurzelt. Tischgebet und Gottesdienstbesuch gehörten zu den unumstößlichen Regeln. Armen Menschen wurde trotz aller Knappheit der eigenen Mittel nach Möglichkeit geholfen. Ebenso selbstverständlich war die Erziehung aus dem Glauben in diesem religiösen Elternhaus. Das gemeinsame Tischgebet wurde nie versäumt. Dazu gehörte das Gebet zum Angelusläuten und in der Fastenzeit der allabendliche Rosenkranz, der knieend gebetet wurde. Die Kirche war vom Elternhaus nur wenige Stufen entfernt. Franz war Ministrant und übte seinen Dienst gewissenhaft aus.

Seine Frömmigkeit kam in späteren Jahren einmal in einem Gespräch mit einer Frau zum Ausdruck, die dem Beten keinen Wert beimaß. Franz Leuninger widersprach ihr. Ihm hätten als junger Steinträger mit der schweren Last auf dem Rücken auf der Leiter beinahe oft die Kräfte verlassen. Da habe er auf der Leiter angehalten und ein kurzes Gebet gesprochen, dann sei es wieder weiter gegangen. Seine Frömmigkeit war von dieser Haltung geprägt. Sie beinhaltete aber auch die Erfahrung des Elternhauses zur Hilfe für die noch Ärmeren und die Verantwortung für die Umgebung. Das hat er sein Leben lang so gehalten. Diese Frömmigkeit war lebensbejahend und förderte auch die Fröhlichkeit von Franz, die er bis zum Polenfeldzug, an dem er teilnehmen mußte, hatte, und gerne an seine Umgebung weitergab.

Die Jugendzeit war hart. Nach der Schulzeit ging er in den Feldwegebau in seiner Heimat. Der Feldwegebau wurde eingeführt, weil in einem harten Arbeitskampf die Bauarbeiter durch die Unternehmer ausgesperrt worden waren. Damals erfuhr er schon von seinem älteren Bruder, der am Bau arbeitete, was Gewerkschaften für die Arbeiter bedeuten. Noch nicht 14 Jahre alt wurde Franz Bauhilfsarbeiter. Sein Bruder hatte ihn in Remscheid aufgenommen. Er sollte am Bau Kaffee kochen, den Schlauch beim Betonieren halten und Botengänge durchführen. Abends kam der Bruder in die Baubude, da saß Franz und weinte. Er hatte Zementsäcke tragen und Mörtel schaufeln müssen. Dafür bekam er 20 Pfennig die Stunde. Sein Bruder sagte dem Polier, er solle ihm 5 Pfennig mehr geben und ihm diese abziehen, aber Franz setzte sich durch und bekam sein Geld ohne Abzug beim Bruder. Nach der Heimattradition gehörte er den christlichen Gewerkschaften an. In der schwierigen Zeit teilte ihn der Polier zur Schwarzarbeit ein und er verletzte sich schwer. Im Winter erholte er sich in der Heimat und schmiedete mit seinem Vater und seinen Brüdern Nägel. Im Ersten Weltkrieg mußte er zu den Soldaten.

Franz war auf dem Bau sehr bald Vertrauensmann des christlichen Bauarbeiterverbandes und warb Mitglieder für den Verband in seiner gering bemessenen Freizeit. Diese Arbeit machte er offensichtlich sehr gut, denn 1922 wurde er Lokalsekretär des christlichen Bauarbeiterverbandes in Aachen. Mit dem Fahrrad fuhr er von Baustelle zu Baustelle und bemühte sich um seine Kollegen. Ein Sekretär erhielt damals 10% Zuschlag zum Maurerlohn. Danach übte er die gleiche Funktion in Euskirchen und im Verbandssekretariat in Krefeld aus. 1927 wurde er als Bezirkssekretär nach Breslau berufen. Dort wirkte er, noch nicht 30 Jahre alt, als Bezirksleiter für den ganzen schlesischen Raum. Er setzte sich für die Anerkennung der arbeitenden Menschen in der Gesellschaft ein. In der Verbandszeitschrift schrieb er 1929: “ … Die Gewinne aus der Tätigkeit des Arbeiters fließen in stärkstem Maße auch heute noch denen zu, die mit körperlicher Arbeit wenig oder gar nichts zu tun haben. … Der Weg, den die Arbeiterschaft noch zu gehen hat, wird steil und steinig sein.“ 1928 stellte er fest, daß im Land mit den niedrigsten Löhnen , nämlich in Schlesien, die Frauen in Fabriken, in Ziegeleien, in Sandgruben und beim Straßenbau schwerste Arbeiten machen müßten. Mit dem Lohn eines Arbeiters sei eine Familie nicht zu ernähren. Extrem sei auch die Wohnungsnot mit nahezu 45% Einzimmerwohnungen in manchen Gebieten Schlesiens.

Als katholischer Christ war seine politische Heimat das Zentrum. Einmal wurde er von einem Gewerkschafter anderer Richtung wegen seiner Zugehörigkeit zu dieser Partei angegriffen. Er sagte dazu: „Ich habe keine Ursache, ihm gegenüber ein politisches Glaubensbekenntnis abzulegen. Ich kann ihm aber sagen, daß ich in erster Linie Gewerkschaftler bin und im gegebenen Fall auch gegen die Parteien ins Feld ziehen werde, welchen ich politisch nahestehe …“. Sein Sinn für Gerechtigkeit stand auch aus parteipolitischer Räson nicht zur Disposition. Hier zeigte er, was Überzeugung für ihn bedeutete.

Er war als tüchtiger, einsatzbereiter und redegewandter Sekretär bekannt. Bei Tarifverhandlungen spielte er seine besonderen Fähigkeiten aus. In nahezu auswegloser Situation gewann er im November 1932 einen Arbeitskampf gegen eine Senkung der Stundenlöhne um 15%.

In Breslau bestand ein gutes Verhältnis zum Gesellenverein (heute Kolpingfamilie). Er hatte in Gesellenhäusern gewohnt. In Krefeld war er Mitglied des dortigen katholischen Arbeitervereines. Für ihn gehörte es zu seiner Arbeit, die religiösen Bedürfnisse der Arbeiter zu unterstützen. Adam Stegerwald, der profilierteste Führer der christlichen Gewerkschaften, hatte dies 1924 deutlich gemacht und gefordert, daß dies auch bei der Einstellung von Gewerkschaftssekretären zu berücksichtigen sei. „Sie (die Sekretäre) müssen eine gründliche Ausbildung erfahren, sich als Charaktere und Persönlichkeiten erweisen, im privaten und öffentlichen Leben sich als praktizierende Christen bestätigen, mit den Vertretern der Religionsgemeinschaften ein gutes Verhältnis aufrecht erhalten und pflegen, den konfessionellen Vereinen Verständnis entgegenbringen, sie fördern usw…“

Franz Leuninger hatte eine spontane Art christlicher Haltung. Einmal nahm er einen armen Mann mit nach Hause zum Essen, anschließend fehlte seine Brieftasche; das konnte seine Grundeinstellung aber nicht ändern. Einer schwangeren Frau, die in der Straßenbahn in die Wehen kam, besorgte er ein Taxi ins Krankenhaus und bezahlte es auch gleich. Er war kein Draufgänger, aber ein Mensch, der seine Verantwortung sah und überlegt und engagiert diese wahrnahm. Seine Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft erfuhren auch sein Verwandten in Notsituationen, besonders zu der Zeit, als die Männer im Krieg waren. „Onkel Franz half, wo er nur konnte.“ Er hatte einen großen Respekt vor dem Gewissen des anderen. Es kam schon vor, daß Menschen in einer Notlage aus einem andern Verband angeworben wurden. Er sagte dazu mit dem Hinweis darauf, daß auf keinen Fall bei einer Werbung Druck ausgeübt werden dürfe: „Menschenwürde und freie Gewissensentscheidung sind unantastbar. Wenn wir das nicht achten, von wem sollte man es dann noch erwarten?“ Für diese Haltung ist er letztlich mit seinem Leben eingestanden.

Am 26. Dezember 1924 heiratete er in der Pfarrkirche in Mengerskirchen Paula Meuser. Sie hatten drei Kinder, Franz, Walter und Herbert. Seine Familie war ihm über alles wichtig. Noch in der Zeit der Inhaftierung sorgte er sich um die Zukunft seiner Frau und seiner Söhne. In einem Brief aus dem Gefängnis schrieb er an drei seiner Brüder: „Deshalb, meine lieben Brüder, habe ich an Euch die große Frage und herzliche Bitte: Werdet Ihr, Josef, Alois und Schorch für meine drei Jungen sorgen, wollt Ihr jeder ein Vater sein, wenn ich es nicht mehr sein kann? … Ich kann Euch nicht zwingen, meinen Wunsch zu erfüllen. … Ich bitte Euch aber unter Berufung auf das Wort: ,Was Ihr dem geringsten meiner Brüder getan, das habt Ihr mir getan¢ und ich bin doch jetzt der geringste meiner Brüder.“ Hier wird seine tiefe Religiosität deutlich. Seiner Frau ließ er am 21. Hochzeitstag aus der Haftanstalt Blumen übermitteln.

Franz Leuninger hatte bis zur letzten Stunde vor dem Nationalsozialismus gewarnt. In einer Wahlversammlung im Glatzer Bergland sagte er im November 1932, daß alle hier ihre Heimat verlieren würden, wenn Hitler an die Macht käme. Seine Ahnung wurde von den späteren Ereignissen noch weit übertroffen.

Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kam, sah der das Ende der Demokratie und die Zerschlagung der Gewerkschaften voraus. So geschah es auch. Er war vor 1933 schon ehrenamtlicher Geschäftsführer einer im christlich-sozialen Bereich angesiedelten Heimstätte. Nun übernahm er hauptberuflich die Leitung. Es liegen Berichte vor, daß er einer ganzen Reihe von systemkritischen Menschen Arbeit in dieser Institution bot. Fritz Voigt betätigte sich auf Anregung von Franz Leuninger als Grundstücksmakler und es ist anzunehmen, daß der Hauptgeschäftspartner das genannte Siedlungswerk war. Ein ehemaliger Freigewerkschafter, der 1938 bei der Siedlungsgesellschaft Arbeit als Polier fand, sagte: „Franz Leuninger war mir einer der liebsten Menschen, denen ich damals im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit begegnet bin.“

Franz Leuninger mußte mit 40 Jahren am Polenfeldzug teilnehmen. Er schrieb später an eine Bruder: „Es gibt nichts, was einen Krieg rechtfertigt, und es ist jedes Mittel erlaubt, das einen Krieg verhindert.“ Ein Neffe vom ihm hörte nach diesem Feldzug ein nächtliches Gespräch mit Verwandten als Kind mit, das er sicher nicht hören sollte. Er schildert das so: „Ich habe in Erinnerung, wie er erzählte, Massengräber erschossener Menschen gesehen zu haben.“ Diese zeigten noch die letzten Zeichen von Leben.

Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst baute er den Widerstand in Breslau und Schlesien mit auf. Die Gewerkschaftler Voigt und Wiersich gehörten zu seinen Partnern. Im Herbst traf er sich in Berlin u.a. mit Goerdeler, dem ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig, vorgesehener Reichskanzler des Widerstandes und Jakob Kaiser. Es ging bei diesem Gespräch um sozial- und ernährungspolitische Fragen nach einem Umsturz. Über Goerdeler kam er auch in Kontakt mit Ludwig Beck, der als Generalstabschef des Heeres die gesamte Generalität 1938 zum Rücktritt aufforderte, um damit dem Kriegstreiben Hitlers ein Ende zu setzen. Über Voigt sind Kontakte zu Wilhelm Leuschner und Fritz-Dietlof Graf Schulenburg anzunehmen.

Sein Sohn Walter erinnert sich an diese Zeit. Sein Vater hatte aus Sicherheitsgründen seine Kinder nicht in diese Dinge eingeweiht. Es war aber deutlich zu spüren, wie seine fröhliche Stimmung nicht mehr so sehr durchbrach. Als die Tätigkeit im Widerstand begann, haben die Söhne wenig davon mitbekommen. Walter berichtet, daß die Familie zu Familienzusammenkünften eingeladen wurde. Am Spätnachmittag waren dann die Männer verschwunden, die Frauen und Kinder waren unter sich. So wurden die konspirativen Treffen als Familienzusammenkünfte getarnt. Eine andere Form der Tarnung waren beruflich begründete Fahrten und Treffen.

Er hat verständlicherweise über diese seine Arbeit und Kontakte nicht viel gesprochen. In seiner Heimat sprach er einmal im engsten Kreis seiner Verwandten über die Schrecken der Konzentrationslager und der Gewaltherrschaft. Er sagte: „Die Verbrechen sind so furchtbar, daß sie nur mit dem Blut der Besten gesühnt werden können.“ Er war sich des persönlichen Risikos durchaus bewußt.

Was waren nun seine Motive für den Widerstand? Es war vor allem das religiöse Milieu der Heimat, das ihn geprägt hatte. Dazu kam seine Auffassung von der Menschenwürde und der Freiheit des Gewissens. Die Erfahrungen des Polenfeldzuges hatten seine innere Ablehnung des Naziregimes nur noch verstärkt. Ihm war dieses menschenverachtende System zutiefst zuwider. Hinzu kam sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Er wollte, daß dem Unrecht, das im Namen Deutschlands begangen wurde, eine Ende gesetzt würde. Er war sich des persönlichen Risikos durchaus bewußt. In einem Gespräch im Kreise seiner Angehörigen in Mengerskirchen sprach er von der Hoffnung auf ein Ende der Schrecken, weil Männer bereit wären, dies unter dem Einsatz ihres Lebens zu beenden; dies glaubten sie ihrem Volke schuldig zu sein. Er sagte damals, daß der Krieg verloren sei und Deutschland in Zonen eingeteilt werde, sie könnten sich sicher lange nicht mehr sehen.

Wenige Wochen nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet. Im Haftbefehl war u.a. zu lesen: „Leuninger hat bereits 1941/42 von dem ihm von früher gut bekannten ehemaligen sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Fritz Voigt erfahren, daß gewisse Kreise des Adels und der Wirtschaft zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit den Westmächten eine Änderung der Regierung anstrebten. … Obwohl er also über den hochverräterischen Charakter dieser Bestrebungen nicht im Zweifel gewesen sei, unterließ er nicht nur eine Anzeige, sondern beteiligte sich im Spätherbst 1943 in der Wohnung Voigts in Breslau an der Erörterung der Frage, wer bei der Regierungsänderung für den leitenden politischen Posten in Niederschlesien in Frage käme. Auch Leuninger erklärte sich zur Mitarbeit für die neue Regierung durch Überwachung der wirtschaftlichen Organisation bereit.“ Während er im Gefängnis war, war seine Frau auf der Flucht von Breslau in den Westen und seine drei Söhne beim Militär, der älteste ist noch in den letzten Kriegstage bei Aschaffenburg gefallen.

Einer seiner Brüder konnte ihn am 18. Januar 1945 in der Haftanstalt Moabit in Berlin besuchen. Dort sagte sein Bruder Franz zu ihm: „Ich habe heute morgen zum Herrgott gebetet, er möge mir heute eine Freude bereiten. Mein Gebet ist erhört! Und daß gerade Du gekommen bist.“ In diesem Gespräch ahnte er seinen kommenden Tod. Er sagte: „Wie gut, daß Du gekommen bist. Grämt Ihr Euch, daß ich Euch Kummer bereitet habe? Seid mir gut, was ich tat, mußte ich tun. Ich tat es ja auch für Euch. … es ist nicht leicht, mit 46 Jahren auf dem Schafott zu sterben.“ Zum Abschied küßte und segnete er seinen Bruder mit dem Kreuzzeichen und sagte dabei: „Das ist für Euch alle.“ Dadurch wird noch einmal deutlich, daß er überzeugter Christ war und aus Gewissensüberzeugung handelte.

In einem seiner letzten Briefe aus dem Gefängnis schrieb er: „Ich habe mein Schicksal in die Hände des Herrgotts gelegt. Wie er es macht, so wird es schon richtig sein“. Aus diesem Brief spricht sein ganzes Gottvertrauen und seine Glaubenshaltung gegenüber dem, was immer geschehen wird.

In der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof am 26. Februar 1945 wurde er zum Tode verurteilt. Am 1. März wurde er hingerichtet. Provinzial Rösch S.J. hatte ihm am Tage der Verhandlung die Kommunion gereicht. Der Gefängnispfarrer sagte später seinem Bruder, er sei mit dem großen Lobgesang der Kirche „Großer Gott wir loben dich“ in den Tod gegangen.

Seine Frau erhielt nach ihrer Flucht von Breslau nach Mengerskirchen die amtliche Todesnachricht vom Oberstaatsanwalt beim Volksgerichtshof mit dem Hinweis, daß die Veröffentlichung einer Todesanzeige unzulässig sei. Diese Veröffentlichung ist mehr als eine Todesanzeige.


Literatur

Die Zitate wurden überwiegend entnommen:
Alois Leuninger, Franz Leuninger zum Gedenken, 20. Juli 1944, Mengerskirchen 1970

Weitere Literatur
Ernst Leuninger, Hg. Gedenkfeier zum 40. Todestag von Franz Leuninger am 1. März 1985, Frankfurt 1985
Ernst Leuninger, Hg. Gedenkfeier für Franz Leuninger 1. März 1995; Limburg 1996
Peter Steinbach, Johannes Tuche, Hg., Lexikon des Widerstandes 1933-1945, S 121f, München 1994

Urkunden
Tauf, Firm- und Trauurkunde des kath. Pfarramtes Mengerskirchen


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