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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1983 :::

DIE BISCHÖFE UND DIE FREMDEN

Ihre Entfremdung von der eigenen Basis

INHALT
Die Kirche versteht sich als Großsubjekt, das von seiner internationalen Verfasstheit, seiner universalen Perspektive und seiner Vorstellung von einer prinzipiellen Gleichheit aller Menschen her global denkt und handelt und bei aller Respektierung des Nationalen die Fremden und ihre Rechte nachhaltig verteidigt.

RESSOURCEN
Heidelberger Manifest
Kirche und Fremdenangst

Es mußte nicht nur verwundern, daß sich Prof. Schmidt-Kaler, Promotor des Heidelberger Manifests, 1982 um ein Entrée bei Kardinal Höffner in Köln bemühte, sondern vielmehr, daß er es bekam. Hätte er nicht damit zufrieden sein können, wenn das Manifest bis dato von offizieller katholischer Seite noch nicht verurteilt worden war?

Offensichtlich hatte er aber mehr im Sinn als nur eine Verurteilung zu verhindern. Es ging ihm wohl im Rahmen einer größeren Strategie um den kirchlichen Segen; und dafür war ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sicherlich der beste Ansatzpunkt.

Und Schmidt-Kaler fühlte sich nach dem Gespräch mit dem Kardinal hinreichend bestätigt. Allerdings wäre dies genauso wie die Tatsache seines Besuchs beim Kardinal der Öffentlichkeit unbekannt geblieben, wenn Schmidt-Kaler nicht selbst wenigstens für eine begrenzte Publizität gesorgt hätte. So veröffentlichte der Rheinische Merkur, die von der Deutschen Bischofskonferenz mit Millionenbeträgen geförderte Wochenzeitung, in der auch Jürgen Schilling nach der Veröffentlichung in „Die Zeit“ seine fremdenfeindlichen Gedanken verbreiten konnte, einen Leserbrief von Schmidt-Kaler mit dem pikanten Resümee, die Äußerungen des Kardinals ließen eine viel differenziertere Stellungnahme erkennen als die Erklärung „Kirche und Fremdenangst“, die Höffner kurz zuvor als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz abgegeben hatte. Damit rückte Schmidt-Kaler den Kardinal in seine geistige Nähe und unterstellte ihm im gewissen Sinne Doppelzüngigkeit. Es wurde bekannt, daß der Kardinal Professor Schmidt-Kaler mitteilte, daß die genannte Erklärung von ihm abgegeben worden sei und voll seine Meinung wiedergebe.

Die Kirche auf einen nationalistischen Kurs bringen!

Auf seine Weise – und hierbei mit wesentlich größerer Publizität – hat sich darin vor ihm Jürgen Schilling versucht. Zuerst in „Die Zeit“ (21.11.1980), wo er den Kirchen und Vertretern der sozialen Berufe eine illusionäre Haltung vorhält, insofern sie dazu neigten, den bisherigen unzulänglichen Bewusstseinsstand der Gesellschaft hinsichtlich der Integration als entwicklungsfähig zu betrachten und auf einen bislang noch nicht in Gang gekommenen Lernprozess zu; setzen. Für Schilling sind die Integrationsappelle gescheitert: „Selbst der vereinten Anstrengung der Prälaten und Sozialarbeiter wird es nicht gelingen, mit dem Vorwurf, die Ablehnung der Integration sei unchristlich und reaktionär zugleich, die Sperre des Nichtwollens zu durchbrechen“. Es möge bitter für die Kirchen sein, aber sie würden „den störrischen Eigensinn des größten Teils ihrer Gemeinde zur Kenntnis nehmen müssen, der seine eigene Identität behalten und nicht in einem ‚Völkerbrei‘ versinken will“.

Ob dies ein gezielter Angriff gegen die kirchliche Integrationspolitik war, blieb umstritten bis zu dem Tag, als Schilling im „Rheinischen Merkur einen ähnlichen Artikel veröffentlichen konnte, in dem die Kritik an der Kirche in die „Warnung vor humanitären Utopien“ eingekleidet war, und wo Schilling dann nur noch schreibt: „Man kann nicht laut genug davor warnen, humanitätsseligen Träumen nachzuhängen“, wobei es scheine, „als sei das Reich des einen oder anderen Fachmannes nicht von dieser Welt“. Der Artikel schließt – und damit empfiehlt sich Schilling als Mitarbeiter für Klerusblätter – in biblischer und prophetischer Manier: „Vor der Geschichte schuldig wird nicht nur der, wer Gott lästert wie Belsazar von Babylon und seine Nachfolger im Geiste, sondern auch, wer der Welt der Tatsachen sehenden Auges spottet. Erfahrung, dir künden wir ewig Hohn ? Kündet nur, die Flammenschrift zuckt schon an der Wand.“ Ein „flammender“ Appell also, mit biblischen Versatzstücken und vorbereitet mit dem Satz, der sich auf verschiedene Länder bezieht: „Überall lodert Fremdenfeindlichkeit auf und beginnen siedende Emotionen einer rationalen Ausländerpolitik den Boden zu entziehen“. Apocalypse now! Die Ängste sind geschürt, der Boden für neues Ideengut bereitet. Die Bevölkerung erscheint eingestimmt, sogar die kirchliche Basis. Nur die kirchlichen Experten und vor allem die Bischöfe ziehen nicht mit, und dies bei dem Herzstück „nationaler Identität“, bei der „Abwehr der Überfremdung“, bei der „humanen Repatriierung der Fremden“. Eine nationalistische Wende ohne Bischöfe?

Schilling setzt – in wessen Namen eigentlich? – zu einem letzten Versuch an, die Kirche umzustimmen. Dann versinkt er in Schweigen, in dezent nahegelegtes. Auf einer Fachtagung der CDU (20./21.10.1982) bietet Schilling noch einmal seine ganze Rhetorik auf, um die (katholische) Kirche für seinen Kurs zu gewinnen und verwendet als Protestant urkatholische Argumente, indem er auf die polnische Kirche verweist, die „eins vor allem anderen“ sei: „Die Bewahrerin der katholischen Nation“. Dabei versteigt er sich zu dem für jeden Katholiken absurden Gegensatz: „Die Mutter Gottes als ‚mater Poloniae* und eben nicht als ‚mater mundil’ „. Er empfiehlt den deutschen Bischöfe „patres Germaniae“ zu sein und „dieses Selbstverständnis auch in ihre der Ausländerpolitik gewidmeten Hirtenbriefe und Resolutione einfließen zu lassen“.

Die neue Bewegung dürfte in Schilling und Schmidt-Kaler -kaum ungeeignetere, weil systemfremde Repräsentanten gefunden haben, um die Kirche zu gewinnen, Da müßten sicher die renommiertesten Persönlichkeiten aus den eigenen Reihen aufgeboten werden; aber wer könnte das möglicherweise sein ? Vielleicht Alfred Dregger /CDU), der im Bundestag erklärte, die Ideen von Jürgen Schilling seien erwägenswert, oder Rainer Barzel (CDU), für den die Überfremdung eine ernste Tatsache ist, etwa Friedrich Zimmermann (CSU), der den Vorstellungen von Schmidt-Kaler und Schilling aus der politischen Führungsriege von CDU/CSU sicher am nächsten steht, bestimmt nicht. Er hat noch nie als „Kirchenlehrer“ gegolten und dürfte zu dieser Ehre auch in absehbarer Zeit nicht gelangen, seit er auf einer Tagung der kom,munalpolitischen Vereinigung der CDU/CSU in die offene Auseinandersetzung mit dem Erzbischof von München, Friedrich Wetter eingetreten ist. „Nicht knallhart und eiskalt wie sonst, sondern munter realistisch, locker und kess“ (FAZ), berichtet er über einen Wortwechsel zwischen ihm und dem Erzbischof: „Erzbischof Wetter zu mir: Sie sind gegen die Familie. Ich zu Wetter: Nein, Sie sind gegen die Familie: Er prallte zurück? Der Erzbischof reagiert prompt und betont, daß das Zusammenleben von Eltern und Kindern in der Familie „ein originäres Recht, das die Familie nicht vom Staat hat und das ihr auch nicht vom Staat genommen werden darf“ sei.

Wenn nicht Zimmermann, dann vielleicht Hanna-Renate Laurien(CDU), Kultussenatorin von Berlin, stellvertretende Präsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken? Sie ist sicher die kirchlich angesehenste katholische Politikerin. Aber auch sie hat sich mit der Hierarchie so nachdrücklich angelegt, daß sie als Werberin für einen neuen Kurs kaum in Frage kommt. Sie hatte die kirchliche Kritik an der Behinderung der Familienzusammenführung mit den Worten quittiert, hier helfe „auch keine katholisch verabsolutierte Familienmoral“; Familienzusammenführung könne nicht auf den Flügeln der Humanität vom Boden abheben ; und dann noch grundsätzlicher: „Vertreter der katholischen Kirche müssen begreifen, daß Moral auf dem Boden des praktisch-machbaren angesiedelt werden muss“.

Die Ironie der Geschichte will es, daß sich Bischöfe und CDU/CSU, oder in diesem Falle sogar Hierarchie und Zentralkomitee der Deutschen Katholiken am gemeinsamen Zentrum gesellschaftspolitischer Vorstellungen, nämlich bei der Familie so verheddern, daß der Konflikt bis auf den heutigen Tag trotz intensiver Bemühungen weiterschwelt. Damit zeigt sich, daß die Auseinandersetzung an dieser Stelle exemplarisch ist, wobei die katholische Kirche nicht nur in einen Gegensatz zu Bundes- und Länderregierungen gerät, sondern auch in eine ungewöhnliche Spannung zwischen ihrem Verkündigungsanspruch und dem, was der politisch formierte Katholizismus ausführen will, bzw. fast gezwungenermaßen ausführt.

Der Konflikt hat verschiedene Dimensionen. Offensichtlich geht es sehr stark um die Frage, was in einer Krise Wert- und Moralvorstellungen politisch noch gelten, and welche Rolle einer Kirche von ihrem Selbstverständnis her dabei zufällt. Für Schilling wäre es „die vornehme Pflicht beider Kirchen, der Politik aus der moralischen Klemme herauszuhelfen“. Seine Empfehlung: „Die Sünde der Intoleranz (gegen die Ausländer) auf uns zu nehmen und Gott, im Bewusstsein gefehlt zu haben, um seine Made zu bitten% Dabei beruft er sich auf Bismarck, der die Frage nach dem christlichen Staatsmann ins stille Kämmerlein verlegt und zur persönlichen Gewissensfrage gemacht habe, indem er u.a. den Kriegstod von 80.000 Soldaten bei Königsgräz im einsamen Gebet vor Gott verantwortete. Eine schlechtere Empfehlung konnte Schilling der katholischen Kirche kaum geben. Ob Hanna-Renate Laurien mit solchen Vorstellungen liebäugelt? Auf jeden Fall bezieht die katholische Kirche in diesem Konflikt Position und zwar eher für eine eindeutige Moral als für eine mehrdeutige Staatsräson.

Eine weitere Dimension in diesem Konflikt kommt von der Rolle her, die die katholische Kirche, gerade auch in der Bundesrepublik, ausdrücklich übernommen hat gegenüber allen „Fremden und Bedrängten“: Höffner: Die Kirche „tritt als Anwalt und Verteidiger ihrer Rechte auf. Dabei umfasst die Diakonie der Kirche alle Fremden und Bedrängten ohne Ausnahme und Unterschied von Herkunft und Religion, auch die türkische Bevölkerung“. Die Kirche hat sich aus ihrem Selbstverständnis vor den schwachen und fremden Minderheiten zu legitimieren, etwas, was für eine nationa legitimierte Politik durchaus nicht im gleichen Maße gilt und daher bei entsprechendem plebiszitärem Druck in schwierigen Zeiten zu fraglichen Haltungen führen muß.

Ob die deutsche Kirche als nur nationale Größe verstanden„ so eindeutig ihre Stellung durchgehalten hätte, ist immerhin fraglich, wenn man weiß, daß sie dies in ihrer amtlichen Funktion und Artikulation nicht nur gegen die maßgeblichen politischen Kräfte aus ihren eigenen Reihen, sondern letztlich auch gegen die Mehrheit der Mitglieder tun muß – (hier ist Schilling durchaus rechtzugeben). Daß aber eine klare Position zur Überraschung mancher vorliegt, hängt mit einem weiteren nicht zu unterschätzenden Legitimationselement zusammen, das sowohl einen institutionellen wie einen weltanschaulichen Charakter hat. Institutionell ist eine nationale Kirche wie die in der Bundesrepublik stärkstens eingebunden in die Weltkirche, die ihr Leitungszentrum in Rom hat. Stellungnahmen auf nationaler Ebene, die grundsätzlicher Natur sind, können letztlich nicht ohne diese globale Ebene und nicht gegen eine universale Legitimation gemacht werden. So ist auch der Satz Höffners in seiner Erklärung zu verstehen, daß er das Grundrecht des Zusammenlebens in der Familie ausdrücklich reklamiert „in der Einheit mit dem Papst, der gesamten Kirche und den europäischen Bischofskonferenzen“. Mit dieser institutionellen Internationalität und Universalität ist aber auch die zuerst einmal kirchliche Vorstellung verbunden, daß es – so der erste Satz von Höffners Erklärung – in der Kirche kein Ausland und keine Grenzen gibt. Die Kirche versteht sich durchaus als Großsubjekt, das von seiner internationalen Verfasstheit, seiner universalen Perspektive und seiner Vorstellung von einer prinzipiellen Gleichheit aller Menschen her global denkt und handelt und daher zwangsläufig bei aller Respektierung des Nationalen als eigenen kollektiven Wert diesen gleichen Gedanken prinzipiell relativiert.

Dabei gibt es eine starke Übereinstimmung der Kirche mit den Vorstellungen, wie es sie bei den Vereinten Nationen, der KSZE, auch der EG und sonstiger übernationaler Organisationen gibt, vor allem da, wo eine Kooperation besteht.

Zweitens kann man vermutlich davon ausgehen, daß es vor einer Zerreißprobe in der Kirche zu einer Zerreißprobe in der CDU und auch in der CSU käme, bei der sich die der kirchlichen Soziallehre verpflichteten Kräfte wie z.B. die CDA voraussichtlich stärker an die Kirche anschließen würden, auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das nicht wie in der Öffentlichkeit immer wieder angenommen, eine amtliche Repräsentation der Kirche ist, wird nicht auf Dauer maßgeblicher Lieferant von Hoftheologien sein können, ohne in ärgste interne Auseinandersetzungen zu geraten. Man wird den Meinungsbildungsprozessen im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken verstärkte Aufmerksamkeit schenken müssen, um zu wissen, wann für die katholische Kirche in der Bundesrepublik insgesamt die Stunde der Wahrheit, die Stunde der Entscheidung kommt. Der Nationalismus ist im Grunde ein Feind der Kirche, auch wenn die Kirche nicht immer und überall ein Feind des Nationalismus ist.


veröffentlicht in: kultuRRevolution, zeitschrift für angewandte diskurstheorie, Nr. 5, 1983 (?), S.31f


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