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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV MIGRATION 1983 ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1983 :::

Kirche und Heidelberger Manifest

Referat am 4. Februar 1983 gehalten vor dem Katholischen
Arbeitskreis für Fragen ausländischer Arbeitnehmer
des Kommissariates der Deutschen Bischöfe, Bonn,
in gekürzter Form veröffentlicht in:
ZAR, Zeitschrift für Ausländerrecht und
Ausländerpolitik, 3. Quartal 1983, S. 117-124″

Als ich mich im November 1980 erstmals gründlicher mit der wachsenden Fremdenfeindlichkeit in der Bundesrepublik befasste, ging ich davon aus, daß sich in Deutschland eine „Neue Rechte“ formiert, die selbstverständlich nichts mit der NPD oder irgendwelchen terroristischen Aktivitäten zu tun haben wolle. Im Vorgriff auf künftige Entwicklungen erlaubte ich mir damals einige mögliche Grundsätze für ein Manifest der „Neuen Rechten“ zu formulieren, natürlich rein fiktiv, aber auf der Grundlage der bisherigen ausländerpolitischen Auseinandersetzung.

Unter anderem waren es folgende Grundsätze:

  • „Wir sind ohne radikalen Wandel im Geburtenverhalten der Deutschen ein überaltertes und vielleicht aussterbendes Volk“.
  • „Wir sehen uns einem massiven Einwanderungsdruck ausgesetzt, gegen den wir uns mit allen Kräften zur Wehr setzen müssen.“
  • „Die Pflege der kulturellen Differenz, für die wir uns besonders einsetzen wollen, fördert die Rückkehrbereitschaft der Rückkehrwilligen, nicht-integrations- und –assimilationsfähigen.“
  • „Wir lassen uns unser Deutschtum nicht nehmen.“

Der geistige Hintergrund des Heidelberger Manifestes

Vom Geist des Heidelberger Manifests

Tatsächlich ließ ja dann ein solches Manifest nicht lange auf sich warten. Es gelangte mit einer gewissen Zeitverzögerung als sogenanntes „Heidelberger Manifest vom 17. Juni 1981“ an die große Öffentlichkeit. In weiten Kreisen führte dies zu einem Erschrecken und zum Beginn einer heilsamen Diskussion.

Die Gedankenwelt von dreien der mitunterzeichneten Professoren ist mir über den Text des Manifestes hinaus und noch vor dessen Bekanntwerden vertraut gewesen. Mit Professor Schmidt-Kaler, der seine Ansichten bereits 1980 in einem großen Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichen, konnte, führte ich auf einem Seminar in Berlin die wohl härteste und unversöhnlichste Diskussion meiner Laufbahn. Von zwei anderen Mitunterzeichnern des Manifestes liegen Briefe und Unterlagen vor, so ein Schreiben von Professor Ferdinand Siebert, Mainz und zwar unter dem Datum vom 4. Mai 1981. Diesem Schreiben angelegt ist ein von ihm verfasster „Aufruf an meine deutschen Landsleute für eine sinnvolle Ausländerpolitik, die gleichzeitig dem Schutze unserer deutschen und christlichen Kultur dienen soll“, ein Text, der inhaltlich weitgehend mit dem Heidelberger Manifest identisch ist. Professor Siebert hat ein zweites an mich gerichtetes Schreiben in dem Publikationsorgan „Schutzbund für das deutsche Volk“ unter der Überschrift Christentum und Volksbewusstsein veröffentlicht und dabei vermerkt, daß eine Antwort ausgeblieben sei.

Professor Helmut Schröcke von der Universität München hat unter dem 21.6.1981 dem Bischof von Limburg geschrieben und darin Bezug genommen auf meine eingangs genannten Ausführungen über Fremdenfeindlichkeit und multikulturelle Gesellschaft. Sein Brief gipfelt in dem Satz: „Wenn Pfr. Leuninger die Forderung nach Herstellung multirassischer Gesellschaften in Deutschland aus zeitopportunen Gründen übernimmt, so ist das recht kurzsichtig. Wenn er sie aber aus den Zeugnissen des christlich-jüdischen Gottes ableitet, so kann dieser Gott nicht der Schöpfer der Allnatur gewesen sein. Dann sind die christlichen Religionen ein mehrtausendjähriger Irrglaube.“

Prof. Schröcke ist allerdings noch geneigt anzunehmen, daß meine Ansichten nicht die Billigung der Katholischen Kirche finden. Die Folge wäre nach seiner Ansicht, in relativ kurzer Zeit – zusammen mit der deutschen Geburtenverweigerung – das Erscheinen der Muezzins auf den Türmen der deutschen Dome.

Bereits diese Zitate zeigen, welche Rolle bei der neuen Rechten in der Bundesrepublik die Frage der christlichen Religion und die Frage der Anwesenheit islamischer Gläubiger in der Bundesrepublik spielen. Ich komme darauf später noch einmal zurück und möchte einige der typischen Gedanken der genannten Briefe herausstellen. Ich will dann versuchen, sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen und der Frage nachzugehen, welche gesellschaftliche Bedeutung dieses Gedankengut für die Einstellung zu den Fremden in unserem Land hat.

Die Mitglieder des Schutzbundes für das deutsche Volk betrachten sich als verantwortungsbewusste Deutsche und Christen, die „aus tieferem Einblick in die Geschichte, in die genetischen Gesetze, von ihrem Gewissen gedrängt, angesichts des Schicksals kommender Generationen nur für den Schutz unserer ererbten deutsch-christlich-abendländischen Kultur und Wertvorstellungen vor der Überrollung durch eine Flut aggressiven Asiatentums eintreten.“

Die Forderung nach völliger Freiheit der Ein- und Auswanderung bedeutet danach, daß dies „bei uns praktisch zu einer unerträglichen Einbahn von Orient und Mittelmeer führt, auf der hauptsächlich proletarische Massen einströmen und damit den sozialen Aufbau unseres Landes, in dem es keinen eigentlichen Proletarier mehr gibt, und damit auch die Wertskala zu unserem Nachteil verändern“.

Meine integrationspolitischen Auffassungen werden als moderne theologisch verbrämte sozialpolitische, antinationale Ideen bezeichnet: „Was hier verlangt wird, verstößt gegen das Naturrecht und kann daher, selbst wenn es von kirchlichen Stellen vertreten wird, nicht verpflichtend sein.“

Ein wichtiger Gedanke ist in diesen Überlegungen der europäische. Aus einer „multiethnischen Gesellschaft“ könnte eine Abwertung europäischer Kultur und Geisteswerte, ein Mischmasch, eine degenerierende Gleichmachung unter ständigen Reibungen der zum Zusammenleben gezwungenen Völker und Rassen führen. Europa hat den hohen Grad menschlicher Werte auf dem Boden von Christentum, Romanentum und Germanentum erst durch den schöpferischen Wettstreit seiner Nationen gewonnen.“

Siebert äußert sogar die Vermutung, „daß hinter den Flüchtlingsströmen, die auf Europa zukommen, eine geheime Lenkung vom Osten steht, um unsere christlich-europäische Kultur zu zersetzen und sturmreif zu machen.“

Denen, die die Integration fordern, wird der nötige Realismus abgesprochen, wie er als Wirklichkeit dem Lokalteil der Tageszeitung entnommen werden kann. Daraus könnte ich etwas über die „hohe Ausländerkriminalität, die Exzesse nichtintegrierbarer Jugendlicher, die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den radikalen Gruppen, die vielen raffinierten Tricks und immer neuen Kniffe zur Umgehung der Gesetze unseres aus falsch verstandener Toleranz und Menschlichkeit abwehrschwachen Staates erfahren“.

Wissenschaftlicher als Siebert argumentiert Schröcke. Er geht von einigen „wesentlichen biologischen Erkenntnissen“ aus, nach denen die nichtkörperlichen Eigenschaften genauso vererbt werden wie die körperlichen. Er hält die Milieutheorie, welche die Vererbung der nichtkörperlichen Eigenschaften leugnet, und zugleich Grundlage von Ideologien ist, für wissenschaftlich falsch.

Für Schröcke sind Völker lebende Systeme (im kybernetischen Sinne) höherer Ordnung mit voneinander verschiedenen Systemeigenschaften, die genetisch weitergegeben werden. Er folgert daraus, daß jedes Volk ein Naturrecht im juristischen Sinne auf Erhaltung seiner Identität besitzt. Die Folgen von Bevölkerungsbewegungen sind Identitätsverluste, Entwurzelung und Proletarisierung. Die Integration „größerer Massen im aufnehmenden Volk“ sind ohne dessen Identitätsverlust nicht möglich. Wörtlich: „Die Herstellung multirassischer Gesellschaften ist also biologisch falsch und kann durchaus mit Völkermord verglichen werden“. Sein Vorschlag, den er als human bezeichnet: „Verpflanzten die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen, in die ökologischen Umgebungen, für die sie evolviert sind, ihre Reintegration zu fördern, ihnen ihre Sprache und Kultur zu erhalten, ganz besonders aber, den Kindern den Schulunterricht in ihrer Heimat zu ermöglichen.“

Die vorgelegten Auszüge von wohl maßgeblichen Unterzeichnern des Heidelberger Manifestes vermitteln einen guten Einblick in die geistige Welt, in denen es entstanden ist. Ich möchte an dieser Stelle noch nicht eine Analyse oder Einordnung dieser und ähnlicher Aussagen vornehmen. Ich wollte Ihnen an diesen Beispielen nur aufzeigen, daß Ideen in die Auseinandersetzung eingeführt werden, die einen geistesgeschichtlichen Hintergrund haben und auch von daher beurteilt werden sollten. Mein Interesse als Theologe jedenfalls ist mittlerweile stärker als je darauf gerichtet, dem geistigen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen nachzugehen, die zu einem Heidelberger Manifest führen konnten und die die Unterzeichner, ihre Sympathisanten, ähnlich denkende Publizisten, Politiker und Wissenschaftler zu der Einschätzung veranlassen, der Zeitpunkt sei gekommen, solche Ideen zu verbreiten. Es muß wohl ein gesellschaftlicher Bedarf vorliegen, derartige Ideen abzurufen. Welche geistige Umorientierung ist in unserer Gesellschaft im Gang, wenn derartige Thesen, deren offensichtliche Verwandtschaft – ich sage nicht Identität – mit dem Nationalsozialismus nicht mehr ausreicht, um solche Veröffentlichungen zu verhindern? Stehen wir vor einer gesellschaftspolitischen Wende, die weit über geistige Begleiterscheinungen zyklischer Wirtschaftsdepressionen hinausgeht ? Ich neige zu dieser Auffassung, wenigstens im Sinne einer Hypothese, die ich zur Diskussion stelle. Aus dieser Sicht genügt es nicht, sich mit einer kleinen Gruppe von mittlerweile öffentlich angeprangerten Professoren zu befassen für mich ist das Heidelberger Manifest mehr die wissenschaftlich überhöhte Artikulation eines gesellschaftlich diffusen Angstsyndroms als das Zeugnis einer geistigen Wende. Es könnte aber ein besonders krasses und deutliches Symptom dafür sein, daß sich größere geistige Umbrüche abzeichnen, oder aber, daß der gesellschaftliche Versuch eines Neuansatzes nach dem 2. Weltkrieg in eine Krise geraten ist.

Das Thule-Seminar – das Manifest neben dem Heidelberger Manifest

Die geistes- und ideengeschichtliche Auseinandersetzung, von der ich meine, daß sie im Gange ist, ohne entscheiden zu können, welchen geistigen und politischen Rang sie haben könnte, scheint ihr geistiges Zentrum mit internationaler Ausstrahlung und entsprechenden Kontakten in Frankreich zu haben. Das Zentrum ist sogar lokalisierbar und wurde längst lokalisiert um die Herausgeberschaft des „Figaro Magazine“ und die mit ihm in Verbindung stehenden intellektuellen Kreise. Ich will hier nicht wiederholen, was darüber bereits an anderer Stelle gesagt und geschrieben worden ist, möchte aber die Stränge benennen, die in die Bundesrepublik hineinreichen und dort zu einer programmatischen Zusammenarbeit von Verhaltensforschern, Biologen, Genetikern, Philosophen, Soziologen, Psychologen, Schriftstellern und Publizisten geführt hat, die sich zu einem eigenen Verein, als Thule-Seminar bezeichnet, zusammengeschlossen und ihre Ideen 1981 in einem umfangreichen Werk veröffentlicht haben. Es trägt den Titel: „Das unvergängliche Erbe, Alternativen zum Prinzip der Gleichheit“ (herausgegeben von Pierre Krebs, Tübingen 1981) und beginnt mit einem Appell, den ich als das Manifest neben dem Heidelberger Manifest bezeichnen möchte. „In Sorge um unsere Zukunft appellieren namhafte Wissenschaftler in diesem Buch: Erkennen wir endlich wieder an, was uns Biologie und gesunder Menschenverstand sagen: Daß die Menschen nicht gleich sind, daß es natürliche Rangunterschiede gibt und daß wir die Leistung der Hochbegabten, der Eliten bitter nötig haben, sollen die Weltkrisen der Jahrhundertwende bewältigt werden. Wehren wir uns gegen den ‚Einheitsmenschen‘, wie ihn gewisse Ideologien predigen, gegen den unmenschlichen ‚Zwang, gleich zu sein‘, gegen die Auslöschung der Persönlichkeit, gegen die Vermassung. Im Namen der Freiheit: Vive la difference!“ (S. 7)

Dies ist das kurz gefasste „Glaubensbekenntnis“ von Intellektuellen, die sich selbst als rechtsstehend bezeichnen und das Jahr 2000 als „Angelpunkt zweier Jahrtausende“ und als „Wegscheide zweier Weltanschauungen“, der Weltanschauung von der Gleichheit aller Menschen und der von ihrer Ungleichheit (S. 17). In der daher angenommenen unausbleiblichen Konfrontation wollen die Mitglieder des Thule-Seminars für das Recht auf Verschiedenheit als Grundlage einer künftigen europäischen Kultur kämpfen.

„Die Vorstellung von der absoluten Gleichheit der Menschen, die sich unter Verabsolutierung der Forderungen der Französischen Revolution heute in unserer Gesellschaft zu einer sozialpathologischen Ideologie versteift hat, ist daher nicht nur politisch unrealistisch, sondern sie ist auch eminent unbiologisch und steht der Evolution des Menschen zur Mündigkeit des Einzelnen direkt im Wege“ ( S. 314). Dies ist eine der zentralen Sätze in diesem Buch, selbst ein Zitat, auf das ich am Ende meiner Ausführungen noch einmal zu sprechen kommen möchte.

Die Auffassung von der Gleichheit aller Menschen wird als Egalitarismus bezeichnet und als Ausfluß des Universalismus betrachtet. Er ist „in der Neuzeit im Wesentlichen einerseits durch die jüdisch-christliche Religion und zum anderen durch den Aristotelismus und den Thomismus, im Marxismus und seinen Ablegern vertreten“( S. 80). Damit sollen die geistigen Wurzeln des Egalitarismus benannt sein, also Judentum, Christentum, die Philosophie des Griechen Aristoteles, die des größten christlichen Theologen der mittelalterlichen Scholastik Thomas von Aquin, Heiliger und Kirchenlehrer in der katholischen Kirche und schließlich der Marxismus. Da diese Lehren die Ursache von jeglichem Totalitarismus in der Welt sind, muß die ihnen zugrundeliegende Gleichheitslehre bekämpft werden.

Es gibt in dem Buch keinen offenen Antisemitismus, wohl aber eine umfassende Abrechnung mit der jüdisch-christlichen Religion und, bei der vorgenommenen Gleichsetzung, auch mit dem Marxismus. Sie wird in der Befassung mit den Gründen vorgenommen, die zum Untergang Roms geführt haben. Hierfür werden maßgebliche Zeugen gegen die „judäo-christliche Religion“ aus der Zeit der Kirchenväter bis zu Nietzsche aufgeboten. Mir scheint diese Auseinandersetzung besonders erhellend für das, was in dem genannten Kreis von Intellektuellen gedacht wird. Hier bei werde ich nicht die einzelnen Zitationen apostrophieren, sondern ihren Gehalt und den Duktus der Argumentation wiedergeben (S, 175-197).

Als Ursachen und Faktoren, die zum Niedergang Roms führten, werden aufgeführt: Das Verschwinden der Eliten, die Vergreisung der Institutionen, die wachsende Bedeutung der Plebs (Pöbel) und der Sklavenmenge, die hohe Geburtenrate des ausländischen Bevölkerungsanteils und die Tatsache, daß vom 2. Jahrhundert an 90% der römischen Bevölkerung ausländischer Herkunft waren.

Eine besondere Rolle fällt dem Christentum zu, dessen „erste Kundschaft“ der Pöbel und die Sklaven waren. Auch die Ausländer, die Syrer, die Asiaten und die ganze Masse der Graeculi, die ohne eigene Gemeinschaftstraditionen waren, empfingen die christliche Botschaft mit Begeisterung. Es wird daran erinnert, „daß das Christentum den Alten als eine Sklaven und Heimatlosenreligion erschien, die eine Art Gegenkultur verbreitete und nur auf Erfolg stieß bei den Unzufriedenen, den Deklassierten, den Neidischen, den potentiellen Revolutionären Sklaven, Handwerkern, Walkern, Wollkämmern, Flickschustern, alleinstehenden Frauen etc.“. Die ersten christlichen Gemeinden werden beschrieben als zusammengewürfelter Haufen ignoranter Männer und leichtgläubiger Frauen aus dem Bodensatz des Volkes.

Der Konflikt zwischen dem Christentum, das „die gesamte harmonische, römische Gesellschaft für schuldig erklärte und der antiken Kultur – es wird an die These von dem germanischen Ursprung der spätlateinischen Aristokratien erinnert wird folgendermaßen resümiert:

„Die christliche Doktrin schloß in sich eine soziale Revolution. Denn zum ersten Mal setzte sie fest, nicht, daß es eine Seele gibt (was nicht originell gewesen wäre) sondern, daß alle bei der Geburt eine gleiche Seele besitzen. Die Menschen der antiken Kultur, die nur deshalb in einer Religion geboten wurden, weil sie in einer Heimat geboren wurden, neigten eher zu der Überzeugung, daß man sich durch ein klares und strenges, selbstbeherrschtes Verhalten eine Seele schmieden könnte, aber daß ein solches Los natürlich den Besten vorbehalten sei. Die Idee, daß alle Menschen ohne Unterschied durch die alleinige Tatsache ihres Daseins diesen Vorzug genießen könnten, erschien ihnen als schockierend. Das Christentum behauptete im Gegensatz dazu, dass ein jeder mit einer Seele zur Welt komme, was gleichbedeutend damit war, zu sagen, daß alle Menschen vor Gott gleich seien“ (S. 186) .

Von seinem Ursprung und seinen wesentlichen Zügen her gilt das Christentum als eine orientalische Religion. Es stellt ein Erbe der alten biblischen Tradition des Hasses gegen die Mächtigen dar, ein systematisches Loblied auf die Demütigen und die Armen. Die Psalmen deuten das Prinzip des Klassenkampfes an, den Kampf des Armen gegen den Bösen und den Endtriumph des Armen dank dem Schutz Gottes. Die soziale Idealwelt des jüdischen Prophetentums wird umschrieben als eine Art allgemeine Nivellierung, die sämtliche Klassenunterschiede aufhebt und zur Bildung einer einförmigen Gesellschaft führt, aus der alle Privilegien, welcher Art sie auch seien, ausgeschlossen sind. Dies ist ein „bis an die äußerste Grenze getriebenes Gleichheitsgefühl“. „Schließlich umfasst die ideale Zukunftsmenschheit alle Gerechten ohne Rücksicht auf Glauben und Nationalität“. Es ist schließlich von zahlreichen Beobachtern die Rede, die darin übereinstimmen, daß die revolutionäre Ideologie, der Sozialismus, die Diktatur des Proletariats aus dem Pauperismus der Propheten Israels stammte.

„Der germanische Ursprung der spätantiken Aristokratien“ leitet zu der Frage über, welcher Kultur und Weltanschauung sich denn die geistige Rechte verpflichtet fühlt. Es muß ja eine Kultur sein, die die Gleichheit der Menschen ablehnt und sich auf die Bildung und Stabilisierung von Eliten konzentriert, denn in der Kultur der Gleichheit werden die Eliten heruntergewürdigt, „die Mannigfaltigkeit des menschlichen auf das niedrigste Maß der Gleichheit und des ohne Leistung, ohne Anstrengung Erreichbaren zugeschnitten “ (S. 36). Ein Heidelberger Kulturwissenschaftler (Richard Benz, + l966) : „Die Masse, das Amorphe, Gestaltlose schlechthin muss vorher überwunden werden; und dies geschieht nur durch Gestaltung des einzelnen, durch Gestaltung von einzelnen; durch Auslese, die wieder Auslese schafft, durch organische Gliederung und Gruppierung (S. 282)“.

Auslese, Selektion verweisen auf Biologie und Verhaltensforschung. Konrad Lorenz wird zitiert: „Der egalitäre Standpunkt ist vollkommen antibiologisch, die Menschen sind ungleich, bereits im Augenblick der Befruchtung“(S.18) . Die Evolution schreitet durch Selektionen voran (S. 18). Es gibt die genetisch determinierte Ungleichheit (S. 280). Einer der maßgeblichen Autoren (Eysenck) wird vorgestellt als der, der sich seit 1966 an der öffentlichen Diskussion über die Vererblichkeit des Intelligenzquotienten (IQ) und der ethnische Unterschiede der Leistungen bei IQ-Tests beteiligt hat. Die Philosophie, Völkerkunde, Völkerbiologie, Verhaltensforschung, Psychologie und Soziologie werden herangezogen um die Weltanschauung von der Ungleichheit der Menschen zu begründen.

Aber dies reicht wohl nicht aus. Die religiöse Komponente sucht die Verlagerung vom alttestamentlichen, außerweltlichen und personalen Gottesbild zu einer vorsokratischen und germanischen Immanenz des Heiligen (S. 50)“. Letztlich will die Neue Rechte das gemeinsame Gedankengut des gesamten europäischen vorchristlichen Altertums reaktivieren (S. 84). Es soll ein europäisches Europa geschaffen werden, auf der Basis einer Ethik der Freiheit und Verantwortung, der Achtung der Menschenwürde und des Ungleichen (S. 52). Die persönlichen Moralprinzipien eines der Verfasser lauten u.a.: „Es gibt nur eine echte Frömmigkeit, die des Sohnes dem Vater gegenüber und weiter den Ahnen, dem Geschlecht, dem Volk gegenüber“. „Unsere verstorbenen Ahnen sind geistig weder tot noch in eine andere Welt entschwunden. Sie stehen neben uns in einer unsichtbaren, sprechenden Menge. Sie sind um uns, so lange ihr Andenken durch ihre Nachkommenschaft weitergetragen wird. Dies ist der Sinn des Ahnenkults und der Pflicht, ihre Namen in Ehren zu halten“ (S. 105).

Der Nationalismus wird überboten durch einen – wie ich sagen möchte – Eurozentrismus. „Jahrhundertelang hatte Europa sich als Zentrum des Weltgeschehens fühlen können, als die Führungsmacht der Erde…, dessen Kultur und Zivilisation man nachahmte von der germanisch-europäischen Langhose des Mannes bis zum Wagenrad (S. 35)“. „Europa ist der Erdteil des Menschen, der, in dem die Pflanze Mensch am besten gedeiht Wo aber ist in der Welt außer der ‚Kunst’ des Bogenschießens irgendeine andere wirkliche Kunst, Dichtung, Malerei, Musik, Bildnerei, Architektur, um nur die Hauptarten zu nennen, zu reicherer Vollendung als in Europa gelangt?“ (S. 276) Aber dieses Europa beginnt zu überaltern, wird durch Hereinfluten fremdländischer Gastarbeiter und nichtendender fremdrassischer, unintegrierbarer Flüchtlingsströme überschwemmt und kulturell vor allem durch amerikanische und kommunistische Einflüsse desorientiert (S. 36).

Allerdings sollen die neuen Werte innerhalb der spezifischen Strukturen der europäischen Mentalität formuliert werden, d.h. innerhalb der einzelnen ethnischen Einheiten und der jeweiligen Geschichte (S. 26). Die Überhöhung des nationalen Gedankens soll also durchaus erhalten bleiben. Immer mehr Menschen zeugten dafür, daß das ethno-kulturelle Erbe ihres Volkes kontinuierlich ist, daß es sogar ein Verbrechen darstellt, sich an ihm zu vergreifen, zumal diese Integrität ihre Eigenart und Unvergänglichkeit gewährleistet (S. 26).

Spengler: Das Manifest vor dem Heidelberger Manifest

Ich möchte nicht versuchen, den geistigen Rang und die geistesgeschichtliche Bedeutung der Gruppe um das Figaro-Magazine und das Thule-Seminar – „die Freunde jenseits des Rheins „- zu bewerten, glaube aber, daß sie nicht als isoliertes oder isolierbares Phänomen betrachtet werden dürfen. Immerhin hat das Figaro-Magazine und damit werden sicher seine politischen Ambitionen deutlich, kürzlich den Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauss einen Vortrag vor französischen Oppositionspolitikern in Paris halten lassen (Süddeutsche Zeitung vom 20.12.1982). Geistesgeschichtlich ordnet sich die Gruppe, wie aus den bisherigen Zitaten bereits deutlich wurde, in einen Zusammenhang ein, der sehr weit zurückreicht und zwar in die vorsokratische, germanische und keltische Zeit. Was dies inhaltlich bedeutet, ist nicht so ohne weiteres erkennbar. Deutlicher ist schon die Einbettung in ein anderes geistiges Umfeld, insofern ausdrücklich Bezug genommen wird „auf die Forschungsarbeiten und Ergebnissen derjenigen Denker, die keine dogmatisierende Entzifferung des Weltgeschehens vermittelt haben“: Genannt werden über 30 Namen, an erster Stelle Friedrich Nietzsche, dann Karl R. Popper und Oswald Spengler. Daß gerade Spengler eine besondere Rolle spielt, verdeutlicht die explizite Hereinnahme seiner Gedanken in das Buch „Das unvergängliche Erbe“.

Nun will es die Regie „der planlos elementaren Ereignisse der Weltgeschichte“ (S. 37), daß in diesem Frühjahr ein Buch Spenglers 50 Jahre alt wird, von dem, wie es auf der Rückseite der im Deutschen Taschenbuch-Verlag erschienenen Ausgabe heißt, die Neue Zürcher Zeitung halte dieses Werk für noch bedeutsamer als den „Untergang des Abendlandes“, ein Buch, das Spengler bekanntlich Weltberühmtheit einbrachte. Spengler hat sich in dem Buch mit dem Titel „Jahre der Entscheidung“ so etwas wie einen „Persilschein“ ausgestellt, wenn er die Idee vom Dritten Reich zu den politischen Idealen und Utopien rechnet, die „im Sumpfland des Weimarer Staates aufgeschossen“ sind, „all die internationalen, kommunistischen, pazifistischen, ultramontanen, föderalistischen ‚arischen‘ Wunschbilder“ (S. 23), wobei er seinen Rassebegriff nicht antisemitisch verstanden wissen will (S. 203). Hitler mag ihm nicht gelegen haben, während er aber Mussolini. größte Reverenz erweist und als den „Herrenmenschen“ einstuft, der wirklich allein regiert und alles sieht – „die seltenste Fähigkeit bei einem absoluten Herrscher“ (S. 178). Immerhin war aber für Spengler „der nationale Umsturz von 1933 etwas Gewaltiges und wird es in den Augen der Zukunft bleiben, durch die elementare, überpersönliche Wucht, mit der er sich vollzog, und durch die seelische Disziplin, mit der er vollzogen wurde“ (S. 14). Auch ist „Deutschland das entscheidende Land der Welt, nicht nur seiner Lage wegen an der Grenze von Asien,…sondern auch weil die Deutschen noch jung genug sind…, während andere Völker zu alt und starr geworden sind, um mehr als eine Abwehr aufzubringen.“ (S. 19 ) .

Die Frage, warum „das deutsche Volk das unverbrauchteste der weißen Welt und also das, worauf man am stärksten hoffen darf“, ist, beantwortet Spengler mit dem Hinweis auf einen „Schatz von tüchtigem Blut, wie ihn kein anderes Land besitzt“. (S. 208f) Dennoch will Spengler nicht bei einem engen Nationalismus verbleiben; er bezieht dieses deutsche Volk und seine Aufgabe in die Perspektive Europas und vor allem der „weißen Völker“ ein. Deutschland, Europa, Abendland und überhaupt die weißen Völker sind zentrale Vorstellungen Spenglers, so daß „die Entscheidungen, wo sie auch fallen mögen, um des Abendlandes willen geschehen“ (S. 72). Es geht um den Kampf „Europas“ gegen „Asien“, ja um den zweiten Teil einer Weltrevolution und den „Angriff auf die Weißen überhaupt vonseiten des gesamten Masse der farbigen Erdbevölkerung“ (S. 91). Zur farbigen Welt gehört nach seiner Definition „nicht nur Afrika, die Indianer – neben Negern und Mischlingen – in ganz Amerika, die islamischen Völker, China, Indien bis nach Java hin, sondern vor allem Japan und Russland, das wieder eine asiatische, ‚mongolische‘ Großmacht geworden ist“ (S. 195). So war auch der erste Weltkrieg eine Niederlage der weißen Rasse und der Friede von 1918 der erste große Triumph der farbigen Welt (S. 195). „Seitdem sinnt die tiefe Schlauheit asiatischer Menschen über Mittel nach, die dem westeuropäischen Denken unzugänglich und überlegen sind“ (S. 195). „Die weißen Herrenvölker sind von ihrem einstigen Rang herabgestiegen. Sie verhandeln heute, wo sie gestern befahlen…“ (S.196).

In dieser geostrategischen Sicht hat Asien seine Grenze an der Weichsel und den Karpaten (S. 116). Es ist die Grenze der abendländischen Kultur, die immer dort lag, I’WO die deutsche Kolonisation zum Stillstand gekommen war “ (S. 40). So ist auch „Deutschland… seit dem 13. Jahrhundert Grenzland gegen ‚Asien‘ „ (S. 22). Die Türken gehören in dieser Einteilung zu Asien und nicht zu Europa (S. 41). Die weißen Herrenvölker sind seit der Belagerung Wiens durch die Türken zum ersten Mal wieder in die Verteidigung gedrängt worden, und werden große Kräfte, seelisch wie militärisch, in der Hand sehr großer Männer aufbringen müssen, wenn. sie den ersten gewaltigen Sturm überstehen wollen, der nicht lange auf sich warten lassen wird“ (S 196). Aus dem Gefühl einer Untergangsbedrohung heraus, stellt Spengler gegen Ende seines Buches die Frage: „Wie, wenn sich eines Tages Klassenkampf und Rassenkampf zusammenschließen, um der weißen Welt ein Ende zu machen l“ (S. 210f).

Die bisher vorgelegten Auszüge lassen die Strukturen des Spengler’schen Angstsyndroms erkennen, das er mit elitären, rassistischen und aggressiven Kategorien und Komponenten zu kompensieren sucht. Immer wieder werden gesellschaftliche und soziale Rangunterschiede und Ungleichheiten gefordert und betont. Kulturvölker sind „gegliedert nach Stand und Rang mit Ehrfurcht gebietenden Distanzen von wurzelhaftem Bauerntum bis hinauf in. die führenden Schichten der städtischen Gesellschaft“ (S. 97). Spengler sieht Nationen einer neuen Art heraufkommen, „faustische Nationen“ mit „Menschen, die sich zu Herren geboren und berufen fühlen…“ So sind die „bewegenden Mächte der Zukunft: der Wille des Stärkeren, die gesunden Instinkte, die Rasse, der Wille zu Besitz und Macht“ (S. 25). Dabei hat „keine Rasse einen so starken Instinkt für Besitz wie die germanische, weil sie die willensstärkste aller historischen Rassen gewesen ist“ (S. 176). Spengler nennt diese Haltung auch die „preussische“. Das Preussische ist für ihn eine Idee, die konservativ und rechts ist „und wächst aus den Urmächten des Lebens hervor…, dem Instinkt für Macht und Eigentum, für Eigentum als Macht, für Erbe, Fruchtbarkeit und Familien…, für Rangordnung und gesellschaftliche Gliederung“ (S. 183). Das geht so weit, daß Spengler auch ein „Geldausgeben höherer Art“ kennt, zu dem derselbe Grad von Kultur gehört…, wie zum Geldverdienen durch überlegene Leistungen. Was alles zu dieser Art starken Rasse gehört, ist „nicht nur eine unerschöpfliche Geburtenzahl, sondern auch eine harte Auslese durch die Widerstände des Lebens, Unglück. Krankheit. Krieg.“(S. 206). Es fehlen nicht die Hinweise, daß die Medizin die natürliche Auslese verhindert. Und in Deutschland die Zahl der geistig Minderwertigen fast eine halbe Million beträgt (S. 207). Aber damit nicht genug. Der von Spengler begrüßte Menschentyp muß um sich durchzusetzen einen geradezu barbarischen Charakter haben: „Das uralte Barbarentum… wacht wieder auf…. Jene kriegerisch gesunde Freude an der eigenen Kraft jener ungebrochene Instinkt der Rasse…“ (35) „Der Mensch ist ein Raubtier“ (S. 37), wobei die großen Raubtiere als „edle Geschöpfe in vollkommenster Art“ beschrieben werden (S. 37). Spengler fasst sein Menschenbild schließlich in folgende Worte: „Das Ewig-Kriegerische im Typus des Raubtieres Mensch“ (S. 208). Dieser Herrenmensch steht selbstverständlich in einem unüberbrückbaren Gegensatz zum Prinzip der Gleichheit aller Menschen. Für Spengler beruht die Gesellschaft auf der Ungleichheit der Menschen. „Das ist eine naturharte Tatsache“ (S. 100). Daher sind gleiche Rechte wider die Natur, „sind Zeichen der Entartung altgewordener Gesellschaften“ (S.101). An anderer Stelle spricht er von der „sentimental-romantischen Gleichmacherei“ (S. 154).

Damit nähern wir uns seiner Gesellschaftskritik, die im Grunde eine „Sozialismus“-Kritik ist, selbst wenn sie sich auch gegen die herrschende Wirtschaftsform wendet. „Die preussische Idee richtet sich gegen den Finanzliberalismus wie gegen den Arbeitersozialismus“ S. 18). „Jede Art von Masse und Mehrheit, alles was, ‚links‘ ist, ist ihr verdächtig“ (S. 183). Sozialismus „ist der unpersönliche Kollektivismus des Ostens“ (S. 87). Es steckt viel unterirdisch Slawisches darin, Reste vorgeschichtlicher Rassen und ihres primitiven Denkens…“ (S. 187). Er ist eine „Romantik der Belanglosen, die Apotheose des Herdengefühls“ (S. 187). Es geht im Sozialismus um „eine Masse von Sklavenseelen, von Pazifisten und Weltverbesserern…“ (S. 71). Für sie verwenden sich „all die Tugendbolde und Sozialethiker“(S. 37). Unter diesen stellt Spengler einen verhängnisvollen, den verhängnisvollsten Typus fest, nämlich „die gesunkenen Priester“ (S. 127) oder sogar den „Priesterpöbel, der… mit den sentimentalen Phrasen von Nächstenliebe und Schutz der Armen die Unterwelt zur Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung entfesseln hilft“ (S. 128). Das Luthertum hält Spengler hier für weniger gefährlich (S. 127) .Für ihn gibt es „in Deutschland einen katholischen Bolschewismus, der gefährlicher ist als der antichristliche, weil er sich hinter der Maske einer Religion versteckt (S. 130). So konservativ die Politik altgewordener Kirchen in Bezug auf sich selbst sei, sei sie immer in Versuchung, in Bezug auf den „Staat und die Gesellschaft liberal, demokratisch, sozialistisch, also einebnend und zerstörend zu werden… (vgl. S. 128). Auch Spengler vollzieht die Gleichsetzung von Sozialismus und Christentum insofern „alle kommunistischen Systeme des Abendlandes tatsächlich aus christlich -theologischem Denken erwachsen“ (S. 130). Die Gleichsetzung gipfelt in dem Satz: „Die christliche Theologie ist die Großmutter des Bolschewismus“ (S. 131).

Geistesgeschichtlich wird Spengler ein hoher Rang eingeräumt. Dies zeigt sich auch in der Präsentation des Buches „Jahre der Entscheidung“ durch den Deutschen Taschenbuch-Verlag, wobei die erste Auflage 1961 und die zweite l980 erfolgte. Die „Jahre der Entscheidung“ hätten, so heißt es dort, seit ihrem Erscheinen nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, im Gegenteil: Die inzwischen eingetretenen Ereignisse bestätigten die erstaunliche Fähigkeit des Autors, historische Situationen zu deuten und Kommendes vorauszusehen. Was das Lektorat 1961 damit meinte, bezog sich sicher auf die Vergangenheit; nicht vorauszusehen war damals, daß die Ideenwelt dieses Mannes noch einmal dazu herhalten würde, einen erneuten bedrohlichen Anlauf gegen die Lebensinteressen von Minderheiten in Deutschland zu nehmen. Dabei möchte ich mich jetzt der Frage widmen, welche Funktion das von mir skizzierte Gedankengut Spenglers, des Figaro-Magazine und des Thule-Seminars und schließlich des Heidelberger Manifests in der geistig-politischen Auseinandersetzung der Bundesrepublik hat.

Zur Funktion und kirchlichen Bewertung des Heidelberger Manifestes

Die gesellschaftliche Funktion der rechten Ideologien

Ich gehe davon aus, daß das skizzierte Gedankengut potentiell immer schon vorhanden war, gesellschaftlich aber tabuisiert werden konnte. Wenn es jetzt im zeitlichen Zusammenhang mit einer ökonomisch-sozialen Krise in einem öffentlich relevanten Rahmen ans Tageslicht kommt, muß hierfür ein gesellschaftlicher Bedarf vorliegen. Bestimmte Ideologien zur Stabilisierung von politischen Interessenlagen werden im gewissen Sinne abgerufen. Wir sind vielleicht nicht vor solchen Ideologien gefeit, aber vielleicht gegenüber früheren Jahrzehnten aufgrund der Vorurteilsforschung, der Ideologieanalyse und der Faschismuskritik in der Lage, einen solchen Prozess zu durchschauen. So gibt es zum Beispiel den Bedarf an Verschleierungsideologien, um der Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Zuständen ein Ventil zu öffnen. Das geschieht vor allem dadurch, daß ein Aggressionsobjekt gesucht, gefunden und dann definiert wird (vgl. Friedrich Heckmann , Die Bundesrepublik: Ein Einwanderungsland?, Stuttgart 1981, S, 84-105). Daß in der Bundesrepublik eine Art Sündenbockmechanismus abläuft, wird bei denen, die sich der Analyse der Fremdenfeindlichkeit widmen, kaum noch bestritten. Als klassische Verschleierungsideologien gelten der Antisemitismus und rassistische Ideologien gegen Einwandererminoritäten. Wenn dies zutrifft, wäre eine Verbindung zwischen der Rolle, in die die „Türken“ hineingeraten sind, bzw. hineingedrängt wurden, mit der der „Juden“ gerechtfertigt und der eine durch den anderen Prozess bei allen historischen Unterschieden deutbar.

Mir kommt es an dieser Stelle nicht darauf an, diesen Zusammenhang stärker zu beleuchten, sondern darauf, die Ideen der Neuen Rechten nach Strukturelementen und -mustern zu untersuchen, die ihre ideologische Funktion erhellen. Aber auch dies kann nur im Sinne von Hinweisen verstanden werden, wo ein gesellschaftlicher Bedarf besteht, weiterzudenken, um bessere Voraussetzungen für gesellschaftliche Korrekturen zu besitzen.

Ideologien der genannten Art, vielleicht auch als Verschleierungsideologien zu bezeichnen, versuchen ein manichäisch-dichotomes Weltbild zu vermitteln, in dem es ein Reich des Lichtes und der Finsternis gibt und ein sehr starres Freund-Feind-Schema gilt. Ich erinnere an die Gegensatzpaare weiße Völker – farbige Völker, deutsch-christlich-abendländische Kultur – die Flut aggressiven Asiatentums, proletarische Massen – Aristokratien, Herrenmenschen – Sklavenheere.

Ein weiteres Element in solchen Ideologien ist die Gleichsetzung von Sozialstrukturen und Naturordnungen und die Ablehnung von gesellschaftlichen Veränderungen als gegen die „Natur“ gerichtet. Biologie, Verhaltensforschung und ähnliche Disziplinen werden, wie es in den Zitaten deutlich genug geworden ist, sozialdarwinistisch eingesetzt. Dabei ist die wohl wichtigste These, daß die Gleichheit der Menschen gegen die Natur und gegen die Biologie sei. Auslese und Selektion sind ein natürlicher Vorgang, der zu elitären Sozialordnungen führt und nicht nur Elitebildungen fordert, sondern aggressive, raubtierorientierte Herrenrassen rechtfertigt. Gerade dieses ideologische Moment verdeutlicht seine Funktion, entweder überkommene Herrschaftsstrukturen zu stabilisieren, oder auch – soweit möglich – und hier sind wir in der aktuellen politischen Situation – zu einem früheren gesellschaftlichen Status zurückzukehren. „Ellenbogengesellschaft“ ist noch ein harmloser Ausdruck für die auf Legitimierung drängenden gesellschaftlichen Deklassierungskämpfe. Verschleierungsideologien benötigen Ersatzobjekte, mit denen eine Aggressionsverschiebung erfolgt. In Zeiten großer wirtschaftlicher Unsicherheit werden Ängste geweckt, wobei folgende Bedingungen vorliegen müssen, daß es zu einer Angstverschiebung auf gesellschaftlich legitimierte Objekte kommt. Danach müssen den gesellschaftlichen Gruppen, die durchaus rational gesehen besondere Ängste um ihren Arbeitsplatz, um ihre Zukunft und die ihrer Kinder haben, die Ursachen für ihre Frustration entweder unbekannt sein, oder aber die sie frustrierende Gruppe bzw. gesellschaftliche Institution ist zu mächtig oder aus anderen Gründen nicht erreichbar. Dies alles könnte auf weite Bevölkerungskreise in der Bundesrepublik zutreffen.

Nach bestimmten Theorien der Vorurteilsforschung wird nun das Ersatzobjekt nicht von den Betroffenen ausgesucht, „die Wahl“ des Ersatzobjektes wird vielmehr als Instrument demagogischer Herrschaftspraxis angesehen (vgl. S. 96). Dabei muß der Schein der Glaubwürdigkeit ja sogar der Humanität gewahrt werden. Gleichzeitig muß das Ersatzobjekt über bestimmte Eigenschaften verfügen, durch die es sich als solches anbietet. Danach muß es greifbar genug sein; diese Voraussetzung würde gerade die türkische Bevölkerung als die mittlerweile größte nichtdeutsche Bevölkerungsgruppe mit ihrer Signifikanz in der Öffentlichkeit und in den Medien erfüllen. Das Ersatzobjekt darf aber auch wiederum nicht zu greifbar sein; auch dies ist in besonderer Weise bei der türkischen Bevölkerung durch sprachliche, kulturelle und religiöse Distanzen erfüllt. Die Auswahl des Ersatzobjektes muß weiterhin historisch fundiert sein und als unbestreitbares Element der Tradition erscheinen. Dies wird mit dem Verweis auf die Türken vor Wien und in Berlin als hinreichend gegeben… betrachtet.

Weiter muß ein Ersatzobjekt in starren und wohlbekannten Stereotypien definiert sein: Die türkischen Familien als Flut aggressiven Asiatentums, als nicht assimilierbare und integrationsunwillige, andersrassige Menschen, als Angehörige uns völlig fremder „Turk-Völker“ (FAZ). Zu dem ganzen Sündenbock-Komplex gehört m.E. aber auch die ausgeprägte Form öffentlicher Stellungnahmen, bei denen durchaus vorhandene Probleme der Integration übersteigert dargestellt werden.

Die historische Komponente für die Definition der türkischen Bevölkerung als Ersatzobjekt für Aggression spielt in unserer Gesellschaft eine beachtliche Rolle und scheint auch in weiten Kreisen der geistig-politischen Gesellschaft auf erhebliche Resonanz zu stoßen. Dies ist umso erstaunlicher, als es im Jahre 1983 genau 300 Jahre her sind, daß ein türkisches Heer vor Wien gestanden hat; wir haben also auch in dieser Hinsicht ein Jubiläumsjahr, das sich für eine Aufarbeitung der Türkenangst anbietet.

Damit komme ich auch wieder auf das Heidelberger Manifest zurück. Prof. Ferdinand Siebert erwähnt in einem Brief an mich eine Kontroverse zwischen mir und dem Landrat des Kreises Marburg/Biedenkopf, Siegfried Sorge, über dessen Aussagen von der zu einer Gefahr ausgewachsenen Überfremdung durch Türken und andere Moslems, die er im Hessischen Rundfunk verfolgt habe. Ich hatte 1980 in dem erwähnten Streitgespräch den damaligen Landrat und Landesvorsitzenden der Freien Wählergemeinschaft Hessen für seine Aussage, die Türken stünden nicht mehr vor Wien, sie säßen bereits in Berlin und Stadtallendorf einer Form der Volksverhetzung geziehen .und in einem Medien-Beitrag 2 Jahre später ähnliche Gedanken von ihm als hysterisch bzw. wahnhaft eingestuft. Vorstellungen solcher Art sind aber nicht nur geistiger Hintergrund von renommierten Politikern unserer Republik offensichtlich geteilt. So findet sich in dem Buch von Rainer Barzel „Unterwegs – woher und wohin ?“ gegen Ende folgende Aussage: „Die Türken stehen nicht mehr vor Wien. 120.000 Türken leben allein in Berlin“ (S. 235). Welchen Aufruf könnte man hier anschließen? Vielleicht den Aufruf deutscher Nation gegen die Türken aus dem Jahre 1520?

„Frisch auf! in Gottes Namen,
Du werthe deutsche Nation!
fürwahr ihr sollt euch schamen,
daß ihr euer gut Lob jetzt lasst untergahn, … „

oder das Gedicht von 1529,

„Die Türken vor Wien“
Ihr Kristen, laßt euch zu Herzen gan,
Wie sich der Türk hat understan:
Es ist wahr und nicht erlogen,
er ist drei hundertmal tausend stark,
vor Wien in’s Feld gezogen.

Oder doch lieber Rainer Barzel 50 Seiten vorher, wo es um Verhältnis zur arabischen und islamischen Welt geht und Barzel den Rat gibt: „Den Türken helfen, sich im Westen, für den sich entschieden haben (sie sind Mitglied der NATO wie des EUROPARATES), wohlzufühlen“ (S. 180). Wie dies mit einer publizistischen Mobilmachung gegen die Türken in Berlin und der Verquickung des europäischen Angstsyndroms von vor 300 .Jahren mit den Türken vor Wien zu vereinbaren ist, ist unerfindlich und dürfte die Auffassung stützen, daß der Bundesrepublik ein Prozess gegen die Türken – und sie stehen nur exemplarisch für die Ausländer. das heißt an ihnen wird ein Exempel statuiert – abläuft, dessen bedenkliche politische und humanitäre: Implikationen nicht durchschaut, bzw. auf erklärbare, aber nicht vertretbare Weise in Kauf genommen werden.

Durchschaut Eugen Kogon die Situation, wenn er verneint, „daß die Antitürken-Animosität, so sehr ihr entgegenzutreten ist, etwas mit dem nazistischen Rassismus zu tun hat,“ ? Sie scheint ihm eher „eine Hilflosigkeitsreaktion in der Situation der wirtschaftlichen Rückläufigkeit zu sein“ (Frankfurter Hefte, Nr. 1, 1983, S. 25f). Bei einem Vergleich von l933 mit heute hat er keine Besorgnis hinsichtlich einer Wiederholung: „Gewiß, es gibt in der Bundesrepublik da und dort Versuche, 50 Jahre nach 1933 Restbestände des Nazismus, die sich über die Nachkriegsjahre hin als irrationale Ressentiments erhalten haben, zu seiner Revitalisierung zu nützen“.

Kirche und Heidelberger Manifest

Während es eine offizielle Stellungnahme der Evangelischen Kirche zum Heidelberger Manifest gibt, liegt eine entsprechende Erklärung seitens der Katholischen Kirche nicht vor. Im Gegenteil, es mußte verwundern, dass Prof. Schmidt-Kaler in einem Leserbrief an den „Rheinischer Merkur“ (2.7.1982) von einer Audienz mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Höffner berichten konnte. Es heißt dort, der Kardinal habe dem Manifest keinesfalls Fremdenfeindlichkeit angelastet. „Seine Äußerungen ließen zudem eine weit differenziertere Stellungnahme erkennen, als die Erklärung namens der Deutschen Bischofskonferenz.“ Damit bezog sich Schmidt-Kaler auf die Erklärung Höffners „Kirche und Fremdenangst“ vom Juni 1982.

Für mich war dieser Leserbrief Anlaß dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz die mir zur Verfügung stehenden Unterlagen der erwähnten Korrespondenzen der Mitunterzeichner des Heidelberger Manifestes Schröcke und Siebert zuzuleiten und zwar zusammen mit meiner Einschätzung, daß sich hier trotz der Hinweise auf die abendländisch-christliche Tradition offensichtliche Gegensätze zu kirchlichen Lehren zeigten. Darüber hinaus verwies ich darauf, daß solches Gedankengut bereits dafür verwendet werde, um die Grundrechte ungezählter Familien nichtdeutscher Herkunft zu verletzen.

In einer Antwort (9.9.1982) teilt der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Prälat Dr. Josef Homeyer, mit, die von mir zugesandten Unterlagen bestätigten, was im Sekretariat inzwischen in dieser Angelegenheit festgestellt werden konnte. Zu dem o.g. Leserbrief heißt es: „Herr Prof. Schmidt-Kaler irrt sich, wenn er in seiner Zuschrift eine Diskrepanz zwischen der Ausländererklärung der deutschen Bischöfe und der ‚differenzierteren Auffassung’, von Kardinal Höffner entdecken will“. Kardinal Höffner habe Herrn Schmidt-Kaler mitgeteilt, daß diese Erklärung von ihm abgegeben worden ist und voll seine Meinung wiedergibt.

Höffner hatte in seiner Erklärung davon gesprochen, daß verständliche Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft und tiefsitzende Ängste um die eigene und nationale Identität – wie in der Geschichte so oft – auf die ‚Fremden‘ übertragen würden. Sie gerieten in die Rolle des Sündenbocks. Höffner zitiert den Papst mit Äußerungen von seinem Deutschlandbesuch 1980, wo dieser auffordert, „gegen blinde Angstgefühle und instinktive Abwehrreaktionen“ einem sachgerechten Realismus Geltung zu verschaffen. Wörtlich erklärt Höffner: „Im Blick auf gewisse nationale und innenpolitische Argumente, die in der Ausländerpolitik vorgebracht werden, erhebt sich die Fraget ob diese Aussagen außenpolitisch und wirtschaftlich der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr schaden als nützen. Die Liebe zum deutschen Volk und zur deutschen Kultur kann nur durch das Aufeinanderzugehen, nicht durch Abgrenzung von den Ausländern gefördert werden. Nimmt man den Tenor der ganzen Erklärung Höffners, mit der sich die Kirche als Anwalt vor die nichtdeutschen Familien und dabei ausdrücklich auch vor die türkische Bevölkerung stellt, steht sie in einem ausgesprochenen Gegensatz zu den Intentionen und tragenden Ideen, die zum Heidelberger Manifest und ähnlichen Verlautbarungen geführt haben. (Anm.: der Verfasser war als Mitglied des Kath. Arbeitskreises für Fragen ausländischer Arbeitnehmer des Kommissariates der Deutschen Bischöfe an dem Entwurf für diese Stellungnahme beteiligt.)

Für den Rat der Evangelischen Kirche hat Kirchenpräsident D. Helmut Hild (11.11. 1982) erklärt : „Der Rat lehnt das Heidelberger Manifest und die ihm zugrunde liegenden Tendenzen ab“. Das im Manifest enthaltene völkische Gedankengut wurde als nicht mit der biblischen Überzeugung übereinstimmend zurückgewiesen. Hild verweist auf ein Faltblatt, das im September 1982 gemeinsam von den christlichen Kirchen und dem Bundesvorstand des DGB veröffentlicht worden und in dem u.a. auch kritische Gesichtspunkte zu Aussagen des „Heidelberger Manifests enthalten seien.

Das Faltblatt ist ein Versuch, sachliche Argumente gegen die vielerorts aufgetauchten „Ausländerstopp – Initiativen“ anzubieten. Sie werden auf die Tendenzen zurückgeführt, Schwierigkeiten im Zusammenleben von Menschen verschiedener Kultur dazu zu benutzen, um sich wieder auf die „deutsche Volksgemeinschaft „, das „spezifisch Deutsche“ und das „Naturrecht auf unsere deutsche Eigenart“ zu berufen. „Kirchen und Gewerkschaften gehen davon aus, dass das Zusammenleben mit Deutschen und Ausländern Spannungen mit sich bringt und sich mit Ängsten um eine unsichere Zukunft vermischt. Initiativen gegen Ausländer schüren diese Ängste und bereiten den Boden für Nationalistische und völkische Parolen“. Zurückgewiesen werden die Parolen, wir würden durch die ausländischen Arbeitnehmer und ihre Familien unterwandert oder überfremdet. „Alle Völker, auch das deutsche Volk, sind in einer langen Geschichte zu dem geworden, was sie heute sind. Im Laufe der Geschichte haben sie die verschiedensten ethnischen und kulturellen Einflüsse in sich aufgenommen und sich dabei selbst verändert. Dieser Prozess setzt sich fort, solange ein Volk lebendig bleibt“. Dann wird auf einen möglichen bedenklichen Zusammenhang mit unserer Geschichte hingewiesen: „Aufgrund solcher Entwicklungen Ängste heraufzubeschwören und Feindseligkeiten zu schüren, ist verhängnisvoll und hat unser Volk in diesem Jahrhundert bereits einmal ins Verderben gestürzt“. Das Flugblatt will nicht nur Argumente anbieten, sondern stellt auch einen kirchlichen und gewerkschaftlichen Appell dar, der an alle verantwortlich denkenden Deutschen gerichtet ist, einem von neuem erwachenden deutschen Nationalismus zu widerstehen.

Das Flugblatt ist, wie bereits erwähnt, vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes zusammen mit dem ökumenischen Vorbereitungsausschuss zur Woche der ausländischen Mitbürger (Anm.: Der Verfasser gehörte seinerzeit diesem Ausschuss als Migrationsreferent des Bischofs von Limburg an) herausgegeben worden. Kirchlicherseits lag hierfür die Zustimmung des griechisch-orthodoxen Metropoliten und des Sekretariates der Deutschen Bischofskonferenz vor. Eine ausdrückliche Zustimmung des Rates der EKD ergibt sich nicht zuletzt aus der erwähnten Erklärung von Kirchenpräsident Hild. Gerade durch seine Äußerung wird deutlich, daß das Faltblatt von Kirchen und Gewerkschaften durchaus als Ablehnung des Heidelberger Manifestes verstanden werden muß, auch wenn es dort nicht aufgeführt ist. Daß der Rat der EKD sich in dieser deutlichen Weise vom Heidelberger .Manifest distanziert hat, hängt sicher damit zusammen, daß einer der Unterzeichner Prof. Joachim Illies, ein renommierter Theologe, bis zu seinem plötzlichen Tod Mitglied der EKD-Synode war. Katholischerseits ist bekanntlich der angesehene Luther-Forscher und Professor Dr. Peter Manns von Mainz Unterzeichner des Heidelberger Manifests. Immerhin hat er zum Luther-Jubiläum eine große Bildbiographie über Martin Luther herausgegeben, die mit einem Vorwort von Bischof D. Eduard Lohse herausgegeben wurde (Peter Manns/ Helmuth Nils Loose). Von Manns stammt auch das Nachwort zu dem jetzt wieder aufgelegten bahnbrechenden Werk des katholischen Historikers Joseph Lortz: Die Reformation in Deutschland. Von Joseph Lortz, dem Lehrer und Vorgänger von Peter Manns – es muß wohl an dieser Stelle gesagt werden – gibt es eine Schrift von1934 über den katholischen Zugang zum Nationalsozialismus, in der es heißt: „Der Nationalsozialismus ist wesenhaft Gegner des Bolschewismus … niemand hat vordem in unbeirrbarer Konsequenz stärkere Verurteilungen des Kommunismus und der ‚klassischen‘ Sozialdemokratie ausgesprochen als der römische Papst, die Bischöfe und die katholische Theologie. Der Nationalsozialismus hat diese katholischen Forderungen eingelöst: Eine eminent ‚kirchliche‘ Tat, die uns zwingt, aufzumerken und anzuerkennen“ (M. Kringels – Kemen und L. Lemhöfer, Kath. Kirche und NS-Staat, Frankfurt am Main 1981, S. 21f).

Es ist schon erstaunlich genug, welche Koalitionen über an sich unüberbrückbare ideologische Gräben versucht werden konnten. Noch erstaunlicher ist, wie konsistent sich ein Gedankengut ideengeschichtlich durchträgt, das zu solchen absurden Gemeinsamkeiten führen konnte. Die Tatsache, daß in der Kirche stehende und dort angesehene Wissenschaftler zu Mitunterzeichnern des Heidelberger Manifests gehören, und dass es. so etwas wie eine rechte Ökumene zu geben scheint, die Einfluß in der Kirche haben will und Kontakte bis in die höchsten kirchlichen Kreise sucht, muß zu intensiverem Nachdenken führen. Die Flanken der Kirchen sind aus jeweils verschiedenen geistesgeschichtlichen Gründen nach rechts hin offen. Gedankengut, das in konservativer oder auch deutsch-nationaler Einkleidung und Tradition vorgebracht wird, hat vor allem da, wo sich Christlichkeit politisch formiert, durchaus Chancen, besonders deutlich bei der Fremden- und Türkenpolitik.

Mir ging es in meinen Darlegungen darum, mögliche geistige, historische und weltanschauliche Wurzeln aufzudecken, die der Bundesrepublik und dort lebenden Minderheiten – und ich meine nicht nur die ethnischen Gruppen – gefährlich werden könnten. Darüber muß in der Kirche viel nachhaltiger reflektiert und auch geforscht werden.

Bei mir jedenfalls verstärkt sich der Eindruck, daß sich die Kirche, ich denke von der katholischen her, zu einer Standortbestimmung in dieser Gesellschaft gezwungen sieht, die über das hinausgeht was sie in durchaus wünschenswerter Deutlichkeit zur Ausländerpolitik gesagt hat.

Bei dieser geistigen Auseinandersetzung und Standortbestimmung gibt es den unbestreitbaren Vorteil, daß – wenn meine Einschätzung zutrifft – die geistigen Traditionen, aus denen das Heidelberger Manifest gespeist wird, eindeutig in der Richtung eines für die Kirche inakzeptablen und vorchristlich begründeten Neuheidentums liegen. Die diesbezügliche Selbsteinschätzung maßgeblicher Verfechter einer Neuen Rechte, für die der Gegensatz zur Kirche weltanschaulich bedingt ist, ist hierfür sicher ausgesprochen hilfreich. Dabei gehe ich davon aus, daß die christlich sozialisierten und motivierten Väter des Heidelberger Manifestes sich mit Entschiedenheit von solchen Vorstellungen als einem gemeinsamen geistigen Fundament distanzieren. Das Schwergewicht der geistesgeschichtlichen Bedeutung dürfte aber zweifellos nicht bei ihnen liegen, sondern bei denen, die aus antikirchlichen, antichristlichen und antijüdischen Traditionen kommen. In der Wirkungsgeschichte werden sie eher die „Heidelberger“ vereinnahmen als umgekehrt. Der Widerspruch zum Christlichen ist zu groß und die Gemeinsamkeiten mit den neuen Heiden zu ausgeprägt, als daß ihnen in der Kirche Erfolg beschieden sein könnte. So sollte man auch ein Zitat von Joachim Illies, das in dem Buch „Das gemeinsame Erbe“ geradezu ein Schlüsseltext ist, auf dessen geistigem Hintergrund lesen und verstehen. Es sei hier wiederholt: „Die Vorstellung von der absoluten Gleichheit der Menschen die sich unter Verabsolutierung der Forderungen der Französischen Revolution heute in unserer Gesellschaft zu einer sozialpathologischen Ideologie versteift hat, ist daher nicht nur politisch unrealistisch, sondern sie ist auch eminent unbiologisch und steht der Evolution des Menschen zur Mündigkeit des Einzelnen direkt im Wege“ (Das unvergängliche Erbe, S. 314).

Nach allem, was ich Ihnen über die Ideenwelt der Vertreter der „Ungleichheit“ vorzulegen versucht habe, dürfte deutlich geworden sein, was sich davon in bedenklicher Weise in der Ausländerpolitik niedergeschlagen hat oder noch niederzuschlagen droht, und warum es gerade die Kirche ist und sein muß, die in scharfem Gegensatz zu einer restriktiven Fremdenpolitik steht.


HEIDELBERGER MANIFEST

(17. Juni 1981)

Mit großer Sorge beobachten wir die Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von vielen Millionen von Ausländern und ihren Familien, die Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums. Allein im Jahre 1980 hat die. Zahl der gemeldeten Ausländer trotz Anwerbestop um 309 000 zugenommen, davon 194 000 Türken. Gegenüber der zur Erhaltung unseres Volkes notwendigen Zahl von Kindern werden jetzt jährlich kaum mehr als die Hälfte geboren. Bereits jetzt sind viele Deutsche in ihren Wohnbezirken und an ihren Arbeitsstätten Fremdlinge in der eigenen Heimat
Der Zuzug der Ausländer wurde von der Bundesregierung aus Gründen des heute als fragwürdig erkannten hemmungslosen Wirtschaftswachstums gefördert. Die deutsche Bevölkerung wurde bisher über Bedeutung und Folgen nicht aufgeklärt. Sie wurde auch nicht darüber befragt. Deshalb rufen wir zur Gründung eines parteipolitisch und ideologisch unabhängigen Bundes auf, dessen Aufgabe die Erhaltung des deutschen Volkes und seiner geistigen Identität auf der Grundlage unseres christlich-abendländischen Erbes ist. Auf dem Boden des Grundgesetztes stehend wenden wir uns gegen ideologischen Nationalismus, gegen Rassismus und gegen jeden Rechts- und Linksextremismus.
Völker sind (biologisch und kybernetisch) lebende Systeme höherer Ordnung mit voneinander verschiedenen Systemeigenschaften, die genetisch und durch Traditionen weitergegeben werden. Die Integration großer Massen nichtdeutscher Ausländer ist daher bei gleichzeitiger Erhaltung unseres Volkes nicht möglich und führt zu den bekannten ethnischen Katastrophen multikultureller Gesellschaften.
Jedes Volk, auch das deutsche Volk, hat ein Naturrecht auf Erhaltung seiner Identität und Eigenart in seinem Wohngebiet. Die Achtung vor anderen Völkern gebietet ihre Erhaltung, nicht aber ihre Verschmelzung (‚Germanisierung‘). Europa verstehen wir als einen Organismus aus erhaltenswerten Völkern und Nationen auf der Grundlage der ihnen gemeinsamen Geschichte. Jede *Nation ist die einmalige Facette eines göttlichen Plans‘ (Solschenizyn).
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland geht nicht aus vom Begriff ‚Nation‘ als der Summe aller Völker innerhalb eines Staates. Es geht vielmehr aus vom Begriff ‚Volk‘ und zwar vom deutschen Volk. Der Bundespräsident und die Mitglieder der‘ Bundesregierung leisten den Amtseid: ‚Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden werde‘. Somit verpflichtet das Grundgesetz zur Erhaltung des deutschen Volkes.
Die Präambel des Grundgesetzes verpflichtet auf das Ziel der Wiedervereinigung. Wie soll diese möglich bleiben, wenn sich die Teilgebiete ethnisch fremd werden? Die jetzt praktizierte Ausländerpolitik, welche die Entwicklung zu einer multirassischen Gesellschaft fördert, widerspricht dem Grundgesetz, das alle Deutschen der Bundesrepublik zur Bewahrung und Verteidigung der Lebensrechte unseres Volkes verpflichtet.
Welche Zukunftshoffnung verbleibt den Hunderttausenden von Kindern, die heute sowohl in ihrer Muttersprache wie in der deutschen Sprache Analphabeten sind? Welche Zukunftshoffnungen haben unsere eigenen Kinder, die in Klassen mit überwiegend Ausländern ausgebildet werden? Werden sich die Abermilliarden für die Verteidigung unseres Landes am Ende einer solchen Entwicklung lohnen?
Allein lebensvolle und intakte deutsche Familien können unser Volk für die Zukunft erhalten. Nur eigene Kinder sind die alleinige Grundlage der deutschen und europäischen Zukunft.
Da die technische Entwicklung Möglichkeiten bietet und in gesteigertem Ausmaß bieten wird, alle Ausländerbeschäftigung überflüssig zu machen, muß es oberster Grundsatz zur Steuerung der Wirtschaft sein: nicht die Menschen zu den Maschinen zu bringen, sondern die Maschinen zu den Menschen.
Das Übel an der Wurzel zu packen heißt, durch gezielte Entwicklungshilfe die Lebensbedingungen der Gastarbeiter in ihren Heimatländern zu verbessern – und nicht hier bei uns.
Die Rückkehr der Ausländer in ihre angestammte Heimat wird für die Bundesrepublik Deutschland als eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt nicht nur gesellschaftliche, sondern auch ökologische Entlastung bringen.

Um weiteren Widerhall in der Öffentlichkeit zu erreichen, fordern wir alle Verbände, Vereinigungen, Bürgerinitiativen auf, die sich der Erhaltung unseres Volkes, seiner Sprache, Kultur und Lebensweise widmen, einen Dachverband zu gründen, der kooperative wie individuelle Mitgliedschaften ermöglicht. Jeder Verband soll dabei seine volle Selbständigkeit und Eigenständigkeit behalten. Über die Aufgaben dieses Bundes soll auch zur Wahrung seiner parteipolitischen und ideologischen Unabhängigkeit ein wissenschaftlicher Beirat wachen.
Eine Pressestelle soll die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen.

Für den HEIDELBERGER KREIS:
Prof. Dr. phil. habil. Bambeck, Prof. Dr. Fricke, Prof. Karl Götz, Prof. Dr. phil. Haberbeck, Prof. Dr. rer .nat. Illies, Prof. Dr. theol. Manns, Prof. Dr.Dr. Oberländer/Bundesminister a.D., Prof. Dr. jur. Rasch, Prof. Dr. Riedl, Prof. Dr. med. Schade, Prof. Dr. rer. pol. Schmidt-Kahler, Prof. Dr. rer. nat. Schröcke, Prof. Dr. med. Schurmann, Prof. Dr. phil. Siebert, Prof. Dr. phil. Stadtmüller.

(Nach:“Deutsche Wochenzeitung“ und „Tageszeitung“).


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