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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1971 :::

FORUM DER DISKUSSION

„DER TEMPEL DES GNÄDIGEN NÄCHSTEN“

ZUR THEOLOGIE DES KIRCHENBAUS

Erfahrungen aus Holland: Schon die Tatsache, daß die Gemeindemitglieder keinen mystisch verfremdeten Raum betreten, sondern den festlichen Raum ihrer Gemeinschaft, lädt zu einem herzlichen Umgang miteinander ein.

HINWEIS
veröffentlicht in: DAS MÜNSTER, Zeitschrift für Christliche Kunst und Kunstwissenschaft, Heft 2/3 März/Juni 1971, S. 161f

Wenn vor mehr als viertausend Jahren ein zerknirschter Beter den heiligen Bezirk eines babylonischen Tempels betrat, richtete er die folgenden Worte an seinen Gott: „Die Sünde, die ich begangen, verwandle in Gnade! Die Missetat, die ich verübt, entführe der Wind! Reiß entzwei meine Schlechtigkeiten wie ein Gewand! Mein Gott, meiner Sünden sind siebenmal sieben, vergib meine Sünden!“ Dem Beter geht es um einen gnädigen Gott. In dieser Haltung hat auch das Volk Israel gebetet, wenn es sich im Tempel von Jerusalem versammelte. Martin Luthers große Sorge war es, wie er einen gnädigen Gott fände. Im katholischen Ritus der Kirchweihe heißt es: „Hier soll das gläubige Volk seine Gebete verrichten, hier sollen die Sünder von ihrer Sündenlast befreit, die gefallenen Gläubigen wieder aufgerichtet und alle Bande der Sünde gesprengt werden:“ Die Kirche ist der Ort geblieben, an dem sich der Mensch der Versöhnung mit dem gütigen Gott vergewissert.

Ist das aber wirklich heute noch die Erwartung der Menschen, die eine Kirche aufsuchen? Sollte ihnen noch daran liegen, so spielt diese Erwartung sicher keine zentrale Rolle mehr. Im Grunde ist die Frage nach einem gnädigen Gott verstummt, auch wenn sie noch oft in Lied und Gebet formuliert wird. Der evangelische Sozialpfarrer Horst Symanowski ist soweit gegangen, zu sagen, die alte Reformation sei um die Frage gekreist: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott“, die neue Reformation bewege das Problem: „Wie bekomme ich einen gnädigen Nächsten?“ Auf den Kirchenbau übertragen würde dies heißen, wir brauchen keinen Tempel für den gnädigen Gott, sondern für den gnädigen Nächsten.

Das klingt sehr blasphemisch und kann Erinnerungen an die Französische Revolution wecken. Damals versuchte man im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die christlichen Kirchen einer neuen Bestimmung zuzuführen. Der Erzbischof Gobel von Paris erklärte vor dem Nationalkonvent, er verzichte auf die Ausübung des katholischen Kultes; es dürfe keinen anderen Kult mehr geben als den der Freiheit und Gleichheit. Eine Schauspielerin der Oper wurde in weißem Kleid und blauem Mantel in der Kathedrale Notre Dame von Paris als Göttin der Vernunft inthronisiert. Diese Zeremonie fand in den größeren Städten Frankreichs Nachahmung. Kirchen wurden in sogenannte Tempel der Vernunft umgewandelt; Kirchtürme wurden abgerissen, weil sie dem Geist der Gleichheit widersprachen; in bilderstürmerischer Wut köpfte man die Heiligenstatuen der gotischen Kathedralen. Wogegen sich der Zorn der Revolutionäre eigentlich wandte, läßt sich den Worten Robespierres entnehmen. Er wirft den Priestern vor, sie hätten einen eifersüchtigen, grausamen und unversöhnlichen Gott geschaffen. „Priester“, so ruft Robespierre in den Nationalkonvent, „wodurch habt ihr eure Sendung nachgewiesen? … Habt ihr die Gleichheit geliebt, die Rechte der Völker verteidigt, den Despotismus verabscheut und die Tyrannei bekämpft? … Das Szepter und das Rauchfaß haben zusammengewirkt, um den Himmel zu entehren und die Erde zu vergewaltigen:“ Für diesen Mann waren die Kirchen Symbole eines ungnädigen Gottes und eines noch ungnädigeren Nächsten.

Die im Namen des brüderlich freien und gleichberechtigten Menschen angezettelte Revolution ist an ihrer Barbarei erstickt. Sie hat ihre eigenen Kinder gefressen. Die Kirchen und Dome dienen längst wieder dem christlichen Gottesdienst bis hin zu den feierlichen Totenoffizien für große Staatsmänner. Das Mißtrauen gegen Gott und die Kirche ist aber geblieben, auch die Frage: „Wodurch habt ihr eure Sendung nachgewiesen?“ Darauf hat das heutige Christentum noch die Antwort zu geben, nicht zuletzt in der Art und Weise, wie es seine Kirchen baut und mit Leben erfüllt.

Im Nachbarland Frankreichs, in Holland, versucht sich eine als revolutionär bezeichnete Kirche auf diese Antwort, Was die kirchliche Architektur anbetrifft, so schießen die neuen multifunktionalen Kirchen wie Pilze aus dem Boden: In den Trabantenstädten Amsterdams sind es in den beiden letzten Jahren allein fünf. Auf der Pressekonferenz des holländischen Episkopats zum Kirchenbausonntag hat der Kunstkritiker und Theologe Geert Bekaert die neuen Tendenzen kirchlichen Bauens dargelegt. Christus habe sich außerhalb aller religiösen Strukturen unmittelbar an den Menschen gewandt. Er habe sich zwar an die ihm geläufigen religiösen Strukturen gehalten, sich aber nicht mehr daran gebunden gefühlt. Das Wichtigste sei für ihn der Mensch gewesen, der freie, persönliche, verantwortliche Mensch. Seine Religion, wenn hier überhaupt noch von Religion die Rede sein könne, sei das Erleben der göttlichen Wirklichkeit des Menschen. Für Bekaert bedeutet dies, „daß der Tempel ein überwundener Standpunkt ist, daß Architektur fortan als Ausdruck eines neuen religiösen Verhaltens nicht anders sein kann als funktionell, das heißt auf das persönliche, spontane, menschliche Verhalten ausgerichtet; daß die Architektur die Welt nur noch sakralisieren kann, indem sie diese humanisiert.“

Relativ leicht und schnell kann man sich in Holland einen Überblick darüber verschaffen, wie diese und ähnliche Gedanken auf das Bauen Einfluß genommen haben. Der im Augenblick favorisierte Kirchentyp ist ein Gebäude, das neben den Wohnungen für Pfarrer und Kaplan im wesentlichen über einen großen Raum verfügt. Dieser dient vorwiegend der gottesdienstlichen Versammlung und ist auf 300 bis 600 Plätze ausgelegt. Wenn auch noch viele Einrichtungsgegenstände an die bisherigen Kirchen gemahnen, so sind die Räume nicht nur für den üblichen Gottesdienst verwendbar. Das Mobiliar ist durchwegs beweglich, einschließlich des Altares und der evtl. vorhandenen Elektronenorgel. Die Stühle können zu beliebigen Gruppen zusammengesteIlt werden. Vielfach läßt sich der Raum durch Schiebewände verkleinern. Damit werden die verschiedensten Gottesdienstformen und auch die verschiedensten Veranstaltungen möglich. Letztere finden aber relativ selten statt. Dafür spielt der sonntägliche Gottesdienst der Gemeinde immer noch die entscheidende Rolle. Allerdings sind freiere Formen in Holland bereits eine Selbstverständlichkeit. Das zeigt sich etwa daran, daß in fast jeder der neuen Kirchen das Instrumentarium für eine Band vorzufinden ist. Überhaupt läßt die ganze Atmosphäre dieser Häuser darauf schließen, daß die Gottesdienste wesentlich offener, lebendiger, ungezwungener und fröhlicher verlaufen, als wir es in Deutschland gewöhnt sind. Schon die Tatsache, daß die Gemeindemitglieder keinen mystisch verfremdeten Raum betreten, sondern den festlichen Raum ihrer Gemeinschaft, lädt zu einem herzlichen Umgang miteinander ein. Die Kleinkinder werden in einem überall vorgesehenen Nebenraum betreut; bevor man seinen Platz einnimmt, hat man die Garderobe abgelegt und bereits Möglichkeiten zu dem einen oder anderen Gespräch gefunden. Nach dem Gottesdienst zerstreuen sich die Teilnehmer nicht schleunigst in alle Winde, sondern nehmen die Gelegenheit wahr, im Hintergrund des Raumes noch ein Täßchen Kaffee zu trinken und eine Zigarette zu rauchen. Bei diesen sonntäglichen Treffen zeigt sich mehr Gemeinschaft, als ein formvollendeter Gottesdienst in der hochmodernen Kirche üblicher Provenienz je erreicht. Die multifunktionalen Kirchen Hollands offenbaren menschliches Maß. Daher leiten sie auch zu entsprechendem Verhalten zueinander an.

Die Planung ist in Holland aber bereits einen Schritt weiter gegangen. In starkem Maße werden die künftigen kirchlichen Bauten ökumenisch sein, d. h. von den verschiedenen Konfessionen gemeinsam gebaut und gemeinsam genutzt. Das ist finanziell wesentlich rationeller, zeugt aber auch von dem neuen Geist eines christlichen und menschlichen Miteinander. Professor Oudejans, der sich mit der Stadt der Zukunft befaßt, zeichnet verantwortlich für ein Kirchenzentrum in einem dem Meer abgewonnenen neuen Siedlungsgebiet. An diesem Projekt sind die katholische Kirche und die beiden reformierten Kirchen beteiligt. In diesem Zentrum gibt es Räume, die auf die einzelnen Konfessionen und ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Nach Bedarf stehen sie aber auch den anderen Konfessionen zur Verfügung. Ein Großteil der Räume ist aber von Anfang an auf gemeinsame Verwendung angelegt.

Als Ideal sieht es Oudejans an, wenn nicht nur die Kirchen, sondern auch die Stadt bzw. die Zivilgemeinde ein gemeinsames Kommunikationszentrum bauen. Die Pläne für eine solche Einrichtung liegen in seinem Büro bereits vor und werden in Kürze verwirklicht. Es wäre in unserem Verständnis die Kombination von Gemeindezentrum und Bürgerhaus. Damit rückte die Kirche wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Sie könnte viel eher als bisher der Gesellschaft ihre Dienste anbieten, und sich befruchten lassen von einer Umgebung, die ihr wie kaum zuvor ins Haus stehen würde. Was der Architekt Förderer immer wieder als die „Schwellenangst“ bezeichnet, die Hemmung, spezifisch kirchliche Räume zu betreten, würde damit erheblich herabgemindert. Man erleichterte es dem heutigen Menschen, den gnädigen Nächsten zu suchen und zu finden.

Aber so weit sind wir in Deutschland noch nicht, weder was ökumenische, noch was ökumenisch-kommunale Baugruppen angeht. Die konfessionellen und ideologischen Barrieren sind noch zu hoch. Außerdem und das sei unter theologischem Gesichtspunkt gesagt – ist trotz aller Kirchensteuersorgen und trotz aller Solidaritätsbekundungen mit der Dritten Welt der Geist kirchlicher Armut und Selbstbescheidung ausgesprochen unentwickelt.

Dennoch zeichnet sich auch bei uns eine Entwicklung ab, die mit der von Holland große Ähnlichkeiten hat. So hat der Synodalrat des Bistums Limburg, das von manchen Kreisen als „Klein-Holland“ bezeichnet wird, einer Vorlage seines Bauausschusses zugestimmt. Danach sollen als Experiment einige Gemeindezentren errichtet werden, die über keinen gesonderten Kirchenraum verfügen. Der Hauptraum in diesem Zentrum soll ein festlicher Versammlungsraum für die Gemeinde sein. Darin werden die Gottesdienste stattfinden, aber auch sonstige Gemeindeveranstaltungen, ökumenische Treffen, Vorträge, Konzerte und Festlichkeiten. Diesem Hauptraum werden andere Räumlichkeiten zugeordnet, vornehmlich ein kleinerer Versammlungsraum, der mit dem Saal verbunden werden kann. Außerdem ist ein Meditationsraum vorzusehen als Bereich der Ruhe, des persönlichen Gebetes und der Sammlung. Der Zugang zum Zentrum soll einladend und kontaktfördernd sein. Vier solcher Gemeindehäuser sind im Raum Frankfurt/Wiesbaden geplant, die „Das Münster“ in der folgenden Nummer veröffentlicht.

All diese Programme gehen davon aus, daß es die Gemeinden gibt, die diese Häuser als Zentrum vielseitiger Aktivität und eines zeitgemäßen Gottesdienstes beleben. Sie sind selten. Herausragt bis jetzt die 120 Mitglieder zählende Integrierte Gemeinde in München. Dies vor allem in der Weise, wie sie ihre Liturgie mit dem sonstigen Gemeindeleben zu verbinden weiß. Die Gemeinde benötigt keine Kirche, auch keine Kapelle oder einen Meditationsraum. Die Räume, die ihr zur Verfügung stehen, werden je nach Situation für die liturgischen Feiern gewählt. Die einzige Voraussetzung hierfür ist die lebendige Gemeinschaft. Nach Auffassung dieser Christen hört der christliche Gottesdienst auf, sinnvoll zu sein, wenn wirkliche Gemeinschaft fehlt. Daher ist der Gottesdienst auch keine isolierte Veranstaltung, sondern der tiefe Ausdruck des gegenseitigen Dienstes, der mit der Fußwaschung am besten umschrieben wird. Die Eucharistiefeier, zu der alle am Tisch Platz nehmen, ist der Mittelpunkt jeder Feier, die Tanz, Gespräch, Besinnung, Spiel, Musik und Mahl miteinbezieht. Über ihre Feste, die sich an den hohen Feiertagen auf mehrere Tage erstrecken, schreibt die Gemeinde. „Nicht das Fest als solches ist das Ziel des HandeIns der Gemeinde, sondern der gegenseitige Dienst. Daß aus diesem Dienen das Feiernkönnen als Geschenk entspringt, ist die immer wieder überraschende Erfahrung.“ Dafür dankt die Gemeinde Gott, auf dessen Gnade sie ihr Bestehen zurückführt.

Das Haus, in dem solche Gemeinden sich versammeln, als Tempel des gnädigen Nächsten zu bezeichnen, ist keine Gotteslästerung. Wenn in Zukunft die Rede auf Gott kommt, dann vermutlich in diesen „Tempeln“.


Veröffentlicht in: DAS MÜNSTER, Zeitschrift für Christliche Kunst und Kunstwissenschaft, Heft 2/3 März/Juni 1971, S. 161f


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