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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1976 :::

BISCHÖFLICHES ORDINARIAT LIMBURG
Dezernat Kirchliche Dienste
Referent für kirchliche Ausländerarbeit

Zur Aufgabe der Kirche gegenüber den Ausländern

Pressekonferenz
des Katholischen Stadtsynodalamtes Wiesbaden
am Dienstag, den 1. Juni 1976
zum Internationalen Fest Pfingsten 1976

Kirche und Gesellschaft haben die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer zu lange als ein Provisorium, als eine Randerscheinung betrachtet. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Ausländerbeschäftigung geht die Kirche davon aus, daß die Bundesrepublik Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist. Deswegen wehrt sie sich mit aller Entschiedenheit dagegen, daß die ausländische Wohnbevölkerung durch direkten oder indirekten Zwang gegen ihren Willen reduziert wird.

Das Bistum Limburg betrachtet die Anwesenheit der ausländischen Arbeiter und ihrer Familien als eine Aufgabe, die für die nächsten Jahrzehnte einen besonderen Rang einnimmt. Sie stellt sich vor allem für die ausländischen Kinder und Jugendlichen, die hier geboren wurden, bzw. aufgewachsen sind. Für das Jahr 1974 weist die Statistik von Wiesbaden 7.276 ausländische Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre aus. Seit 1965 hat die italienische Gemeinde von Wiesbaden 617 Taufen zu verzeichnen, die spanische seit 1966 262 Taufen.

Von den kirchlichen Amtshandlungen her ergibt sich ein interessantes Bild. In 19 Ortspfarreien von Wiesbaden wurden 1974 insgesamt 435 Kinder getauft (pro Gemeinde im Durchschnitt: 23) Dagegen hat allein der italienische Pfarrer 74 Kindern die Taufe gespendet. Mit der spanischen und kroatischen Gemeinde zusammen waren es 124 Taufen.

30% der Kinder, die in Wiesbaden 1974 geboren wurden, hatten ausländische Eltern. Unter ihnen befinden sich bereits solche, deren Großeltern zur Arbeitsaufnahme nach Deutschland gekommen sind. Somit haben wir es nicht nur mit der zweiten, sondern bereits mit der dritten Einwanderergeneration zu tun.

Noch deutlicher als die Taufstatistik zeigt sich der Wandel der Wiesbadener Verhältnisse im Hinblick auf die Beerdigungen. Die drei ausländischen Gemeinden hatten 1974 insgesamt 7 Beerdigungen, während die Ortspfarreien 855 zu verzeichnen hatten. Man könnte sagen: die alternde deutsche Kirche wird durch die ausländischen Gemeinden verjüngt.

An dieser Stelle verdient die Landeshauptstadt Wiesbaden wegen ihrer vernünftigen Kommunalpolitik gegenüber den Ausländern herausgehoben zu werden. Sie sieht nicht nur die Probleme, die die ausländische Wohnbevölkerung aufwirft, sondern auch die positive Funktion, die sie für die Stadt hat, So weisen Verlautbarungen der städtischen Verwaltung daraufhin, daß die Ausländer zur Stabilisierung der schrumpfenden Einwohnerzahl Wiesbadens beitragen, es verhindern, daß die Innenstadt als Wohngebiet verödet und Wiesbadens Altersstruktur verbessern..

Die Kirche von Limburg versucht sich auf die 2. und 3. Generation mit ihrem Anrecht auf eine volle Integration einzustellen. Das erfordert ein Umdenken, um die Ghettosituation der Ausländer, auch der ausländischen Gemeinden, zu überwinden und eine Gleichberechtigung auf allen Gebieten zu erreichen. Eine Kultivierung der Ghettosituation gleich von welcher Seite sie betrieben oder zugelassen wird, ist künftig nicht mehr vertretbar. Notwendig ist ein Umdenken auf allen Ebenen, auch hier in Wiesbaden. Unumgänglich ist der verstärkte Einsatz von Mitteln und qualifiziertem Personal.


Wiesbadener Tagblatt vom 2. Juni 1976

Caritasdirektor als Stürmer

Volksfest soll Ausländer und Deutsche einander näherbringen

rsb.. – Pfingsten hat die katholische Kirche in Wiesbaden ausgewählt, um deutsche und ausländische Bürger einander näher zu bringen, und sie hat dazu ein konkretes Programm ausgearbeitet. Nach einer gemeinsam um 11.30 Uhr gefeierten Messe in St. Bonifatius am 1. Pfingsttag wird sich auf der Festwiese in Frauenstein ein großes Volksfest entfalten, bei dem Italiener, Spanier, Kroaten, Amerikaner, Portugiesen, aber auch einzelne Pfarrgemeinden ihren Beitrag, leisten.

Wie der Referent für Ausländerfragen beim Bistum Limburg Pfarrer Leuninger im Roncalli-Haus ausführte, gehe die Kirche davon aus, daß die Bundesrepublik Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist. Sie wehre sich dagegen, daß die ausländische Wohnbevölkerung durch direkten oder indirekten Zwang gegen ihren Willen reduziert wird. Sie wolle sich vor allem den ausländischen Kindern und Jugendlichen widmen.

In 19 Ortspfarreien von Wiesbaden wurden 1974 insgesamt 435 Kinder getauft, pro Gemeinde im Durchschnitt 23, dagegen habe der italienische Pfarrer allein 74 Kindern die Taufe gespendet. Mit der spanischen und kroatischen Gemeinde zusammen waren es 124 Taufen. Die drei ausländischen Gemeinden hatten 1974 insgesamt sieben Beerdigungen, die Ortspfarreien 855. Das zeige, so Leuninger, die alternde deutsche Kirche werde durch die ausländischen Gemeinden verjüngt. Leuninger hob auch die vernünftige Kommunalpolitik Wiesbadens gegenüber den Ausländern hervor.

Die Kirche von Limburg fordert ein Umdenken, um die Ghettosituation der Ausländer und auch der ausländischen Gemeinden zu überwinden. Erstmalig nach den neuen Pfarrgemeinderatswahlen ist in jeder Pfarrei Wiesbadens ein Gremium oder eine Person, die sich den Ausländern in besonderem Maße widmet. Im Synodalrat sind ein Spanier und zwei Italiener vertreten. Es sei Ziel von Limburg, auch eine Ortspfarrei in Wiesbaden mit einem ausländischen Pfarrer zu besetzen, ein Ziel, für das schon Vorbereitungen getroffen seien. Viele ausländische Pfarrer leben schon lange in Deutschland, Don Hermoso beispielsweise wirkt schon 15 Jahre in Wiesbaden. So soll das Volksfest am ersten Pfingsttag, 6. Juni, keineswegs eine Alibifunktion bedeuten, sondern im Rahmen einer kontinuierlichen Arbeit stehen, die nun aber noch mehr aktiviert werden soll.

In der Pfingstmesse werden Stadtdekan Bardenhewer, Don Hermoso, Pater Mario, Pater Vladimir und Chaplain Mahen sprechen. Das Volksfest in Klarenthal wird gemeinsam mit der dortigen evangelischen Gemeinde von der katholischen Gemeinde St. Georg und Katharina ausgerichtet, andere Wiesbadener Pfarreien bauen Stände auf, besonders für die Kinder. Es werden Gulaschsuppe, Bratwurst und Steaks ausgegeben. Alle Nationalitäten zeigen Folklore-Darbietungen. Eine italienische Tanzkapelle wirkt ebenso mit wie die Kapelle der Pfarrei Dotzheim. Um 16 Uhr findet ein Prominenten-Fußballspiel statt, bei dem die „Hauptamtlichen“ gegen die „Gewählten“ spielen werden. So- wird Caritas-Direktor Smentek als Stürmer fungieren, während sich Pfarrer Welzel,auf die Verteidigung beschränken wird.


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