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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV ASYL 1996 :::
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
vom 7./8. September 1996

Zehn Jahre „Pro Asyl“
Unerbittlich und unersetzlich
nur in Maßen erfolgreich?

Ohne die „Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge
wäre die Stimme der Humanität in Deutschland
noch leiser


Von Heribert Prantl

Man habe „ein beachtliches öffentliches Echo gefunden“. Man habe auch „einzelnen Asylsuchenden helfen können“. Aber es sei nicht gelungen, „die erbärmliche politische Kampagne gegen Flüchtlinge zu verhindern“: Jürgen Micksch, interkultureller Beauftragter der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, ist hin und hergerissen, wenn es darum geht, über die Arbeit von „Pro Asyl“ Bilanz zu ziehen.

Vor zehn Jahren war er einer der Gründer dieser „bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge“. In diesen zehn Jahren hat Deutschland die schlimmsten Ausschreitungen gegen Flüchtlinge erlebt. In diesen zehn Jahren wurde das Asylgrundrecht drastisch verkürzt, wurde Abschiebehaft selbst gegen Kleinkinder verhängt, haben sich Flüchtlinge aus Angst vor der Abschiebung in der Zelle umgebracht. Die vergangenen zehn Jahre waren zehn Jahre contra Asyl. Der kleine Verein „Pro Asyl“, er zählt heute fünftausend Mitglieder, hatte nicht die Kraft, das Asylrecht zu erhalten.

War also die Arbeit von „Pro Asyl“ erfolglos? Ohne „Pro Asyl“ wäre die Stimme der Humanität noch leiser in diesem Land. Ohne Pro Asyl hätten die Flüchtlinge keinen Anwalt,

Selbst der Liberale Burkhard Hirsch, der sich im politischen Streit durchaus wacker für das Asylrecht geschlagen hat, nannte Leuninger einmal einen „Fanatiker“, als der die rigorose Haltung der Bundesregierung gegen Kinderflüchtlinge geißelte und in alttestamentarischen Sprachbildern Flüchtlinge als „Botschafter des weltweiten Unrechts“ bezeichnete, denen besondere Ehrerbietung gebühre. Sie seien „theologisch gesprochen, Engel und Verkünder“, meinte Pfarrer Leuninger einmal. „Wir aber behandeln sie wie den Boten der Antike, der wegen seiner schlechten Nachricht umgebracht wird“. Solches Reden und solche Kompromißlosigkeit sind einer Politik suspekt, deren Alltag aus Kompromissen besteht und bestehen muß. Pfarrer Leuninger organisierte Wachen vor Flüchtlingsheimen, stand dort auch selbst auf Posten; daraufhin wurde sein eigenes Haus mit Pflastersteinen beworfen. Sein Kommentar dazu: „Man muß das Schicksal der Menschen teilen, für die man sich einsetzt“.

Das hat er immer wieder getan: Am 7. September 1986 begann er in der hessischen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Schwalbach einen Hungerstreik, um gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in Zelten zu protestieren. In einem offenen Brief an den Sozialminister kündigte er an, solange zu fasten, bis die Zelte abgebaut und die Menschen in festen Häusern untergebracht würden. Die Lagerleitung servierte Hähnchen mit Reis, aber die Asylbewerber verweigerten das Essen: „Wenn der Father fastet, dann fasten wir auch“. Der Sozialminister gab schließlich widerwillig nach, der Kirchenmann brach nach fünf Tagen sein Fasten ab. Die 200 Flüchtlinge wurden in feste Unterkünfte verlegt. Diese Unerbittlichkeit Leuningers hat die Arbeit von „Pro Asyl“ bis heute geprägt. Leuninger sitzt mittlerweile im Europäischen Flüchtlingsrat, sein Nachfolger bei „Pro Asyl“ ist Heiko Kauffmann, der lange bei der Kinderhilfsorganisation „Terre des hommes“ gearbeitet hat.

Als vor ein paar Jahren die Genfer Flüchtlingskonvention vierzig Jahre alt wurde, sprach „Pro Asyl“ von einem „Jubiläum mit Trauerflor“. Es gäbe wenig zu feiern. In der Tat sah das Festessen für eine knappe Million moçambiquanischer Flüchtlinge in Malawi damals so aus: 400 Gramm Mais, 40 Gramm getrocknete Bohnen, fünf Gramm Salz, 20 Gramm Speiseöl. Mit dieser Zuteilung mußte ein Flüchtling vierzehn Tage lang auskommen. Mehr konnte der Flüchtlingskommissar nicht bezahlen – weil es an allen Ecken und Enden fehlte und fehlt: Es fehlt an Geld für humanitäre Hilfen, und es fehlt dem Flüchtlingskommissar an Kompetenzen für eine offensive Flüchtlingspolitik. Daran hat sich in den letzten Jahren nichts gebessert; im Gegenteil, es wird immer schlimmer: Der auf die Genfer Flüchtlingskonvention gestützte Schutz für Flüchtlinge in Europa kracht unter der Last von Rückübernahmeabkommen und Drittstaatenklauseln zusammen.

„Pro Asyl“ gehört zu den unbeirrbaren Mahnern, zu denen, die immer lauter neue und stabile europäische Schutzstandards fordern. Deshalb: Zehn Jahre sind zwar nur ein kleines Jubiläum — es verdient aber großen Respekt. Ein kleiner Verein tut die Arbeit, die, zum Beispiel, die Christen in den christlichen Parteien machen müßten.


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