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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV PRO ASYL PRESSEERKLÄRUNG 1992 :::
16.10.1992

WIR SITZEN ALLE IN EINEM BOOT


Beitrag für NEUE WESTFÄLISCHE, Bielefeld

Ist das Boot voll? Die Frage wird seit zehn Jahren gestellt.

Die Antwort der Politik lautet sei zehn Jahren: Ja! Dem widerspricht die Realität. Wenn das Boot jemals voll war, dann nach dem 2.Weltkrieg, als 14 Millionen Menschen aus dem Osten Deutschlands vertrieben wurden und in das weithin zerstörte Restdeutschland kamen. Da die Großstädte Ruinenfeldern glichen, wurden die Flüchtlinge auf dem Land untergebracht. Manche Gemeinden wuchsen damals um 30-50%. Es gab große Schwierigkeiten, aber es ging, es mußte gehen.

Und heute? Alle Flüchtlinge, die seit 2o Jahren in die Bundesrepublik gekommen und dann auch geblieben sind, machen nicht 14 Millionen, sondern 1,4 Millionen aus. Auf Tausend Einwohner kommen 2 geflüchtete Menschen. Was niemand, zur Kenntnis nimmt:Seit 1990 haben 100.000 Asylbewerber die Bundesrepublik wieder verlassen.

Ob das Boot voll ist? Seit zehn Jahren setzt die Politik auf Abwehr von Flüchtlingen. In diesen Tagen gaukelt sie wider besseres Wissen der Bevölkerung vor, eine Änderung des Grundgesetzes könnte die Fluchtbewegung nach Deutschland stoppen. Österreich, die Schweiz und auch Schweden haben in den vergangenen Jahren – auf ihre Bevölkerung bezogen – mehr Flüchtlinge aufgenommen als die Bundesrepublik. Dabei kennen diese Länder kein Grundrecht auf Asyl.

Es gibt einen großen Engpaß in der Unterbringung von Flüchtlingen, keine Frage. Die Länder und Kommunen haben es aber in der Vergangenheit sträflich versäumt, Vorsorge zu treffen und Unterkünfte zu schaffen. Sie haben auf heruntergekommene Hotels, Pensionen und leerstehende Schulen gesetzt. Die sind jetzt belegt. Die Unterbringung von Flüchtlingen ist aber keine vorübergehende sondern voraussichtlich eine Daueraufgabe. Wer dies der Bevölkerung nicht sagt und nicht gleichzeitig um Verständnis für die Flüchtlinge wirbt, handelt unverantwortlich.

Die meisten Flüchtlinge kommen aus Kriegs- und Krisenländer. Sie suchen Leib und Leben zu retten. Auf dem Balkan drohen in diesem Winter hunderttausende Flüchtlinge zu erfrieren. Dem größten Teil müßten bereits morgen heizbare Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden. Auch dies wurde von Europa nicht geschafft. Jetzt muß eine Rettungsaktion zur Aufnahme der vom Kältetod bedrohten Menschen in den westlichen Ländern, nicht nur in Deutschland, anlaufen. Viele Kasernen in der Bundesrepublik stehen noch leer! Die Bundesregierung verhindert, so eine Meldung von gestern, daß sie mit Flüchtlingen belegt werden!

„Ist das Boot voll?“ Die richtige Antwort müßte lauten: „Wir sitzen alle in einem Boot!“


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