Zwei Wunderknaben
Willy Praml führt in der Naxoshalle die
Weihnachtsgeschichte auf
Nun ist er also – lange schon ein Kinoheld und im Musical gar ein Superstar – im seriösen Theater angekommen: Jesus von Nazareth respektive „Jesus d’amour, geb. 0“. So, nicht ganz kitschfrei, heißt das Stück, das Willy Praml und Michael Weber in der Frankfurter Naxoshalle aus den vier Evangelien zusammengestellt haben. Doch was immer der Titel an Schmelz und Schmalz fürchten lässt, es tritt nicht ein. Willy Praml zieht sich souverän aus der Affäre sämtlicher Ästhetiken, die zwischen Krippenspiel, Oberammergau und Breitwandfilm mit dem Sujet fast schon verwachsen sind.
Bekannt, aber kaum noch vertraut
Die Aufführung lässt sogar den Schluss zu, dass die Abnutzung des Stoffs die eigentliche theatrale Herausforderung war: Wie erzählt man auf neue und moderne Weise etwas, was einerseits bis zum Überdruss bekannt ist, andererseits aber, wenn man den biblischen Text zugrunde legt, kaum noch vertraut, ja in seiner archaischen Bild- und Gleichnishaftigkeit geradezu verwirrend ist. Ein schmaler Grat bleibt angesichts dieser Parameter nur noch übrig, nämlich die Wucht des Textes hervortreten zu lassen und gleichzeitig zu Formen der Visualisierung zu finden, die zeitgenössischem, ästhetisch bewusstem Theater standhalten.
Nun, es ist geglückt, mit einer schönen Balance zwischen den Stilen und Genres, zwischen Lesung und szenischer Darstellung, zwischen heiligem Wort, ironischem Kitschzitat und sanft verfremdendem Comic. Nur der Anfang ist sehr ernst, sehr karg und düster. Drei alte Damen in schwarzen Pelzmänteln sitzen an einem langen, die ganze Guckkastenbreite (eine Verglasung trennt die kirchenschiffähnliche Naxoshalle von dem kleinen Bühnenraum ab) einnehmenden Tisch und verkünden, den Blick auf Bibeln im XL-Format gerichtet, die Ankunft des Messias und mit ihm den Beginn einer neuen Zeit. Aber noch während dieses Vortrags bemerkt man im Halbdunkel eine sonderbare Gestalt.
Sie trägt einen weißen Faltenrock, Kniestrümpfe, ein weißes Jackett und ist von dem fast kahlen Kopf bis zu den Schuhen mit Glitzerperlchen bedeckt. Das ist der Erzengel Gabriel (Michael Weber), der gleich zu einem ganz heutig aussehenden Paar (Sabine Knauber, Reinhold Behling) treten und ihnen die unglaubliche (sie sind dem Text nach zu alt) Geburt eines Sohnes voraussagen wird. Johannes solle er heißen und von Beruf Prophet werden. Unterdes neckt sich ein junges Liebespaar (Anja Spriestersbach, Tim Stegemann) und ist schon drauf und dran, sich die Kleider vom Leibe zu reißen, als Gabriel gerade noch rechtzeitig vor dem Verlust der Jungfräulichkeit dazwischenfährt. Auch Maria wird einen Sohn bekommen, und zwar – warnender Blick auf Josef – erzeugt vom heiligen Geist.
Ernste Musik, verschmitztes Spiel
So leichthin, heiter und gelöst werden die übrigen biografischen Stationen der Wunderknaben Johannes und Jesus (der, so lange er ein Kind ist, von dem kleinen Tarek Benaissa gespielt wird) abgehandelt, und doch ist der Ernst des Geschehens – immerhin wird eine neue Religion und Kultur begründet – durch die comichaften Bilder keinen Augenblick gefährdet. Der Ernst ist Teil des Textes, der in seiner epischen Form erhalten bleibt. Vor allem aber trägt die von Gregor Praml zusammengestellte Musik, was die Geschichte an Bedeutung und Pathos birgt. Sie setzt an mit sehr fremden, rauen, fast erdhaften Klängen und holt sich nach und nach aus dem großen Fundus der Kirchenmusik, was zum Text passt und, das ist das Schöne an dem Abend, zugleich die Verschmitzheit des Spiels spannungsvoll kontrastiert.
Jesus in der Fabrikhalle
Mit „Jesus d’amour, geb. 0“ zeigt das „Theater Willy Praml“ in Frankfurts Naxoshalle eine sehr gelungene und sehenswerte Fassung der Weihnachtsgeschichte.
Einmal in Oberammergau inszenieren sei sein Traum eigentlich, sagt Theaterleiter Willy Praml. Blasphemien auf offener Szene? Nein, damit habe er nichts im Sinn, wohl aber mit den Krippenspielen seiner bayerischen Kindheit. Wer sich ein Weihnachtsspiel ansehen möchte, aber Sorge trägt, profilierungssüchtige Theaterleute könnten ihm die Weihnachtszeit vergällen, dem sei – man ahnt es schon – hiermit Entwarnung gegeben.
Nun mag Theater selten genug fromm sein; genug ist das nicht. Nicht umsonst misst Praml sein Talent sonst an großen Schriftstellern oder der Ästhetik von Regie-Heroen, ein Maßstab, den er nicht suspendieren konnte, um szenisch zu frömmeln. Das tut er denn auch nicht. Wie aber entgeht der Theater-Alchimist der Quadratur des Kreises? Im Grunde lässt er sie links liegen. Nicht nur jeder Tag (scheint er sich zu sagen), jede Szene, jedes Darstellungsproblem hat seine Sorge. Nimmt man die Verwendung von Puppen für den neugeborenen Jesus und Johannes den Täufer aus sowie die allzu niedliche Besetzung des kleinen Christus (an den erwachsenen Jesus rührt „Jesus d’amour“ nicht), dann fährt er mit seinen Lösungen sehr gut. Die Raumverhältnisse der Naxoshalle nutzen Praml und sein Bühnenbildner Michael Weber, indem sie einen Abendmahlstisch in den Vordergrund vor der Glaswand stellen, der seitlich auf Palastfliesen, in der Mitte auf dem Heu der Krippe als Symbol der Heilsgeschichte steht: Unter dem Pflaster liegt das Heil, von liturgischem Gesang im östlichen Ritus gegliedert. Mit einem Abendmahl aller Beteiligten, Praml als Herodes, die verführerische Salome (Sarah Martin), die drei alten Damen als Marien und Magi, die Elternpaare und der tolle Weber als schicker androgyner Engel Gabriel im Rock und mit Engelsflaum als Zeichen seiner Präsenz – klingt der Abend beim Lesen von Lieblingsstellen des Evangeliums aus. Bis dahin rekapituliert das Ensemble mit viel Witz und klugen Einfällen die Momente der Weihnachtsgeschichte, wobei Praml szenisch das „typologisch“-überzeitliche Prinzip übernimmt, indem er vorgreifend die Abendmahlstafel und in der Fabrikhalle das Kreuz zeigt. (dek)
RESSOURCEN
Willy Praml führt in der Naxoshalle die Weihnachtsgeschichte auf
siehe auch:
Weihnachten 2005
Brief an Willy Praml