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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1971 ::: ARCHIV KIRCHE 1971 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 24. – 29. Mai 1971

RADIO KURZPREDIGTEN

Wie die Kinder


Es ist schon viel an den Worten herumgerätselt worden: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“. Darin liegt offensichtlich die Aufforderung sich an den Kindern zu orientieren. Das aber läuft unseren gewohnten Prinzipien zuwider. Immerhin liegt in dem Urteil „Die benehmen sich wie Kinder!“ ein starker Vorwurf. Er kritisiert das Verhalten Erwachsener, die den gebotenen Ernst vermissen lassen. Wo kommen wir hin, wenn wir uns nach den Kindern ausrichten wollten: Würden nicht all unsere Ordnungen zusammenbrechen? Die lange Erfahrung der Menschheit spricht dafür, daß sich die Kinder an den Erwachsenen orientieren und nicht umgekehrt. In den frühen Kulturen sind es die Stammesältesten gewesen, die Brauch und Sitte, Religion und Moral bestimmten. Dies geschah dadurch, dass sie sich ihrerseits an den Traditionen ihrer Vorfahren maßen. Je älter ein Stammesmitglied war, umso beachteter war es, weil es den früheren Generationen an nächsten stand. Das Kind, das geboren wurde, hatte sich in die Vorstellungen der Erwachsenen einzufügen.

lm römischen Reich hieß der Staatsrat Senat. Vom Wort her war es ein Gremium der Alten, weil Erfahrenen. Die Priester sind vom Ursprung her die Ältesten einer Gemeinde. Ganz selbstverständlich geht auch unsere heutige Erziehungspraxis davon aus, daß die Kinder und Jugendlichen von den Erwachsenen zu lernen haben. auch ihr Verhalten sollen sie nach diesen ausrichten. Das klassische Wort für die Beziehung Kind-Erwachsener steht ebenfalls wie das vom Kindwerden in der Bibel (bei Paulus) und lautet: „Als ich ein Kind war, sprach ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind. Seit ich ein Mann bin, habe ich abgelegt, was dem Kinde entspricht.“

Es ist also mehr als verständlich, wenn uns der Satz von den Kindern, die wir werden sollen, kaum eingeht. Wörtlich genommen, würde er erhebliche Konsequenzen für unser Leben mit sich bringen. Aus Gründen der Vernunft oder des gesunden Menschenverstandes konnten wir ihnen bisher recht gut ausweichen.

Es bannt sich aber eine Wende an. Die amerikanische Völkerkundlerin Margaret Mead sieht sogar ein neues Zeitalter heraufkommen. In diesem werden sich die Kinder nicht mehr nach den Eitern richten, sondern die Eltern nach den Kindern. Wir alle können ja bereits jetzt feststellen, daß die Erwachsenen Kinder und Jugendliche viel ernster nehmen, als wir es von früher her kennen. Das kann natürlich aus Schwäche geschehen. Mead erwartet aber, daß es künftig aus Einsicht in die verwandelte Situation geschieht. Da sich die Zeiten so schnell verändern, sind es die Kinder, die diese Veränderungen eher verstehen als die Erwachsenen. Wer vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, ist „unter einem Himmel aufgewachsen, über den noch nie ein Satellit gerast war“ (Mead). Die junge Generation findet das bereits selbstverständlich. Andererseits haben sie nie eine Zeit erlebt, in der die Menschheit nicht durch eine totale Vernichtung bedroht war. Aus diesen und vielen anderen Gründen empfinden sie ganz anders als die Erwachsenen. Von dem, was ihnen von früher erzählt wird, verstehen sie nur die Hälfte. Dafür leben sie mit einem Zeitgefühl, welches die Älteren kaum nachvollziehen können. Mead, die viele Völker und Kulturen studiert hat, sagt: „Heute gibt es auf der ganzen Welt keine Alten, die wissen, was die Kinder wissen“. Es ist demnach eine Überlebensfrage, dass sich die Erwachsenen nach den Kindern richten.

Diese Umstellung ist auch nach Christus eine Überlebensfrage- Er sagt den Erwachsenen, sie müßten wie die Kinder werden, um in das Reich zu kommen. Wenn es ihnen nicht gelingt, bleiben sie vom Heil ausgeschlossen. Auch hier wissen die Kinder, was die Alten nicht wissen. Sie wissen, daß die Traurigen lachen werden, daß die Sperlinge keine Sorgen haben, daß die Reichen arm dran sind, daß Gott große Überraschungen bereithält, daß nur Liebe zählt.


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