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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV ASYL 1984 :::

Wer hilft den Helfern?

Kirchliche Einflußnahme auf das Asylklima

INHALT

HINWEIS
Referat auf der Tagung „Lebenshilfe für Asylbewerber“ des Deutschen Caritasverbandes und des Katholischen Lagerdienstes vom 28. bis 29. Mai 1984 in Königstein/Taunus

ANMERKUNGEN
Die Hilflosen Helfer

Das Helfersyndrom

Den Helfern ist nicht zu helfen, da es ihnen extrem schwer fällt, ihrerseits Hilfe zu akzeptieren. „Die hilflosen Helfer“ besitzen nach Wolfgang Schmidbauer eine Abwehrstruktur, zu der es gehört, anderen auf Kosten der eigenen Bedürfnisse zu helfen, die eigene Hilfsbedürftigkeit aber abzulehnen (1). Während die Angehörigen der helfenden Berufe, und dazu zählen ja sicher die Sozialarbeiter und die Rechtsberater, danach trachten, ihren Klienten glaubhaft zu machen, daß die Annahme von Hilfe keine Schande ist, fällt es vielen von ihnen sehr schwer, selbst an diese Maxime zu glauben.

Aber vielleicht wehren Sie jetzt schon ab, indem Sie sich von dem „Helfer-Syndrom“ freifühlen, das sich schon durch in früher Kindheit erlittene, meist unbewusste und indirekte Ablehnung seitens der Eltern herausgebildet haben soll. Nach Schmidbauer akzeptiert der von ihm ausgemachte Helfer-Typ Hilfe allenfalls in der Form einer „Fortbildung“, wobei dies heute wahrscheinlich durch die Supervision abgedeckt wird. Schmidbauer glaubt, daß solche Helfer sich keine andere Form der Hilfe vorstellen könnten als einen besseren, perfekteren Ausbau des Systems von Einschränkung und Abwehr. Hier wäre vielleicht der aussichtslose und verzweifelte Ruf nach Stellenvermehrung einzuordnen.

Sehr ernst wird aber die ganze Frage, wenn Schmidbauer die Auffassung vertritt, daß das Helfersyndrom zweifellos auch dazu dient, „die strukturelle Gewalt in der heutigen Industriegesellschaft zu erhalten“. Die Über-Ich-Identifizierungen, durch die jede Veränderung ungeprüft als bedrohlich und angsteinflößend erlebt werde, sei der psychodynamische Hintergrund der destruktiv konservativen Position in der Gesellschaft (2). Wir erleben die Destruktivität dieser Gesellschaft im Rahmen des Abschreckungskonzepts, das gegenüber den Flüchtlingen und Asylbewerbern äußerst wirksam funktioniert.

Die Destruktion der Persönlichkeit der Asylbewerber ist nicht nur die vor Jahren bereits erkannte Gefahr, sondern wird von ihnen und allen, die mit diesen Menschen in Kontakt sind, als erschreckender, schleichender Prozess erfahren, gegen den es unter den gegenwärtigen Umständen kaum eine Hilfe gibt. Eher ist ihre Hilfe ein Teil des gesamten Konzepts, als daß es dieses Konzept in Frage stellen könnte. Das wird auch nicht durch den Ausbau des Systems geändert, sondern, wenn überhaupt, dann durch eine Änderung des öffentlichen Klimas und danach selbstverständlich auch durch eine Veränderung des Gesamtkonzepts selbst.

Ich beziehe mich hier auf die letzten kritischen Ausführungen des Vorsitzenden der Kommission für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Franz Hengsbach, Essen, vom 10. April dieses Jahres, in denen das totale Arbeitsverbot, die Sozialhilfe in Form von Wertgutscheinen, die Gemeinschaftsverpflegung oder die unzureichende medizinische Betreuung als bedenklich herausgestellt werden und darauf hingewiesen wird, daß das erzwungene Nichtstun zu seelischen Dauerschäden führen könne und auch zum Verlust beruflicher Qualifikationen (3). Den kirchlichen Betreuern fielen die zahlreichen psychischen Erkrankungen der Flüchtlinge auf. Hinzu käme oft die Diskriminierung von Familienangehörigen der Flüchtlinge, die nicht dem Familienoberhaupt gleichgestellt würden. An die Adresse der Caritas und der anderen Wohlfahrtsverbände sind die Worte des Bischofs gerichtet, wonach ihm auffällt, daß nicht wir selbst durch unsere eigenen Medien auf Mißstände, wie sie zwei Delegationen des Hohen Flüchtlingskommissars festgestellt hätten, aufmerksam geworden seien und auf Änderung der größten Ärgernisse gedrängt hätten. Aber, so muß ich fragen, wer hätte denn auf die Stimme der Caritas gehört? Und die Stimme des Bischofs? Fragen Sie nur die Katholiken in unseren Sonntagsgottesdiensten, ob sie wissen, was der Bischof vor kurzem gesagt hat; und wenn es überraschenderweise einer wissen sollte, dann fragen Sie, ob er damit einverstanden ist. Dennoch, die Aussagen von Bischof Hengsbach sind eine große Hilfe, sie könnten es zumindest sein, wenn wir in der Lage wären, damit umzugehen; wenn wir in der Lage wären, diese Aussagen in ein größeres Programm der Animierung und Aktivierung von Menschen im Sinne der Veränderung des Klimas gegenüber Flüchtlingen und Asylbewerbern einzuordnen.

„Die hilflosen Helfer“ wären schlecht beraten, wenn sie sich mit diesen sicher wichtigen Aussagen begnügen wollten. Sie stünden dann in der spezifischen Gefahr, die Kirche als Über-Mutter und die Bischöfe als Über-Väter zu betrachten. Ich selbst weiß nur zu gut um diese Versuchung projizierter Allmachtsphantasien. Was, so muß ich aber fragen, ist zwischen dem Grundsatzreferat von Weihbischof Wilhelm Wöste anläßlich der Asyltagung von 1981 und der Stellungnahme von Bischof Hengsbach geschehen? Damals waren die Tagungsteilnehmer sich hinsichtlich der „schwierigen und problematischen Arbeit der Sozialarbeiter und Rechtsberater“ darüber im klaren, daß diese Arbeit „- vor allem wegen des von der Öffentlichkeit weithin akzeptierten Konzepts einer Abschreckung – an ihre Grenzen gestoßen“ sei und in eine nicht mehr zu verantwortende menschliche Belastung der Mitarbeiter umzuschlagen drohe (4). Daran dürfte sich doch wohl in der Zwischenzeit kaum etwas geändert haben; im Gegenteil, die vorausgesehenen und vorausgesagten, die eingetretenen schweren menschlichen Schädigungen bei den Flüchtlingen haben die Arbeit vielleicht noch aussichtsloser gemacht. Und „die hilflosen Helfer“? In der Zusammenfassung der Tagungsergebnisse von 1981 hieß es, dieser Dienst könne nur durchgestanden werden, „wenn er nicht ausschließlich finanziell und organisatorisch, sondern vor allen auch ideell, glaubensmäßig von der Kirche mitgetragen wird“. Ist an der Stelle etwas in Gang gekommen, haben Sie etwa Ihre Kirche um Hilfe gebeten? Ich kann es nicht sagen!

 

Ein Hilferuf

Ein Hilferuf an mich kam von ganz anderer Seite, ein Ersuchen um Hilfe, um kirchliche Hilfe, und zwar nicht aus dem Bereich der professionellen, sondern der ehrenamtlichen, ja der spontanen Helfer. Auf diese hilfesuchenden und wiederum hilfreichen Helfer möchte ich mich im folgenden beziehen und von Erfahrungen berichten, die ich mit dieser Gruppe von Helfern gemacht habe, die vielleicht die wichtigste Gruppe ist, die den professionellen Helfern helfen könnte; vermutlich nicht zuletzt deswegen, weil es sich um Helfer handelt, die sich selbst helfen lassen. Dies klingt paradox, kann aber dialektisch verstanden werden.

Ausgangspunkt meiner berichtenden Darlegung soll das Schreiben einer Dame aus einer Taunusstadt sein, die sich seit über zehn Jahren in überzeugender Weise für die gegenseitige Integration von deutschen und nichtdeutschen Menschen einsetzt. Anfang Mai richtet sie einen dringenden Appell an die evangelische und katholische Kirche, sie, es handelt sich um einen Kreis von Deutschen und Ausländern, in ihren Anliegen zu unterstützen (5). Seit zwei bis drei Jahren, als Asylbewerber in „Hotels“ einquartiert wurden, seien völlig neue Probleme auf sie zugekommen. Trotz der Zusammenarbeit mit Mitarbeitern von amnesty international sähen sie sich immer weniger in der Lage, effektiv helfen zu können. So hätten sie vor einigen Wochen zusehen müssen, wie drei Flüchtlinge auf Betreiben eines Hotel-Wirts vom Kreissozialamt von einer Stunde zur anderen aus ihrem Quartier buchstäblich herausgeworfen und in die GU Dorfweil im Hintertaunus „verlegt“ worden seien. (GU sind nicht die Anfangsbuchstaben von GULAG, sondern die offizielle Abkürzung von Gemeinschaftsunterkunft). Die Flüchtlinge hätten nicht die Möglichkeit gehabt, zu Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dies sei aber nur eins von vielen Beispielen der Zustände in einem bestimmten Hotel. „Ich kann Ihnen versichern“, so wörtlich, „daß man nicht übersensibel zu sein braucht, um diese Zustände himmelschreiend zu nennen“.

Nun seien die einzigen Institutionen, die ihren Einfluß geltend machen könnten, die Kirchen. Gerade in den Kleinstadtgemeinden spielten das Wort des Pfarrers, des Kirchenvorstandes und des Pfarrgemeinderats noch eine Rolle. Aber diese müßten oft selbst erst darauf gestoßen werden. Und nun die Bitte an die Kirchenleitungen, die Kirchengemeinden „von oben“ eindringlich unter anderem darauf hinzuweisen,

  • daß es möglicherweise Flüchtlinge in ihren Mauern gibt, – daß diese nicht nur „froh sind, bei uns unterzukommen“, sondern in der Regel Furchtbares hinter sich haben und unter seelischen und materiellen Schwierigkeiten leiden und
  • daß dazu die Enge und der Mangel an sinnvoller Beschäftigung in den Quartieren kommt.

Die Briefschreiberin bittet zum Schluß, einem solchen Appell seitens der Kirchenleitungen nicht zu skeptisch gegenüberzustehen. Wörtlich: „Ich meine, daß er uns Fußvolk den Rücken stärken könnte, daß es helfen würde, die breite Basis, die man z.B. für Wohnungs- und Arbeitssuche braucht, herzustellen.“

Trotz dieses eindringlichen Hilfeersuchens blieb die kirchliche Antwort zurückhaltend. Evangelischerseits wurde bezweifelt, daß ein Appell der Kirchenleitung tatsächlich hilfreich sein könne (6). Nach Absprache mit mir erwähnt das Schreiben zwei aktive Arbeitskreise in Kelkheim und Hofheim, die sich mit Asylfragen befassten. Nun wäre zu überlegen, ob nicht auch in K. – in engem Kontakt mit den bestehenden Arbeitskreisen – ein ähnlicher Kreis gebildet würde. Dieser sollte sich dann seinerseits mit einem Aufruf an die kirchlichen Stellen auf Bezirksebene wenden, um auf die Situation aufmerksam zu machen, und entsprechende Aktionen für die Kirchengemeinden anregen. Ich hätte mich wegen der besseren Kontakte im Bezirk bereit erklärt, bei der Gründung und Motivierung eines solchen Arbeitskreises behilflich zu sein und würde auch einen entsprechenden Vorstoß bei den kirchlichen Stellen des Bezirks mit eigenen Stellungnahmen unterstützen.

Die kirchliche Antwort ist ein Versuch, das Anliegen aufzugreifen, aber auch die Erwartungen an die Über-Väter auf ein realistisches Maß zurückzuführen. Dabei steht aber immer noch die Anfrage des Briefes aus K., wann und auf welche Weise sich eine Kirchenleitung auf Landes- und Bistumsebene an einem Animationskonzept beteiligt und auf welche Weise sie an einem günstigeren Asylklima mitwirkt. Natürlich könnte ich hier auch auf die verschiedenen kirchlichen Stellungnahmen, nicht zuletzt auf die der Diakonie und der Caritas von Hessen, verweisen. Sie enthalten aber neben der notwendigen kritischen Aussage kein Programm, um Gemeinden oder wenigstens Gemeindegruppen zu aktivieren. Ich hielte dies nicht nur für notwendig, sondern durchaus auch für möglich. Allerdings bezweifelte ich aus Erfahrung eine generelle Mobilisierbarkeit der Pfarreien. Die kirchliche Reaktion auf den Brief von Frau H. ist einerseits zurückhaltend, enthält andererseits aber auch den Versuch, ein gewisses Kooperationsprogramm aufzustellen. Bei diesem geht es in Ansätzen darum, die verschiedenen kirchlichen Interventionsinstanzen in einer Weise aufeinander zu beziehen, daß jede den ihr eigentümlichen Part übernimmt. Das wichtigste dabei ist die Initiative vor Ort. Sie beruht meiner Erfahrung nach auf dem besonderen, ja einmaligen Einsatz einzelner Persönlichkeiten. Es entspricht ebenfalls meiner Erfahrung, daß es diese Menschen überall gibt, entweder in dem Sinne, daß sie bereits ein Engagement übernommen haben, oder in dem Sinne, daß sie ungewöhnlich stark motiviert und willens sind, eine Aufgabe zu übernehmen. Daher besteht die entscheidende Aufgabe der Animation nicht einmal darin, in den Pfarreien irgendwelche „Toten zu erwecken“, sondern Katalysator für Prozesse zu sein, die unter Umständen einer kleinen, aber phantasievollen Auslösung bedürfen.

So enthält der Brief an Frau H. den Hinweis auf Aktionsgruppen in Kelkheim und Hofheim, mit denen von K. aus Verbindung aufgenommen werden könnte. Ausgelassen ist ein Hinweis auf Eschborn, obwohl dort meines Wissens die erste, und zwar sehr kompetente Gruppe für Asylfragen im Bereich zwischen Main und Taunus gebildet wurde. Im Unterschied zu den anderen genannten Gruppen bezog sich aber die entscheidende Intervention dieser Gruppe auf das hessische Großlager in der angrenzenden Gemarkung von Eschborn, nämlich in Schwalbach.

 

Helfergruppen

Arbeitskreis Hilfe und Beratung für Asylbewerber Eschborn

Nach einer Besprechung des Bundeskanzlers mit den Regierungschefs der Länder im Juni 1980 entschied sich die Hessische Landesregierung für den Bau einer Gemeinschaftsunterkunft für ausländische Flüchtlinge in Schwalbach am Taunus mit einer Kapazität von 500 Plätzen (7). Im Unterschied zu anderen Großlagern soll die GU in Schwalbach am Taunus die Funktion einer zentralen Anlaufsteile für Asylbewerber wahrnehmen. Ausländische Flüchtlinge, die über den Flughafen Frankfurt/Main einreisen oder sich erstmals bei den Ausländerpolizei-Behörden melden, werden von dort nach Schwalbach weitergeleitet. Dort werden Bedienstete des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Zirndorf tätig sein, welche die vom Ausländergesetz vorgeschriebene Vorprüfung durchführen. Nach Abschluß der Vorprüfung erfolgt die Verteilung der in Hessen verbleibenden Asylbewerber auf die einzelnen Gebietskörperschaften nach dem Gesetz über die Aufnahme ausländischer Flüchtlinge. „Kurzgefasstes Ziel der GU, eine Vorfilterfunktion zu erfüllen“. Seit dem 3.11.1981 erfüllt das Lager Schwalbach die ihm zugewiesene Funktion, wobei die ursprünglich angenommene Aufenthaltsdauer der Asylbewerber in diesem Lager auf vier bis sechs Wochen angesetzt wurde und jetzt durchschnittlich zwei Monate beträgt (8).

Bereits in der Planungsphase des Lagers hat sich der Arbeitskreis „Hilfe und Beratung für Asylbewerber Eschborn“ gebildet. Zuvor hatte es die besorgte und kritische Stellungnahme der Konferenz der Caritasverbände in Hessen gegen Großlager gegeben (9). Dem Arbeitskreis gehören an katholische und evangelische Kirchengemeinden aus Eschborn, Niederhöchstadt und Schwalbach, Amnesty International, die Arbeiterwohlfahrt, der Frankfurter Rechtshilfefonds und der Initiativausschuß „Ausländische Mitbürger in Hessen“.

Der Arbeitskreis hat beachtliche Vorstellungen entwickelt, um auf die Konzeption des Lagers Einfluß zu nehmen. Er erwies sich als hartnäckiger, aber auch respektierter Gesprächspartner für das Hessische Sozialministerium, wobei es allerdings in einer Gesprächsnotiz des Kreises vom 21.10.81 über eine Diskussion mit Regierungsbeamten heißt: „Der grundsätzliche Eindruck ist genau derselbe vom letzten Gespräch mit Vertretern des Landes: Das Problem ‚Asylbewerber‘ wird abwehrend, technisch-verwaltungsmäßig angegangen, aber nicht von den Menschen her, um die es geht. Kaum verstanden wurde, daß es nicht nur um Betreuung gehe, sondern darum, „Freiräume eigener Initiative zu schaffen, die man brauche, um sich nicht als Mensch total ausgeliefert zu fühlen.“ (10). Ohne auf die einzelnen Forderungen des Arbeitskreises einzugehen, möchte ich auf einen wichtigen Teil des Aktionsprogramms hinweisen, das sich im Oktober abzeichnet. Danach will sich der Arbeitskreis mit anderen ähnlichen Arbeitskreisen stärker koordinieren und dabei inhaltliche Schwerpunkte verteilen. Auch sieht er es als notwendig an, parallel zu den sozialen und rechtlichen Bemühungen mehr Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und ausländerfeindlichen Tendenzen entgegenzuwirken. Schließlich veranlassen die häufig geäußerten „politischen Vorgaben“, die die Weichen stellen, den Arbeitskreis, mit den Parteien und Landtagsabgeordneten ins Gespräch zu kommen. So reichen auch die Aktivitäten des Kreises von der Einrichtung einer Teestube und eines Spielkreises im Lager über eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit der Lagerleitung bis hin zu Aufklärungsveranstaltungen in den Gemeinden, Pressekonferenzen, Eingaben mit konzeptionellen Vorschlägen an den Hessischen Innen- und Sozialminister, an die Fraktionen des Bundestages und nicht zuletzt an den Bundesinnenminister. Hierbei versteht der Arbeitskreis seine von Rechtsexperten ausgearbeiteten Vorschläge als offensiven Diskussionsbeitrag gegen die vorherrschende Defensivhaltung in der juristischen und politischen Behandlung von Flüchtlingen in der Bundesrepublik Deutschland.

Es ist dem Arbeitskreis gelungen, Öffentlichkeit herzustellen, ein verstärktes Engagement der Gemeinden in der Umgebung des Lagers zu fördern, auf eine gewisse Humanisierung des Abschreckungskonzepts zu drängen und die politische Komponente der ganzen Frage herauszustellen. Vielleicht ist es auch ein Erfolg des Arbeitskreises, daß inzwischen im Lager ein Kindergarten eingerichtet wurde, nachdem noch im September 1982 beklagt werden mußte, daß die anfängliche Zusage der Einrichtung einer ständigen Spielstube aus baurechtlichen Gründen zurückgenommen worden war.

 

Arbeitskreis zur Betreuung der Asylbewerber in Kelkheim

Nicht weit von Eschborn liegt Kelkheim, eine Stadt mit 27.000 Einwohnern. Im Mai vergangenen Jahres beschäftigte sich eine Nachricht und ein Korrespondentenbericht der Deutschen Presse Agentur mit den dortigen Asylbewerbern, die in einen Hungerstreik getreten waren und denen vorgeworfen wurde, sie hätten das Essen auf die Straße gekippt (11). Hintergrund war die Entscheidung des Kreises, der die Versorgung der Asylbewerber von der Vergabe von Gutscheinen auf Gemeinschaftsverpflegung umgestellt hatte. Der Landrat des Main-Taunus-Kreises sah zusammen mit dem Kreisausschuß die Grenzen der Gastfreundschaft erreicht; ein solches Verhalten könne von der Bevölkerung als Beleidigung des Gastlandes empfunden werden. Von der gegenwärtigen Praxis der Gemeinschaftsverpflegung aufgrund der Weisung der Landesregierung könne die Kreisverwaltung nicht abgehen .

Auch hier schaltete sich unter der Leitung des evangelischen Pfarrers der Paulus-Gemeinde ein neu gebildeter „Arbeitskreis zur Betreuung der Asylbewerber in Kelkheim“ ein, der mit Eingaben, Briefen und Presse-Erklärungen an den Hessischen Sozialminister, den Landrat und die Parteien der Stadtverordneten-Versammlung von Kelkheim versuchte, eine Rücknahme dieser neuen Verfügung zu erreichen.

Zu diesem Vorgehen gehörte auch das Einbeziehen der übrigen Kirchengemeinden, der Wohlfahrtsverbände, des Eschborner Arbeitskreises und auch des Bischöflichen Ordinariates Limburg. Sehr aktiv in der Angelegenheit wurde der Eschborner Arbeitskreis. Aber auch die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege schaltete sich ein und zeigte sich dem Landrat gegenüber erschrocken, was den Tenor seiner Pressemitteilung betraf (12).

Regierungspräsidium und Ministerium deckten die Entscheidung nicht ab, so daß der Landrat seine Verfügung zurücknehmen mußte. Der Arbeitskreis hatte sein unmittelbares Ziel erreicht. Die Kontakte mit den Asylbewerbern veranlaßten ihn aber, diese im Sinne der Solidarität und Unterstützung weiterzuführen und zu versuchen, die Begegnung zwischen Asylbewerbern und Kelkheimer Bevölkerung mit dem Ziel des besseren Verständnisses zu fördern.

Eine Gruppe Königsteiner Bürger

Einen Erfolg gegen den Hochtaunuskreis errang auch eine spontan gebildete Gruppe Königsteiner Bürger, um die Verlegung von dreißig afghanischen Asylbewerbern aus einer Unterkunft in Königstein in eine andere, im Hintertaunus gelegene, zu verhindern. Auch hier wurden kirchliche Stellen und Wohlfahrtseinrichtungen eingeschaltet(13). In dem Konflikt waren einige Bürger von Königstein bereit, eidesstattliche Erklärungen abzugeben, in denen sie auf die engen Beziehungen hinweisen wollten, die zwischen ihnen und den Asylbewerbern in den beiden letzten Jahren entstanden waren. Nachbarn hatten den afghanischen Asylbewerbern Deutsch-Unterricht gegeben, es waren verschiedene Treffen mit interessanten Informationsprogrammen zustande gekommen. Ein Kinderarzt hatte die Kinder der Flüchtlinge unentgeltlich behandelt.

Unter dem Motto: „Afghanen – Politisch gefeiert, praktisch gefeuert“ wurde von dieser Gruppe mit den Asylbewerbern zusammen auf einem großen Königsteiner Volksfest ein Informationsstand errichtet. 537 Unterschriften trug eine Petition, die an den Hessischen Sozialminister ging. Das Verwaltungsgericht wurde eingeschaltet, es fanden Besprechungen mit Vertretern der Kreisverwaltung und des Ministeriums statt. Die Kreisverwaltung lenkte ein, die Asylbewerber konnten in Königstein bleiben.

Arbeitskreis Asylbewerber und Pax Christi-Gruppe in Hofheim

In der Kreisstadt Hofheim, die 37.000 Einwohner zählt, sind in drei Stadtteilen etwa achtzig Asylbewerber untergebracht. Dort hat sich, wie über die Presse in einer guten Öffentlichkeitsarbeit bekannt wurde, der „Arbeitskreis Asylbewerber“ konstituiert, in dem engagierte Bürger und Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt, des Caritasverbandes, des Roten Kreuzes und des Diakonischen Werkes zusammenarbeiten (14). Regelmäßiger Treffpunkt des Kreises ist das Evangelische Gemeindezentrum der Johannes-Gemeinde. Die Mitglieder des Arbeitskreises besuchen die ausländischen Familien und leisten erforderliche Hilfen. Eine Lehrerin betreut die Schulkinder bei den Hausaufgaben, andere Familien laden regelmäßig Kinder zum Spielen und zum Erlernen der Sprache ein. Vor allem wirbt der Arbeitskreis in der Öffentlichkeit um Verständnis für die schwierige Lage der politischen Flüchtlinge. Dabei versucht er, ganz gezielt Einzelschicksale dazustellen, so etwa im Zusammenhang mit der Suche nach einer Wohnung für eine eritreische Mutter mit vier Kindern im Alter von ein bis neun Jahren. Die Kirchengemeinden werden veranlaßt, durch Spendenmittel einen Intensiv-Sprachkurs zu finanzieren.

Größte Erregung hatte um die Weihnachtszeit die Abschiebung einer jungen indischen Mutter mit zwei kleinen Kindern im Alter von drei Jahren bzw. drei Monaten aus Hofheim verursacht. Sie war von der Polizei abgeholt, zum Rhein-Main-Flughafen gebracht und in eine Maschine nach Bombay gesetzt worden (15). In ihrer Heimat stand ihr noch ein Weg von mehreren tausend Kilometern bevor. Der Landrat des Main-Taunus-Kreises hatte die Aktion ausdrücklich gebilligt und seine Behörde zur strikten Ausführung der Gesetze angewiesen.

Einer seiner Gründe für diese rigorose Maßnahme war, daß der Staat sich gegen eine Überfremdung wehren müsse. Dies hatte zu einer erbitterten, mehrwöchigen Leserbrief-Kampagne in einer der Tageszeitungen geführt, an der auch ich mich beteiligt hatte. Daraufhin kam es bei mir zu einem Kontakt und einer Mitgliedschaft in der Pax-Christi-Gruppe von Hofheim. Auch diese Gruppe befasst sich intensiv mit der Lage der Asylbewerber in Hofheim. An dem Tag, an dem die Stellungnahme von Bischof Hengsbach zur Frage der Flüchtlinge und Asylbewerber in der Presse erscheint, beschließt die Pax-Christi-Gruppe, einen Sprachkurs für neue nach Hofheim gekommene Asylbewerber zu finanzieren. Zuvor hat ein Rechtsanwalt, der der Gruppe angehört, den ihm bereits vorliegenden vollen Wortlaut der Stellungnahme vorgelesen. Eine Sozialarbeiterin hat danach über ihre Erfahrungen mit der trostlosen Perspektive der Flüchtlinge berichtet. Ein Sprachkurs scheint der Gruppe geeignet, um der schleichenden Depersonalisierung der Flüchtlinge entgegenzuwirken. Damit die Mittel hierfür in der Höhe von DM 2.000,– aufgebracht werden können und gleichzeitig möglichst viele Hofheimer Bürger für die Lage der Flüchtlinge sensibilisiert werden, plant die Gruppe ein Flugblatt, eine Pressekonferenz, Informationsstände in der Stadtmitte und auch Gottesdienste. Dies hat am vergangenen Wochenende stattgefunden.

Das Helferprofil

Das von mir Berichtete mögen Sie gewiß mit ähnlichen Erfahrungen abdecken. Daher durfte es also nicht darum gehen, Ihnen grundsätzlich Neues zu bieten, sondern höchstens darum, durchaus Bekanntes in einen Kontext zu stellen, der Einfluß haben könnte auf eine andere Gewichtung ehrenamtlicher Initiativen in einem zeitgemäßen und auf gesellschaftliche Veränderung angelegten Konzept professioneller Hilfe. So möchte ich auch versuchen, meinen Bericht konzeptionell verwertbar zu machen.

Hierbei verweise ich zuerst darauf, daß die aufgezählten Gruppen auf geografisch kleinstem Raum entstanden sind, dessen Durchmesser kaum mehr als zehn Kilometer Luftlinie beträgt. Die Bevölkerung der genannten Taunusstädte beläuft sich auf etwa 100.000 Personen. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, die möglichen Gruppen auf die Bundesrepublik hochzurechnen, und komme dabei – natürlich unrealistisch und fiktiv – auf ca. 3.000 ähnliche Asylgruppen. Selbst wenn ich mich bescheide, und eine Verteilung von Asylbewerbern auf Kommunen ab 10.000 Einwohnern annehme, wären es noch 1.100 Gruppierungen. Diese würden meines Erachtens ausreichen, um im Rahmen einer gezielten gesellschaftlichen Animation eine Veränderung des Klimas gegenüber Asylbewerbern und Flüchtlingen zu erreichen. Das sind so meine Phantasien!

Natürlich gibt es für das, was ich Ihnen für meinen Nahbereich vermittelt habe, Voraussetzungen, die überall, und einige, die nur hier gegeben sind. Sicher ist der Ausgangspunkt für die Initiativen das Aufnahmelager in Schwalbach. Seine Entstehung und Konzipierung hat durch politische Auseinandersetzungen zu einer Öffentlichkeit geführt, die die weitere Beeinflussung durch den Eschborner Kreis wesentlich erleichtert. Dies wiederum wirkte sich auf die spätere Arbeit der anderen Arbeitskreise aus.

Durch das Verteilungsgesetz des Landes Hessen wurde die weitere Voraussetzung geschaffen, daß in allen größeren Kommunen Asylbewerber in signifikanter Zahl lebten, die in ihrer Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften für sensible Menschen und Gruppen eine Herausforderung darstellten, die in einem überschaubaren Kommunikationsfeld relativ schnell zu Solidarisierungen führen konnte. Es kam durch die persönlichen Kontakte und die Konfrontierung mit einzelnen Flüchtlingsschicksalen und dem politischen Abschreckungskonzept zu einem tiefen Erschrecken, das an die eigene Identität rührte und eine nachhaltige Betroffenheit auslöste.

Hier liegt dann auch eine nicht ausschließliche, aber spezifische Irritation kirchlicher Gemeinden, evangelischer und katholischer Pfarrer und einer bestimmten Gruppe von Christen, ich sage, einer bestimmten Gruppe von Christen, weil die Mehrheit der Gemeinden und der Gemeindemitglieder von ihrem Bewusstseinsstand her kaum in der Lage ist, das politische, in den Massenmedien vermittelte Bild des Flüchtlings und seiner Behandlung als den christlichen Vorstellungen widersprechend zu erkennen. Das heißt, die allgemein als legitim und legitimiert geltenden Vorstellungen sind landauf, landab in den Pfarreien verinnerlicht.

Der von selbst aktiv werdende oder auch relativ leicht aktivierbare Teil der sich als Christen verstehenden Menschen ist von seiner Einstellung, Motivation und sozialen Stellung her ein eher kritisches Element in der Kirche. Von der sozialen Stellung her dürfte es sich vornehmlich um Menschen handeln, die einen festen gesellschaftlichen Status besitzen, beruflich gesichert sind und dabei besonders geschätzten Berufsgruppen angehören. Von ihrer Ausbildung her sind sie in der Lage, analytisch und kritisch auf ihre Umwelt und auch auf die öffentliche Meinung zu reagieren, verfügen über zeitliche, physische und psychische Reserven, um sich auf ein konfliktorientiertes Engagement einzulassen und verstehen sich selbstverständlich darauf, ihre Vorstellung in einer Gruppe und in der Öffentlichkeit zu artikulieren. Vielleicht kommt auch eine gewisse soziologische Homogenität hinzu, d.h. eine gesellschaftliche Nähe zu den Asylbewerbern, die überwiegend den führenden Schichten ihrer Heimat angehören. Die Kommunikation mit ihnen ist daher nach Überwindung gewisser Barrieren, die nicht schichten-spezifisch sind, durchaus möglich. Die besondere Bedeutung dieses Personenkreises kann, soweit es sich um Angehörige sozialer und pädagogischer Berufe handelt, für eine Vermittlung und Verbreitung ihrer Ideen nicht hoch genug veranschlagt werden. Dabei kommt allem ein gesellschaftlicher Trend alternativer Prägung entgegen, der auf eine Umstimmung der gesamten Gesellschaft eingestellt ist und seinen bedeutendsten Ausdruck in der Friedensbewegung gefunden hat.

Bischof Hengsbach hat als Alternative für Großlager eine Unterbringung in kleineren Wohneinheiten und Unterkünften empfohlen, die es ermöglichten, die Last der Aufnahme großer Zahlen von Asylbewerbern auf die verschiedenen Kommunen und Kreise zu verteilen, eine Empfehlung, die im Grundsatz zum Beispiel in Hessen verwirklicht wird (16). Nach Hengsbach würde diese Form der Unterbringung es ermöglichen,

  • menschliche, kulturelle und soziale Kontakte zu fördern,
  • Hilfen für eine sinnvolle Lebensgestaltung anzubieten,
  • die schulische und berufliche Bildung, vor allem der Kinder und Jugendlichen, sicherzustellen,
  • die am Ort vorhandenen Betreuungs- und Beratungseinrichtungen mit einzubeziehen, und schließlich
  • das vorhandene Potential ehrenamtlicher Helfer, vor allem auch aus den Gemeinden, zu aktivieren.

Betrachten Sie mein Referat, das auf begrenzten persönlichen Erfahrungen beruht, als eine Anregung, wie die kirchlichen Vorstellungen eingelöst und vor allem ehrenamtliche Hilfe aktiviert werden kann. Vielleicht wollen Sie sich doch helfen lassen.


Referat auf der Tagung „Lebenshilfe für Asylbewerber“ des Deutschen Caritasverbandes und des Katholischen Lagerdienstes vom 28. bis 29. Mai 1984 in Königstein/Taunus


ANMERKUNGEN
Die Hilflosen Helfer

  1. W. Schmidbauer, Die hilflosen Helfer, Hamburg 1978, S. 21
  2. aaO., S. 208
  3. Katholische Nachrichten Agentur (KNA) Nr. 11/10.4.1984, Wortlaut des Interviews
  4. in: Kirche, Caritas und Asylsuchende, Tagungsbericht 1981, Hrsg. Deutscher Caritasverband Freiburg Br., S. 19f
  5. Schreiben vom 4.3.1984 im Archiv des Verfassers
  6. Schreiben des Kirchlichen Außenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands vom 16.3.1984, Kopie im Archiv des Verfassers
  7. vgl. D. Hummel, Die Unterbringung von Asylbewerbern in Hessen in: U. Sievering, Hrsg., Politisches Asyl und Einwanderung, Frankfurt/M. 1984, S. 61-73
  8. Hess. Landtag, Drucksache 10/1131, 14.6.1983, S. 35
  9. vgl. Katholische Nachrichten Agentur (KNA) vom 28.7.1980
  10. Stellungnahme zur Asylpraxis vom 24.8.1983, Eschborn, Text 1, Archiv des Verfassers
  11. Deutsche Presse Agentur (dpa) vom 24.05.1983
  12. Presseberichte und Kopien diverser Schreiben im Archiv des Verfassers
  13. vgl. Frankfurter Rundschau vom 12.8., 26.8. und 1.9.1983
  14. vgl. u. a. Wiesbadener Kurier vom 28.1.1984
  15. vgl. div. Pressemeldungen in Frankfurter Rundschau u. a. vom 24.12.1983 (Main-Taunus)
  16. vgl. Erklärung des Vorsitzenden der Kommission „Weltkirche“, Bischof Dr. Franz Hengsbach (Essen), zu bedenklichen Entwicklungen bei der Behandlung von Asylbewerbern in der Bundesrepublik Deutschland, Pressedienst des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz, 16/80, Bonn, 17.9.1980, S. 4

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