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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1986 :::

6. Dezember 1986

Der Mensch des Jahres

Weihnachtskommentar

(Entwurf für einen (nicht übernommenen) kirchlichen Kommentar in der
Weihnachtsausgabe der Frankfurter Neuen Presse)

INHALT
Der Mensch des Jahres 1986 ist Jesus Christus als Flüchtling, der eine Herberge sucht.

In den Tagen, vor Weihnachten kommt mir gelegentlich ein sonderbarer Gedanke. Ich stelle mir vor: Was Christen so schön singen und beten, das passierte – tatsächlich! In den Kirchen wird mit Inbrunst gesungen: „Komm, du Heiland aller Welt!“ Und er kommt, kommt nach Frankfurt, Wiesbaden oder Limburg. Er ist einfach da. Was dann?

Sicher brächte er unser Programm hier erheblich durcheinander. Wir könnten nicht mehr so schön von seinem Kommen singen. Mit unserem Weihnachten wäre es dann vorbei, denn er wäre ja da. Welten brächen zusammen, nicht nur die mit Sonne, Mond und Sternen, auch fromme Welten, Welten, die wir uns selbst zurecht gemacht haben.

Es würde sich nämlich sofort die Platzfrage stellen. Haben wir Platz für ihn? Wo bringen wir ihn unter? In Bethlehem war offensichtlich kein Platz mehr. Alle Pensionen waren überfüllt. „Das Boot ist voll!“ sagten der Bürgermeister, seine Mitarbeiter, die Pensionsinhaber. Aber irgendwo ist noch ein Stall frei für das Ungeborene, vielleicht auch ein Hirtenzelt für Mutter und Kind.

Haben wir Platz in unseren Kirchen, Gemeindehäusern, in unseren Häusern, Hotels und Pensionen? Verrückte Frage ! Eine schwangere Frau mit ihrem Mann, die bringt das Sozialamt noch allemal unter. Und wenn das noch Maria wäre, die Gottes Sohn gebären wird, bitte, da hätten noch ein schönes Appartement über dem Kindergarten frei. Sie hätten’s dann auch nicht weit bis zur Kirche später; Kindergottesdienst ist immer um 9 Uhr.

Ist Platz da für Jesus Christus? Ja, wenn wir genau wüßten, wie er aussieht, wäre vielleicht Platz genug da. Aber wenn wir Schwierigkeiten haben, ihn als den Angekommenen zu erkennen, weil er doch ganz anders ausschaut, als wir erwarten? Dann besteht die Gefahr, daß kein Platz für ihn da ist.

Dabei kommt er gar nicht in Verkleidung, er kommt ganz natürlich, ganz menschlich, als einer wie Du und ich, vielleicht nicht mal wie ich, denn ich bin ja von weitem als Bischof erkennbar. Jesus ist so nicht auszumachen.

Die Geburt Jesu, sein erstes Kommen wird in der Bibel ohne besondere Betonung erwähnt, fast beiläufig. Es geschieht nichts außergewöhnliches. Kein Engel hütet die Krippe, keine übernatürliche Stimme wird laut. Maria wickelt das Kind in Windeln, wie jede Mutter es tut. Das ist alles. Man erwartet Engel und himmlischen Glanz und findet Staatsgewalt, Steuereintreibung, Reise, Geburt und Windeln – Alltäglichkeiten in unserer Welt.

Das Geheimnis des Neugeborenen wird nicht von den Menschen selbst entdeckt. Nicht einmal die Eltern hätten es von sich aus erkannt. Es wäre verborgen geblieben, hätte Gott nicht gesprochen.

Dies gilt auch für das Kommen des Herrn in unsere heutige Welt. Er kommt, und es ist etwas Alltägliches und nur weil wir das Wort Gottes haben, können wir ihn als den Befreier und Heiler der Welt erkennen.

Wie er in diese Welt kommt, wie er aussieht, steht klar in der Bibel: Ihr könnt mich erkennen, sagt Jesus: Ich bin der Mensch, der hungert, ich bin der Flüchtling, ich bin derjenige, der kaum etwas anzuziehen hat, ich bin der Kranke, ich bin der Strafgefangene.

Jetzt gibt es die Menschen, die sich Jesus zuwenden und ihm Unterkunft, Kleidung, Nahrung und Solidarität gewähren, ohne zu wissen und zu ahnen, daß es der Herr ist.

Dann gibt es jene, die sich von Jesus abwenden, weil sie ihn nicht erkennen und nicht erkennen wollen.

Und schließlich gibt es diejenigen, die den ankommenden Herrn aufnehmen, weil sie wissen, daß Er es ist. Dies sollten die Christen sein.

Nach Gottes Heilsplan kommt Jesus in diesem Jahr gerade als Flüchtling zu uns. Von ihm hat sich manch einer der Großen und Kleinen ein Zerrbild gemacht. Der Mensch des Jahres 1986 war für die Bundesrepublik der Flüchtling, den es abzuwehren galt, für den kein Platz mehr da war. In Wirklichkeit ist der Mensch des Jahres Jesus Christus selbst.


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