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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1985 :::

Informationsdienst
27.12.1985

WEIHNACHTEN FÜR ALLE


Weihnachten ist gut überstanden. Aber eine Frage ist noch geblieben, eine für uns neue Frage. Feiern Muslime, Buddhisten und Hindus auch Weihnachten? Einfach zu beantworten: natürlich nicht! Weihnachten ist doch ein christliches Fest! Aber wenn sie unter uns leben als türkische Familien oder Flüchtlinge aus Asien und Afrika? Auch einfach zu beantworten, wenigstens für Beamte der deutschen Sozialverwaltung. Sie verweigerten muslimischen, buddistischen und hinduistischen Sozialhilfeempfängern das Weihnachtsgeld. Ihr am Wortlaut des Gesetzes geschulter Geist sagte sich: das sind keine Christen; Damit haben sie auch keine Sonderausgaben, brauchen keine Geschenke und Weihnachstbäume; Weihnachtsgans und Christstollen sind überflüssig.

Entrüstet meldete sich die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung Frau Funcke zu Wort. Sie fand es abwegig in einem christlichen Land ausgerechnet an Weihnachten die Bedürftigsten leer ausgehen zu lassen. Der Caritasverband von Münster meinte kurz und bündig zu diesem adventlichen Wiehern des Amtsschimmels: weltfremd! Nun, die Aktion „zahlen nach Vorschrift“ wurde schleunigst abgeblasen. Alle, auch die nichtchristlichen Sozialhilfeberechtigten erhielten ihren bescheidenen Zuschlag zum Christenfest.

Weihnachten ist zwar ein christliches Fest, aber es wird beileibe nicht nur von Menschen gefeiert, die sich als Christen verstehen. Klagen nicht Kirchenführer immer wieder, wie weltlich dieses Fest geworden sei? Diese Klagen haben bisher nichts daran geändert, daß Weihnachten für alle, für fast alle, das Fest der Feste ist. Weihnachten würde auch noch gefeiert, wenn es keine Christen mehr gäbe. Dafür ist es viel zu schön.

Unsicher sind allenlinqs viele türkische Familien. Die Eltern kennen Weihnachten nicht aus ihrer Heimat. Sie sehen auch, daß es irgendwie ein christliches und absolut kein Fest des Islam ist. Aber die Kinder! Sie wollen Weihnachten genauso feiern wie ihre deutschen Schulfreunde. Sie träumen wie alle anderen Kindern vom geschmückten Weihnachstbaum im Wohnzimmer, von den Geschenken, die sie gerne hätten. Wie könnten die Eltern den Kindern ihre sehnlichsten Wünsche ausschlagen? Sie sollten sich damit trösten, daß man wirklich kein Christ sein muß, um dieses winterliche Geschenkfest zu begehen. Daher ist die Bitte einer türkischen Kindergärtnerin durchaus verständlich, die türkischen Kinder doch auch Weihnachten feiern zu lassen.

Weihnachten ist ein Allerweltsfest. Dennoch betrachten es unzählige Christen als ihr besonderes Fest. Und eine Reihe von ihnen fragt sich, was dies denn für sie bedeutet, wenn gläubige Muslime, fromme Buddhisten oder Hindus in ihrer Nachbarschaft leben. Abgrenzung von ihnen gerade an Weihnachten? Auch sie sind unsicher.

Im letzten Jahr berichtete der Korrespondent einer Frankfurter Zeitung aus Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias. Dort leben Muslime, Hindus und Buddhisten und auch ein paar Christen. Ja, es ist eine Vielreligionen- und Vielrassengesellschaft. Jede Religion hat ihre eigenen Hochfeste.

Es gibt aber eine Besonderheit, die der Korrespondent aus Deuschland im Fernen Osten von Nichtchristen gelernt hat und die er gern „exportieren“ möchte. Er stellt am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag eine Fackel vor seinem Hoftor auf und lädt damit für jeden sichtbar zum Haus der offenen Tür ein. Wie auch die Nichtchristen an ihren jeweiligen religiösen Feiertagen bitten damit die Christen ihre andersgläubigen Mitbürger – seien es Bekannte, Freunde oder Wildfremde – zum gemeinsamen Festmahl. Die Kluft zwischen den Menschen und sogar zwischen den Religionen wird damit überbrückt.

Weihnachten könnte auf ähnliche Weise auch bei uns ein Fest für alle werden, ein durch und durch christliches Fest sogar!

(Herbert Leuninger)


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