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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV ASYL 1999 :::

Was können Bibliotheken
für Heimatlose in Deutschland tun?

Glossen zu einem bibliothekarischen Konzept
für multikulturelle Gesellschaften

INHALT

INFO: Herbert Leuninger, Jahrgang 1932, war 8 Jahre Sprecher von PRO ASYL und danach Europareferent der Organisation. Zuvor war er auf dem Migrationssektor tätig. Der Artikel ist erschienen in Möller, B. (Hrsg.), People Without Places – Die Bibliothek als Fluchtpunkt, Laurentius Sonderheft, Hannover 1999

„Die Dienstleistungen in der Öffentlichen Bibliothek basieren auf der Gleichheit des Zugangs für alle, unabhängig vom Alter, Rasse, Geschlecht, Religion, Nationalität, Sprache oder sozialem Status. Spezielle Dienstleitungen und Materialien müssen angeboten werden für die Benutzer, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht die regulären Dienstleistungen und Materialien benutzen können; z.B. sprachliche Minderheiten, Behinderte und Personen, die sich im Krankenhaus oder im Gefängnis befinden. Alle Altersgruppen müssen ihren Bedürfnissen entsprechendes Material finden. Sammlungen und Dienstleistungen müssen alle Arten von zweckmäßigen Informationsträgern und moderne Technologien wie auch traditionelle Materialien umfassen“.
Manifest der UNESCO 1994

Einführung

Es gibt viele Weisen, heimatlos zu sein. Immer sind damit die Wurzeln betroffen, die einen Menschen mit seiner Kultur verbinden. Das kann als Befreiung erfahren werden, zumeist ist damit aber Heimweh verknüpft und das Gefühl, etwas unwiederbringlich verloren zu haben.

Das gilt in erster Linie für Flüchtlinge. Im Vordergrund steht der Verlust der Familie, der befreundeten und benachbarten Menschen, der Kolleginnen und Kollegen, der politischen, religiösen, geistigen, kulturellen Gemeinschaft. Dann ist es die erzwungene Aufgabe von Haus, Besitz, Landschaft, Arbeit und Einkommen. Es gilt, mit dem Nötigsten bepackt, das nackte Leben zu retten. Aber diese Nacktheit ist schrecklich.

Frau aus Sebrenica
Frau aus Srebrenica (Ausschnitt)
Foto: Christian Jungeblodt (1995)

Sie bedeutet, auf sich allein zurückgeworfen zu sein, in die totale Abhängigkeit von fremden Menschen und Behörden zu geraten, nichts mehr oder kaum noch etwas zu gelten.

Gelegentlich wird in Zeitschriften oder bei Interviews die Feuilleton-Frage gestellt, welche zwei, drei Bücher jemand auf eine einsame Insel oder auf eine lange Reise mitnehmen würde. Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus. Oft wird das Buch der Bücher, die Bibel genannt, meistens sind es aber Werke irgendwelcher Lieblingsautoren, kaum Sachbücher. Auf jeden Fall spricht die Auswahl von dem Bedürfnis, in der imaginierten Einsamkeit und Isolierung nicht völlig von den kulturellen Wurzeln abgeschnitten zu sein.

Kulturelle, literarische und informationelle Bedürfnisse von Flüchtlingen

Bei den ungezählten Flüchtlingen, die ich kennengelernt habe, spielten Bücher erkennbar keine Rolle. Unter ihnen gab es viele, die weder Lesen noch Schreiben konnten. Sie kamen aus Ländern, in denen ein Großteil der Menschen keine oder nur eine dürftige Schulausbildung hatte. Herrschte dort über Jahrzehnte vielleicht Krieg oder Bürgerkrieg, war ein regulärer Schulbetrieb unmöglich. Sie, aber auch die meisten anderen dürften in ihrem spärlichen Gepäck keine Bücher gehabt haben, höchstens irgendwelche Dokumente, von denen sie oder ihre Angehörigen meinten, sie wären im Aufnahmeland von Nutzen.

Dennoch bringen sie ihre Kultur mit. Bei Festen oder besonderen Gelegenheiten zeigen sie sich gern in ihrer Nationaltracht. Die Frauen haben ihren Schmuck angelegt, wenn er ihnen auf der Flucht nicht geraubt oder als Schmiergeld geopfert worden war. Sie schlüpfen in ihre Gewänder und erleben damit den Reichtum ihrer Kultur. Ich entsinne mich der eritreischen Mutter, die ich im tristen Flüchtlingsheim kennengelernt hatte. Ich holte sie zu einem Gottesdienst in ihrer Muttersprache ab. Als sie mit ihren beiden kleinen Mädchen in der Tracht ihrer Heimat durch die Tür trat, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Für einen Augenblick vermeinte ich, der Königin von Saba zu begegnen.

Es sind nicht nur die Festtagskleider, die auf die Kultur verweisen, es sind vor allem auch die festlichen Mähler, bereitet zu besonderen Gelegenheiten. Wir hatten als Solidaritätskreis an die 100 Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Iran und Eritrea zu einem gemeinsamen Urlaub in einem Feriendorf Nordhessens eingeladen. Dort waren wir dann die Gäste. Jeden Tag wurden wir in ein anderes Haus zum Essen eingeladen. Die Gastgeberinnen und Gastgeber boten uns die Köstlichkeiten der Heimatküche, und zwar in großer Vielfalt. Wie sie dies bei den beschränkten Möglichkeiten geschafft haben, blieb uns rätselhaft. Wir jedenfalls tauchten in diesen Tagen wie nie zuvor in die gastlichen Kulturen Asiens und Afrikas ein.

Allein von diesen Erfahrungen her mußten wir uns mit Nachdruck gegen die in der Bundesrepublik herrschende Abschreckungsideologie wehren. Sie wollte per Gesetz die bescheidenen Möglichkeiten selbständiger und eigenkultureller Lebensgestaltung beschneiden. Kürzung und Umstellung der Sozialhilfe auf Sachleistung sollte den Flüchtlingen das Leben erschweren.

Nationaltracht und Heimatküche sind neben der Muttersprache wesentliche Pfeiler der Kulturpflege bei Flüchtlingen. Zu jedem Fest gehört aber auch die Musik. Nur wenige beherrschen ein Instrument. Die Musik, die sie lieben und hören, kommt von Kassetten. Vermutlich war die eine oder andere Kassette mit Liedern aus der Heimat im Fluchtgepäck. Die Mehrzahl der Kassetten sind aber Kopien von Landsleuten, die hier schon des längeren leben oder auch mit der Post übersandte Erinnerungen aus der Heimat. Jedenfalls ist der Kassettenrecorder ein wichtiges Gerät, um die eigene Kultur in die Fremde zu retten.

Eritreische Frauen, viele sind allein mit ihren Kindern nach Deutschland gekommen, feiern nicht den eigenen Geburtstag, das ist wohl unüblich, aber den ihrer Kinder. Auch hier die weiße Tracht und die traditionellen Gerichte. Der Kassettenrecorder wird gebraucht, wenn nach dem Essen Tänze der Heimat anstehen. Bis dahin läuft aber für Stunden der Fernsehapparat und der Videorecorder. Filme aus der Heimat sind es, schlechte Kopien zumeist, die dritte oder vierte Generation vom Original, irgendwann und irgendwo mit bescheidener Technik produziert. Lange Kamerafahrten über die Hügel der heimatlichen Landschaft, stundenlange Reden von Führern der Freiheitsbewegung oder der Exilregierung, professionelle und weniger professionelle Folklore-Darbietungen, aber auch Bilder über Massaker der Feinde, Kriegsberichte mit Soldaten in Siegerpose auf erbeuteten Panzern. Videobänder, Musikkassetten, sie erscheinen wichtiger als Bücher. Gelegentlich nur gibt es im Fernsehen Berichte über eines der Herkunftsländer der Flüchtlinge. Das sind für diese emotionale Höhepunkte. Hier werden sie nicht nur informiert, sondern fühlen sich vor allem auch in ihrem Fluchtschicksal ernst genommen, ernster als bei manchen Anhörungen und Gerichtsverhandlungen. Aber das sind nur seltene Ereignisse zu später Stunde, die nur wenige deutsche Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen. Selbst noch so gute Sendungen beeinflussen aber weder die öffentliche noch die politische Meinung.

Das Radio mit Kurzwellenteil ist für politisch interessierte Flüchtlings eine wichtige Informationsquelle und hier vor allem der Auslandsdienst der BBC. (Unsereiner fühlt sich an den 2. Weltkrieg und das heimliche Mithören des britischen Senders erinnert). Gelegentlich werden wir von unseren Freunden bereits Wochen, bevor spärliche Nachrichten über den Konfliktherd in Armenien und Aserbaidschan oder auch am Horn von Afrika die hiesigen Medien erreichen, informiert. Die über die Kurzwelle empfangenen Nachrichten lassen bereits zu einem frühen Zeitpunkt künftige Entwicklungen erahnen.

Viele Informationen erhalten die Flüchtlinge über das Telefon . Ich erinnere mich an einen Besuch bei einer armenischen Familie aus dem Iran. Am späten Abend begleitet mich der Familienvater ein Stück bis zur nächsten öffentlichen Telefonzelle. Er wolle noch seine Angehörigen in Spanien anrufen. Flüchtlinge erleben ihre Form der Globalisierung. Sie haben Angehörige und Landsleute in den verschiedensten Ländern. So suchen eritreische Familien, die in Deutschland leben, die Verbindung zu Verwandten in Italien, Großbritannien, in Kanada, den USA im Sudan oder in einem der Golfstaaten. Telefonate mit ihnen, auch mit Angehörigen in der Heimat, sind kostspielig, über die Informationsbeschaffung hinaus aber zur seelischen Stabilisierung notwendig.

Briefe und Postkarten sind für lese- und schreibkundige Menschen neben dem Telefon das bevorzugte Mittel, um mit der Familie und der Heimat in Verbindung zu bleiben. Post ist oft lange unterwegs, falls sie ihr Ziel überhaupt erreicht. Besonders schmerzlich ist es, wenn erst nach vielen Wochen per Brief die Nachricht eintrifft, daß der Bruder oder auch die Mutter verstorben sind. Zur Trauer kommt dann noch die Enttäuschung, erst so spät die Nachricht erhalten zu haben und nicht an den Trauerfeiern teilnehmen zu können. Dies ist in manchen Kulturen eine absolute Pietätspflicht. So war ein anerkannter Flüchtling aus Afghanistan durch nichts davon abzuhalten, nach Indien zu reisen, um die Asche seines verstorbenen Vaters auf rituelle Weise dem Ganges zu übergeben. Wir mußten das Hessische Innenministerium einschalten, um die ausländerrechtlichen Voraussetzungen hierfür zu schaffen.

Zeitungen und Zeitschriften wären eine wichtige Quelle für alle, die sich über das Lesen aktuell informieren. Wenn es entsprechende Medien gibt, dann nicht unbedingt in Deutschland. Sie erscheinen eher in Paris, Rom oder Los Angeles, sind schwer zu beschaffen, in ihrer Aktualität oft überholt und vor allem sehr teuer.

Zwei andere Projekte erlebten wir wegen mangelnden Geldes bzw. fehlender Professionalität als wenig erfolgreich. Es handelte sich um den finanziell aufwendigen und nur durch Spendenmittel ermöglichten Versuch, Flüchtlingsfrauen zu alphabetisieren. Dabei zeigte es sich, daß erwachsene Menschen, die in ihrer Kindheit nicht gelernt haben zu lernen, kaum in der Lage sind, mit Gewinn an Bildungsmaßnahmen teilzunehmen. Das zweite Projekt wollte eritreischen Kindern, die hiesige Schulen besuchten, an Samstagen die eigene Schrift und Kultur vermitteln. Hier fehlte es letztlich an geeigneten Lehrkräften.

Der Kontakt und die Freundschaft mit Flüchtlingen ist eine Quelle menschlicher, vor allem auch kultureller Bereicherung. Armenische Christen aus dem Iran machen uns z.B. bewußt, daß es dort eine große Minderheit mit jahrhundertealter christlicher Überlieferung gibt. Eine Hochzeit und eine Beerdigung, an der wir als Solidaritätsgruppe teilnehmen, lassen uns einen Einblick in die Riten einer traditionsreichen Kirche gewinnen. Das laute Weinen der Frauen, die sich im Zimmer des um seinen Bruder trauernden Asylbewerbers aus Eritrea eingefunden haben, erinnert an die Klageweiber der Bibel. Das strenge Fasten der armenischen Lehrerin, zu dem auch der Verzicht auf Eier und Milchprodukte gehört, lassen die Fastenregeln strenger mittelalterlicher Orden in neuem Licht erscheinen. Dies und viele andere Erfahrungen wecken unser Bedürfnis nach einer vertieften Beschäftigung mit dem vorderasiatischen Kulturraum. Wir erleben ihn als prägenden Hintergrund unserer Kultur.

Papiere, Papiere, in deutscher Sprache vom Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, vom Sozialamt, von der Schule, von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, von Gerichten, vom Einwohnermeldeamt. Sie sind schon für Deutsche kaum verstehbar. Wie sollen Flüchtlinge, selbst wenn das Behördendeutsch übersetzt würde, was schier unmöglich ist, ihren Gehalt verstehen? Lange und umständliche Erklärungen von Fachleuten sind unumgänglich. Das Dolmetschen gehört zu den schwierigen, aber lebenswichtigen Diensten für Flüchtlinge.

Wenn ich mich an Bücher bei Flüchtlingen erinnere, dann waren es vielleicht Wörterbücher und Bibeln, beides Bücher, die für eine Ausleihe wohl ungeeignet sind. Im Flüchtlingslager Schwalbach bei Frankfurt, dem Erstaufnahmelager Hessens halten meine evangelischen Kollegen Bibeln und Bibelteile in den verschiedensten Fremdsprachen vor. Bei ökumenischen Gottesdiensten werden sie auf Anfrage oder Wunsch an interessierte Flüchtlinge abgegeben, vor allem an Christen aus Afrika oder Asien. Gelegentlich sind auch Muslime an einer Bibel interessiert. Dabei soll aber keinesfalls der Eindruck erweckt werden, muslimische Flüchtlinge würden missioniert. Bücher gehören zu den Grundbedürfnissen, wenn erst einmal die Flucht überstanden und etwas seelische Ruhe eingetreten ist. Bisweilen kommen Flüchtlinge auch aus Gebieten wie Albanien, wo es bestimmte Bücher einfachhin nicht gab, sie waren verboten.

Das Informationsbedürfnis von Flüchtlingen ist am Anfang und für lange Zeit geprägt von dem Bemühen, zu verstehen, was um sie herum vorgeht, wie sie ihr Leben gestalten können, wie sie Arbeit finden, wie sie Kontakt mit der Familie und Landsleuten aufnehmen können, wer ihnen hilft, das Asylverfahren zu durchlaufen, wie sie medizinisch versorgt werden, welche Einrichtungen es für ihre Kinder gibt.

Für geraume Zeit sind sie außerstande, die deutschsprachigen Medien zu verfolgen oder gar zu verstehen. Nicht nur die Sprache ist fremd, sondern der ganze politische, gesellschaftliche und kulturelle Diskurs ist ein Buch mit sieben Siegeln.

Wenn sich Flüchtlingsgruppen regional, national oder auch international organisieren, herrschen politische Interessen und Informationsbedürfnisse für das, was in der Heimat ansteht, vor. Dabei zeigt sich sofort auch der Pluralismus der Parteien mit jeweils anderen Präferenzen. Vielleicht spielen sogar noch brutale Bruderkämpfe aus der Heimat, wie wir sie derzeit bei den Kurden im Nordirak erleben, eine Rolle. Es ist eine schwierige Aufgabe, die ethnische, religiöse und parteipolitische Vielfalt der jeweiligen Flüchtlingspopulationen richtig einzuschätzen. Das gelingt der deutschen Gesellschaft kaum bei Türken und Kurden. Es zeigte sich bei dem Konflikt in Bosnien in der Überraschung über die dort bestehenden ethnischen Verschiedenheiten und Spannungen. Was erst, wenn es um die Stammesvielfalt in afrikanischen Ländern geht!

Bevor ich darauf eingehe, was die dargelegten Erfahrungen und Erkenntnisse mit der Aufgabe einer öffentlichen Bibliothek zu tun haben, noch ein Erlebnis der letzten Tage. Ich erhielt Besuch von Tesfai, der aus Eritrea stammt, und den ich seit zehn Jahren kenne. Er brauchte meine Unterstützung und meinen Rat. Er will sich – hier auf Sozialhilfe angewiesen – in der Heimat eine neue Existenz aufbauen. Da er sich sprachlich trotz langer Anwesenheit in Deutschland nicht ausreichend verständigen konnte, brachte er nicht nur einen Stapel Formulare der Deutschen Ausgleichsbank sondern auch seinen Freund mit. Dessen Sprachgewandtheit lag aber nur unwesentlich über der von Tesfai. Ich konnte sie mit Kuchen bewirten, den mir eine eritreische Mutter zu Ostern gebacken hatte. Dazu gab es Tee nach eritreischer Art mit Nelken gewürzt. Die beiden meinten, es sei wie Zuhause. Tesfais Freund hatte ein Buch bei sich. Es wirkte wie ein Ausweis seines literarischen Interesses und seiner Sprachkompetenz. Und als wollte sein Unterbewußtsein genau dies unterstreichen, ließ er es beim Abschied liegen. Es stammte aus der Stadtbücherei Frankfurt, der Rückgabetermin war gerade abgelaufen. Es war irgendein Roman aus dem Rowohlt-Verlag. Ich war überrascht, daß der junge Mann, der das vergessene Buch gleich darauf bei mir abholte, sich deutschsprachige Bücher auslieh.

Zur Aufgabe von Bibliotheken gegenüber Flüchtlingen

In 1987 hat eine Sektion der IFLA (International Federation of Library Associations and Institutions) Richtlinien für Dienstleistungen von Bibliotheken für multikulturelle Gesellschaften verabschiedet. Diese haben offensichtlich auch Eingang gefunden in das Manifest der UNESCO von 1994 über Öffentliche Bibliotheken (s. Vortext). Das ihnen zugrunde liegende Konzept ist umfassend und differenziert. Es dürfte nicht schwer sein, die im ersten Teil dargelegten konkreten Erfahrungen als Folie auf die Richtlinien oder auch umgekehrt zu legen. Dabei weiß ich nicht einzuschätzen, inwieweit der international für öffentliche Bibliotheken gesteckte Rahmen auch auf die Bundesrepublik anwendbar ist. Menschen vom Fach werden dies wissen und müssen deshalb die nötigen Abstufungen vornehmen

Multikulturelle Gesellschaften sind im allgemeinen Verständnis Länder mit diversen eingewanderten oder ansässigen Minderheiten. Hinter den USA ist die Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg übrigens das größte Einwanderungsland der Welt, allerdings ohne bisher eine entsprechende Einwanderungspolitik entwickelt zu haben. Das dürfte seine Auswirkungen auch auf den Bibliotheksbereich gehabt haben. Einer vernünftigen Einwanderungspolitik steht bei uns seit Jahrzehnten der politische „Glaubenssatz“ entgegen, wir seien kein Einwanderungsland.

Sicher ist Deutschland kein klassisches Einwanderungsland wie die USA, Kanada oder Australien. Es ist aber nicht zuletzt durch die millionenfache Anwerbung von Frauen und Männern in Süd-, Südosteuropa, der Türkei und Nordafrika zu einem Einwanderungsland neueren Typs geworden. Die fehlende oder falsche Einwanderungspolitik kann am besten so umschrieben werden, daß Deutschland seit geraumer Zeit ein Einwanderungsland geworden ist, das aber partout kein solches sein will.

In diesem Zusammenhang muß auch die Angst gesehen werden, daß die Aufnahme von Flüchtlingen zu einer indirekten Einwanderung führen könnte. Wenn Flüchtlinge einmal im Land sind, rückt ihre Heimkehr aus den verschiedensten Gründen in immer weitere Ferne. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Heimat bleiben über viele Jahre so katastrophal, daß eine Rückkehr unzumutbar ist. Gleichzeitig kommt es vor allem durch die Geburt und das Heranwachsen von Kindern zu einer allmählichen Verwurzelung im Aufnahmeland. Von einem gewissen Moment an wird eine Rückkehr immer unwahrscheinlicher, selbst wenn sich die Verhältnisse zu Hause zum Besseren gewendet haben sollten. In dieser Situation sind eine ganze Reihe von Flüchtlingsgruppen, so z.B. die Kurden aus der Türkei und dem Irak, Flüchtlinge aus dem Iran, aus Afghanistan und manchen afrikanischen Ländern. Bei all diesen Gruppen wachsen die Bedürfnisse nach einer Versorgung mit Medien. Sie müssen immer mehr dazu verhelfen nicht nur zu überleben, sondern sich in der neuen Umgebung zu integrieren, ohne die Herkunftskultur zu verlieren.

Es ist also wichtig, wenn wir Deutschland als multikulturelle Gesellschaft sehen, nicht nur an die „klassische“ Arbeitsmigration mit Italienern, Spaniern, Kroaten und Türken zu denken, sondern auch an die neuen Einwanderungsgruppen aus den Fluchtbewegungen. Damit müßten auch ihre Bedürfnisse als kulturelle, sprachliche und ethnische Minderheiten ernst genommen werden, ja vielleicht erst einmal richtig in den Blick kommen.

Die vorliegende internationale Konzeption geht in immer wiederkehrender Formulierung von ethnischen, fremdsprachigen und kulturellen Gruppen der Gesellschaft aus, denen die Dienstleistungen der Bibliotheken gleichermaßen und ohne Unterschied zur Verfügung zu stehen hätten. Das wird in allen für diese öffentlichen Einrichtungen belangvollen Aspekte ausformuliert. Nur einige von ihnen seien im Folgenden benannt und kommentiert.

Die IFLA-Richtlinien machen keinen Unterschied, wie diese Gruppierungen entstanden sind, ob es sich um autochthone oder indigene Volksgruppen handelt, ob die Gruppen Folge einer Anwerbung von Arbeitskräften, einer Aufnahme von Flüchtlingen, der Freizügigkeit innerhalb einer größeren Region wie der Europäischen Union, oder gar nichtlegaler Beschäftigung sind. Aus deutscher Sicht und unreflektiert könnte es nämlich so aussehen, als bezöge sich das Konzept auf Minderheiten der Arbeitsmigration. Das ist aber nicht der Fall, zumal IFLA eine globale Vereinigung ist, die unterschiedlichste sozio-kulturelle Bedingungen widerspiegeln dürfte.

In den Bibliotheken sollen Materialien in allen relevanten Sprachen und in Übereinstimmung mit den verschiedenen Kulturen zur Verfügung stehen. Das würde bei den Kurden bedeuten, daß sie nicht nur Literatur in Türkisch sondern eben auch in Kurdisch, also in einer Sprache, die in ihrer Heimat unterdrückt wird, zur Verfügung haben. Ähnliches mag gelten für Armenier aus dem Iran oder andere Minderheiten, die in ihrer Heimat selbst schon (unterdrückte) Minderheiten waren oder sind. Auch Zweitsprachen eines Landes sind zu berücksichtigen.

Die Materialien dürfen sich naturgemäß nicht auf Bücher oder Broschüren beschränken. Sie schließen Zeitschriften und Zeitungen mit ein. Wenn hier keine Zeitungen aus der Heimat vorgehalten werden können, sind englischsprachige Tages- oder Wochenzeitungen mit einem größeren Anteil an internationaler Berichterstattung sehr hilfreich. Wesentlich für Minderheiten, bei denen es ein niedriges Leseniveau oder eine hohe Analphabetenrate gibt, sind Ton- und Video-Aufnahmen. Ergänzende Materialien sind aber Landkarten, Bilder und Dias.

Noch einen Schritt weiter gehen die internationalen Richtlinien, wenn sie einer Bibliothek nahelegen, soziale und kulturelle Gemeinschaftsaktivitäten zu organisieren. Dazu würden Lesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen gehören. Sie könnte auch die Mitverantwortung oder Initiativen für entsprechende Veranstaltungen und Festlichkeiten in ihrem Einzugsbereich übernehmen.

Die Richtlinien machen Unterschiede, wie sie auch für die Gesamtbevölkerung gelten, vor allem die nach Alter und Lebensumständen. Das ließe zum Beispiel danach fragen, was Angehörige von Minderheiten brauchen, die noch nicht lange im Land sind gegenüber denen, die inzwischen ansässig geworden sind. Menschen, die wegen besonderer Umstände die normalen Dienstleistungen nicht in Anspruch nehmen können, bedürfen eigener Leistungen. Erwähnt werden z.B. Menschen in Strafvollzugsanstalten. Zu denken wäre aber auch an Asylbewerber, die verpflichtet sind in einem Lager zu leben, deren Freizügigkeit gesetzlich beschränkt ist oder die sich nach Ablehnung ihres Asylantrags in Abschiebehaft befinden.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Kinder. Sie müssen nicht nur in einem schwierigen Prozeß in die deutschen Schulen integriert werden, sondern sollen auch in die Herkunftskultur eingeführt und in ihrer Muttersprache gefördert werden.

Unterschieden werden müssen die Minderheiten auch nach ihrem Bildungsstand. Wir haben es je nach Volksgruppe mit einer mehr oder weniger starken Schicht von Intellektuellen aus den urbanen Bereichen zu tun, aber eben auch mit der Mehrheit nicht oder kaum beschulter Menschen aus ländlichen Regionen. Die Förderung von Alphabetisierungsprogrammen wird als genuine Aufgabe von Bibliotheken erachtet. Auch die Erhöhung der Sprach- und Lesekompetenz wird als zusätzliche Aufgabe von Bibliotheken angesehen. Dazu wären u. U. auch Kurse zur Erlernung der Nationalsprache und anderer Sprachen anzubieten.

Der Umfang der Versorgung sollte sich an der Pro-Kopf-Versorgung für die allgemeine Bevölkerung orientieren. Dabei müßte für kleine Gruppen eine höhere Quote angesetzt werden.

Minderheiten sind oft dadurch charakterisiert, daß sie in kleinen Zahlen auf ein großes Staatsgebiet verteilt leben. Auch ihnen will das Konzept dadurch Rechnung tragen, daß ihnen durch Fernleihe oder durch Vernetzung lokaler Einrichtungen Materialien leicht und schnell zu Verfügung gestellt werden können.

Die Verantwortung gegenüber dem kulturellen Erbe der Minderheiten soll nicht zuletzt dadurch entsprochen werden, daß Originalmateralien konserviert werden und Sammlungen von Archivalien, der ethnischen Geschichte und der mündlichen Überlieferung zumindest auch überregional unterhalten werden.

Alle Flüchtlingsgruppen entwickeln im Laufe der Jahre eigene Organisationen. Oft sind es auch die Exilparteien oder -organisationen, die ihren Mitgliedern und Angehörigen ihrer Nation zur Seite stehen. Auch sie versuchen mit Kulturveranstaltungen, gemeinsamen Treffen und Publikationen den Zusammenhalt der Landsleute zu fördern. Ein passendes und ausreichendes bibliothekarisches Programm für eine Minderheit läßt sich nicht entwickeln, ohne auf die vorhandenen Gemeinschaftsstrukturen zurückzugreifen. Das diesen Ausführungen zugrunde liegende Konzept verweist immer wieder darauf, die Minderheiten selbst in die Planungen einzubeziehen. Wichtige Ansprechpartner wären darüber hinaus auch die Beratungsdienste der Wohlfahrtsverbände und die Solidaritätsgruppen. Sie kommen von sich aus kaum auf die Idee, öffentliche Bibliotheken in dem aufgezeigten Sinn anzugehen und zu nutzen. Zu sehr stehen bei ihnen die unmittelbaren Anliegen des Asylverfahrens, der Lebensführung und des Abschiebungsschutzes im Vordergrund.

Resümee

Die Richtlinien der IFLA – selbst nur auszugsweise herangezogen – haben mit der bundesdeutschen Wirklichkeit wenig gemein. Angesichts der Kürzungen in den Kultur- und Bildungsetats ist eine entsprechende Umsetzung noch schwieriger geworden. Wichtig erscheint nur, daß es überhaupt ein solches, international beschlossenes Konzept gibt, daß in überzeugender Weise die für die Gesamtbevölkerung geltenden Richtlinien auf die ansässigen, eingewanderten oder in einem Einwanderungsprozeß befindlichen Minderheiten zu übertragen trachtet. Dabei gilt, daß die Pflege der Minderheitenkulturen nicht einem gnadenlosen Assimilierungsdruck geopfert werden darf. Somit stellen die Richtlinien zukunftsweisende Maximen einer multi- oder interkulturellen Gesellschaft dar, wenigstens schon einmal für den Sektor des Bibliothekswesens.

Eine Konzeption in guten Tagen verabschiedet muß ihre Kraft in weniger guten unter Beweis stellen. Wir befinden uns gesellschafts- und bildungspolitisch in der bedenklichen Phase, daß akuter Finanzmangel nicht nur zu drastischer Sparsamkeit und zum Einfrieren des Erreichten führt, sondern sogar zum Abbau. Noch bedrohlicher ist es aber, wenn die Grundsätze und Richtlinien selbst aufgegeben werden. Was IFLA entwickelt hat, bleibt richtig und gültig. Jeder, der sich diesem oder einem ähnlichen Entwurf verpflichtet fühlt, kann immer noch versuchen in seinem Einflußbereich den einen oder anderen Schritt in die vorgegebene Richtung zu machen. Dann wäre das Konzept nicht einfachhin Illusion sondern nach vorne drängende Utopie! U-Topia – das Irgend- oder auch Nirgendwo ist selbst eine Form der Heimatlosigkeit, die produktiv ausgehalten werden muß.


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