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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV Kirche-Migration 1990 :::

Was gehen denn die Kirche
die Fremden an?

Die christliche Sorge um Asylbewerber, Vertriebene, Aussiedler, Fremde

veröffentlicht in:
„+++im gespräch miteinander“,
„Eine Zeitung für Sie von Ihrer Evangelischen Kirche“
(Hessen-Nassau), Nr.1, Februar/März 1990. S.15

INHALT
Die Kirchen haben sich offiziell zwar immer den Fremden zugewendet. Dennoch tun sich die Gemeinden schwer. Sie entsprechen eher dem allgemeinen Trend. Der aber ist gegen die Fremden gerichtet. Moralische Appelle nutzen da wenig, nur Betroffenheit kann verändern.
Die Redaktion +++ im Gespräch hat den Sprecher der Organisation „Pro Asyl“ um eine Stellungnahme zu der umstrittenen Frage gebeten, was denn die Kirche zu ihrer Sorge um Asylbewerber, Vertriebene und Fremde antreibe.

Herbert Leuninger ist katholischer Pfarrer und „Leitender Referent im Bischöflichen Ordinariat Limburg für Katholiken und Mitbürger anderer Muttersprache“.

Seine Aussagen müssen vor dem Hintergrund seiner täglichen Erfahrungen mit christlichen Gemeinden gesehen werden.


Bis in die Kirchen hinein herrscht die Angst vor den Fremden. Es ist nicht nur die Angst davor teilen zu müssen. Brosamen und Almosen fallen allemal noch ab. Aber es geht offensichtlich um mehr. Es geht um die Angst vor der Überfremdung. Ist es einmal die Angst, die Türken könnten es sein, die das christliche Abendland wie damals bei Wien bedrohen, so sind es jetzt eher die Flüchtlinge aus der „Dritten Welt“, die Angst einjagen. Die Angst, wir könnten überfremdet werden, wir könnten zu Fremden im eigenen Land werden.

Fremd sein heißt, nicht dazugehören, nicht daheim sein, ausgeliefert sein, kein angestammtes Recht haben, keine Sicherheit. keine endgültige Bleibe, keine unbestrittene Wahrheit. Wer mit dieser Angst nicht umgehen kann, wird zum versteckten oder offenen Fremdenfeind, wählt notfalls rechts..

Die Kirchen haben sich offiziell immer den Fremden zugewendet. Die Predigt hat die Gerichtsrede Jesu zitiert: „Ich war fremd, und du hast mich beherbergt.“ Es ist überhaupt keine Frage, daß Christen ein besonders gutes Verhältnis zu den Fremden haben müssen.

Dennoch tun sich die Gemeinden schwer. Sie entsprechen eher dem allgemeinen Trend. Der aber ist gegen die Fremden gerichtet. Moralische Appelle nutzen da wenig, nur Betroffenheit kann verändern.

Betroffen sein, das hieße, sich selbst als Fremder zu fühlen. Ich kann dem Fremden nur Freund sein, wenn ich selbst ein Fremder bin. Diese Betroffenheit geht aber den Christen weitgehend ab. Das vorherrschende Lebensgefühl unter Christen in der Bundesrepublik ist anders. Sie gehören voll und ganz zu dieser Gesellschaft, tragen sie mit und profitieren von ihr. So bilden die Christen Gemeinden der Ansässigen und Einheimischen, der Etablierten und Zugehörigen. Das macht sie nicht nur unempfindlich gegenüber den Fremden, sondern ;sogar ablehnend.

Ziemlich bald ist den Christen ein entscheidendes und ursprüngliches Lebensgefühl verlorengegangen, das Gefühl, Fremde in dieser Welt zu sein, nicht in diese Welt zu gehören, nicht von dieser Welt zu sein. Denn sie sind Fremde “ in dieser Welt. Die Welt haßt sie, wie das Johannesevangelium sagt, weil sie nicht von dieser Welt sind. Sie sind eine Gemeinschaft von Fremden aus allen Völkern, Sprachen und Nationen, eine multikulturelle Gesellschaft. Sie sind unterwegs zur endgültigen Heimat, die sie in dieser Welt niemals finden. Der Diognet-Brief sagt von den Christen: „Jede Fremde ist ihr Vaterland und jedes Vaterland Fremde.“ Diesem Fremdsein in den politischen und gesellschaftlichen Strukturen mit den dazugehörigen Anfeindungen ist erst unter der vollen Herrschaft Gottes aufgehoben. Paulus beschreibt diese neue Heimat in einem Brief an die Gemeinde von Ephesus, einer Stadt, aus der er flüchten mußte: „Ihr seid nicht mehr Fremde und Nebenbürger, sondern Mitbürger der Heiligen und gehört zum Hause und zur Familie Gottes“ (Epheser 2,19).

Kaiser Konstantin hat es dann bewirkt, daß die Christenheit aufhörte, eine Gemeinde der Fremden zu sein. Die Christen wollten nach den Jahrhunderten der Verfolgung endlich dazugehören. Und so wurden sie vollgültige, unangefochtene Staatsbürger. Dabei ist es im Wesentlichen geblieben. Der bundesdeutsche Christ, der sich in der Bundesrepublik als Fremder fühlt, ist nicht repräsentativ.

Die Kirche, die keine Kirche der Fremden ist, gehen die Fremden nichts an. Eine Kirche der in dieser Welt Beheimateten steht den Fremden fremd gegenüber. Dann macht es nur einen unwesentlichen Unterschied, ob Christen den Fremden gegenüber auf vornehmer Distanz bleiben oder dem fremdenfeindlichen Geist nachgeben.

Vielleicht erleben wir in den nächsten Jahren noch unser blaues Wunder mit den braven Christen.

Die Angst in den Gemeinden sitzt tief, die Fremden könnten uns befremden. Sie könnten uns an unser Fremdsein erinnern, daran, daß unsere Heimat nicht in den Strukturen dieser Welt ist. Die Fremden gehen die Kirche an, zentraler, als die Kirchen in der Bundesrepublik es bisher geglaubt haben. Die Angst vor dem Fremden ist nämlich die Angst vor dem fremden Jesus.


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