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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1970 ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 2. – 7. Februar 1970

RADIO KURZPREDIGTEN

Vorstellungen von Gott


Auf einer Reise durch Südafrika hat der englische Dichter G. B. Shaw die kleine Erzählung geschrieben „Ein Negermädchen sucht Gott“. Darin lässt er eine junge Afrikanerin, die eben erst von einer Missionarin bekehrt worden ist, auf die Suche nach dem wahren Gott gehen. Als einziger Hinweis war ihm auf den Weg mitgegeben worden; „Suche, und du wirst ihn finden!“

Zuerst trifft es auf einen vornehm aussehenden Mann mit Bart und üppigem Haarwuchs, der recht streng dreinblickt und das Mädchen anherrscht: „Knie nieder und bete mich augenblicklich an, du vermessenes Geschöpf, oder fürchte meinen Zorn.“ Des weiteren fordert er Brand- und Schlachtopfer, um gnädig gestimmt zu werden. Das Mädchen, das in ihm nicht Gott erkennen kann, den es sucht, will ihn mit seinem Stock erschlagen. Aber schon hat er sich in nichts aufgelöst.

Der nächste ist wieder ein älterer Herr, der vor einem Tisch mit Manuskripten sitzt und einen recht gutmütigen Eindruck macht. „Fürchte dich nicht vor mir“, sagt er freundlich zu dem Mädchen, „ich bin kein grausamer, sondern ein vernünftiger Gott. Ich tue nichts Schlimmeres als debattieren. Das Mädchen nimmt ihn beim Wort und fragt, warum er die Welt mit so viel Bösem geschaffen habe. Als er darauf keine befriedigende Antwort geben kann, wendet es sich enttäuscht von ihm ab: „Ein Gott, der mir meine Fragen nicht beantworten kann, nützt mir nichts.“

Bei der weiteren Suche nach Gott stößt es auf den Propheten Micha, der wütend auf den Gott schimpft, der vom Menschen Brandopfer verlangt. Sein Gott erwarte nur, daß der Mensch barmherzig und gerecht sei. „Das ist der dritte Gott“, äußert das Negermädchen; aber auch er genügt ihm nicht. Genauso wenig genügen ihm die Hinweise des russischen Wissenschaftlers Pavlov, der ihm die Frage nach Gott ganz auszureden sucht und vom Leben als einer Kette von Reflexen spricht.

Wir können an dieser Stelle die Geschichte beenden, zumal Shaw es bis zum Schluß offen läßt, was es mit Gott auf sich hat. Entschieden ist er nur in seiner Kritik an den einzelnen Gottesvorstellungen, wie er sie der Bibel entnimmt. Shaw hat seine Geschichte selbst interpretiert und darauf hingewiesen, daß er sich mit seiner Erzählung sowohl von dem Gotte Noahs absetzen wollte, der sich durch Opfer gnädig stimmen lässt, als auch von dem Gotte Hiobs, der sich mit seinen Knechten um den Sinn des Bösen in der Welt herumstreiten muß. In dem Gotte des Propheten Micha sieht er allerdings eine Vergeistigung des Gottesbildes, die er als Fortschritt wertet.

Wir wundern uns nicht, wenn Shaw mit dieser Erzählung, die in den dreißiger Jahren erschien und von satirischen Seitenhieben auf das Christentum nur so strotzte, gläubige Menschen schockierte. Es liegt ein diesbezüglicher Schriftwechsel des Dichters mit einer ihm befreundeten Äbtissin vor. Darin verlangt sie, das Buch wieder zurückzuziehen und einstampfen zu lassen, weil es unerträgliche Gotteslästerungen enthalte.

Shaw verwahrt sich gegen dieses Ansinnen, indem er darauf verweist, daß diese Erzählung auf eine Inspiration, also auf eine göttliche Eingebung, zurückgehe. Diese Inspiration fasse er als Antwort auf für die Gebete, die die Nonnen des Klosters und auch die Äbtissin für ihn verrichtet hätten. Schließlich schreibt er: „Ist Ihnen nie aufgegangen, daß ich möglicherweise einen erhabeneren Gottesbegriff haben könnte und daß ich es nicht selbstverständlich hinnehme, daß Noahs Gottheit je existiert hat oder existieren könnte.“

Damit hat Shaw seine geistige Verwandtschaft mit der Ordensfrau enthüllt, und die Äbtissin hat es akzeptiert. Eine ähnliche Verwandtschaft ist bisweilen auch heute festzustellen zwischen sogenannten Gläubigen und sogenannten Ungläubigen.


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