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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV MIGRATION 1990 :::

Vielfalt statt Einfalt

Bausteine für eine multikulturelle Gesellschaft

Die klassischen Einwanderungsländer haben sich von der Vorstellung des Schmelztiegels abgewandt. Der Schmelztiegel galt als eindrückliches Bild für eine Gesellschaft, in der die unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen zu einer einheitlichen Legierung verschmolzen wurden. Diese Politik ist gescheitert. Bei der Suche nach einem neuen Bild für das Zusammenleben kam man auf die Salatschüssel. Sie steht für verschiedene Elemente, die zusammengemischt als solche weiterbestehen und den Wohlgeschmack des Ganzen ausmachen.

ANMERKUNG
veröffentlicht in: FORUM entwicklungspolitischer Aktionsgruppen, Zeitschrift des BUKO, Nr. 148, November 1990, S. 4f

Kulturelle Identität ist für den Club of Rome eines der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse. Schon vor zehn Jahren sagten die in dem Club zusammenarbeitenden Zukunftsforscher in ihrem „Lernbericht“ voraus, daß die Forderung nach kultureller Identität zunehmend zur Ursache internationaler Konflikte werden wird. Die damit aufgeworfenen Fragen seien brisanter als irgendeines der ökonomischen Themen, die den Nord-Süd-Dialog belasten. Die dramatischen Aufstandsbewegungen unterdrückter Nationen und Minderheiten in der Sowjetunion und anderswo bestätigen dies heute.

Der Club of Rome sieht die Gefahr einer kulturellen Homogenisierung, also die Gefahr, daß die Welt eine einzige, gleichartige Kulturform annehmen könnte. Anders ausgedrückt: Vielleicht setzt sich die Coca-Cola-Kultur durch! Dabei könnte es zu einem kulturellen und geistigen Verfall auf regionaler Ebene kommen – eine äußerst bedrohliche Entwicklung. Ihre Ursachen liegen, so der Club of Rome, in einer aggressiven „Ethnozentrik“ also in dem Bestreben, die eigene Bevölkerung in den Mittelpunkt der Welt zu stellen. Diese Haltung sei für den Norden und seinen Kolonialismus charakteristisch, und sie ist, so kann man ergänzen, Grundlage des westlichen und östlichen Imperialismus.

Gibt es einen Ausweg? Für eine Veränderung benötigen wir nach Auffassung des Club of Rome ein vielseitiges und plurales Wertespektrum. Das sei eine entscheidende Voraussetzung für Partnerschaft und Zusammenarbeit in der Welt.

Damit eröffnet sich der Zugang zu einem Konzept, daß seit Monaten durch viele Diskussionen geistert: die Idee der „multikulturellen Gesellschaft“. Der Begriff stammt aus dem angloamerikanischen Sprachraum. Er kennzeichnet eine Wende in der Einwanderungspolitik der USA, Kanadas, Australiens und auch Großbritanniens. Besonders in Australien läßt sich die Bedeutung des „Multiculturalism“ gut verfolgen. Auch wenn Australien als junger, dünn besiedelter Flächenstaat andere Voraussetzungen hat als europäische Staaten, so kann das australische Beispiel doch Perspektiven für die Bundesrepublik eröffnen.

In Australien tauchte der Begriff des „kulturellen Pluralismus“ erstmals 1968 in den Medien auf. Er war das Anzeichen dafür, daß die bisherige Einwanderungspolitik in Frage gestellt wurde. Ihre Grundlage war bis dahin die Assimilierung gewesen, eine unter Druck vollzogene Anpassung der Einwanderer, die nach dem zweiten Weltkrieg insbesondere aus Osteuropa kamen. Man ging davon aus, daß der australische Lebensstil einheitlich und für alle gleich sei. Alle Neuankömmlinge mußten sich auf den „Australien Way of Life“ einlassen. Vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Erfahrung wurden Rassenunruhen und Fremdenfeindlichkeit gefürchtet, wenn die Einwanderer nicht weitmöglichst assimiliert würden.

Nach 1970 setzte sich in der Öffentlichkeit allmählich die Erkenntnis durch, daß kulturelle Vielgestaltigkeit als eine Grundtatsache der australischen Gesellschaft akzeptiert werden muß. Die Idee der Einheit Australiens kam ins Wanken, weil man beunruhigt beobachtete, wie viele Einwanderer aus nicht englisch-sprechenden Ländern im Gesundheits-, Erziehungs- und Wohlfahrtsbereich benachteiligt wurden. Sie waren und blieben deklassiert. Gleichzeitig erkannte man, daß die verschiedenen Einwanderergruppen eigene kulturelle Bedürfnisse hatten und ihre Sprache und Traditionen pflegen wollten. Deshalb verfolgte das neue Konzept der Multikulturalität drei Ziele: Chancengleichheit, den Zusammenhalt der Gesellschaft und insbesondere die Anerkennung verschiedener Kulturen und Gemeinschaften.

Mit der neuen Politik ist die Erwartung verbunden, sie vermöge besser als das Konzept der Angleichung Diskriminierungen zu verhindern, ohne die Einheit des Landes zu gefährden. Die multikulturelle Integrationspolitik, verlangt neue Modelle in Schule, Kirche, im Bereich der Medien und in der Freizeit. Ein Schwerpunkt ist dabei in Australien die Förderung der Zweisprachigkeit, des Englischen und der Herkunftssprache. Wege müssen gefunden werden, die Minderheiten an politischen Entscheidungsprozessen teilnehmen zu lassen. Die neue Politik hat dabei auch zu berücksichtigen, daß es viele Einwanderer gibt, die der Assimilierung für die Zukunft ihrer Kinder mehr zutrauen als einer betonten Pflege der Herkunftskultur. Zweifellos weist der Umgang der australischen Gesellschaft mit Minderheiten Schattenseiten auf z. B. Ihr Verhältnis zu den Ureinwohnern. Wichtig ist aber der Erkenntnisprozeß. Die klassischen Einwanderungsländer haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten von der Vorstellung des Schmelztiegels abgewandt. Der Schmelztiegel galt als eindrückliches Bild für eine Gesellschaft, in der die unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen zu einer einheitlichen Legierung verschmolzen wurden. Der Versuch, neu zugezogene und bisher unterdrückte Minderheiten der herrschenden Mehrheitskultur anzupassen, gilt als gescheitert. Bei der Suche nach einem neuen Bild, das die Richtung der Zukunft angeben kann, kam man auf die Salatschüssel. Sie steht für verschiedene Elemente, die zusammengemischt als solche weiterbestehen und den Wohlgeschmack des Ganzen, des gut angemachten Salates ausmachen.

Die neue Bewertung der Teilkulturen ist nicht denkbar ohne das gewachsene Selbstbewußtsein der bisher unterdrückten Minderheiten. Sie scheinen sich der neuen Bedeutung ihrer Kultur bewußt zu werden, die Bedeutung sowohl für die eigene Gruppe wie für die Gesellschaft. Die Vermassung und Vereinheitlichung der Weltgesellschaft, die schnelle Modernisierung und Technisierung, die mögliche Vernichtung der Erde und ihrer Lebensgrundlagen führen zu Unsicherheiten, stellen die herrschende Mehrheitskultur in Frage und lassen soziale, ethnische und kulturelle Leerräume entstehen. Sie rufen nach neuen kulturellen Konzepten. Gerade bei den unterdrückten Minderheiten ist die Antwort oft die betonte Rückwendung zu den eigenen Wurzeln. Bei den Indianern zum Beispiel spielt der Gedanke eine Rolle, ihre traditionelles Menschenbild und ihre althergebrachten naturnahen Kulturmuster könnten für die friedliche Umgestaltung und ökologische Rettung der Erde eine wichtige Hilfe sein.

In der BRD haben die Kirchen den Begriff der multikulturellen Gesellschaft schon im Jahr 1980 in die öffentliche Diskussion eingeführt. Damals gaben sie zum Tag des ausländischen Mitbürgers das Motto aus:“ Verschiedene Kulturen – gleiche Rechte. Für eine gemeinsame Zukunft“. Dazu sind neun Thesen aufgestellt worden. Die – innerhalb und außerhalb der Kirche sofort umstrittene -These 1 besagt, daß wir in der BRD in einer multikulturellen Gesellschaft leben. Deutschland habe eine multikulturelle Geschichte und Zusammensetzung. Zu berücksichtigen ist dabei auch, daß seit Jahrhunderten zwei verschiedene konfessionelle Kulturen in Deutschland zusammenleben: die protestantische und die katholische. In der BRD begann dann mit der Anwerbung von Millionen ausländischen Arbeitnehmern und dem Familiennachzug eine neue Phase kultureller Vielfalt. Eine andere These weist den Kirchen wegen ihres nationalitätenübergreifenden Glaubens eine besondere Aufgabe für die Förderung einer multikulturellen Gesellschaft zu. Schließlich gibt es für wenigstens 30 verschiedene Nationalitäten und Sprachgruppen eigene Kirchengemeinden mit Hunderten von Pfarrern ausl den verschiedensten Ländern der Welt. Dies ist multikulturelle Realität, die auch für die Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Mit den Thesen von 1980 war ein Programm für die Veränderung unserer Gesellschaft verbunden, dessen Verwirklichung noch aussteht. Danach kann Ausländerpolitik nicht eine einseitige Politik der Assimilierung sein. Vielmehr ist eine gegenseitige Integration erforderlich, also ein Geben und Nehmen. Dies läßt die Eigenständigkeit verschiedener Kulturen zu und ist gleichzeitig eine Absage, Ghettos zu errichten. Bevorzugte Orte „interkulturellen Lernens“ sind, so stellen die ökumenischen Thesen fest, Kindergarten und Schule: Es sind Orte, wo Erfahrungen verschiedener kultureller Traditionen offen und direkt aufeinanderstoßen. Daraus ergibt sich die Forderung, daß muttersprachlicher Unterricht in den normalen Unterricht aufgenommen werden muß, Erfahrungen der Einwanderer und das Leben in den Herkunftsländern sollen Bestandteile der Lehrpläne sein. Die Muttersprache der Einwandererkinder ist als erste Fremdsprache anzuerkennen. Kultur- und Freizeitangebote in den Städten und Gemeinden sollten den verschiedenen Gruppierungen Möglichkeiten der Selbstdarstellung, der Vermittlung der Heimatkultur sowie der Begegnung mit Einheimischen eröffnen.

Das ökumenische Programm entspricht den Konzepten, wie sie in Einwanderungsländern entwickelt worden sind. Es nennt weitere wichtige Bausteine für eine multikulturelle Gesellschaft: Etwa neuartige Beiträge in den Medien, mit denen Verständnis für andere Kulturen geweckt werden soll. Die Sendungen für Ausländer sollen so angelegt sein, daß sie auch für Deutsche interessant sind. Entscheidend ist, daß das Zusammenleben verschiedener Kulturen als eine Chance für die Zukunft der Bundesrepublik betrachtet wird. Für ein gleichberechtigtes Zusammenleben ist es notwendig, ethnische und kulturelle Minderheiten gleiche politische Rechte einzuräumen. Dazu stellt auch schon das ökumenische Programm fest, gehört auch das (kommunale) Wahlrecht! Solche Forderungen sind bislang kaum eingelöst worden. Muß die BRD ein Land sein, in dem die ethnozentrische Aggression herrscht, von der der Club of Rome mit Blick auf die Nordhälfte der Welt spricht? Wir erleben derzeit die nach innen gerichtete Seite dieser auf Ausschluß und Unterdrückung alles „Fremdartigen“ und „Minderkulturellen“ gerichteten Angriffslust, die von der Angst der Mehrheit gespeist ist, die nationale und kulturelle „deutsche“ Identität zu verlieren. Um sie zu wahren, formiert sich wieder ein monolithisches, ein versteinertes Nationalgefühl, das nur in die Sackgasse führen kann. Es bleibt uns nicht einmal mehr, die Zeit, unsere Begriffe und Handlungsvorstellungen zu ordnen. Die Wahlerfolge des rechtsextremen Spektrums haben vieles wieder zurücktreten lassen, was sich an vernünftigen Erkenntnissen und wichtigen Veränderungen im Einwanderungsland Bundesrepublik durchzusetzen begann. Das macht die Verwirklichung der multikulturellen Gesellschaft schwieriger – aber auch noch dringlicher.


veröffentlicht in: FORUM entwicklungspolitischer Aktionsgruppen, Zeitschrift des BUKO, Nr. 148, November 1990, S. 4f


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