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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1967 ::: ARCHIV KIRCHE 1967 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 2. – 7. Januar 1967

RADIO KURZPREDIGTEN

Verplante Zeit


Es gehört sehr viel Mut dazu vor anderen einzugestehen, man habe Zeit; denn der gute Ton erfordert es keine Zeit zu haben. Dabei sei unbestritten, daß sehr viele Menschen sehr viel zu tun haben und kaum Zeit im geläufigen Sinne erübrigen können. Ganz nebenbei sei hier nur die Frage gestellt, was das für eine unmenschliche Zeit sein muß, die so wenig Zeit haben läßt. Indes stelle ich hier nur auf den Tatbestand ab, daß man keine Zeit haben darf, und hätte man sie, dies vor seiner Umgebung verheimlichen oder verschleiern muß; sonst besteht die Gefahr, als Faulenzer oder Zurückgebliebener eingestuft zu werden. Ein solcher Vorwurf ließe sich allenfalls mit der boshaften Bemerkung quittieren, daß jene, die vorgeben, am wenigsten Zeit zu haben, in Wirklichkeit am wenigsten leisten. Aber so massiv braucht der Gegenangriff nicht geführt zu werden, nur eine Beobachtung sei vermerkt, die „chronisch Zeitkranken“ können sehr langweilige und gelangweilte Menschen sein.

Das hängt gewiß mit dem Bestreben zusammen, unter dem eingebildeten oder wirklichen Zeitdruck nicht nur den jeweiligen Tag sondern auch die Zukunft verplanen zu wollen. Ein zu seiner Zeit bekannter Berliner Bankier macht sich darüber lustig. Er konferierte mit dem Präsidenten einer großen Elektrizitätsgesellschaft. Nach zwei Stunden stellt es sich heraus, daß sie sich nochmals treffen müssen. Der Industrielle läßt deutlich spüren, wie beschäftigt er ist. Jeder Tag sei völlig belegt, ja sogar jede Stunde mit Konferenzen, Besprechungen, Vorstandssitzungen und Geschäftsreisen ausgefüllt. Jetzt sei Januar, und er könne in seinem Terminkalender vor dem 16. April keinen freien Termin entdecken. Aber der 16. April, der passe ihm, habe dann auch der Bankier Zeit? Gelangweilt von dieser Wichtigtuerei antwortet dieser in aller Ruhe: „Tut mir leid. Am 16. April muß ich zu einer Beerdigung!!“

Dieser Termin ist natürlich nur eine Fiktion. Sie macht allerdings schlagartig deutlich, wie abwegig eine Vorplanung für diesen Zeitraum und mit dieser Genauigkeit sein muß. Oft rächt sich dieser Vorgriff auf die Zukunft, mit dem man mit Gott in Konkurrenz tritt, durch einen Nervenzusammenbruch oder etwas ähnliches. Mit einem Mal sind alle Termine vom Tisch gefegt. Welche Schwüre werden nicht von Rekonvaleszenten abgegeben, ihr Leben künftig anders zu organisieren und jeden Tag wie ein kostbares Geschenk entgegenzunehmen.

Wer seine Zukunft völlig verplant, erwartet im Grunde nichts mehr Besonderes von ihr. Und wer nichts mehr erwartet, verfällt sehr leicht der großen Langeweile. Es mag eine persönliche Geschmacksfrage sein, ob ich mit einer solchen Langeweile leben will oder nicht, für einen Christen könnte es aber eine moralische Frage sein; denn für ihn ist es unzulässig, sich mit der Langeweile oder damit abzufinden, daß er langweilig ist. Er sollte auf eine Zukunft hin leben, von der er weiß, daß sie nicht in seiner Hand ist, dafür aber voller Überraschungen steckt. Es müssen nicht die bösen Überraschungen sein, die der Zeitplaner befürchtet und auszuschalten sucht. sondern Überraschungen, die unsere Erwartungen übersteigen. Tage, die wir als Geschenk empfinden. Der Prediger der Bibel gibt die Haltung vor: Gott, „wirkt alles trefflich zu seiner Zeit!“


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