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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1974 :::

BISCHÖFLICHES ORDINARIAT LIMBURG
Dezernat Kirchliche Dienste
Referent für kirchliche Ausländerarbeit

ASPEKTE DER SOZIAL-KARITATIVEN
AUFGABENSTELLUNG EINER
AUSLÄNDERGEMEINDE (MISSION)
IM HINBLICK AUF DIE VORHANDENEN
SOZIALDIENSTE DES CARITASVERBANDES

6. Dezember 1974
Konzept vermutlich für die Sitzung des Hauptausschusses
Kirchliche Dienste des Diözesansynodalrates des Bistums Limburg
am 11. Dezember 1974 in Wiesbaden

INHALT

Für die katholischen Arbeitsmigranten hat die kath. Kirche sowohl Priester wie – über den Caritasverband – auch Sozialberater eingestellt. Dabei treten Spannungen auf hinsichtlich der Zuständigkeit von Ausländergemeinde und Sozialarbeit.

Theologische Aspekte

Die grundsätzliche Frage lautet nicht: Was bleibt noch für die Sozialdienste des Caritasverbandes zu tun, wenn sich die Missionen auf dem sozial-karitativen Feld sehr stark engagieren? Sondern: Wie werden auf Dauer die ausländischen Missionen der sozialen Komponente ihres pastoralen Dienstes umfassend und ausreichend gerecht? Und: Wie ist die Zuordnung dieses Dienstes mit dem der Caritasverbände?

Es wäre ein für die Pastoral lebensgefährlicher Irrtum, wenn sich die Missionen durch die vorhandenen Sozialdienste des Caritasverbandes davon abhalten ließen, ihren entscheidenden Beitrag zur Behebung der Nöte der Arbeitsmigration zu leisten. Caritas ist neben der Verkündigung und der Feier der Liturgie eine Grundfunktion jeder Gemeinde, die von ihr als ganzer und von jedem einzelnen wahrzunehmen ist. Wird dieser spezifische Dienst an den Menschen, die in einer bestimmten Notlage sind, nicht immer und intensiv genug wahrgenommen, fehlt der Gemeinde ein konstitutives Element, durch das sie Gemeinde wird und bleibt.

Dieser Wesensbestandteil kann durch keinen noch so guten, selbständigen Sozialdienst ersetzt, sondern nur ergänzt und optimiert werden. Über die faktische und theologische Zuordnung des pastoralen und institutionalisierten sozialen Dienstes der Kirche bedarf es noch weiterer Reflexionen, wie sie im Zusammenspiel – Gemeinde – Caritas und Caritasverband – bereits mit guten Ergebnissen angestellt werden.

Die Gemeinsame Synode hat im Hinblick auf die Arbeitsmigration gefordert, daß missionarische Methoden gefunden werden müßten, da die der Ausländerpastoral gestellten Aufgaben mit den überlieferten Formen kirchlicher Dienste allein nicht bewältigt werden könnten. Ausgangspunkt einer solchen Methode wären die besondere Lage und die besonderen Werte der Ausländer. An anderer Stelle wird die Lage so gekennzeichnet, daß die ausländischen Arbeiter den unteren soziale Schichten angehören, weithin Diskriminierungen unterliegen und in hohem Maße dem kirchlichen Leben entfremdet seien. Auf diesem Hintergrund gibt die Synode als ein pastorales Ziel an, die Arbeiter in ihrer konkreten menschlichen Situation anzusprechen und allmählich zu einer menschlichen Reife zu führen, die sie schließlich auch für religiöse Werte empfänglich macht.

Der von der Synode geforderte Ansatz deckt sich mit der Auffassung vieler ausländischer Priester, die die entscheidende Aufgabe der Kirche und damit auch der Mission darin sehen, daß sie auf eine entschiedene und unmittelbare Weise mit den Arbeitsmigranten und ihren Angehörigen solidarisch sein müssen. Das kann keinesfalls allein durch die Verkündigung und die Liturgie abgegolten werden. Diese setzen vielmehr das Eingehen auf die existentielle Situation dieser gesellschaftlichen Gruppe voraus.

Die Botschaft von der Erlösung und Befreiung des Menschen durch Christus findet nur dort einen Ansatz und ein Echo, wo Menschen mit den Priestern zusammen direkte Erfahrungen individueller und kollektiver Befreiung machen; das hinwiederum ist unmöglich, wenn nicht die kleinen und großen Nöte der Menschen von den Vertretern der Kirche ernst genommen werden.

Pragmatische Aspekte

Südländer – und nicht nur sie – denken und empfinden nicht funktional sondern personal. Wenn sie sich an einen Priester wenden, ist dies ein Zeichen des Vertrauens, das bei der bestehenden Mentalität unnötig auf’s Spiel gesetzt wird, wenn sich der Priester – und sei es auch noch zu berechtigt – weigert, eine ihm angetragene soziale Not aufzunehmen. Zudem ist der Priester die einzige Sozialfigur, die ein Migrant aus seiner Heimat kennt und hier wiederfindet. Naturgemäß überträgt er die gleichen Erwartungen. Sie schließen eine ständige Verfügbarkeit des Priesters für jede Situation, in der sich ein Mensch an ihn wendet, ein. Diese Erwartenshaltung auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren, wird vermutlich erst bei der jungen Generation gelingen.

Das sozial-karitative Arbeitsfeld ist so groß und vielseitig, daß die vorhandenen Kräfte erfahrungsgemäß bei weitem nicht ausreichen. So mag es zwar psychologisch aber kaum sachlich zu verstehen sein, daß sich Pastoral- und Sozialarbeit – trotz weitgehender Deckungsgleichheit der Probleme – ins Gehege kommen müssen.

Evolutive Aspekte

Die bislang zwischen Priestern und Sozialberatern aufgetretenen Spannungen sind in hohem Maße Dominanz- und Profilierungssymptome. In der faktischen und sicherlich auch notwendigen Zusammenarbeit haben das unterschiedliche Ausbildungsniveau und ein überholter klerikaler Anspruch zwangsläufig Auseinandersetzungen und Identitätskrisen erzeugt. Hinzu kommt, daß weder die Sozialberater noch die Priester auf eine sektorale Arbeit mit unterschiedlichen Funktionszuweisungen vorbereitet waren. Nimmt man noch den Umstand hinzu, daß beide Gruppen, von der deutschen Seite ziemlich alleingelassen, ihre spezifischen Positionen suchen und aufbauen mußten, wird deutlich, unter welch schwierigen Voraussetzungen die zum großen Teil aufopferungsvolle Tätigkeit der Sozialberater wie der Priester ausgeübt wurde.

Zwischenzeitlich beginnt sich die Lage grundlegend zu verändern. Die Aufgaben haben sich erheblich differenziert, so daß zu ihrer Wahrnehmung auch differenzierte Qualifikationen, sowohl für den pastoralen Dienst wie für den sozialen, erforderlich sind.

In dem Maße, wie Ausfaltung der Dienste und Spezialisierung der Ausbildung vorgenommen werden, verschwinden die Kompetenzsorgen und die Konkurrenzmentalität.


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