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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1969 ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 10. – 15. März 1969

RADIO KURZPREDIGTEN

Verantwortlich statt kontrolliert


Aus einer Fabrikreportage stammen folgende Sätze:
„Vor der Stempeluhr stauen sich die Massen, alle warten ungeduldig auf das endgültige Klingelzeichen…

Endlich schrillt die elektrische Klingel, die Stechkarte wird in den Schlitz gesteckt und der Hebel heruntergedrückt. Die von hinten schieben. Einer, der sich dazwischen drängt, um an der Tafel seine Stempelkarte herauszufingern, stößt mich unsanft in die Seite…. Im Strom der nach draußen drängenden Arbeiter werde ich durch einen schmalen Gang herausgeschwemmt. Vorher noch die Kontrolle am Tor. Ich drücke den automatischen Kontrollknopf und halte dem Pförtner die geöffnete Aktentasche hin. Die automatische Kontrolllampe leuchtet rot auf, ich muss in eine Kabine, hinter dem Vorhang werde ich kurz abgetastet auf eine eventuell unter der Jacke verborgene Kurbelwelle oder auf dem Körper versteckte Motorteile hin‘, wie mir der Mann vom Werkschutz dabei erklärt.

Die Zeitkontrolle erweist sich als unbedingt notwendig, sonst erscheinen viele zu spät an ihrer Arbeit oder beenden sie vorzeitig. Die Kontrolle der Taschen ist ebenso unabdingbar, weil sonst der halbe Betrieb ausgeräumt wird. Ganze Häuser sollen mit Materialien gebaut worden sein, die man aus dem Betrieb oder von der Baustelle mitgenommen hat. Aber das sind nicht die einzig notwendigen Kontrollen. Die Arbeit selbst muss ständig kontrolliert werden. Ist die Aufsicht weg, dann beginnt das Bummeln. So gibt es die Kontrollen bis in die Toiletten und Waschräume.

Wer für die Abschaffung der Kontrollen eintritt, und das geschieht immer häufiger, müsste auch versuchen die Menschen zu ändern. Moralische Appelle, fleißig, ehrlich und pünktlich zu sein, wie sie gern kirchlicherseits vorgetragen werden, sind zwar nicht nutzlos, können aber nicht dazu führen, daß eingangs genannte Kontrollen überflüssig werden. Der Einsatz müsste sich mehr darauf konzentrieren, die in den Betrieben bestehende Situation zu verändern. Unpünktlichkeit, Schlamperei und Unehrlichkeit blühen ja meistens da, wo am schärfsten kontrolliert und am meisten kommandiert wird. Das kann dann dahin führen, daß ein Arbeiter, wie es vorgekommen sein soll, seinen Pressluftbohrer statt auf die Karosserie auf das Band gehalten hat, sodaß das Band augenblicklich stillstand. Für das Werk bedeutete das Tausende Mark Ausfall. Der Arbeiter hatte sich eine Zigarettenpause von drei bis fünf Minuten verschafft. So verantwortungslos können Arbeitnehmer sein, nicht zuletzt deswegen, weil man ihnen kaum Verantwortung zugesteht.

Warum ist es bei den Meistern etwa anders? In der erwähnten Reportage heißt es über sie: „ Sie brauchen auch nicht zu stempeln, sie kommen oft früher und gehen meist später. Sie spüren Verantwortung in ihrer Arbeit. Offensichtlich verändert sich dadurch die Einstellung eines Menschen. Man kann allerdings nicht zur Verantwortung erziehen, man kann nur Verantwortung übertragen. Dazu gehört auf der einen Seite Mut, auf der anderen Seite Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Leider aber sind Kontrollen für alle Beteiligten bisweilen viel bequemer.


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