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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1967 :::

Katholische Morgenfeier
im Hessischen Rundfunk Frankfurt/M.
1. Hörfunkprogramm
am 5. Februar 1967
Sonntag Quinquagesima (Fastnachtssonntag)

Vater-Gott?

Johannesevangelium 15, 9-15

9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!
10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.
12 Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.

Meine verehrten Hörerinnen und Hörer!

„Das Christentum ist eine Religion der Freude“, heißt es gern, „deshalb machen wir mit beim fröhlichen Treiben“. „Wir Christen können auch lustig sein“, so oder ähnlich lauten die Parolen, die die Faschingsfeiern – nicht zuletzt innerhalb der Gemeinden – rechtfertigen sollen. Liegt darin nicht eine übereilte Anbiederung? Die Behauptung, dass Freude ein Merkmal der Christen sei, könnte eine Selbsttäuschung sein, mit der wir uns etwas vorgaukeln, was nicht gerechtfertigt ist. Die zur Kirche kritisch Eingestellten, könnten uns eine Hilfe sein, es zu überprüfen, denn weitgehend nehmen sie unsere Freude nicht ernst. Sie machen den Vorwurf, wir hätten keine echte Freude. Wir wollen uns der Prüfung stellen. Unter Umständen einer harten Prüfung.

Sie kennen den berühmten Vorwurf: „Oh, wenn die Christen doch erlöster aussähen!“ Dieser Vorwurf basiert auf der Überzeugung, dass die Christen sich erlöster geben müssten, wenn sie ihren Glauben an die frohe Botschaft ernst nähmen, an die frohe Botschaft eines guten Vaters im Himmel. Demnach liegt der Mangel an Freude in diesem Zwiespalt von Leben und Lehre und wäre grundsätzlich aufhebbar.

Bei allem Schuldgefühl sind wir im tiefsten beruhigt. Die Freude ist uns nämlich nicht grundsätzlich absprechbar. Wir sind nur zu schwach, sie spürbar werden zu lassen. Setzen wir uns indes nicht zu früh zur Ruhe? Denn gerade die Vorstellung vom Vater-Gott erweist sich für viele als anstößig. Ein Vater Gott ist für sie , die vermeinen, in einer „vaterlosen Gesellschaft“ zu leben, ein Hindernis für wahre Freude. Damit sprechen sie denen, die an einer solchen Vorstellung festhalten, grundsätzlich die Fähigkeit sich zu freuen, ab. Aus dieser Sicht wird nicht nur das Zerrbild eines Vaters abgelehnt, ein Vater, der wie ein Despot regiert und Lohn und Strafe nach Willkür austeilt, sondern der Vater, der überhaupt Macht und Autorität für sich beansprucht. Welches Leitbild vom Vater sich da abzeichnet, den man ja – selbst im biologischen Bereich – nicht ganz abschaffen kann – lässt sich an amerikanischen Verhältnissen ablesen.

Dort ist der Vater bereits zur Witzfigur geworden. Daddy wird von seinen Kindern nicht ganz ernst genommen. Er ist der good fellow, der es auch bewusst darauf abstellt, nicht ganz ernst genommen zu werden. Ich hege nicht die Befürchtung, dass es bei uns ähnlich weit kommt. Handelt es sich doch hier um eine übertriebene Reaktion auf eine überlebte Vaterfigur. Übrigens zeichnet sich diese Reaktion schon längst im religiösen Bereich ab. Der Vater-Gott ist zur Karikatur geworden, in dem guten alten Mann über den Wolken, der im Notfall auch das Krumme gerade sein lässt. Die offensichtliche Parallele zwischen dem amerikanischen Vaterbild und der religiösen Karikatur des Vater Gottes verweist uns auf die gegenseitige Abhängigkeit. Das Bild, das sich Menschen von Gott machen – und wie könnte es anders sein – ist weitgehend ihrem sonstigen Vorstellungsbereich entnommen. Wandeln sich nun die Vorstellungen, dann wandelt sich notwendigerweise auch das entsprechende Gottesbild. Selbst, wer die Vorstellung zurückweist, Gott könnte überhaupt ein Produkt der menschlichen Phantasie sein, wird die beachtlichen Folgen aus dieser Abhängigkeit nicht unterschätzen dürfen.

Kafka soll die Absicht gehabt haben, sein Gesamtwerk unter den Titel „Versuch einer Flucht aus der väterlichen Sphäre“ zu stellen, während André Gide in seiner Auslegung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, diesen nicht aus Reue, sondern aus Schwäche ins Vaterhaus zurückkehren läßt.

Der Versuch einer Flucht vor dem Vater und die gegebenenfalls feige Rückkehr zu ihm, sind, auf Gott übertragen, wahrlich kein Anlass zur Freude. Eine krisenhafte Umstellung ist im Gange, eine Epoche geht zu Ende, in der der Patriarch in seiner Überlegenheit und Machtbefugnis den Polizisten, den Pfarrer, den König und Gott geprägt hat.

Der Vater, so wird weiter gesagt, ist notwendig, solange die Kinder noch nicht erwachsen sind. Wollte er seine Rolle nach dieser Phase wie bisher weiter spielen, so demütigte er seine Kinder, und darf sich nicht wundern, wenn sie ihm schließlich jegliche Achtung verweigern. An diesem Punkt der Entwicklung sind die Menschen, die sich mündig wähnen, mit ihrem Gott angelangt. Ein Vater, der alles selbst regeln will, seine Gebote erläßt und die Einhaltung fordert, ja erzwingt, ist dem Zustand des erwachsenen Menschen nicht mehr angemessen. Er beschneidet in unzuträglicher Weise die Freiheit.

Die Freude, sein eigenes Geschick in die Hände nehmen zu dürfen, gar nicht einmal in egoistischer oder willkürlicher Weise, wird dadurch behindert. Der Mensch fühlt sich unter einem verhängnisvollen Druck, der sein Leben überschattet. Freude ist nicht möglich, vielleicht Ausgelassenheit. Unter dieser Voraussetzung wird Fastnacht als Ventilsitte verständlich. Einmal im Jahr darf man sich Luft machen, einmal im Jahr darf man diesem moralischen Gott ungestraft ein Schnippchen schlagen. Da darin aber keine Freude steckt, wird der Ausdruck verständlich:

„Selbst der Name Gott, der nur erwähnt zu werden braucht, um das Gefühl einer öden Langeweile zu erregen, muß zum Besten der menschlichen Heiterkeit und des Frohsinns gemieden werden.“ Diese Worte hat ein verbitterter Mann gesprochen, der über seinen biblischen Forschungen an der Kirche und an Gott gescheitert ist. Verbitterte Worte über die Freude wirken aber nicht überzeugend; dennoch bleibt bestehen, daß viele Öde und Langweile empfinden, wenn Gott ins Gespräch gebracht wird. Das beschreibt Albert Camus in seinem Roman DER FREMDE. Ein zum Tode Verurteilter steht dem Anstaltsgeistlichen gegenüber : „Er wollte wieder von Gott sprechen, aber ich ging auf ihn zu und versuchte ihm ein letztes Mal klarzumachen, daß ich nur noch wenig Zeit hätte. Die wollte ich nicht mit Gott vertrödeln“. Was ihn in den letzten Tagen beschäftigt und was ihm Freude macht, ist das Licht der Sterne, der wunderbare Friede eines schlafenden Sommers, die Düfte der Nacht. „Angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne wurde ich zum ersten Mal empfänglich für die zarte Gleichgültigkeit der Welt. Als ich empfand, wie ähnlich sie mir war, wie brüderlich, da fühlte ich, daß ich glücklich gewesen war und immer noch glücklich bin“. Wir werden uns damit abfinden müssen, daß Menschen auch ohne Gott – wie sie behaupten gerade deswegen – die Welt in einer heiteren Gelöstheit betrachten können, sich wohl in ihr fühlen, Freude haben und unseren Glauben an einen Vater Gott für langweilig halten.

„Dies habe ich zu Euch geredet“, läßt Johannes Christus sagen, „damit meine Freude in Euch sei und Eure Freude vollkommen werde“. Muß es wirklich so schlecht um unsere Freude bestellt sein? Wenn wir zurecht den Mangel an Freude auf ein falsches Vaterbild zurückführen müssen, was hindert uns zu prüfen, ob wir nicht ein besseres an seine Stelle setzen dürfen und müssen. Beachtlicherweise erbrachte jüngst eine Untersuchung über das Vaterbild der Jugend neben den allzu bekannten Klagen, die sich auf Menschen und Gott beziehen, bedeutsame Ansätze zu einer Neuorientierung. Stehe das Zeugnis einer 18/20jährigen für die anderen. Zuerst über seinen eigenen Vater: „Seine restlose Hingabe für die Familie ist eine Tatsache, die mir erst die letzten Jahre so richtig zum Bewußtsein kam. Trotz großer Müdigkeit tut er alles, um uns etwas Rechtes lernen zu lassen“. Daneben nun die Aussage über Gott: „Gott Vater ist das Urbild eines wirklichen Vaters, der gab sich selbst restlos hin im wesensgleichen Sohn. Nichts behielt er zurück. Vor ihm möchte ich ganz demütig sein“. Das klingt sehr theologisch, mindert aber angesichts der Worte, die er für seinen Vater fand, nicht seine Glaubwürdigkeit.

Der Gedanke von der Hingabe des Vaters, meine verehrten Zuhörer, ist uns nicht geläufig. In der Spekulation über die Dreifaltigkeit hat er immer eine große Rolle gespielt. Seine Bedeutung ist aber im theoretischen Bereich steckengeblieben und hat sich nicht auf unsere Verhältnisse übertragen. Der fordernde, der lohnende und strafende, natürlich auch der verzeihende Gott hat im Vordergrund gestanden. Hier nun heißt es auf einmal, im Einklang mit alltäglicher Erfahrung, „der Vater gab sich restlos hin in seinem wesensgleichen Sohn“. Bewußt oder unbewußt, nimmt er das Wort aus dem Römerbrief auf „der seinen eigenen Sohn nicht schonte, sondern ihn für uns alle dahingab“ (Röm. 8,32). Hier wird eine Haltung sichtbar, die wir fast ausschließlich auf Jesus Christus beschränkten. Eine einseitige Deutung der Erlösung hat dahingeführt, daß wir die Hingabebereitschaft und die Liebe des Vaters nicht richtig gewürdigt haben. Nur so konnte das Bild eines herrscherlichen Gottes, statt eines dienenden entstehen. In Christus ist er unser Knecht geworden, während wir in Christus seine Freunde sind. „Eine größere Liebe hat niemand“, darf in Abwandlung des Wortes gesagt werden, „als wer seinen Sohn hingibt für seine Freunde.“ Ist Gott unser Sklave, dann hört unser Sklavendasein ihm gegenüber auf. „Ihr habt doch nicht den Geist von Sklaven erhalten, daß Ihr Euch wieder fürchten müsstet, sondern den Geist anerkannter Söhne“ (Röm, 8,15). Wir sind noch nicht einmal Freunde, sondern Söhne mit allen Rechten auf das Erbe des Sohnes. Dieses Erbe ist Gott selbst: Unsere vollkommene Freude. Ein Ozean der Freude.

Könnten die Christen nicht erlöster aussehen? Doch, wenn sich dieses Gottesverständnis durchsetzte, bis auf alle, die Führungsaufgaben in Kirche, Familie und Gesellschaft haben. Sie nicht zuletzt, müssen sich von einem falschen Vaterbild lösen, wie Paulus es von sich versteht „Wir wollen uns ja nicht als Herren über Euren Glauben aufspielen, sondern Diener an Eurer Freude sein“ (2 Kor. 1,24).

Gebet:

Vater unser! Dich so ansprechen zu dürfen ist nicht selbstverständlich. Dein Sohn Jesus Christus hat uns diese Anrede als Vermächtnis hinterlassen.
Viele wählen sie zu unbedacht und unbefangen. Viele wagen es nicht mehr, so zu sprechen. Viele lehnen sie ab. Sie glauben auf Dich als Vater verzichten zu können. So, wie sie Dich vermeinen zu kennen, bist Du ihnen im Wege. Es muss nicht Überheblichkeit sein, die dahintersteckt, vielmehr ist es sicher Mißverständnis.
Zu lange mußtest Du herhalten überholte Herrschaft zu stützen, im Staat, in der Kirche, in Schule und Familie. Nur Dein Sohn weiß, wer Du bist.
Vater, als seine Freunde treten wir ihm zur Seite. Laß uns an seiner Freude über Dich teilnehmen. Läutere unsere falschen Vorstellungen von Dir und Deinem Wesen, damit Deine Liebe, die nichts ist als väterliche Hingabe, von uns verstanden werde.
Laß uns aus diesem Geist eine neue Väterlichkeit wachsen, in der die Not der Väter und die Not der Kinder aufgehoben wird.
A m e n


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