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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::

Turin 7.-11.Juni 1969

V. KOLLOQUIUM EUROPÄISCHER PFARREIEN

Funktion und Struktur der Kirche (Pfarrei) in einer säkularisierten Welt

INHALT
Die zukünftige Pfarrei sollte brüderlich, dynamisch, für die Umgebung und die Welt rückhaltlos aufgeschlossen, demokratisch, ökumenisch, gläubig und mündig sein.

HINWEIS
Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 22. Juli 1969 – Redaktion Norbert Kutschki

Im selbstgewählten Schatten der Publizistik fand zur gleichen Zeit wie das europäische Bischofssymposion von Chur in Turin das fünfte KOLLOQUIUM EUROPÄISCHER PFARREIEN mit 200 Teilnehmern aus 15 Ländern statt. Es befasste sich mit „Funktion und Struktur der Kirche (Pfarrei) in einer säkularisierten Welt“.

Insofern dieses Kolloquium auf französische Initiative zurückgeht, musste es erstaunen, dass Frankreich nur mit 16 Pfarrern vertreten war. Es fehlten die jüngeren Leute. Naturgemäß stellten die Italiener, die sich in ihren Experten auf soziologischem Gebiet hervortaten, eine große Gruppe von Teilnehmern. Die Spanier waren mit ihren 30 Geistlichen nicht ganz vollzählig, da der von ihnen vorgesehene Referent aus politischen Gründen nicht ausreisen durfte. Das hinderte sie nicht im mindesten daran, immer wieder Kritik zu üben an ihrem Staat und dem offiziellen Verhalten der Kirche. Die Holländer fehlten völlig, obgleich sie noch an den Vorbereitungen der Tagung beteiligt waren. So bedauerlich das war, dürfte es das Ergebnis der Tagung dennoch nicht beeinflusst haben. Die deutsche Delegation, aus 26 Mitgliedern bestehend, hatte für ihr Referat über die Pfarrgemeinderäte einen Laien benannt. Damit unterstrich sie ihren schon früher geäußerten Wunsch, nicht nur Pfarreien sondern allen in der Gemeindearbeit Stehenden die Mitgliedschaft in einem Kolloquium zu ermöglichen, das ein Kolloquium von Pfarreien sein soll.

Um den gegenseitigen Kontakt zu fördern, wurde weitgehend in gemischten Gruppen gearbeitet. So diskutierten etwa Spanier und Franzosen, oder Italiener und Deutsche miteinander. Manche Gesprächskreise umfassten Teilnehmer aus fünf verschiedenen Ländern. Die Tagung versuchte überhaupt, alle Formen der Information und Kommunikation für die Anwesenden fruchtbar werden zu lassen. Kurze Referate wechselten ab mit ausgiebigen Diskussionen und dem Vortrag der Gesprächsergebnisse im Plenum bis hin zu Expertenbefragungen. Arbeitsweise und –tempo machten dem genius loci alle Ehre, der Turin den Ruf einer „preußischen“ Stadt eingebracht hat.

Wenn auch in den Referaten und Gesprächen selten wirklich Neues zur Sprache kam, so zeigten sich doch bei allen angeschnittenen Fragen eindeutige Trends, die auf keinen ernsthaften Widerspruch stießen. Die virulenten Ideen wurden so einmütig und selbstverständlich vorgebracht, dass ihr umstürzlerischer Kern seine Gefährlichkeit einzubüßen schien.

Als erstes wurde das Phänomen der Säkularisation behandelt; sie ist ein irreversibler Prozess, aus dem die Kirche endlich die Konsequenzen zu ziehen hätte. In diesem Zusammenhang wurde den Arbeitsgruppen die spezielle Frage gestellt, welche bislang von der Kirche unterhaltenen Einrichtungen, wie Schulen, Krankenhäuser etc. weitergeführt, welche abgestoßen werden sollen. In den Gesprächen kristallisierte sich ziemlich einhellig die Meinung heraus, die Kirche solle und müsse alle Institutionen abgeben, die von der Gesellschaft und dem Staat legitimer- und gültiger Weise übernommen werden können; denn hierzu habe die Kirche keine besondere Sendung. Vor allem, so meinte ein Italiener, solle die Kirche die Einrichtungen aufgeben, die Geld einbringen. Nur, wer weiß, wie viele Institutionen die Kirche in den verschiedenen Ländern unterhält, kann ermessen, wie radikal die gestellten Forderungen sind. Nur subsidiär und für den Übergang wollte man der Kirche noch zugestehen, sogenannte „weltliche“ Einrichtungen zu unterhalten.

Mit größter Aufmerksamkeit befasste sich dann die Tagung mit dem Erscheinungsbild der heutigen Pfarrei. Hier setzte eine Kritik ein, die die bisherige Pfarrei an der Wurzel traf. Die allerwenigsten Pfarreien, so wurde festgestellt, sind von ihrer Struktur und in der in ihnen gepflegten Mentalität her in der Lage, ihrer missionarischen Aufgabe gewahr zu werden, geschweige denn sie zu übernehmen. Schwerfällig und belastet mit traditionellen Elementen und Vorstellungen, hierarchisch gegängelt und einseitig auf Kult eingestellt, fühlen sich die Pfarreien mehr als Objekt denn als Subjekt kirchlicher Aktivität. Solange hier kein Wandel eintritt, ist eine zeitgemäße Gemeinde im Sinne des Evangeliums noch in weiter Ferne.

Die Forderung nach einer erneuerten oder sogar neuartigen Pfarrei wird namens der Soziologie und der Theologie gerade von denen erhoben, die sich in der üblichen Pfarrei nicht mehr wohlfühlen, andererseits aber zu einem christlichen Engagement bereit sind, d.h. vornehmlich von der jungen Generation. In allen Ländern, so wurde übereinstimmend berichtet, bilden sich auf spontane Weise Gruppen und Gemeinschaften, die unter sehr verschiedenen Vorzeichen versuchen, die christliche Gemeinde neben und über die Pfarrei hinaus zu verwirklichen. Ihnen wurde in der Diskussion eine erhebliche Bedeutung beigemessen, weil an ihnen ablesbar ist, wie eine zukünftige Pfarrei auszusehen hätte: nämlich brüderlich, dynamisch, für die Umgebung und die Welt rückhaltlos aufgeschlossen, demokratisch, ökumenisch, gläubig und mündig. Diese manchmal recht unbotmäßigen Gruppierungen wurden als Zeichen für die Vitalität einer Kirche gewertet, die künftig wieder mehr auf ihre charismatische als auf ihre institutionelle Seite achtet. Daher gab man sich in Turin keineswegs pessimistisch.

Wenn schon von Strukturen der Kirche die Rede sein musste, so dachte man vor allem daran, jede Pfarrei in ihrer Beziehung zu größeren Gebilden, wie der Region, dem Bezirk oder dem Stadtbereich zu sehen; denn durch die bisherige Autarkie der Pfarrei konnten wichtige Aufgaben der kirchlichen Heilssendung nicht erfüllt werden. Bei der Behandlung der Pfarrgemeinderäte als einem wichtigen Strukturprinzip stellte es sich heraus, dass die verschiedensten Modelle erprobt wurden, und von den vertretenen Ländern Deutschland in der Arbeit mit den Pfarrgemeinderäten am weitesten voran war.

Zu einem Testfall demokratischer Willensbildung und pluraler Aufgeschlossenheit in der Kirche wurde der von deutscher und spanischer Seite eingebrachte Antrag, das Kolloquium solle Kontakt mit den spontanen europäischen Priestergruppen aufnehmen. Das erschien dem Präsidenten, einem renommierten Pfarrer aus Paris, zu problematisch und er versuchte mit allen Mitteln, den Antrag zu Fall zu bringen. Schließlich konnte er aber nicht an einer Abstimmung vorbeikommen, die eine Mehrheit für einen Kontakt auf nationaler Ebene erbrachte. Der Vorfall ist deswegen erwähnenswert, weil hier deutlich wird, warum die Avantgarde des europäischen Klerus in Turin fehlte.

Trotz dieses Umstandes wurden auf dem Kolloquium in unprätentiöser Weise Dinge gesagt und akzeptiert, die zeigen, dass sich nicht nur eine kleine Vorhut in Marsch gesetzt hat.


Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 22. Juli 1969 – Redaktion Norbert Kutschki


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