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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV ASYL 1986/87 :::

URLAUB VOM ASYL

Freizeit mit Flüchtlingen im Schwarzwald 1987

DER SONNTAG
Kirchenzeitung für das Bistum Limburg vom 26. Oktober 1986 S. 14f.
(ohne Fotos – Bildmaterial aus einem Video-Film von 1987)

URLAUB VOM ASYL

Freundschaft ist die Ausnahme

Ferdinand Löhr

Flüchtling sein in Deutschland, schön ist das nicht. Es heißt: Nicht arbeiten dürfen, untätig sein müssen; in Lagern oder zu engen Wohnungen die Zeit totschlagen und vor allem: wenig Freunde haben. Asylanten werden nicht geliebt, höchstens geduldet. Aber: es gibt Ausnahmen. Deutsche aus Hofheim machten mit ihren ausländischen Freunden eine Woche Urlaub. Mit dabei auch Pfarrer Herbert Leuninger. Es war ein Urlaub vom Alltag. Mehr als vergängliche Idylle ist jedoch die Tatsache, dass Flüchtlinge in Hofheim Freunde haben.

Flüchtlinge mit guten Freunden im Schwarzwald

Almas, die junge Mutter aus Eritrea, ist ganz aus dem Häuschen über ihr Häuschen: drei Schlafzimmer, ein Wohn-Eßraum, Küche, Dusche, Toilette. „Das ist jetzt mein Haus“, sagt sie. Es ist eine Idylle auf Zeit, Urlaub von Asylant-sein. Almas, ihre beiden Kinder und 28 weitere Flüchtlinge mit ihren Kindern sind auf Einladung des Solidaritätskreises Asyl der Hofheimer Pax-Christi-Basisgruppe für sechs Tage mit ihren deutschen Freunden in der Feriendorfanlage Sonnenrain in der Nähe von Freudenstadt im Schwarzwald auf Ferienfreizeit.

Almas ist allein mit ihren Kindern Aman (5) und Leam (3) aus ihrer Heimat geflohen. In Eritrea herrschen seit 25 Jahren Not, Elend und Krieg. Das Land am südlichen Ausgang des Roten Meeres sollte nach einem Beschluß der Vereinten Nationen 1960 seine Unabhängigkeit erhalten. Äthiopien, das nach dem Zweiten Weltkrieg als Schutzmacht für Eritrea eingesetzt wurde, verweigerte jedoch die Unabhängigkeit.

Seit ihrer Anerkennung als „Politischer Flüchtling“ vor rund eineinhalb Jahren ist sie auf der Suche nach einer Wohnung für sich und ihre Kinder. Aber das ist schwer. Alleinstehende Frau (Asylantin) mit zwei Kindern sucht Wohnung im Raum Hofheim – Fehlanzeige! Almas wohnt also immer noch in der Gemeinschaftsunterkunft in Diedenbergen. Das heißt für sie: ein Zimmer, Gemeinschaftsküche für etwa 40 Personen, eine Dusche für alle Frauen und Kinder im Haus. Dorthin wird sie nach den sechs Tagen in der Idylle des Schwarzwalds zurückkehren müssen.

Wir haben uns mit Pfarrer Herbert Leuninger verabredet, der Mitinitiator des Solidaritätskreises Asyl in Hofheim ist. Als wir im Feriendorf eintreffen, ist er noch beim Einkaufen für das Mittagessen. Aber auch so haben wir schnell Kontakt. Sein „Hausgenosse“, einer der Flüchtlinge, bittet uns herein und bietet etwas zum Trinken an: „Sie sind doch bestimmt durstig nach der Fahrt.“

Nicht alle durften mit

Wir haben uns kaum gesetzt, als Pfarrer Leuninger zurückkommt. In kleiner Runde sprechen wir erst einmal über den Hofheimer Kreis. Den Alltag in der Ferienfreizeit werden wir später erleben; denn man hat uns spontan zum gemeinsamen Mittagessen eingeladen. „Sie können auch länger bleiben“, bietet Pfarrer Leuninger an. Dies deshalb, weil nicht alle eingeladenen Asylbewerber die Erlaubnis zum Verlassen des Main-Taunus-Kreises erhielten. Ausnahme: die Familie eines eritreischen Mannes, der bereits als Asylant anerkannt ist. Und diese Ausnahme kam nur durch einen Eilentscheid des Hessischen Sozialministeriums zustande, sozusagen in letzter Minute.

In Hofheim, wo es zwei Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber gibt, hat die Pax-Christi-Gruppe irgendwann gemerkt, daß sie mit ihrer Friedensarbeit gar nicht in die Ferne zu gehen braucht, nicht nur gegen die Abschreckung durch Raketen zu kämpfen hätte, sondern auch gegen die Abschreckung, die Flüchtlinge trifft. Der Hintergrund der Behandlung der Flüchtlinge in der Bundesrepublik ist eine Abschreckungspolitik, das heißt: der Versuch, möglichst viele daran zu hindern, überhaupt in die Bundesrepublik zu kommen. Aus diesem Grund hat sich, wie Pfarrer Leuninger erzählt, vor zwei Jahren der „Solidaritätskreis Asyl“ gefunden. Thema des Kreises ist die Solidarität mit den Flüchtlingen, und er versucht, das zu realisieren unter dem Gesichtspunkt der Nachbarschaft und Freundschaft, nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Hilfe. „Wir betrachten uns also nicht als Helferkreis, sondern als Freundeskreis. Das ist für uns eigentlich sehr wichtig, weil: es wird viel Hilfe geleistet und auch respektable Hilfe geleistet. Wir denken aber, daß es entscheidender ist, daß die Flüchtlinge diese normale Nachbarschaft oder auch Freundschaft mit uns realisieren können.“

Freundschaft ist gefragt

Und so üben die rund 15 Mitglieder der Gruppe ihre Solidarität mit den Flüchtlingen, indem sie auf vielfältige Weise Kontakt suchen: durch Besuche, bei geselligen Treffen, bei Ausflügen und Gottesdiensten, und besonders bei Feiern und Festen, zu denen sich Mitglieder des Kreises und Flüchtlinge gegenseitig einladen. Natürlich ergibt sich daraus dann auch, daß sich der Kreis aufgrund seiner Beziehungen und Möglichkeiten für die Flüchtlinge einsetzt. Es ist aber nicht der Ausgangspunkt, sondern eine Konsequenz des Verhaltens der Gruppenmitglieder. Aus den Kontakten entwickelte sich auch die Idee zu der gemeinsamen Freizeit. Die Flüchtlinge beteiligen sich insofern an den Kosten des Aufenthaltes, als sie die eigene Versorgung übernehmen – Ausgaben, die sich auch in Hofheim hätten. Die anderen Kosten werden von den deutschen Reiseteilnehmern getragen, dazu kommen Spenden von Freunden und kirchliche und caritative Mittel.

Während in den Häusern die Vorbereitung für das Mittagessen getroffen werden, machen wir einen kleinen Rundgang mit Hartwig Weise, einem Polizeibeamten aus Hofheim, der uns den Mitgliedern der Reisegruppe vorstellt. Hartwig Weise und seine Frau Regina sind von Anfang an in der Solidaritätsgruppe dabei und kennen so die Flüchtlinge sehr gut. Da ist Sufan, Almas Schwester, deren Mann erst kürzlich Arbeit im Hessischen Umweltministerium gefunden hat. Oder Seret, der während seines Studiums in Frankfurt im Studentenwohnheim lebt. Vor allem sind da auch viele Kinder, 17 allein, die noch nicht schulpflichtig sind. Für sie sind die Tage im Schwarzwald ein besonderes Erlebnis.

Urlaub vom Asylant-sein

Ein richtiges Programm haben die Hofheimer nicht. Es soll Urlaub sein. Nur das gemeinsame Mittagessen, zu dem sich alle hinter dem Haus von Hartwig und Regina treffen, ist so etwas wie eine feste Einrichtung. Eine bunte Vielfalt steht auf den Tischen: Würstchen und Kartoffelpüree, Zimtreis, Rosenkohl und Inghera, ein eritreisches Gericht, bestehend aus Pfannkuchen aus Mais- und Weizenmehl mit einer scharfen Fleischfüllung.

Ebenso bunt ist auch die Sprachvielfalt: Tigrina, die eritreische Landessprache, Deutsch und Englisch.

Als wir am Nachmittag dann aufbrechen und uns von allen verabschieden, habe ich das Gefühl, daß die Flüchtlinge mit etwas mehr Hoffnung für ihre Zukunft in Deutschland nach Hofheim zurückkehren werden. Urlaub vom Asylantendasein, Urlaub von der Isolation, Atemholen auf dem Weg zur Integration. Der Hofheimer „Solidaritätskreis Asyl“ hilft ihnen dabei mit dem Angebot der Freundschaft und Nachbarschaft.

Übrigens

Almas, die junge Mutter aus Eritrea, die Sie auf unserem Foto mit ihren beiden Kindern sehen, lebt längst wieder in der Gemeinschaftsunterkunft. Ihre deutschen Freunde suchen weiter nach einer Wohnung. Ohne Erfolg. Obwohl die Miete sicher ist. Wie Almas geht es vielen Flüchtlingen. Wir fragen unsere Leser: Haben Sie eine Wohnung für Almas oder andere Flüchtlinge? Rufen Sie uns an: (0 64 31) 30 95 oder 29 53 56. Wir: stellen die nötigen Kontakte her.

Michael Wittekind


Urlaub vom Asyl (1987)

2. Urlaub 1987


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