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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV DIVERSES 1999 :::

DAS INTERNET
„The Medium is the Message“

Ein Internet-Essay von Herbert Leuninger

INHALT

RESSOURCEN

Der kanadische Schriftsteller und Wissenschaftler Herbert Marshall McLuhan (1911-1980) löste in den sechziger Jahren mit seinen Theorien von der Wirkung der Medien auf die Gesellschaft eine breite Kontroverse aus. Von ihm stammt die These „The medium is the message“, d.h. ein Kommunikationsmedium transportiert nicht nur Botschaften und Mitteilungen, sondern ist selbst bereits die entscheidende Information: Das Medium ist die Botschaft.

Seine Theorie entsprang der Überzeugung, daß der Einfluß der elektronischen Medien, insbesondere des Fernsehens, weit über die zu vermittelnde Botschaft hinausgehe. Es hinge damit zusammen, daß die elektronische Technik in direkter Weise dem menschlichen Zentralnervensystem entspräche. McLuhan hielt es für notwendig, sich der Veränderungen bewusst zu werden, die diese Medien in der Alltagskultur bewirken. Obwohl er der Ansicht war, daß das Buch als Medium seinem Ende entgegenginge, hat er selbst zahlreiche Bücher verfaßt.

Unterstellen wir, daß McLuhans Theorie „The Medium is the Message“ plausibel ist, und wenden wir sie versuchsweise auf das Internet an. Der Karikaturist Stauber hat dazu eine eigenwillige Vorstellung. Er bringt das neue Medium in Verbindung mit einem Schöpfungsakt. Er wählt dazu einen Ausschnitt des berühmten Bild von Michelangelo von der Erschaffung Adams aus der Sixtinischen Kapelle. Dieser liegt nackt, geist- und kraftlos am Boden. In dem Moment, wo der Zeigefinger des Schöpfergottes ihn berührt, wird er zu vollem Leben erwachen. Der Zeichner hat Adam mit einem Internet-Computer ersetzt und läßt Gott auf eine Taste tippen. Damit erwacht das neue Wesen zum Leben.

Hinter dieser Karikatur steht die Vorstellung von einem neuen Schöpfungsmorgen, der mit hunderttausendfach vernetzten Computern rund um die Welt heraufkommt. Es ist nicht der Weltenschöpfer, der Computer und elektronisches Netz geschaffen hat. Adams Nachkommen haben ihn hervorgebracht und nutzen ihn in globaler Verbindung. Unsere Karikatur verweist mit Recht auf einen Schöpfungsakt hin. In diesem Akt wird allerdings nicht der Mensch von der Maschine, sondern eher Gott vom Menschen ersetzt. Ob der Mensch irgendwann von intelligenten Robotern ersetzt wird, bleibe einmal dahingestellt.

Vieles am Internet erinnert an Eigenschaften, die bisher nur von Gott ausgesagt wurden. Die klassische Theologie nennt Gott allwissend, allgegenwärtig, allmächtig und allweise. Wer im weltweiten Netz herumschwimmt und sich informieren will, erfährt die Unermeßlichkeit der dort vorhandenen und abrufbaren Informationen. Das hat die Menschheit, seit sie ihr Wissen in ungezählten Bibliotheken und Archiven sammelt, noch nicht erlebt. Fast das gesamte Wissen der Welt steht dem Individuum auf einen Tastendruck hin zur Verfügung. Das ist zumindest die Verheißung einer uferlosen Anhäufung von Texten, Bildern, Klängen und Animationen. Die bescheidendste Anfrage löst einen Vorgang aus, als schwirrten Tausende Angestellte in den Bibliotheken und Magazinen rund um den Erdball aus, um mir das Gesuchte zu besorgen. Es ist, und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung, eine Verheißung, als nähere sich der Mensch der Allwissenheit.

Die Allgegenwart, wie sie sich durch die Satellitenverbindungen des Fernsehens bereits abzeichnet, bekommt mit dem Internet eine neue Dimension. Web-Kameras, überall anbringbar, gewähren mir zeitgleich Einblicke in Geschehen, die sich irgendwo auf der Welt oder im Weltall abspielen. Zu jeder Zeit kann ich mich in Diskussionen einschalten, die rund um die Welt zu allen nur möglichen Themen geführt werden. Vor Jahren hat eine kalifornische Universität registrierten und mit einem Paßwort ausgestatteten Nutzern die Möglichkeit gewährt, sich aus der Ferne an einem wissenschaftlichen Projekt zu beteiligen. Dabei ging es um die Anlage und Pflege eines Blumengartens. So könnte ich von Deutschland aus eine Blumenart auswählen, die ich auch säe. Danach übernehme ich die genau dosierbare Wasserversorgung. Das Wachsen und Blühen meiner Pflanze verfolge ich mit Kameras, die auf den Pflanzgarten gerichtet sind. Das ist nur eine der Möglichkeiten, den Radius meiner Aktivitäten auszuweiten. Niemand kann absehen, wo die Grenzen liegen.

Wird dies alles unserer Güte und Weisheit zugutekommen? Werden wir uns durch diese gesteigerten Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und Einflußnahme auch der Weisheit und Güte Gottes annähern. Hier sind sicher größte Zweifel angebracht.

Wer mit dem Internet arbeitet, steht sofort vor der Sprachenfrage. Es gibt natürlich eine Fülle von deutschen Seiten. Die Hauptsprache des Internet ist allerdings Englisch. 90 % aller Texte im Internet dürften in dieser Sprache abgefaßt sein. Englisch ist jetzt und in Zukunft die „Lingua franca“. Die deutsche Sprache, am Anfang des Jahrhunderts die bedeutendste Wissenschafts- und Kultursprache, spielt nur noch für den deutschsprachigen Raum eine Rolle. Darüber hinaus gibt es natürlich auch alle anderen Sprachen, man könnte sagen ein unglaubliches Sprachengewirr, wie es beim Turmbau zu Babel beschrieben ist. Die Bibel führt die vielen Sprachen auf eine Sprachverwirrung zurück. Gott griff ein, als die Menschen sich übernahmen und mit einem Riesenturm den Himmel erreichen wollten.

Schon jetzt gibt es im Internet Übersetzungsprogramme. Sie sind sehr hilfreich, aber noch weit entfernt von einer guten Verständlichkeit. Der Einsatz immer leistungsfähigerer Programme wird in einigen Jahren die Verständigung in fast allen Sprachen ermöglichen. Das Erlernen fremder Sprachen wird aus der Perspektive des Internet immer weniger erforderlich.

Das United Nations Institute of Advanced Studies will eine neue Sprache kreieren: Eine universale Netzwerk-Sprache (UNL) soll die internationale Kommunikation erleichtern. Seit mehr als 2 Jahren arbeiten 17 Arbeitsgruppen in verschiedenen Ländern an der Verwirklichung des Vorhabens. Bis zum Jahr 2006 sollen 150 Sprachen durch UNL ineinander übersetzbar werden. Ziel: Die Kommunikationsbarrieren im Internet auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. (Internet World, Januar 1999). Irgendwann geht die Sprachverwirrung der Menschheit über das Internet ihrem Ende entgegen.

1947 hat der französische Theologe und Evolutionsforscher Pierre Teilhard de Chardin das Buch „Der Mensch im Kosmos“ veröffentlicht. Er vertritt darin die Auffassung, daß sich die Menschheit zu einer Art Superhirn entwickeln werde, bei dem jeder Mensch mit seinem Verstand als Denkteilchen einbezogen ist. Es würde in der Endstufe bedeuten, daß jedes einzelne Element einer denkenden Hülle, die den Erdkreis umspannt, „dasselbe sieht, fühlt, ersehnt und leidet wie alle anderen zusammen. So unterschiedlich und vielgestaltig das Denken der unzähligen Menschen auch sein mag, es konzentriert sich letztlich „im Akt eines einzigen, gleichgestimmten Bewußtseins“.

Als ich diese Passagen des Buches, ich glaube es war 1964 zum ersten Mal las, war ich von der Perspektive einer gemeinsam denkenden und empfindenden Menschheit fasziniert. In einer späteren Phase habe ich solche Ideen als eher phantastisch und allzu spekulativ eingestuft. Bis ich auf das 1996 in den Vereinigten Staaten erschienene Werk „Cyber“ stieß. Der Autor Mark Dery befaßt sich darin mit der „Kultur der Zukunft“, d.h. mit den geistigen Entwicklungen, die das Zeitalter elektronischer Datenvermittlung in der Gesellschaft auslöst. Dabei war auffällig, wie oft auf Teilhard de Chardin verwiesen wurde; man konnte den Eindruck gewinnen, er zähle zu den Propheten der neuen „Cyber-Kultur“. Diese zeichnet sich nach Dery dadurch aus, daß die Informationen aus „Kultur, Kommerz, Politik und Hochfinanz“ um einen immer kleiner werdenden Globus jagen. Es komme im Internet zu einem Stelldichein der „Hacker, Technoschamanen und Cyberpunks“, aber auch der multinationalen Konzerne und offizieller Organisationen. „Wird dieses elektronische Geflecht zu unserer neuen Welt“, fragt sich der Autor.

Was an kulturellen und kommunikativen, vielleicht sogar an politischen Veränderungen vor sich gehen wird, ist noch nicht absehbar. Die wenigsten Menschen, die jetzt leben, können die großen Veränderungen, die sich bereits abzeichnen, nachvollziehen. Dazu gehört wohl eine neue Mentalität und wo wäre diese am ehesten zu finden? Naturgemäß bei den Jugendlichen und Kindern, die auf selbstverständliche Weise in die neue Cyber-Welt hineinwachsen und mit ihr leben. Der Cyber-Guru Don Tapscott vertritt in seinem 1998 erschienen Buch „Net Kids“ die Auffassung, daß die heute zwei bis 22jährigen Menschen, die sich im Internet tummeln, Wirtschaft und Gesellschaft von Grund auf revolutionieren würden. Es entstünden bereits durch dieses Medium in den Firmen und Büros neue Teamstrukturen und Unternehmensmodelle. Die „Netz-Generation“ werde den Staat neu erfinden und ganz andere Konzepte von Schule und Bildung erforderlich machen. Er verweist darauf, daß mittlerweile 90 Millionen Jugendliche allein in Nordamerika das „machtvollste Kommunikationsmedium“ für sich nutzen. Er glaubt bereits eine neue Radikalisierung der Jugendlichen feststellen zu können in der Art, wie sie debattieren, ihr Wissen erwerben, sich mobilisieren und für ihre Rechte kämpfen. In typisch amerikanischem Optimismus glaubt er sogar, daß die „Net-Kids“ versuchen werden unseren Planeten zu schützen, Rassismus und Sexismus als inakzeptabel zu empfinden und den Reichtum, den sie sich über das Internet verschaffen, gerecht zu verteilen. Das Internet selbst wird sich aus einem derzeit noch „kakophonen Hexenkessel mit Millionen Benutzern“ verwandeln. Tapscott meint in seinem Schlußwort sogar: „Erst durch die Netz-Generation wird das Netz ein Medium des sozialen Erwachens.“

Hans Dembowski berichtet in der Frankfurter Rundschau vom 9.Juni 1999 über ein Internet-Projekt. An ihm wird ersichtlich, was das Internet auch für den Migrations- und Flüchtlingsbereich bedeuten könnte. Der 27 Jahre alte Angestellte eines kirchlichen „Arbeiter-Unterstützungszentrums“ organisiert in Cavite, einem Ort südlich der philippinischen Hauptstadt Manila, die Gewerkschaftsarbeit. Über das World Wide Web steht er täglich in Kontakt mit einem globalen Netzwerk von Initiativen und Institutionen. Wichtiger Bezugspunkt dabei ist ein Zentrum in Hongkong, das aktuelle Berichte über erzwungene Überstunden in China, Berufskrankheiten in Vietnam oder Entlassungen von Gewerkschaftern in Bangladesch ins Internet stellt. Diese Informationen werden nicht nur in Manila sondern auch von Arbeitnehmerorganisationen und Entwicklungsinitiativen in Nordamerika, Westeuropa und Südostasien genutzt.

Zu dem Netzwerk gehören ganz unterschiedliche Adressen: Neben dem Internationalen Arbeitsamt ist es etwa die indische Initiative gegen Kinderarbeit Concerned for Working Children (www.workingchild.org) oder das Institut für Ökonomie und Ökumene Südwind in Siegburg. Das evangelische Missionswerk in Hamburg finanziert ein virtuelles Seminar über Konsequenzen der Globalisierung für Gewerkschaften in Asien. Organisiert wird es von einer Redakteurin in Großbritannien und im Internet präsentiert vom finnischen Entwicklungsministerium.

Die Zeitung kann auch über Erfolge einer so vernetzten Aktivität berichten. So habe die Schweizer Handelskette Migros versprochen bis zur Jahresmitte einen Verhaltenskodex aufzustellen, der weltweit soziale Mindeststandards bei den Zulieferern sichern soll. Sie habe damit den Forderungen der Clean-Clothes-Kampagne aus der Schweiz (www.cleanclothes.ch) entsprochen. Diese hatte nicht zuletzt über das Internet „gerecht produzierte Kleider“ gefordert, also Waren, die ohne Kinderarbeit, gegen gerechte Bezahlung und in fairen Arbeitszeiten hergestellt wurden. An dieser europäischen Kampagne haben sich mit und ohne Internet Gewerkschaften, kirchliche Gruppen und Fraueninitiativen beteiligt.

Die „Cyber-Agitatoren“, wie sie in der Frankfurter Rundschau genannt werden, seien in der Lage, weltweit zu kontrollieren, ob und wie die gemachten Versprechen auch eingehalten werden. Dabei helfe „den Aktivisten in San Francisco und Siegburg, Hongkong und Hamburg, daß ihre Mitstreiter in Managua und Manila heute nur noch ein paar Mausklicks entfernt leben“.

Wer sich in´s Internet begibt, läßt sich auf ein großes Abenteuer ein. Es ist das Medium virtueller Migration und einer neuen Dimension interkulturellen Miteinanders. Die Möglichkeiten die eigenen, politischen Auffassungen dort unabhängig und umfassend vertreten zu können, sind ungewöhnlich und verblüffend. Der aktuelle Austausch von Erfahrungen, die Beantwortung von Fragen, Abstimmungen über gemeinsame Projekte können in kleinem Kreis, aber auch im großen Stil erfolgen. Informationen können nach Belieben eingegeben und abgerufen werden. Die politischen Einflußmöglichkeiten, bisher noch kaum genutzt, könnten neue Öffentlichkeiten schaffen. Die demokratische Ausweitung dieses Medium ist allerdings daran geknüpft, daß möglichst vielen Menschen ein bezahlbarer und einfacher Zugang zum Netz ermöglicht wird und daß sich die ältere nicht von der jüngeren Generation abhängen läßt.


veröffentlicht in der epd- Dokumentation Nr. 42/99
als Beitrag zu der Tagung vom 12. – 14. März 1999
in der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg

Ankommen in Europa
Perspektiven für ein europäische Zuwanderungspolitik

Möglichkeiten transnationaler Kooperation und Vernetzung
„The Medium is the Message“


„The Medium is the Message“


Unterstellen wir, daß McLuhans Theorie „The Medium is the Message“ plausibel ist, und wenden wir sie versuchsweise auf das Internet an. Der Karikaturist Stauber hat dazu eine eigenwillige Vorstellung. Er bringt das neue Medium in Verbindung mit einem Schöpfungsakt. Er wählt dazu einen Ausschnitt des berühmten Bild von Michelangelo von der Erschaffung Adams aus der Sixtinischen Kapelle. Dieser liegt nackt, geist- und kraftlos am Boden. In dem Moment, wo der Zeigefinger des Schöpfergottes ihn berührt, wird er zu vollem Leben erwachen. Der Zeichner hat Adam mit einem Internet-Computer ersetzt und läßt Gott auf eine Taste tippen. Damit erwacht das neue Wesen zum Leben.

Hinter dieser Karikatur steht die Vorstellung von einem neuen Schöpfungsmorgen, der mit hunderttausendfach vernetzten Computern rund um die Welt heraufkommt. Es ist nicht der Weltenschöpfer, der Computer und elektronisches Netz geschaffen hat. Adams Nachkommen haben ihn hervorgebracht und nutzen ihn in globaler Verbindung. Unsere Karikatur verweist mit Recht auf einen Schöpfungsakt hin. In diesem Akt wird allerdings nicht der Mensch von der Maschine, sondern eher Gott vom Menschen ersetzt. Ob der Mensch irgendwann von intelligenten Robotern ersetzt wird, bleibe einmal dahingestellt.

Vieles am Internet erinnert an Eigenschaften, die bisher nur von Gott ausgesagt wurden. Die klassische Theologie nennt Gott allwissend, allgegenwärtig, allmächtig und allweise. Wer im weltweiten Netz herumschwimmt und sich informieren will, erfährt die Unermeßlichkeit der dort vorhandenen und abrufbaren Informationen. Das hat die Menschheit, seit sie ihr Wissen in ungezählten Bibliotheken und Archiven sammelt, noch nicht erlebt. Fast das gesamte Wissen der Welt steht dem Individuum auf einen Tastendruck hin zur Verfügung. Das ist zumindest die Verheißung einer uferlosen Anhäufung von Texten, Bildern, Klängen und Animationen. Die bescheidendste Anfrage löst einen Vorgang aus, als schwirrten Tausende Angestellte in den Bibliotheken und Magazinen rund um den Erdball aus, um mir das Gesuchte zu besorgen. Es ist, und wir stehen erst am Anfang der Entwicklun, eine Verheißung, als nähere sich der Mensch der Allwissenheit.

Wer mit dem Internet arbeitet, steht sofort vor der Sprachenfrage. Es gibt natürlich eine Fülle von deutschen Seiten. Die Hauptsprache des Internet ist allerdings Englisch. 90 % aller Texte im Internet dürften in dieser Sprache abgefaßt sein. Englisch ist jetzt und in Zukunft die „Lingua franca“. Die deutsche Sprache, am Anfang des Jahrhunderts die bedeutendste Wissenschafts- und Kultursprache, spielt nur noch für den deutschsprachigen Raum eine Rolle. Darüber hinaus gibt es natürlich auch alle anderen Sprachen, man könnte sagen ein unglaubliches Sprachengewirr, wie es beim Turmbau zu Babel beschrieben ist. Die Bibel führt die vielen Sprachen auf eine Sprachverwirrung zurück. Gott griff ein, als die Menschen sich übernahmen und mit einem Riesenturm den Himmel erreichen wollten.

Schon jetzt gibt es im Internet Übersetzungsprogramme. Sie sind sehr hilfreich, aber noch weit entfernt von einer guten Verständlichkeit. Der Einsatz immer leistungsfähigerer Programme wird in einigen Jahren die Verständigung in fast allen Sprachen ermöglichen. Das Erlernen fremder Sprachen wird aus der Perspektive des Internet immer weniger erforderlich.

Das United Nations Institute of Advanced Studies will eine neue Sprache kreieren: Eine universale Netzwerk-Sprache (UNL) soll die internationale Kommunikation erleichtern. Seit mehr als 2 Jahren arbeiten 17 Arbeitsgruppen in verschiedenen Ländern an der Verwirklichung des Vorhabens. Bis zum Jahr 2006 sollen 150 Sprachen durch UNL ineinander übersetzbar werden. Ziel: Die Kommunikationsbarrieren im Internet auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. (Internet World, Januar 1999). Irgendwann geht die Sprachverwirrung der Menschheit über das Internet ihrem Ende entgegen.

Der französische Theologe und Evolutionsforscher Pierre Teilhard de Chardin hat 1947 das Buch „Der Mensch im Kosmos“ veröffentlicht. Er vertritt darin die Auffassung, daß sich die Menschheit zu einer Art Superhirn entwickeln werde, bei dem jeder Mensch mit seinem Verstand als Denkteilchen einbezogen ist. Es würde in der Endstufe bedeuten, daß jedes einzelne Element einer denkenden Hülle, die den Erdkreis umspannt, „dasselbe sieht, fühlt, ersehnt und leidet wie alle anderen zusammen. So unterschiedlich und vielgestaltig das Denken der unzähligen Menschen auch sein mag, es konzentriert sich letztlich „im Akt eines einzigen, gleichgestimmten Bewußtseins“.

Als ich diese Passagen des Buches, ich glaube es war 1964 zum ersten Mal las, war ich von der Perspektive einer gemeinsam denkenden und empfindenden Menschheit fasziniert. In einer späteren Phase habe ich solche Ideen als eher phantastisch und allzu spekulativ eingestuft.

Bis ich auf das 1996 in den Vereinigten Staaten erschienene Werk „Cyber“ stieß. Der Autor Mark Dery befaßt sich darin mit der „Kultur der Zukunft“, d.h. mit den geistigen Entwicklungen, die das Zeitalter elektronischer Datenvermittlung in der Gesellschaft auslöst. Dabei war auffällig, wie oft auf Teilhard de Chardin verwiesen wurde; man konnte den Eindruck gewinnen, er zähle zu den Propheten der neuen „Cyber-Kultur“. Diese zeichnet sich nach Dery dadurch aus, daß die Informationen aus „Kultur, Kommerz, Politik und Hochfinanz“ um einen immer kleiner werdenden Globus jagen. Es komme im Internet zu einem Stelldichein der „Hacker, Technoschamanen und Cyberpunks“, aber auch der multinantionalen Konzerne und offizieller Organisationen. „Wird dieses elektronische Geflecht zu unserer neuen Welt“, fragt sich der Autor.

Was an kulturellen und kommunikativen, vielleicht sogar an politischen Veränderungen vor sich gehen wird, ist noch nicht absehbar. Die wenigsten Menschen, die jetzt leben, können die großen Veränderungen, die sich bereits abzeichnen, nachvollziehen. Dazu gehört wohl eine neue Mentalität und wo wäre diese am ehesten zu finden? Naturgemäß bei den Jugendlichen und Kindern, die auf selbstverständliche Weise in die neue Cyber-Welt hineinwachsen und mit ihr leben.

Der Cyber-Guru Don Tapscott vertritt in seinem 1998 erschienen Buch „Net Kids“ die Auffassung, daß die heute zwei bis 22jährigen Menschen, die sich im Internet tummeln, Wirtschaft und Gesellschaft von Grund auf revolutionieren würden. Es entstünden bereits durch dieses Medium in den Firmen und Büros neue Teamstrukturen und Unternehmensmodelle. Die „Netz-Generation“ werde den Staat neu erfinden und ganz andere Konzepte von Schule und Bildung erforderlich machen. Er verweist darauf, daß mittlerweile 90 Millionen Jugendliche allein in Nordamerika das „machtvollste Kommunikationsmedium“ für sich nutzen. Er glaubt bereits eine neue Radikalisierung der Jugendlichen feststellen zu können in der Art, wie sie debattieren, ihr Wissen erwerben, sich mobilisieren und für ihre Rechte kämpfen. In typisch amerikanischem Optimismus glaubt er sogar, daß die „Net-Kids“ versuchen werden unseren Planeten zu schützen, Rassismus und Sexismus als inakzeptabel zu empfinden und den Reichtum, den sie sich über das Internet verschaffen, gerecht zu verteilen. Das Internet selbst wird sich aus einem derzeit noch „kakophonen Hexenkessel mit Millionen Benutzern“ verwandeln. Tapscott meint in seinem Schlußwort sogar: „Erst durch die Netz-Generation wird das Netz ein Medium des sozialen Erwachens.“

Hans Dembowski berichtet in der Frankfurter Rundschau vom 9.Juni 1999 über ein Internet-Projekt. An ihm wird ersichtlich, was das Internet auch für den Migrations- und Flüchtlingsbereich bedeuten könnte. Der 27 Jahre alte Angestellte eines kirchlichen „Arbeiter-Unterstützungszentrums“ organisiert in Cavite, einem Ort südlich der philippinischen Hauptstadt Manila, die Gewerkschaftsarbeit. Über das World Wide Web steht er täglich in Kontakt mit einem globalen Netzwerk von Initiativen und Institutionen. Wichtiger Bezugspunkt dabei ist ein Zentrum in Hongkong, das aktuelle Berichte über erzwungene Überstunden in China, Berufskrankheiten in Vietnam oder Entlassungen von Gewerkschaftern in Bangladesch ins Internet stellt. Diese Informationen werden nicht nur in Manila sondern auch von Arbeitnehmerorganisationen und Entwicklungsinitiativen in Nordamerika, Westeuropa und Südostasien genutzt.

Zu dem Netzwerk gehören ganz unterschiedliche Adressen: Neben dem Internationalen Arbeitsamt ist es etwa die indische Initiative gegen Kinderarbeit Concerned for Working Children (www.workingchild.org) oder das Institut für Ökonomie und Ökumene Südwind in Siegburg. Das evangelische Missionswerk in Hamburg finanziert ein virtuelles Seminar über Konsequenzen der Globalisierung für Gewerkschaften in Asien. Organisiert wird es von einer Redakteurin in Großbritannien und im Internet präsentiert vom finnischen Entwicklungsministerium.

Die Zeitung kann auch über Erfolge einer so vernetzten Aktivität berichten. So habe die Schweizer Handelskette Migros versprochen bis zur Jahresmitte einen Verhaltenskodex aufzustellen, der weltweit soziale Mindeststandards bei den Zulieferern sichern soll. Sie habe damit den Forderungen der Clean-Clothes-Kampagne aus der Schweiz (www.cleanclothes.ch) entsprochen. Diese hatte nicht zuletzt über das Internet „gerecht produzierte Kleider“ gefordert, also Waren, die ohne Kinderarbeit, gegen gerechte Bezahlung und in fairen Arbeitszeiten hergestellt wurden. An dieser europäischen Kampagne haben sich mit und ohne Internet Gewerkschaften, kirchliche Gruppen und Fraueninitiativen beteiligt.

Die „Cyber-Agitatoren“, wie sie in der Frankfurter Rundschau genannt werden, seien in der Lage, weltweit zu kontrollieren, ob und wie die gemachten Versprechen auch eingehalten werden. Dabei helfe „den Aktivisten in San Francisco und Siegburg, Hongkong und Hamburg, daß ihre Mitstreiter in Managua und Manila heute nur noch ein paar Mausklicks entfernt leben“.

Wer sich in´s Internet begibt, läßt sich auf ein großes Abenteuer ein. Es ist das Medium virtueller Migration und einer neuen Dimension interkulturellen Miteinanders. Die Möglichkeiten die eigenen, politischen Auffassungen dort unabhängig und umfassend vertreten zu können, sind ungewöhnlich und verblüffend. Der aktuelle Austausch von Erfahrungen, die Beantwortung von Fragen, Abstimmungen über gemeinsame Projekte können in kleinem Kreis, aber auch im großen Stil erfolgen. Informationen können nach Belieben eingegeben und abgerufen werden. Die politischen Einflußmöglichkeiten, bisher noch kaum genutzt, könnten neue Öffentlichkeiten schaffen. Die demokratische Ausweitung dieses Medium ist allerdings daran geknüpft, daß möglichst vielen Menschen ein bezahlbarer und einfacher Zugang zum Netz ermöglicht wird und daß sich die ältere nicht von der jüngeren Generation abhängen läßt.


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