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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1985 :::

24. Januar 1985
KATHOLISCHE NACHRICHTENAGENTUR (KNA)
Korrespondentenbericht

„Schritte auf dem Weg zu mehr Solidarität“

Pax-Christi-Gruppe praktiziert Nachbarschaft mit Flüchtlingen


Hofheim (KNA-Korr.) „Als ich mit meiner Familie nach Deutschland kam, dachte ich, die Deutschen wären sehr menschlich und solidarisch. Aber die Praxis sah ganz anders aus. Am Flughafen, in den Gemeinschaftsunterkünften und in den Ämtern sind die Beamten unfreundlich und rassistisch. Sie haben uns wie Tiere und Kriminelle behandelt. Man entwickelt allmählich Haßgefühle und Distanz gegenüber den Deutschen.“ Soweit die bitteren Worte eines Asylbewerbers über seine ersten Erfahrungen in Deutschland. Es blieb nicht nur bei diesem Eindruck. In Hofheim (Taunus) traf die Familie auch auf Deutsche, die sich „solidarisch, christlich und human“ verhielten. Seit zwei Jahren kümmert sich der „Solidaritätskreis Asyl“ um die dort lebenden Asylbewerber.

Pfarrer Herbert Leuninger ist seit August vergangenen Jahres von einem Teil seiner Aufgaben als Ausländerreferent im Bischöflichen Ordinariat Limburg entlastet und für die Arbeit mit Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen freigestellt. In einem Gespräch mit der KNA-Landesredaktion Wiesbaden bezeichnete er die Abschaffung der Warengutscheine im Main-Taunus-Kreis als bisher größten Erfolg der bisherigen Arbeit. Vorher mußten die Asylbewerber ihre Sozialhilfe in Form von Gutscheinen entgegennehmen, was nicht nur von vielen als diskriminierend empfunden wurde, sondern auch das Einkaufen erheblich erschwerte. Daß die Sozialhilfe jetzt bar ausgezahlt wird, nachdem sich auch die Grünen im Hessischen Landtag und das Sozialministerium dafür eingesetzt haben, führt der „Solidaritätskreis Asyl“ nicht zuletzt auf seine Proteste zurück.

Der „Solidaritätskreis“, 1984 von Hofheimer Mitgliedern der katholischen Friedensbewegung Pax Christi gegründet, will „Partnerschaft und Nachbarschaft“ mit den 80 in Hofheim lebenden Flüchtlingen pflegen, die überwiegend aus Eritrea und dem Iran stammen. Die rund 20 Gruppenmitglieder wollen „nicht einfach die gewohnte Helferrolle spielen“, die den Hilfsbedürftigen oft in seiner Abhängigkeit läßt. Die Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen wird vielmehr als Teil der Friedensarbeit begriffen. Leuninger: „Die weltweite Aufgabe des Zusammenleben: von Menschen aller Rassen und Religionen ist uns hier auf kleinstem Raum gestellt. Wir wollen innere Feindbilder abbauen und wehren uns dagegen, daß Abschreckungsmaßnahmen gegenüber den Flüchtlingen ergriffen werden.“

Die erhöhte Sensibilität, die Leuninger innerhalb der Friedensbewegung für die Probleme der Asylbewerber wahrnimmt, hält er für eine sehr wichtige Entwicklung. Dazu gehöre auch, daß die deutsche Sektion von Pax Christi im vergangenen Herbst einen eigenen „Arbeitskreis Asyl“ gebildet hat, in dem Vertreter aus verschiedenen lokalen Gruppen mitarbeiten.

Schritte auf dem Weg zu mehr Solidarität sind für Leuninger auch gemeinsame Feiern wie am 2. Weihnachtsfeiertag ein ökumenischer Gottesdienst im Lager Schwalbach, der ersten Station für Asylbewerber, die in Hessen untergebracht werden. Rund 100 von ihnen und ebenso viele Mitglieder der anliegenden katholischen und evangelischen Kirchengemeinde: nahmen an diesem Weihnachtsgottesdienst teil – viele der Deutschen betraten damit erstmals das Lager. Ein Team von evangelischen und katholischen Pfarrern und Gemeindemitarbeitern will in Zukunft regelmäßig solche gemeinsamen Gottesdienste vorbereiten. So sollen „die Gemeinden im Umkreis des Lagers in die Verantwortung für die Flüchtlinge miteinbezogen werden“, meint der „Asylpfarrer“. Gerade das gemeinsame Feier und regelmäßige Zusammenkünfte seien auch wichtig, damit sich die Flüchtlinge „nicht nur betreut, sondern akzeptiert“ fühlen könnten. Umgekehrt machten die deutschen Teilnehmer bei diesem gemeinsamen Tun die Erfahrung, daß sie in den Asylbewerbern Nachbarn, Bekannte und manchmal Freunde „entdecken“.

Die positiven Erlebnisse und die zunehmende Bereitschaft in einzelnen Pfarrgemeinden, sich politisch, sozial und finanziell für Flüchtlinge einzusetzen, dürfen nach den Worten Leuningers jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Mehrheit der Bevölkerung den „Asylanten“ immer noch ablehnend bis feindlich gegenüberstehe. Wie groß die Widerstände gegen die asylsuchenden Menschen derzeit noch sind, das belegen nicht nur die immer häufigeren neonazistischen und ausländerfeindliche] Schmierereien. Schlimmer sind die versteckten Formen der Abwehr, die darin bestehen, daß anerkannte Asylberechtigte etwa keine Wohnung oder Arbeit finden. Bislang vergeblich war die Suche nach Wohnungen für eritreische Mütter mit kleinen Kindern, die daher trotz ihrer Anerkennung immer noch im Wohnheim bleiben müssen. Für die Betroffenen ist es besonders schockierend, daß sie aufgrund ihrer Hautfarbe abgelehnt werden. Dieses rassistische Element ist nach Ansicht Leuningers offensichtlich, da die hellhäutigen Iraner nicht in gleichem Maße diese Ablehnung erfahren wie die Eritreer.

Zur Lösung des Wohnungsproblems will sich der Solidaritätskreis in der nächsten Zeit besonders für ein staatliches Förderungsprogramm im Wohnungsbau einsetzen, das Wohnraum für diese Gruppe schaffen soll. Die Suche nach Arbeitsplätzen für die Asylberechtigten und nach Kindergartenplätzen für die Kinder der Flüchtlinge gehört ebenfalls zu den vordringlichen Aufgaben.

Als „utopisches Ziel“ hat sich der Solidaritätskreis die Einrichtung eines Kommunikationszentrums in Hofheim gesetzt, in dem gesellige Treffen der Flüchtlinge untereinander und Begegnungen mit den deutscher Nachbarn möglich wären. Obwohl die Finanzierung eines solchen Projekts bisher noch völlig offen ist, zeigt man sich im Solidaritätskreis optimistisch. Leuninger: „Als erstes Ausstattungsstück für das Zentrum schaffen wir jetzt eine Kaffeemaschine an.“

Norbert Zonker (KNA)


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