Hungern für Häuser
Offener Brief – an Sozialminister
PAX CHRISTI
Basisgruppe Hofheim – Solidartätskreis Asyl
internationale katholische friedensbewegung
c/o Herbert Leuninger, Lindenstr. 12,
6238 Hofheim, Tel.: 06192 6513
An den
Hessischen Sozialminister
Herrn Armin Clauss
Dostojewskistr. 4
6200 Wiesbaden
7.9.1986
Sehr geehrter Herr Minister Clauss!
ich habe mit dem heutigen ökumenischen Gottesdienst in der Hessischen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Schwalbach ein unbefristetes Hungerfasten begonnen und beabsichtige solange im Lager zu verbleiben, bis die Zelte für die Flüchtlinge abgebaut sind.
Dabei hoffe ich, daß Herr van Rooyen, der Vertreter des HOHEN FLÜCHTLINGSKOMMISSARS DER VEREINTEN NATIONEN in Bonn meinem Ersuchen entspricht, dem Lager am Montag einen Besuch abzustatten und sich von der skandalösen Unterbringung der Flüchtlinge zu überzeugen.
Mit freundlichen Grüßen!
gez.
H.Leuninger, Pfr.
7.9.1986
Pfr. Herbert Leuninger
18.ÖKUMENISCHER GOTTESDIENST
IM FLÜCHTLINGSLAGER SCHWALBACH
GOTT IM ZELT
König David hat sich einen Palast gebaut.
Als er eingezogen ist, bekommt er ein schlechtes Gewissen:
Er sagt:
„Ich wohne in einem festen Haus.“
„Gott wohnt in einem Zelt.“
„Ist das in Ordnung?“
Er will Gott auch ein festes Haus bauen.
Dann erst wäre sein Gewissen beruhigt.
Gott wohnte in einem Zelt,
seit sein Volk aus Ägypten geflüchtet war.
Gott wollte seinem Volk ganz nahe sein.
Das Volk lebte in Zelten.
Deswegen war ein Zelt Gottes Heiligtum.
Gott wohnt in diesem Zelt.
Die Regierung hat es ihm gebaut.
Solange es hier die Zelte für Menschen gibt,
müssen wir uns im Zelt Gottes versammeln.
Gott will es so!
Gott will bei den Menschen, bei den Flüchtlingen sein.
Wir beten diesen menschennahen Gott an!
Aber wir haben ein schlechtes Gewissen wie König David.
Wir wohnen in festen Häusern.
Und heute verehren wir unseren Gott in seinem Zelt.
Ist das in Ordnung?
Nein!
Solange in diesem Lager Zelte sind,
auch eins für Gott,
werden wir nicht mehr ruhig schlafen können.

PAX CHRISTI
Basisgruppe Hofheim – Solidartätskreis Asyl
internationale katholische friedensbewegung
c/o Herbert Leuninger, Lindenstr. 12,
6238 Hofheim, Tel.: 06192 6513
2. September 1986
An den Vertreter des
HOHEN FLÜCHTLINGSKOMMISSARS
DER VEREINTEN NATIONEN
Herrn René van Rooyen
Rheinallee 51a
5300 Bonn
Sehr geehrter Herr van Rooyen!
Angesichts der Tatsache, daß in der Hessischen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Schwalbach 19 Zelte für die Unterbringung von Asylbewerbern aufgestellt wurden, möchte ich Sie dringend ersuchen, dem Lager einen Besuch abzustatten und Einfluß darauf zu nehmen, daß die Zelte umgehend abgebaut werden.
Ich richte dieses Ersuchen auch im Sinne der Bemühungen des ARBEITSKREISES „HILFE UND BERATUNG FÜR ASYLBEWERBER“ ESCHBORN und der ÖKUMENISCHEN INITIATIVE „GOTTESDIENST MIT FLÜCHTLINGEN“ an Sie. Beide Organisationen baben mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln versucht, den Abbau der Zelte zu erreichen. Sie rechnen nun mit Ihrer entscheidenden Intervention.
Gegebenenfalls läßt sich der Besuch des Lagers mit der Konferenz am Montag, den 8.Septentber, in Frankfurt verbinden, an der Sie mit Vertretern von Kirchen, Wohlfahrts- und Menschenrechtsorganisationen teilnehmen. Ich hoffe, daß es mir gelingt, auch die Übrigen Konferenzteilnehmer zu einem Besuch des Lagers zu bewegen.
Die Zelte sind ein Skandal und das Instrument einer unmenschlichen Abschreckungspolitik. Ich bitte Sie, sich kraft Ihres Amtes zum Schutz der Flüchtlinge bei der Hessischen Landesregierung einzuschalten!
Mit freundlichen Grüßen!
(H.Leuninger, Pfr.)
Z.K..
Herrn SoziaIminister Armin Clauss, Wiesbaden