Generic selectors
Nur exakte Ergenisse
Suchen in Titel
Suche in Inhalt
Post Type Selectors
HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1985 :::

24. März 1985

Ökumenischer Bußgang

Schwalbach – Eschborn

I. Station: Asylantenlager Schwalbach

„Also seid ihr jetzt nicht mehr Fremde und Staatenlose, sondern Mitbürger zusammen mit den Heiligen, die in Gottes Hause Heimatrecht haben.“ (Eph. 2,19)

1. Das Lager aus der Sicht der Hessischen Landesregierung:

(Wiesbaden, 24. Sept. 1981)

„Ausländische Flüchtlinge, die über den Flughafen Frankfurt am Main einreisen oder sich erstmals bei den Ausländer- polizeibehörden melden, werden von dort an die GU (Gemeinschaftsunterkunft in Schwalbach am Taunus) weitergeleitet…“
„In der GU sind Bedienstete des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Zirndorf tätig, welche die vom Ausländergesetz vorgeschriebene Vorprüfung durchführen…“
„Nach Abschluß der Vorprüfung erfolgt die Verteilung der in Hessen verbleibenden Asylbewerber auf die einzelnen Gebietskörperschaften. Kurzgefaßt ist Ziel der GU, eine Vorfilterfunktion zu erfüllen…“
„Eine Betreuung der Asylbewerber mit dem Ziel einer Integration in das gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik ist nicht beabsichtigt…“
“ Eine Förderung von Integrationsmaßnahmen hätte (zudem) einen den derzeitigen politischen Maßnahmen zur Verhinderung des sogenannten „Asyltourismus“ entgegenlaufenden zusätzlichen Sogeffekt…“


2. Das Lager aus der Sicht des Bürgermeisters von Sulzbach

(Frankfurter Rundschau, lokal v. 22. Februar 1985)

„Eine Asylantenlawine nicht gekannten Ausmaßes sieht Sulzbachs Bürgermeister Bertold Gall auf die Städte und Gemeinden zurollen. Der Behördenchef und CDU-Kreistagsabgeordnete fürchtet sachliche Schwierigkeiten bei der Unterbringung der ausländischen Flüchtlinge und hat bei der Bevölkerung erschreckenden Widerstand gegen die vorübergehende Aufnahme der Asylbewerber ausgemacht. Der Main-Taunus Kreis ist durch das Asylantenlager in Schwalbach schon gebeutelt genug. Es müßten deshalb Mittel und Wege gesucht werden um diesen Problemen künftig im Interesse der Bürger zu begegnen. Scharf attackierte Bertold Gall die Politik des Landes Hessen, es genüge nicht die Kosten für Asylanten zu übernehmen, sondern es müsse die Flut eingedämmt werden, bevor weitere Dämme brechen.“


3. Das Lager aus der Sicht des Arbeitskreises „Hilfe und Beratung für Asylbewerber, Eschborn“

(Aus dem Schreiben an den Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen in Bonn v. 28. Februar 1985)

„Sehr geehrter Herr van Rooyen! Aufgrund Ihres Besuches vom 30.1.1985 in der hessischen Gemeinschaftsunterkunft für ausländische Flüchtlinge, Schwalbach möchten wir, die wir stark mit dem Lager konfrontiert sind, Ihnen die Problematik desselben aus unserer Sicht darstellen. Dazu haben wir nachfolgend 12 Punkte aufgestellt, die schon seit 4 Jahren zu den Forderungen des Arbeitskreises gehören. Diese Punkte sind:

1. Ärztliche Versorgung
2. Verpflegung
3. Rechtsberatung
4. Kontakt zur Außenwelt
5. Soziale Betreuung
6. Sozialhilfe
7. Arbeit, Ausbildung, Unterricht
8. Aufenthaltsbeschränkung
9. Kommunikationsräume
10.Seelsorgerliche Betreuung
11.Informationssystem
12.Menschlichkeit

Abschließend müssen wir folgendes feststellen:

– Trotz vielfacher Bemühungen hat sich in diesen Punkten seit Bestehen des Lagers kaum eine Änderung der Situation ergeben.

– Die HGU kann unter den gegebenen Voraussetzungen nur als Abschreckungslager bezeichnet werden. Dies soll eine befürchtete Sogwirkung auf andere Ausländer verhindern.


4. Die Asybewerber aus der Sicht von Innensenator Lummer, Berlin

(Aus einer Presseerklärung vom 9. Februar 1985)

„Die nichtabreißende Flut von Asylbewerbern aus aller Herren Länder, die sich seit geraumer Zeit über unser Land ergießt, hat eine Situation entstehen lassen, die die Politik unseres Landes zu sofortigen und durchgreifenden Maßnahmen zwingt. Als Folge der langjährigen Untätigkeit der Bundesregierungen auf dem Gebiet der Ausländer- und Asylpolitik hat sich bei großen Teilen der Bevölkerung unseres Landes ein Unmut aufgestaut, der schließlich in Radikalismus enden kann. Derartige Empfindungen leichtfertig als Gedankengut radikaler Kräfte abzutun ist ungerechtfertigt und gefährlich, weil es Gefühle der Ohnmacht und der Diffamierung erzeugt und den Boden für wirklichen Radikalismus bereitet, der nur zu leicht zum Schauplatz unverantwortlicher Demagogie werden und jeglicher Kontrolle entgleiten kann.“


5. Die Asylbewerber aus der Sicht der Kirche

(Aus der Erklärung des Vorsitzenden der Kommission Weltkirche, Bischof Franz Hengsbach, Essen, vom 17. September 1980)

„Der Dienst der Kirche umfasst alle Fremden und Bedrängten ohne Ausnahme und Unterschied von Herkunft und Religion. Sie tritt als Anwalt und Verteidiger ihrer Rechte auf. Daher sieht die Kirche nicht nur die Anliegen des relativ kleinen Kreises der Asylberechtigten, der aussichtsreichen Asylbewerber und der im Rahmen humanitärer Maßnahmen aufgenommenen Flüchtlinge. Sie steht auch an der Seite der Flüchtlinge, die aus den Kriegs- und Spannungsgebieten der Welt kommen und voraussichtlich kein Asyl erhalten können. Die Sorge der Kirche schließt selbst diejenigen ein, die von falschen Versprechungen ausbeuterischer Organisationen verführt, in die Bundesrepublik gekommen sind, um vorhandene Arbeitsplätze zu besetzen. Die Kirche sieht allerdings berechtigte Belange des Staates gegenüber einer unkontrollierten Zuwanderung… “

„Die Kirche fordert eine unserem Grundgesetz entsprechende menschenwürdige Behandlung all dieser Menschen, gleichgültig, ob sie zeitweise oder auf Dauer in der Bundesrepublik bleiben können, von Drittländern aufgenommen werden oder unter annehmbaren Bedingungen in ihre Heimat zurückkehren können.“


6. Schriftwort

„Also seid ihr jetzt nicht mehr Fremde und Staatenlose, sondern Mitbürger zusammen mit den Heiligen, die in Gottes Hause Heimatrecht haben.“


7. Auslegung

(H.Leuninger)

Christen sind Fremde in dieser Welt.
Bürger zweiter Klasse in ihrem Land,
Ausländer für ihren Staat.
Auf der Flucht vor den Mächtigen.

Heimat finden sie nur im Himmel.
Und der beginnt in der Gemeinde.
Aber nur in einer Gemeinde, in der es nicht mehr heißt:
Jude oder Heide,
Türke oder Deutscher,
Sklave oder Freier,
Asylbewerber oder Amerikaner,

nur in einer Gemeinschaft
fremder Frauen und heimatloser Männer,
der asylsuchenden Säuglinge.

Das sind wir,
die Fremden und Ausländer in diesem unserem Land.

Wer hat denn dort noch Heimat?
Ökumenischer Bußgang


8. Fürbitten

Wir bitten um Vergebung:

– Für die Sünde, die wir begingen,
als wir vergaßen, dass auch wir Fremdlinge im Lande Ägypten gewesen waren.
…… und vergib uns unsere Schuld.
Kyrie eleison

– Für die Sünde, die wir begingen,
als wir vergaßen, dass auch wir unterdrückt waren
…….und vergib uns unsere Schuld
Kyrie eleison

– Für die Sünde, die wir begingen,
als wir das Fremdsein, das uns trennt, mehr betonten, als das Menschliche, das uns eint.
…….und vergib uns unsere Schuld.
Kyrie eleison
Ökumenischer Bußgang


9. Lied

1. Wir sind Kinder einer Erde, die genug für alle hat. Doch zu viele haben Hunger, und zu wenige sind satt. Einer praßt, die anderen zahlen, das war bisher immer gleich. Nur weil viele Länder arm sind, sind die reichen Länder reich.

2. Wir sind Kinder einer Erde, doch es sind nicht alle frei. Denn in vielen Ländern herrschen Militär und Polizei. Viele sitzen im Gefängnis, Angst regiert von spät bis früh. Wir sind Kinder einer Erde, aber tun wir was für sie?

3. Viele Kinder fremder Länder sind in unsrer Stadt zu Haus. Wir sind Kinder dieser Erde, doch was machen wir daraus? Ihre Welt ist auch die unsre, sie ist hier und nebenan, und wir werden sie verändern: Kommt, wir fangen bei uns an.


Nach oben