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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV MIGRATION 1980 :::

Multikulturelle Thesen 1980

THESEN

Ökumenischer Vorbereitungsausschuß
für den Tag des ausländischen Mitbürgers 1980

Frankfurt am Main, 24. September 1980


Thesen zum Gespräch

„Verschiedene Kulturen – Gleiche Rechte. Für eine gemeinsame Zukunft“.

  1. Wir leben in der Bundesrepublik in einer multikulturellen Gesellschaft.

    • Die deutsche Bevölkerung ist aus kulturell unterschiedlichen Volksstämmen zusammengesetzt.
    • Bis auf den heutigen Tag leben kleine kulturelle und sprachliche Minderheiten wie Dänen, Friesen und Sorben in Deutschland.
    • Zigeuner und juden haben seit jahrhunderten ihr eigenes kulturelles und religiöses Erbe in Deutschland gepflegt.
    • Im 16. jahrhundert haben bedeutende Städte wie Berlin, Leipzig, Hamburg, Danzig und Frankfurt einen großen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung durch Belgier, Holländer und Franzosen genommen, die aus religiösen Gründen vertrieben wurden und Asyl in diesen Städten fanden.
    • Um die jahrhundertwende wanderten Polen, Italiener, Russen, Holländer, Belgier und Slowenen ins Ruhrgebiet ein.
    • Seit dem Ende des 2. Weltkriegs leben unzählige Flüchtlinge aus den verschiedensten osteuropäischen Ländern mit eigenen kulturellen Traditionen und Bedürfnissen in der Bundesrepublik.
    • Es gibt für wenigstens 30 verschiedene Nationalitäten und Sprachgruppen eigene Kirchengemeinden mit hunderten von Pfarrern aus den verschiedensten Ländern der Welt.
    • Durch die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer und den Familiennachzug bzw. die Familiengründung hat das Zusammenleben verschiedener Kulturen vor allem in den industriellen Ballungszentren eine neue Qualität und Perspektive erhalten.
    • In der Europäischen Gemeinschaft haben Angehörige anderer Mitgliedstaaten (Italiener und künftig auch Griechen, Spanier und Portugiesen) einen Anspruch, hier zu leben, ohne deutsche Staatsangehörige werden zu müssen.
    • Unübersehbar ist der große kulturelle Einfluß der USA.
  2. Für das künftige Zusammenleben ist eine gegenseitige Integration erforderlich.

    Ausländerpolitik kann daher nicht mehr nur eine einseitige Integrations- oder gar Assimilationspolitik sein. Eine gegenseitige Integration ist erforderlich. Ausländische Mitbürger haben eine großartige Anpassungsleistung vollzogen. Nun ist es auch Aufgabe der Deutschen, sich den neuen Verhältnissen und Bedingungen eines multikulturellen Miteinander anzupassen.

  3. Im Miteinander der Kulturen sollte die Mehrheit die Ansprüche der Minderheiten respektieren.

    Ausländische Mitbürger bilden häufig eigene Vereine und orientieren sich immer stärker an eigenen Selbstvertretungen. Da sie in der Gesellschaft wenig Mitwirkungs- und Mitsprachemöglichkeiten haben, formulieren sie ihre Interessen in eigenen Gruppierungen. Darin sollten sie ermutigt werden.

    Zwischen den Zielen solcher Selbstvertretungen und den Interessen deutscher Einrichtungen wird es oft zu Spannungen kommen.

    Ausländer, die die Erfahrung gemacht haben, als Menschen nicht angenommen zu werden, mißtrauen teilweise auch positiven Angeboten zur Integration in diese Gesellschaft.

    Ausländische Vereine nehmen aktiv am gesellschaftlichen Leben teil und ermöglichen die Mitbestimmung von Ausländern. Ausländische wie deutsche Vereine sollten in gleicher Weise unterstützt und finanziell gefördert werden. In kulturellen Zentren sollten ihnen vor allem Räume zur Verfügung gestellt werden, die ihnen ein Leben mit ihren kulturellen Traditionen ermöglichen. In solchen Zentren könnte die multikulturelle Zusammenarbeit besonders gepflegt und gefördert werden.

  4. Gegenseitige Isolierung und Gettos fördern nicht die gemeinsame Zukunft.

    Auch wenn es aus verständlichen Gründen eine gegenseitige Isolierung gibt, wird das angestrebte Zusammenleben von Einwanderern und Einheimischen durch Segregierung, nationale vorschulische und schulische Einrichtungen oder durch Gettos im Wohnbereich nicht gefördert. Gespräche und Begegnungen sind auf allen Ebenen nötig und zu fördern. Dabei wird von allen Seiten viel Geduld, Mut und Lernbereitschaft erforderlich sein. In allen Lebensbereichen haben wir zu lernen, daß andere Kulturen mit oft sehr unterschiedlichen Erwartungen in diesem Land leben und daß daher gegenseitige Absprachen erforderlich sind.

  5. Bevorzugte Orte, interkulturelles Leben und dabei vor allem Toleranz zu lernen, sind Kindergarten und Schule.

    Kindergärten und Schulen sind der Ort, wo Erfahrungen verschiedener kultureller Traditionen offen und direkt aufeinander stoßen. Hier besteht die Möglichkeit, verschiedene Sprachen als Mittler von Kultur zu erlernen. Interkultureller Unterricht ist eine Chance, den anderen anzuerkennen und dadurch selbst bereichert zu werden. Der muttersprachliche Unterricht sollte in den schulischen Unterricht integriert werden. Lebenserfahrungen der Einwanderer aus ihren Heimatländern und in der Bundesrepublik sollten Bestandteil der Schulprogramme sein. Die Muttersprache der Einwandererkinder sollte als erste Fremdsprache anerkannt werden. Das Angebot an Sprachen ist zu erhöhen. Eine europäische Gemeinschaft kann nicht auf ihr Sprachgut verzichten. Sprachkundigkeit wird künftig als große Bereicherung erkannt werden.

    Eine Hochschätzung anderer Kulturen wird die notwendige Arbeit mit ausländischen Eltern befruchten und bei tler Ausbildung von Vorschul- und Schulerziehern neue Ausbildungsgänge erforderlich machen.

  6. Kulturelle Angebote sollten die Verschiedenheiten, aber auch die Gemeinsamkeiten des jeweiligen kulturellen Erbes vermitteln.

    Kultur- und Freizeitangebote in den Kommunen sollten sich verstärkt darauf konzentrieren, den verschiedenen Gruppierungen Möglichkeiten der Selbstdarstellung, der Vermittlung bedeutsamer Beiträge aus ihren Heimatländern sowie der Begegnung mit Einheimischen zu eröffnen.

    Büchereien sollten bei den jeweiligen Sachgebieten auch fremdsprachige Literatur einbeziehen. Kommunale Filmtheater sollten Alternativen zum kommerziellen Kino entwickeln. Im sportlichen Leben könnten noch mehr als bisher die Möglichkeiten der Verständigung verschiedener Kulturen wahrgenommen werden. Bei allem sind die spezifischen Bedürfnisse von Arbeitern zu berücksichtigen.

    Auch Dichterlesungen und Theateraufführungen in verschiedenen Sprachen sollten mehr Eingang in das Programm kommunaler Theater, Opern u. a. kultureller Einrichtungen finden. Wanderausstellungen könnten z. B. in Museen Verständnis für die Kulturen der Herkunftsländer vermitteln.

  7. Den Kirchengemeinden fällt aufgrund des nationalitätenübergreifenden Glaubens eine besondere Aufgabe für die Förderung einer multikulturellen Gesellschaft zu.

    Kirchengemeinden dürfen sich nicht damit zufrieden geben, ausländische Gemeinden als „Neben kirchen“ gerade eben zu dulden. Christliche überzeugungen sollten Grund sein, in allen gemeindlichen Lebensbereichen zusammenzuarbeiten und Impulse zum Verstehen kultureller Traditionen zu geben, die über die Gemeinde hinauswirken. Kirchengemeinden haben
    durch ihr gottesdienstliches Angebot, gemeinsame Feiern, Kindergärten, Gesprächs- und Arbeitskreise, Freizeit- und Bildungsangebote u. a. Veranstaltungen dazu viele Möglichkeiten.
    Der Glaube an Christus überwindet immer wieder Barrieren zwischen Menschen.

  8. Erforderlich für eine multikulturelle Gesellschaft sind neue Programm- und Vermittlungsstrukturen der Medien.

    Medien haben eine entscheidende Funktion, um Verständnis für andere Kulturen zu wecken und zu vermitteln. Das gilt für die Interpretation der einheimischen Kultur gegenüber den Einwanderern und zugleich umgekehrt. Programme für Ausländer sollten so attraktiv werden, daß sie auch für Einheimische interessant sind und als Chance angesehen werden, andere Sprachen zu erlernen und Kulturen zu verstehen. Ausländerprogramme sollten statt einer „Scheinwelt“ die tatsächliche Situation in den Herkunftsländern produzieren. Verstärkt sollten im deutschsprachigen Angebot Produktionen aus den Herkunftsländern präsentiert und interpretiert werden, die fremdartiges Verhalten verständlich machen können.

  9. Das Zusammenleben verschiedener Kulturen in einer multikulturellen Gesellschaft ist eine neue Chance rur die Zukunft der Bundesrepublik.

    Werden die verschiedenen Kulturen nicht als positive Möglichkeit wahrgenommen, so werden sich die schon jetzt bestehenden Vorurteile, Isolierungstendenzen, Gettobildungen bishin zu rassistischen Formen des Verhaltens weiter ausprägen.

    Das Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen ist eine Chance zur Erweiterung des eigenen Horizontes. Wenn es gelingt, zu einer schöpferischen Kommunikation mit anderen Kulturen zu kommen, ist dies ein wichtiger Beitrag für die Verwirklichung der gemeinsamen Kultur einer Europäischen Gemeinschaft. Gleichzeitig fördert dies den sozialen Frieden.
    Voraussetzung für solch ein Zusammenleben ist es, ethnischen und kulturellen Minderheiten gleiche politische Rechte einzuräumen. Dazu gehört auch das Wahlrecht.

    Weitere Exemplare können beim Außenamt der EKD (Frankfurt). der Griechisch-Orthodoxen Metropolie (Bonn) und beim Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Bonn) angefordert werden.


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