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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV MIGRATION 1989 :::

DIE SALATSCHÜSSEL ERSETZT
DEN SCHMELZTIEGEL

Multikulturelle Gesellschaften in einer
weltweiten Coca-Cola-Kultur

Text am 24. September 1989
für eine Publikation der Evangelischen Akdademie Bad Boll verfaßt.

Kulturelle Identität – ein brisantes Thema

Kulturelle Identität ist für den Club of Rome eines der grundlegenden, nicht-materiellen Bedürfnisse. In seinem 1979 vorgelegten Lernbericht wird vorausgesagt, daß die Forderung nach kultureller Identität zunehmend zur Ursache internationaler Konflikte werde. Die damit aufgeworfenen Fragen seien brisanter als irgendeines der finanziellen und ökumenischen Themen, die den Nord-Süd-Dialog zum Stillstand gebracht hätten. Die dramatischen Aufstandsbewegungen unterdrückter Nationen und Minderheiten in der Sowjetunion und anderswo bestätigen dies heute.

Für den Club of Rome besteht die Gefahr einer kulturellen Homogenisierung, d.h. die Gefahr, daß die Welt eine einzige, gleichartige Kulturform annehmen könnte (vielleicht setzt sich die Coca-Cola-Kultur durch!), andererseits gäbe es die noch größere Gefahr, die mit der ersteren zusammenhänge, daß es zu einem kulturellen und geistigen Verfall auf regionaler Ebene komme. Die Wurzeln für eine solche Entwicklung lägen in einer aggressiven Ethnozentrik, die für den Norden charakteristisch sei und den Hintergrund des Kolonialismus und – so müßte man ergänzen – des westlichen und östlichen Imperialismus – gebildet habe.

Für eine Veränderung, für eine neue Lernperspektive, benötigten wir nach dem Club of Rome ein multilaterales d.h. vielseitiges und plurales Wertespektrum. Dies sei eine der Voraussetzungen für Partnerschaft und Zusammenarbeit in der Welt. Umschrieben ist damit die „multikulturelle Gesellschaft“.

Die Herkunft des Begriffes

Der Begriff der „multikulturellen Gesellschaft“ stammt aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum. Er signalisiert eine Wende in der Einwanderungspolitik Kanadas, der USA, Australiens, aber auch Großbritanniens. Gerade in Australien läßt sich die Geschichte und Bedeutung von „multiculturalism“ besonders gut verfolgen. Dort tauchte der Begriff des „kulturellen Pluralismus“ erstmals 1968 in den Medien auf. Er war das Anzeichen dafür, daß die bisherige Einwanderungspolitik der Assimilierung, also einer unter Druck vollzogenen Anpassung der Einwanderer, in Frage gestellt wurde. Eine betonte Assimilierungspolitik war der politische Reflex auf die starke Einwanderung aus Osteuropa nach dem 2. Weltkrieg gewesen. Sie basierte auf dem Konzept eines „Australian way of Life“, das davon ausging, daß der australische Lebensstil ein für alle gleicher und homogener sei, auf den sich Neuankömmlinge einlassen müßten. Auf dem Hintergrund der amerikanischen Erfahrungen befürchtete die Politik nämlich Rassenunruhen und Fremdenfeindlichkeit, wenn es nicht zur einer möglichst weitgehende Assimilierung der Einwanderer käme.

Nach 1970 setzte sich dann allmählich in der Öffentlichkeit die Erkenntnis durch, daß kultureller Pluralismus als eine Grundtatsache der australischen Gesellschaft akzeptiert werden müßte. Der daraus abgeleitete Begriff der Multikulturalität sollte drei Wesenszüge einschließen: die Chancengleichheit, den Zusammenhalt der Gesellschaft und als entscheidendes Element die Anerkennung verschiedener kultureller Identitäten und Gemeinschaften. Hintergrund für die neue politische Entwicklung war die Unruhe darüber, daß die auf der Idee der homogenen Einheit Australiens beruhenden Einrichtungen für Gesundheit, Erziehung und Wohlfahrt vielen Einwanderern aus nicht englischsprechenden Ländern keine Chancengleichheit ermöglicht hatten. Sie waren und blieben deklassiert. Gleichzeitig erkannte man, daß die verschiedenen Einwanderergruppen spezifische und zwar kulturelle Bedürfnisse hatten, die sich auf die Pflege der eigenen Sprache und überkommener Traditionen bezogen.

Die Einführung einer multikulturellen Integrationspolitik machte es notwendig, neue Einrichtungen und Konzepte im Bereich von Schule, Kirche, Freizeit und Medien zu schaffen. Ein Schwerpunkt dabei war die Förderung der Zweisprachigkeit, d.h. des Englischen und der Herkunftssprache. Darüberhinaus mußten auch Wege gefunden werden, die Minderheiten als solche an den politischen Entscheidungsprozessen teilnehmen zu lassen. Mit der neuen Politik war die Erwartung verbunden, sie vermöge besser als die reine Assimilierung Diskriminierungen zu verhindern und die Chancengleichheit zu verwirklichen, ohne die Einheit des Landes zu gefährden. Dabei zeigte sich aber, daß die Mehrheit der Einwanderer die Assimilierung vorzog. Offensichtlich trauten sie ihr für die Zukunft ihrer Kinder mehr zu als einer betonten Pflege der Herkunftskultur und -sprache.

In den klassischen Einwanderungsländern ist in den letzten beiden Jahrzehnten die Abkehr von der Vorstellung des „Schmelztiegels“ vollzogen worden. Der Schmelztiegel galt als eindrückliches Bild für eine Gesellschaft, in der die unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen zu einer einheitlichen Legierung verschmolzen wurden. Der Versuch, neuzugezogene oder bisher unterdrückte Minderheiten der herrschenden Mehrheitskultur anzupassen, galt inzwischen als gescheitert. Bei der Suche nach einem passendem, dem Schmelztiegel vergleichbaren Bild kam man auf die „Salatschüssel“. Sie stand für eine Mischung verschiedenster Elemente, die zusammengemischt als solche weiterbestehen und den Wohlgeschmack des gut angemachten Salates ausmachen.

Sucht man nach den tieferen Hintergründen für die neue Bewertung von Kultur, so spielt das gewachsene Selbstbewußtsein aller bisher unterdrückten Minderheiten und ihrer Kulturen eine entscheidende Rolle. Sie scheinen sich einer neuen Funktion ihrer Kultur für die eigene Gruppe wie für die Gesellschaft bewußt zu werden. Die Vermassung und Vereinheitlichung der Weltgesellschaft , die rapide Modernisierung und Technisierung, die nicht auszuschließende Vernichtung der Erde und ihrer Lebensgrundlagen , bewirken Unsicherheiten, enorme Anpassungsschwierigkeiten, soziale, ethische und kulturelle Leerräume. Sie rufen nach neuen überzeugenden kulturellen Konzepten. Die Antwort darauf scheint eine betonte Rückwendung zu den Wurzeln der eigenen Herkunftskultur gerade bei unterdrückten Minderheiten zu sein. Wie bei den Indianern z.B. spielt der Gedanke mit, die Übernahme hergebrachter, menschen- und naturnaher Kulturmuster könnte für die ökologische und kriegfreie Rettung der Welt eine entscheidende Hilfe sein.

Kirchen und multikulturelle Gesellschaft

Bereits 1980 hatten die Kirchen den Begriff der „multikulturellen Gesellschaft“ in die öffentliche Diskussion eingeführt. Damals gaben sie zum Tag des ausländischen Mitbürgers das Motto aus: „Verschiedene Kulturen – Gleiche Rechte. Für eine gemeinsame Zukunft“. In neun Thesen wurde ein entsprechendes Programm umschrieben. Die innerhalb und außerhalb der Kirchen sofort umstrittene These 1 besagte, daß wir in der Bundesrepublik in einer multikulturellen Gesellschaft lebten. Es wurde auf die Tatsache verwiesen, daß Deutschland in vieler Hinsicht eine multikulturelle Geschichte und Zusammensetzung habe. Mit der Anwerbung von Millionen ausländischer Arbeitnehmer und dem Familiennachzug ist die Bundesrepublik aber sicher in eine neue Phase kultureller Vielfalt eingetreten.

Eine der ökumenischen Thesen weist den Kirchen wegen ihres nationalitätenübergreifenden Glaubens eine besondere Aufgabe für die Förderung einer multikulturellen Gesellschaft zu. Schließlich gäbe es für wenigstens 30 verschiedene Nationalitäten und Sprachengruppen eigene Kirchengemeinden mit Hunderten von Pfarrern aus den verschiedensten Ländern der Welt. Dies ist eine multikulturelle Realität, die auch für die Gesellschaft von großer Bedeutung ist.

Mit den Thesen von 1980 war ein Programm der Veränderung unserer Gesellschaft verbunden, dessen umfassende Verwirklichung noch aussteht. Danach kann die Ausländerpolitik nicht eine einseitige Politik der Assimilierung sein. Vielmehr ist eine gegenseitige Integration, also ein Geben und Nehmen erforderlich. Dies muß auch als Absage an Ghettos verstanden werden. Als bevorzugte Orte des interkulturellen Lernens werden Kindergarten und Schule angesehen. Das seien Orte, wo Erfahrungen verschiedener kultureller Traditionen offen und direkt aufeinander stießen. Muttersprachlicher Unterricht müsse in den normalen Unterricht aufgenommen werden, Lebenserfahrungen der Einwanderer aus den Herkunftsländern sollten Bestandteile der Schulpläne sein. Die Muttersprache der Einwandererkinder sollte als erste Fremdsprache anerkannt werden. Kultur- und Freizeitangebote in den Städten und Gemeinden sollten sich verstärkt darauf konzentrieren, den verschiedenen Gruppierungen Möglichkeiten der Selbstdarstellung, der Vermittlung bedeutsamer Beiträge aus ihren Heimatländern sowie der Begegnung mit Einheimischen zu eröffnen.

Als erforderlich für eine multikulturelle Gesellschaft werden auch neuartige Programme in den Medien erachtet, mit denen Verständnis für andere Kulturen geweckt werden könnte. Die bisherigen Programme für Ausländer sollten so angelegt sein, daß sie auch für Deutsche interessant sind. Das Zusammenleben mit Menschen der verschiedensten Kulturen soll schließlich als eine Chance für die Zukunft der Bundesrepublik betrachtet werden. Die entscheidende Voraussetzung für ein solches Zusammenleben sei es aber, ethnischen und kulturellen Minderheiten gleiche politische Rechte einzuräumen. Dazu gehöre auch das (kommunale) Wahlrecht!

Dieses Programm – selbst nicht vollständig und hier nur auszugsweise wiedergegeben – entspricht im wesentlichen den Programmen, wie sie aus den Einwandererländern bekannt sind und auch von europäischen Gremien, u.a. vom Europarat gefordert werden.

Ethnozentrische Aggressivität, wie sie der Club of Rome der Nordhälfte vorwirft, das würde dann auch für ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland gelten. Wir erleben derzeit die Kehrseite dieser auf Ausschluß und Unterdrückung alles „Fremdartigen“ und „Minderkulturellen“ gerichteten Angriffslust, nämlich die Angst vor dem Verlust der nationalen und kulturellen Identität. Um sie zu wahren, formiert sich wieder ein monomanes und monolithisches Nationalgefühl. Es bleibt uns nicht einmal mehr die Zeit, unsere Begriffe und Handlungsvorstellungen säuberlich zu ordnen. Die Wahlerfolge des rechtsextremen Spektrums haben vieles wieder zurücktreten lassen, was sich an vernünftiger Erkenntnis und Veränderung des Einwanderungslandes Bundesrepublik durchzusetzen begann. Das macht die Verwirklichung einer multikulturellen Gesellschaft zwar schwieriger aber auch noch dringlicher.


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