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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 2006 :::

Lebende Krippen

Artikel veröffentlicht in der Weihnachtsausgabe 2006
des Bistumsinfo von Pax Christi Limburg

INHALT
Versuche, das Geschehen an der Krippe von Bethlehem zu aktualisieren.
Präsentation: „Lebende Krippen“

ANMERKUNG
Die original PowerPoint-Präsentation wurde für eine Darstellung im Internet aufbereitet.

London

Seit Weihnachten 2004 hat das Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud in London eine neue Attraktion: eine Krippendarstellung mit berühmten Persönlichkeiten.

Maria und Josef werden dargestellt von dem weltbekannten Paar Victoria und David Bekham. Victoria, Mutter von drei Kindern, war ehemaliges Spice Girl und David ist noch Spitzenfußballer von Real Madrid. Das Kind in der Krippe ist allerdings nicht etwa ihr kleiner Blondschopf Romeo sondern eine Plastikpuppe. Die drei Hirten werden von den zwei Gangsterdarstellern Samuel L. Jackson und Hugh Grant aus dem Kultfilm „Pulp Fiction“, gegeben. Dazu gesellt sich der irische Komiker und Talkshow-Gast Graham Norton. Über der Szene räkelt sich in lasziver Haltung die Pop-Ikone Kylie Minogue. Die Drei Könige sind niemand anders als der britische Premierminister Tony Blair. Prinz Philip und der US-amerikanische Präsident George W. Bush.

300 Besucherinnen und Besucher des Kabinetts waren zuvor befragt worden, welche Prominenten sie in welcher Rolle in der Weihnachtskrippe sehen möchten. Dabei hatte sich eine übergroße Mehrheit für die Bekhams als heiliges Paar entschieden. Wenn man bedenkt, dass das Fußballidol auf einer Wissenschaftskonferenz zum „ Jesus der Konsumgesellschaft“ ernannt wurde, und Bush seinen Einsatzbefehl für den Krieg im Irak mit seinem Gefolgsmann Blair von Gott selbst erhalten haben will, ist diese Auswahl fast konsequent.

Die Darstellung in London, die sich in der Tradition von Krippen, die nicht mit Figuren, sondern mit leibhaftigen Personen gestaltet werden, versteht, ist in Rom nicht gut angekommen. Ein Sprecher des Vatikans meinte, die Darstellung sei wenn nicht gar blasphemisch so doch sehr geschmacklos. Bekannte Zeitgenossen tauchten zwar gelegentlich in Krippendarstellungen auf, dort aber nicht als Akteure des heiligen Geschehens, sondern höchstens als Zuschauer. Wo Rom recht hat, hat es recht! Und man fragt sich, was sich die Museumsgäste wohl dabei gedacht haben, Personen, die vom christlichen Verständnis her nicht unbedingt als Repräsentanten des Weihnachtsgeschehens anzusehen sind, hierfür zu nominieren. Entweder zeigt es sich, wie weit entfernt heutige Menschen von der christlichen Botschaft sind oder wie britischer Humor in allzu schwarzen umschlagen kann.

Greccio

Als Erfinder der lebenden Krippen, die seit Jahren in einigen europäischen Ländern wieder sehr aktuell geworden sind, gilt Franz von Assisi. An Weihnachten 1223 habe er mit Zustimmung des Papstes das Felsenkloster bei Greccio verlassen, um im Wald von Rieti mit seinen Brüdern und vielen Menschen aus der Umgebung in einer Höhle das Geburtsfest des Herrn zu begehen.

Bild aus der Präsentation

Es waren sicher die einfachen und armen Menschen, die mit bescheidenen Geschenken, vielleicht auch mit ihren Tieren, kamen, um dem Gotteskind zu huldigen. Franz schaffte es mit seinen „Spielleuten Gottes“ das einfache Volk, dem sie sich zugehörig fühlten, anzuziehen und ihrer religiösen Sehnsucht und Hoffnung zu entsprechen. Franziskus gestaltete sein ganzes Leben als Mit- und Nacherleben des Schicksals Jesu. So ist es zu verstehen, dass er auch als Prediger phantasievoll „spielt“, dass er die christlichen Wahrheiten darstellte, so, wie es die „Spielleute“ der damaligen Zeit für ihre weltlichen Themen taten. Er hat in dieser ans Närrische grenzenden Weise die schlichten Menschen fasziniert und die feine und fromme Welt irritiert. Sein besonderes Faible: die Schöpfung und die Natur. Deshalb ist es nicht verwunderlich wenn er, der den Fischen und Vögeln gepredigt hatte, auch Ochs und Esel bei seiner Krippenaufstellung einsetzte. Er soll selbst so von der Weihnachtsfeier im Wald ergriffen gewesen sein, dass er in Tränen der Freude ausgebrochen sei.

Wetzlar

Wenn wir heute versuchen sollten, die Tradition der „lebenden Krippe“ wieder aufzugreifen, sollten wir uns nicht auf Folklore, Streichelzoo und die Gerüche des Weihnachtsmarktes beschränken. Es gibt an der Krippe einige Rollen zu verteilen, die eher zugewiesen als ausgesucht werden. An der Spitze natürlich die von Maria, die sich auf ein Liebesverhältnis mit Gott eingelassen hat, dann die des Josef, der damit fertig werden musste, dass ihm ein Kind untergeschoben wurde. Der dies aber akzeptierte und das Kind adoptierte, eine Aufgabe, die wir gemeinsam gegenüber den armen und kranken Kindern unserer und der Weltgesellschaft zu übernehmen hätten. Als Hirt hätte ich eine besondere Sensibilität für das zu entwickeln, was als Botschaft des Friedens und der Gerechtigkeit auf den verschiedensten Wellen heutiger Kommunikation zu hören ist. Engel sein bedeutete etwa als Eltern, Großeltern, als Erzieherin und Pädagoge, als Journalist und Mitarbeiterin eine zeitgemäße und vom eigenen Leben abgedeckte Botschaft zu vermitteln. Fürstlicher Sterndeuter sein hieße schließlich, sich dem Einfluss jeglicher Astrologie zu versagen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich mit anderen zusammen auf einen Weg in eine bessere Zukunft zu machen. Außerdem gibt es aber auch noch die Rolle eines Ochsen oder eines Esels. Ochse sein, bedeutete die Kraft und die Bereitschaft entwickeln, immer wieder Karren aus dem Dreck zu ziehen, während sich der Esel fremde Last und fremdes Schicksal aufladen ließe.

Die lebende Krippe ist ein Ensemble um den neuen Menschen, der im Stroh liegt und dem es nur darum geht, die Würde eines jeden Menschen zu wahren.

Nach dem letzten Weihnachtsfest erhielt ich einige Fotos aus dem Wetzlarer Dom. Sie waren bei einem Fototermin gemacht, zu dem eine Gruppe von Menschen eingeladen hatte, die sich seit 20 Jahren um das Schicksal von Flüchtlingen kümmert, vor allem um die, die von Abschiebung bedroht sind. Diese Familien hatten sich darauf eingelassen, mit ihren Freundinnen und Freunden vor der Domkrippe zu stehen und sich von Fotoreportern ablichten zu lassen.

Bild aus der Präsentation

Die Idee des Unterstützerkreises war es, diesen verunsicherten Menschen den Schutz der Weihnachtskrippe angedeihen zu lassen. Vielleicht ließe sich ja auf diesem außergewöhnlichen Weg erreichen, dass sie um Gottes und des Christkindes willen in Deutschland bleiben dürften. Ich gewann bei diesen Fotos den Eindruck, dass es kaum eine bessere Verlebendigung der Krippenkultur geben könnte, als die in dem gotischen Gemäuer von Wetzlar.


Präsentation „Lebende Krippen“


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