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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1973 :::

26. Sept. bis 3. Okt. 1973

STUDIENFAHRT ZU SCHWEIZER KIRCHEN
INFORMATIONEN ÜBER AUSLÄNDERARBEIT

27.9.73: SCHAFFHAUSEN

Hier besteht eine Kontaktstelle für Ausländer und für alle an der Ausländerarbeit Beteiligte. Sie ist als Auskunfts- und Anlaufstelle geplant. Die Lage ist zentral. Nach Mitteilung des Pfarrers von St. Konrad besteht in Schaffhausen eine italienische Mission und Sozialberatung. Sehr stark in Schaffhausen sind italienische Saisonarbeiter vertreten. Der Pfarrer hat den Eindruck, daß sich die Italiener wenig zu integrieren versuchen. Z.B., ein Italiener, der 25 Jahre in der Schweiz arbeitet, ist stolz darauf, daß er kein Deutsch sprechen kann.

28.9.73: CHUR

Gespräch mit dem Pfarrer von Hl. Kreuz. In Chur leben 3.000 Italiener, 600 Spanier, 150 Jugoslawen und 100 Tschechen. Die Italiener haben einen eigenen Priester, der durch die Kirchengemeinden von Chur angestellt ist. Ein spanischer Priester ist für Chur und Umgebung zuständig. Er wird von einem Gemeindeverband angestellt.

Eigene Räume sind nicht vorhanden. Die Missionen benutzen Räume in den Gemeindehäusern, bzw. öffentliche Säle. Die Sozialberatung wird vom Konsulat aus vorgenommen. Der Pfarrer selbst hat sich zeitweise sehr stark um die Spanier gekümmert und selbst spanisch gelernt.

Mietwucher kommt nach seinen Aussagen praktisch nicht vor, da in der Schweiz sehr strenge Vorschriften bestehen. So wohnen die Italiener meist in Neubauten. Von Spaniern weiß er, daß zwei Wohnungen in einem Altbau angemietet wurden. Die Kinder verlieren in der Schule meistens ein Jahr, bis sie am normalen Unterricht teilnehmen können. Eine eigene italienische Schule hat es gegeben. Sie hat sich aber nicht bewährt. In einer Klasse, in der er unter richtet, sind von 18 Kindern 8 Ausländer. Ein Viertel der Kinder in der Pfarrei sind Ausländer. Die Eltern werden durch die Kinder in das Gemeindeleben integriert. Spanische Familien bleiben oft so lange in der Schweiz, bis die Kinder schulpflichtig werden. In Chur hat es bereits vor dem ersten Weltkrieg viele Italiener gegeben.

Der spanische Seelsorger wohnt in dem Haus des Pfarrers. Beide treffen sich immer bei Tisch. Gelegentlich vertritt der schweizerischen Pfarrer den spanischen Priester. Die Tschechen integrieren sich sehr schnell, für die Jugoslawen ist einmal monatlich Gottesdienst,

29.9.73: BUTTIKON

Eine Gemeinde von 800 Einwohnern, von denen 300 Italiener sind. Die Gemeinde hat sich für 1,5 Mio. Franken eine sehr moderne Kirche gebaut. Zweimal im Monat ist italienischer Gottesdienst. Ansonsten nehmen die Italiener nicht am regelmäßigen Sonntagsgottesdienst teil. Die Ausländer müssen auch Kirchensteuer bezahlen, dürfen aber kirchliche Gremien nicht mitwählen und auch nicht über die Verwendung der Kirchensteuer mitentscheiden. Von seiten der Gemeinde aus besteht ein geringer Kontakt zu den Ausländern. Sie würden zwar eingeladen, kämen aber nicht. In unmittelbarer Nähe der Kirche steht ein altes, verfallenes Bauernhaus, das von Ausländern bewohnt wird. Die Vielzahl der Italiener in dieser kleinen Gemeinde erklärt sich durch die Textilfabrikation. Zuerst kamen die Frauen, dann folgten die Männer. Von 100 Kindern in der Schule, sind etwa 20 Kinder Italiener. Nach Aussage des Lehrers, der auch Präsident der Baukommission ist, kommen diese Kinder gut mit, Im Kindergarten, sind von 25 Kindern 10 Italiener.

29.9.73: ZUG

In zentraler Lage und in einem Neubau befindet sich das Ufficio Assistenza Stranieri. Das Büro ist besetzt mit Frl. L. M. Estermann. Sprechstunden sind dienstags – samstags von 9 – 12 Uhr, mittwochs und freitags von 15 – 19 Uhr.

30.9.73: WILDEGG

1.400 Katholiken, 40 % Ausländer (Italiener und Spanier). Für die Spanier ist ein monatlicher Gottesdienst mit anschließendem geselligem Treffen geplant. Weiterhin ist eine Aufgabenhilfe für die ausländischen Kinder vorgesehen. Eine Musikgruppe und ein Sportclub, die sich gebildet hatten und sich in den Räumen des neugebauten Pfarrzentrums sich versammelten, ist in der Zwischenzeit wieder zerfallen. Es besteht ein großer Wunsch seitens der Italiener über einen eigenen Raum zu verfügen.

Nach Auskunft des Pfarrers und des Präsidenten der Baukommission zahlen die Ausländer auch Steuern, haben aber kein Wahlrecht. Es besteht auf schweizerischer Seite die Angst, die Ausländer könnten bei einer Abstimmung gegen die Höhe der Steuer angehen.

30.9.73: KLEIN-DÖTTINGEN

Gespräch mit dem Pfarrer und dem Präsidenten der Baukommission.

Die Gemeinde zählt 2.500 Mitglieder. Durch ein Atomforschungszentrum leben in der Gemeinde Ausländer aus 14 Nationen, vornehmlich Italiener, Jugoslawen und Spanier; im ganzen etwa 600 bis 700. 90% aller Ausländer wohnen in Neubauwohnungen, da es sich hier ohnehin um eine Neubau-Gemeinde handelt, Es wird ein regelmäßiger, italienischer Gottesdienst gehalten. Aussagen bei dem Gespräch: „Der italienische Seelsorger macht alles.“ „Die Italiener wollen sich nicht assimilieren lassen.“ „Die Italiener wollen nicht deutsch lernen.“

1.10.73: ZÜRICH – KLOTHEN

In der Pfarrei leben 1.000 Italiener und etwa 400 Spanier . Die Pfarrei verfügt über ein sehr umfangreiches Gemeindezentrum, das viel zu aufwendig gebaut wurde. Vorhanden sind eine eigene Nebenkirche für die Ausländer, die Amtsräume der italienischen Mission ( es sind zwei Missionare und drei Schwestern tätig) und Räume für gesellige Veranstaltungen. Die gegenseitige Benutzung aller Räume ist gewährleistet. Der junge Pfarrer versucht mit den Ausländern nicht nur ein Koexistenz-Verhältnis zu pflegen, sondern eine regelrechte Zusammenarbeit. In regelmäßigen Abständen findet sprachökumenischer Gottesdienst statt für Italiener und Deutsche.

Integration findet vor allem bei Familien statt – allerdings bei den Spaniern stärker als bei den Italienern. Die zusätzliche Nebenkirche wird von dem schweizerischen Pfarrer als nachteilig empfunden, weil sie die Absonderung der Ausländer fördert. Die italienische Mission erfasse nur wenig Italiener. Es bestehen Männergruppen, eine Schulaufgabenhilfe, bei der vor allem Schweizer mitwirken und ein eigener italienischer Kindergarten, der von italienischen Schwestern geleitet wird. Außerdem ist ein Missionsrat vorhanden,

Gespräch mit einem italienischen Lehrer, der vom Konsulat zur Hälfte als Sozialberater eingestellt ist: Er besucht die Saisonarbeiter in den Baracken. Als größtes Problem bezeichnet er die Unsicherheit über den Verbleib in der Schweiz. Dadurch seien alle Planungen blockiert. Die italienischen Kinder werden ein bis zwei Jahre auf die schweizerische Schule vorbereitet. Auch er stellt fest, daß die Italiener es vorziehen, unter sich zu bleiben. Auf jeden Fall bestehe keine große Disposition Einzelner sich mit Schweizern anzufreunden. Um die deutsche Sprache zu erlernen, fehlt es meistens an der Zeit. Das Problem der Sprache ist sehr groß.

Obwohl die Italiener auch in diesem Gebiet in Neubauwohnungen leben, isolieren sie sich, indem sie in einige bestimmte Straßenzüge ziehen. In Zürich selbst gibt es regelrechte Ausländer-Quartiere

Noch einige Ergänzungen aus Noch einige Ergänzungen aus dem Gespräch mit dem Pfarrer: In der Schweiz gibt es einen gewissen Trend, der gegen Ausländer gerichtet ist. Der Kindergarten für Kinder von zwei bis sieben Jahren hat sehr stark den Charakter der Kinderverwahrung. Sehr kritisch äußerte er sich über die Pastoral seiner italienischen Kollegen, von denen er meint, daß sie sich zu sehr bemühen, bei ihren Landsleuten „lieb Kind“ zu sein, indem sie alles für sie machen.

2.10.73: BADEN

Besuch im italienischen Zentrum. Gespräch mit einer italienischen Studentin und zwei italienischen Schwestern. Das Zentrum ist in einem ehemaligen Hotel untergebracht. Dort wohnt der Missionar, dort sind auch die Büro- und Amtsräume. Daran anschließend gibt es Versammlungsräume; außerdem wurden für die Schulkinder zwei Wohnwagen aufgestellt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde eine ehemalige Villa für den Kindergarten angemietet. Im Kindergarten werden bis zu 60 Kinder betreut. Sie werden morgens bereits um kurz nach 6 Uhr dorthin gebracht und bleiben bis abends 18 oder 18.30 Uhr. Im Kindergarten ist eine Küche, in der für die Kindergartenkinder, die Schulkinder, die Schwestern, das Personal und den Missionar gekocht wird. Die meisten Kindergartenkinder sind in Italien geboren.

Gespräch mit der Schwester Oberin: Die Kindergartenkinder verhalten sich nicht so wie die Kinder in Italien. Sie erleben sehr stark die tägliche Trennung von der Familie. Daher geben sie sich sehr anlehnungsbedürftig; man muß sich sehr intensiv um sie kümmern. Von zuhause aus sind sie wenig erzogen. Am besten wäre es, wenn sie mit schweizerischen Kindern zusammen leben könnten.

Gespräch mit der Studentin: Sie hat sowohl die Schulkinder, als auch die Kindergartenkinder in der deutschen Sprache unterrichtet. Die italienischen Kinder gehen ein bis zwei Jahre in eine Übergangsschule, bis sie in die schweizerische Schule eingewiesen werden. Etwa 40 Schulkinder können untergebracht werden. Auch sie kommen meistens schon morgens um 6:15 Uhr. Dann ist eine der Schwestern für sie da. Später kommt dann eine neu eingestellte italienische Lehrerin. Die Kinder werden zur Schule geschickt, und kommen nach der Schule wieder in das Zentrum, wo Sie in der italienischen Sprache unterrichtet werden und Hilfe bei den Schulaufgaben erhalten.

Das Zentrum für gesellige Treffen ist mittwochs, samstags und sonntags geöffnet.


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