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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1969 ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 13. – 18. Oktober 1969

RADIO KURZPREDIGTEN

Kirchensteuer und Freiwilligkeit


Bei dem Fortfall der Kirchensteuer in der bisherigen Form wollen 46% der Katholiken in der Bundesrepublik ihre Beiträge freiwillig weiter entrichten. 54% dagegen würden für diesen Fall keine Zahlungen mehr leisten. Bei den Protestanten sind es nur mehr 35%, die weiter zahlen wollen. Diese Angaben stammen von einem Marktforschungsinstitut, das in einer sogenannten Repräsentativumfrage 2000 Personen ausgesucht und interviewt hat.

Nehmen wir die Situation einmal für gegeben an, dann würde die Kirche nur noch über knapp die Hälfte bzw. ein Drittel ihrer bisherigen Einnahmen verfügen. Die Folgen für das kirchliche Leben wären einschneidend, und man kann nur allzu gut verstehen, wenn an verantwortlicher Stelle eine solche Entwicklung kaum begrüßt wird.

Es kommt hinzu, dass die ermittelten Prozentsätze der Zahlungswilligen sicher ein zu rosiges Bild abgeben, denn es ist wohl ein sehr großer Unterschied, ob ich mich bei einer unverbindlichen Umfrage beitragswillig zeige, oder ob ich wirklich einen bestimmten Betrag monatlich von meinem Konto abbuche. Erfahrungen in Ländern, in denen es keine Kirchensteuer gibt, könnten Anlass zu einer realistischeren Einschätzung sein.

Die Gründe, die für die Beibehaltung der Kirchensteuer sprechen, werden neuerdings in Aufsätzen, Annoncen und Informationsheften an die breite Öffentlichkeit gebracht. Sie reichen von den warnenden Hinweisen auf die armen Pfarrer Südamerikas, die für ihren Lebensunterhalt darauf angewiesen sind, an den Kirchtüren fromme Bildchen zu vertreiben, bis zu dem Hinweis auf die vielen karitativen Einrichtungen, die die Kirche unter hoher finanzieller Beteiligung unterhält. Ob diese und ähnliche Gründe genügen, um das System der Kirchensteuer zu rechtfertigen, wird davon abhängen, welchen Stellenwert in Zukunft im Leben der Gemeinde die Freiwilligkeit einnehmen wird. Die schlechten Erfahrungen mit der Bequemlichkeit des Menschen bringen es mit sich, dass man auch in der Kirche der Freiheit und Freiwilligkeit nicht ganz über den Weg traut und mehr oder weniger sanften Druck für geboten hält. Andererseits zeichnet sich bereits die Entwicklung ab, dass nur noch auf voller Freiwilligkeit aufgebaute Gemeinden akzeptiert werden. Dabei ist das Problem der Kirchensteuer eigentlich nur zweitrangig. Es hängt aber zusammen mit dem uralten Zwiespalt von Freiheit und Autorität, wie ihn Dostojewski in seinem Großinquisitor mit aller Schärfe herausgestellt hat.

Ein greiser Kirchenfürst führt ein Gespräch oder besser gesagt einen Monolog mit Jesus, der nach vielen Jahrhunderten wieder in unscheinbarer Gestalt unter den Menschen weilt. „Warum bist Du gekommen, uns zu stören?“ So fragt der Großinquisitor, der über die Reinerhaltung der Lehre zu wachen hat. Nach anderthalb Tausend Jahren sei es der Kirche endlich gelungen, Jesu Werk zu verbessern und die Freiheit, die er gebracht hat, zu überwinden. Er macht es Christus zum Vorwurf, dass er sich damals der Freiheit des Menschen nicht bemächtigt hat, sondern deren Grenzen noch erweiterte und damit die Seele des Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid belastete. Nichts sei für den einzelnen Menschen – wie für das ganze Menschengeschlecht – schwerer erträglich, als die Freiheit. So gäbe es für den Menschen keine quälendere Sorge, als den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie möglich jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte. Unmerklich habe die Kirche ihren Gläubigen die Last der Freiheit abgenommen, um sie mit Autorität und Gehorsam glücklich werden zu lassen.

Das ist der Sirenengesang aller Weltbeglücker, ob innerhalb oder außerhalb der Kirche. Sie halten das Risiko mit der menschlichen Freiheit für zu hoch. Bei aller guten Absicht bleibt ihnen aber eines versagt, sie können sich nicht auf Christus berufen.


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