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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::

Katholische Morgenfeier
im Hessischen Rundfunk Frankfurt/M.
1. Hörfunkprogramm
am 18. Oktober 1970

Kirche und Ketzer


Lied:
„Wenn du das Ende kennst“.
(L.Schwann Verlag, Düsseldorf, ams-studio 300, Seite B,Nr.5) (2’8″)

Ansprache:

Pfarrer
Verehrte Hörer!

Die Forderung des Liedes, das Sie gerade gehört haben, „Wenn du die Wahrheit kennst, schenk allen reinen Wein ein“ scheint heute bei vielen Christen erfüllt zu sein, die sich befleißigen, in Sachen Glaube eine klare und eindeutige Sprache zu führen. Auf dem Katholikentag, der jüngst in Trier stattfand, kam es zu bezeichnenden Stellungnahmen. So sagte einer der Diskussionsredner folgendes:

Sprecher
„Häresien müssen klar als Häresien bezeichnet werden. Jawohl, es sind zum Beispiel im Holländischen Katechismus Häresien verpackt, und darum müßte klar Stellung bezogen werden. Es muß auch heute noch Ketzerei Ketzerei genannt werden, wie es im Spiegel-Gespräch Kardinal Daniélou sagte. Und wenn heute eine Kirche nicht mehr wagt zu exkommunizieren, hat sie auch keine communio mehr!“

Pfarrer
Er meinte damit, die Kirche müsse aus der Gemeinschaft ausschließen können; sonst zeige sie, daß sie selbst keine richtige Gemeinschaft mehr sei. Bei diesen Worten entstand unter den Teilnehmern des betreffenden Diskussionskreises eine starke Unruhe. Offenbar stieß die vorgetragene Meinung auf weitgehende Ablehnung. Dennoch wäre es unangemessen, deswegen den Ernst der Fragestellung zu übersehen. Er kommt vor allem in dem letzten Satz zum Ausdruck: Eine Kirche, die es nicht mehr wagt, jemanden ihrer Gemeinschaft zu verweisen, zeigt damit, daß sie selbst keine Gemeinschaft mehr ist. Wer in die Geschichte der Kirche zurückblickt, kann unzählige Beispiele dafür finden. Die Kirche hat aus ihrem Selbstbewußtsein, eine festgefügte Gemeinschaft zu sein, das Recht und die Pflicht abgeleitet, Lehren als Irrlehren zu benennen, und jeden, der sie vertrat, aus ihrer Mitte zu verstoßen. Keine Gemeinschaft, so wird man zur Begründung dieses Vorgehens hinzufügen, kann auf die Dauer ohne gemeinsame Überzeugungen und feste Satzungen auskommen, selbst eine Familie nicht. Gewohnheit oder Sympathie genügen nicht, um eine menschliche Gruppe zusammenzuhalten. Erst recht nicht die Kirche, da sie auf Glaube und Offenbarung beruht. Demnach gibt sich die Kirche als Gemeinschaft auf, wenn in ihr keine gemeinsamen Glaubensüberzeugungen mehr vorhanden sind.

Was aber stellen wir heute in der Kirche fest? überall Diskussionen, Zweifel und Glaubensschwierigkeiten. Viele sind deshalb zu dem Schluß gekommen, die gemeinsame Basis sei nicht mehr vorhanden. Wäre es aber dann nicht ehrlicher, sich das einzugestehen und auseinanderzugehen, als krampfhaft eine Einheit zu beschwören, die doch nicht mehr vorhanden ist? Nennen wir Ketzerei wieder Ketzerei und exkommunizieren wir die Irrlehrer. Finden wir uns im Namen Christi damit ab, daß es auch weiterhin in der Kirche Spaltungen gibt wie früher auch!

Wenn wir uns solchen Vorstellungen hingeben, vergessen wir die besondere Situation, in der die Christenheit steht. Seit Jahren erleben wir, wie die einzelnen Konfessionen danach trachten, aufeinander zuzugehen mit dem Ziel einer künftigen Einheit. Da wirkt es dann geradezu absurd, wenn man sich im eigenen Haus neue Spaltungen leisten will. Hier offenbart sich ein Widerspruch, der alle ökumenischen Hoffnungen zu begraben droht. Sie gründen darauf, daß das, was eint, stärker ist, als das, was trennt. Diesen Satz hat dieser Tage noch der Leiter des Einheitssekretariates Kardinal Willebrands gebraucht. Wenn das für das Verhältnis zwischen den Konfessionen gültig ist, dann gilt das auch innerhalb der einzelnen Kirche. Spaltung und Trennung sind kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis menschlichen Versagens. Das zeigt sich bereits in der kleinen Christengemeinde von Korinth, der Paulus wegen drohender Spaltungen einen „Brandbrief“ schreibt. Darin heißt es:

Sprecher
Ich bitte euch aber, liebe Brüder – nein, nicht ich, Jesus Christus selbst bittet euch -, daß ihr nicht gegeneinander redet oder aneinander vorbei. Hütet euch vor Spaltungen! Haltet einander fest, sucht nach dem, was euch verbindet, nach gemeinsamen Gedanken, gemeinsamen Entscheidungen. Ich habe gehört, liebe Brüder, durch die Leute aus dem Hause der Chloe, es gebe Auseinandersetzungen unter euch. Offenbar gibt es unter euch Leute, die sagen: Ich halte mich an Paulus; andere, die sagen: Ich halte mich an Apollo; wieder andere, die sagen: Ich halte mich an Petrus; und eine vierte Gruppe sagt gar: Ich halte mich an Christus. Ich verstehe das nicht. Ist denn Christus nun in Teile zerlegt? (1 Kor 1,10-13a)

Pfarrer
Offensichtlich war die Gemeinde von Korinth auf dem besten Wege sich zu spalten in die verschiedensten Bekenntnisse, die sich jeweils auf einen anderen Namen berufen. Es klingt wie ein Witz, daß sich eine Gruppe als „christisch“ d.h. zu Christus gehörig bezeichnet. Auf kleinstem Raum zeichnen sich bereits alle künftigen Kirchenspaltungen ab. Paulus ist nicht bereit, dieser Entwicklung freien Lauf zu lassen; denn Christus ist nicht in Teile zerlegt. In ihm sollen und können alle eins sein. Spaltungen sind nach Paulus ein Beweis dafür, daß man Christus nicht genügend erfaßt hat. Einige Kapitel weiter kommt Paulus noch einmal auf die Parteiungen in der Gemeinde zu sprechen und zwar im Zusammenhang mit der Feier des Brotbrechens:

Sprecher
Noch eine weitere Sache muß geklärt werden. Ich habe kein Lob übrig für die Art, wie eure Zusammenkünfte sich abspielen, denn sie zerstören in eurer Gemeinschaft offenbar mehr, als sie Segen bringen. Erstens: Ich höre, bei euren Versammlungen zeige sich, daß ihr in Parteien seid, und zum Teil glaube ich es wirklich. Natürlich, es geht ja nicht anders! Es müssen sich ja Klüngel unter euch bilden, wie sollten sonst genug bedeutende Leute Gelegenheit haben, eine Rolle zu spielen? Es ist da weiter kein Wunder, daß ihr hei euren Zusammenkünften kein Liebesmahl des Herrn mehr feiert, jedenfalls keins, das diesen Namen verdient. Da setzt sich jeder vor sein eigenes Essen, das er sich mitgebracht hat. Der eine hat nichts und hungert, der andere hat alles und ißt und trinkt sich voll… Ist euch die Gemeinschaft der Kirche Gottes nichts mehr wert, daß ihr die Ärmeren unter euch so beschämt? (1 Kor 11, 17-22a)

Pfarrer
Eben noch hat es ausgesehen, als bestünden große dogmatische Auseinandersetzungen, die auf eine Scheidung der Geister hinauslaufen mußten; jetzt deckt Paulus den für die Spannungen entscheidenden Grund auf. Die Christen in Korinth zeigen nicht genügend Bereitschaft zur Solidarität. Die Vornehmen suchen sich in den Vordergrund zu spielen, die Reichen übersehen die Armen. Jeder ist bestrebt zuerst für sich zu sorgen. Damit ist die Einheit der Christengemeinde an der Wurzel getroffen. Für unseren Zusammenhang ist wichtig, daß sich die Spaltung nicht an den Fragen entzündet, wie das Herrenmahl richtig zu verstehen ist, oder wie es liturgisch gültig abläuft. Paulus erwähnt zwar den Verlauf der Feier, aber nichts läßt darauf schließen, daß in der Gemeinde darüber debattiert wurde, wie etwa die Gegenwart Christi zu verstehen sei. Das ist ein deutliches Beispiel dafür, wie sehr menschliche Schuld für jede Spaltung verantwortlich ist. Wo die gegenseitige Verbundenheit brüchig geworden ist, werden Meinungsverschiedenheiten bald unüberbrückbar. Fast möchte man meinen, daß die Christen nur deswegen getrennt sind, weil sie nicht eins sein wollen. Das widerspricht aber der Solidarität, die Christus zwischen uns hergestellt hat. Wo diese Solidarität ernst genommen wird, gehen Christen nicht so leicht auseinander.

(Musik)

Pfarrer
Verehrte Hörer!
Ein Solidaritätsbeweis, der bis an die Grenzen des dogmatisch Vertretbaren geht, ja vielleicht sogar weit darüber hinaus, ist in dem Roman von Richard Kim „Die Märtyrer“ geschildert. Während des Koreakrieges hat ein Nachrichtenoffizier der südkoreanischen Armee einen Pfarrer kennengelernt, der bei seiner stark dezimierten Gemeinde ausharrt. Angesichts des Leidens seines Volkes meint er den Glauben an Gott verloren zu haben. In dem entscheidenden Gespräch, das die beiden miteinander führen, gesteht der von einer tödlichen Krankheit gezeichnete Pfarrer flüsternd:

Sprecher
„Mein ganzes Leben lang habe ich Gott gesucht, Hauptmann Lee, aber ich fand nur den Menschen mit allen seinen Leiden…und den Tod, den unerbittlichen Tod“

„Und nach dem Tod?“

„Nichts! „flüsterte er. „Nichts!“

Die versengende Glut in seinem bleichen Gesicht war herzzerreißend. „Helfen Sie mir! Helfen Sie mir, mein Volk zu lieben, mein armes, leidendes Volk, von Kriegen gequält, hungrig, frierend, krank und lebensmüde!“ rief er. „Helfen Sie mir! Das Leiden nimmt ihnen Hoffnung und Glauben und stößt die hilflos Treibenden in ein Meer von Verzweiflung! Wir müssen ihnen ein Licht zeigen, ihnen sagen, daß ein herrliches Willkommen ihrer wartet, ihnen versichern, daß sie triumphieren werden im ewigen Reich Gottes!“

„Um ihnen die Illusion der Hoffnung zu geben? Die Illusion vom Leben über das Grab hinaus?“

„Ja, ja! Weil sie Menschen sind. Verzweiflung ist die Krankheit dieser Menschen, die des Lebens müde sind, des Lebens hier und jetzt, das erfüllt ist von sinnlosem Leiden. Wir müssen die Verzweiflung bekämpfen, wir müssen sie zerstören und nicht zulassen, daß die Krankheit Verzweiflung das Leben des Menschen aushöhlt und eine bloße Vogelscheuche aus ihm macht.“

„Und Sie? Was ist mit Ihnen? Was ist mit Ihrer Verzweiflung?“

„Sie ist mein Kreuz!“ sagte er, „ich muß es allein tragen.“

Pfarrer
Wie sollen wir dieses Bekenntnis eines Pfarrers dogmatisch einordnen? Ist er ein Atheist, weil er Gott nicht gefunden hat, sondern nur den leidenden Menschen? Hat er überhaupt noch das Recht, sich Pfarrer zu nennen und vor seine Gemeinde zu treten? Oder ist er gar in seinem unerschütterlichen Stehen zur Gemeinde, der er ein Zeichen der Hoffnung sein möchte, der Bruder Christi? Von ihm sind die unerhörten . Worte der Todesstunde überliefert: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Mit diesem Wort haben sich Theologen wie Laien schon immer schwer getan. Wenn Jesus Gottes Sohn ist – wie soll man dann diesen Schrei verstehen? Daß Jesus, nicht nur von diesem Wort her, für Theologie und Kirche eine Art beunruhigender Ketzer bleibt, kann man heute bisweilen hören und lesen. Sein Wesen läßt sich nicht mit Formeln einfangen. So kann es auch unangebracht sein, mit Menschen dogmatisch rechten zu wollen, die ganz von ihm erfaßt sind. Eine weitere Szene aus dem Roman unterstreicht dies:

Sprecher
Ich saß eine Weile an Pfarrer Shins Bett, dann ging ich zu meinem Lager und legte mich angezogen nieder, schlafen konnte ich nicht. Einige Zeit später hörte ich Pfarrer Shins leise, heisere Stimme nach mit rufen und ging zu ihm. „Falls mir etwas zustoßen sollte, wollen Sie dann für mich beten?“

Im ersten Moment wußte ich nicht, was ich sagen sollte.
„Haben Sie jemals gebetet?“ fragte er.
„Zum Christengott?“ sagte ich. „Ja, als Kind.“

„Das genügt“, sagte er. „Vielleicht hört er Ihre Stimme.“
„Ich will es versuchen“, sagte ich. Ich wußte nicht, was ich sonst hätte sagen können.

Pfarrer
Nicht wenige Christen stehen in einem ähnlichen Konflikt wie der koreanische Pfarrer. Für sie ist Gott, ein Leben nach dem Tode zur großen Frage geworden. Mit ihr hängen viele Vorstellungen zusammen, die dem geistigen Horizont zu entgleiten drohen. Sollen sich die früheren Überzeugungen halten, so müssen sie ganz neu erarbeitet werden. Unbeschadet dieser Wandlungen, sind die meisten der so beunruhigten Christen der Auffassung, daß das Christentum über einen festen Kern verfügt. Er übersteht jeden Einschmelzungsprozeß, ja er geht strahlender und wirkmächtiger daraus hervor.

Wer sich in diesem Prozeß der Unsicherheit und des Fragens befindet, darf sich nicht vorzeitig auf irgendwelche angesonnenen Glaubenspositionen retten. Sie verleihen in diesem Fall nur eine Scheinsicherheit. Vor allem ist es unstatthaft, dem ehrlichen Zweifler gegenüber auf ein umfassendes und eindeutiges Glaubensbekenntnis zu pochen.

Eine jetzt herausgegebene Handreichung für den kirchlichen Dienst geht auf diese Schwierigkeiten ein. Dort wird so etwas wie ein christliches Grundprogramm folgendermaßen formuliert:

Sprecher
„Wer … glaubend überzeugt ist und, so gut er es vermag, daraus zu leben versucht, daß ihm in Jesus Christus Gottes Liebe und Friede endgültig geschenkt werden, so daß er für sich und alle anderen Menschen auch gegen die Macht des Todes Hoffnung haben darf, der ist ein Christ…“

Pfarrer
Das wird als ein fundamentaler Glaube bezeichnet, der noch wachsen und sich entfalten kann. Mancher mag das als ein Minimalprogramm bezeichnen. Aber er wird nicht leugnen können, daß damit auf die Mitte des Glaubens verwiesen ist. Sie besteht nicht aus abstrakten Wahrheiten, sondern ist die Person Jesu Christi. Durch ihn sind die Liebe und der Friede, bezeichnet als Liebe und Friede Gottes, in der Welt unzerstörbar anwesend. Von ihm kommt eine Hoffnung, die die Resignation angesichts des Todes überwindet. Sicher, es ist ein Minimalprogramm, das ganze Bibliotheken und ein Heer von Theologen überflüssig macht. Hier ist aber das, was eben als unzerstörbarer Kern bezeichnet wurde; Liebe, Friede, Hoffnung! Wer hiermit in unserer Welt etwas anzufangen weiß, ist entweder ein Phantast oder ein Gläubiger!

Gebet:

Pfarrer

Lobet den Herren, alle Völker! Preiset den Herren,
alle Welt; Denn seine Güte
und seine Treue
verläßt uns nicht in Ewigkeit.
Brich auf die Schale unseres Christentums und
triff den Kern.

Ganz nahe deinem Herzen steht der Mensch,
der dich nicht kennt.
Was spielen wir den Fremdenführer,
der deine Wege überblickt,
den Fremden unterstützt und lenkt?

Du bist der Herrscher dieser ganzen Welt,
und dein Reich kommt.
Wir drehen uns in engen Kreisen,
wir sorgen uns um den Bestand
und blicken hinter uns zurück.
Brich auf die Schale,
triff den Kern,
Herr, sende uns.
Lobet den Herren alle Völker!
Preiset den Herrn, alle Welt.

Lied:
„Lobet den Herrn“
(Platte ams-studio 15017) (4’55“)


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