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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1977 :::

Ketzer und Atheisten

Verändert die Kirche ihr Feindbild?

INHALT
Die Kirche versucht, ihr Verhältnis zu den Atheisten zu revidieren und ist dabei entscheidende Schritte weitergekommen als seriöser Dialogpartner der heutigen Welt. Das dialogische Prinzip kann der Welt gegenüber aber nur durchgehalten werden, wenn es auch für die eigene Kommunikation mit den „Ketzern“ im eigenen Haus maßgebend ist. Das ist aber nicht der Fall.

HINWEIS
Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 31.5.1977, Redaktion Norbert Kutschki

Am 16. Oktober wird der polnische Philosoph Leszek Kolakowski in der Frankfurter Paulskirche den diesjährigen Friedenspreis des DEUTSCHEN BUCHHANDELS entgegennehmen. Der Stiftungsrat für den Friedenspreis begründet die Wahl Kolakowskis folgendermaßen: „Sein Prinzip des Mißtrauens gegen Glaube und tradierte Überzeugung weist den Weg zur Offenheit des Denkens, die sein Leben und Werk trägt.“ Kolakowski, so heißt es weiter, relativiere so die Inhalte von Ideologie und Dogma und widerspreche der Gewalt als Mittel ihrer Durchsetzung. Er lehre Toleranz indem er Gegensätze gleichzeitig in sein Denken aufnehme. Er ermögliche damit neue Synthesen und biete die Chance zum friedlichen Ausgleich. Soweit die Begründung des Stiftungsrates.

Müßte die Verleihung des Friedenspreises an Kolakowski vor allem mit der Begründung seines Mißtrauens gegen Glaube und tradierte Überzeugung von der Kirche nicht als Affront aufgefasst werden und zu Einwänden führen? Aber nichts davon. Ein geharnischter Protest kommt aus Polen. In einer Zeitung dieses Landes werden die 10.O00,– DM, mit denen der Preis dotiert ist, als „Judassilberlinge“ bezeichnet, als der Lohn eines Verräters.

Kolakowski hat die Entwicklung von einem strammen Marxisten, der sich mit Jesuiten Rededuelle lieferte, zu einem Wortführer der intellektuellen Rebellion gegen kommunistischen Dogmatismus und Terror genommen. 1966 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und verlor bald darauf seinen Lehrstuhl. 1968 ließ man ihn in den Westen emigrieren. Ein Ketzer wurde exkommuniziert. Das Verfahren ist aus der Geschichte der Kirche allzu bekannt. So wurden Abweichler, Dissidenten und kritische Propheten eh und je behandelt. Die Kritik Kolakowskis betrifft nicht nur den Kommunismus, sie betrifft auch die Kirche. Dennoch ist Kolakowski für die Kirche kein Ketzer. Sie kann ihn nicht exkommunizieren, und sie braucht es nicht. Kolakowski ist dezidierter Atheist. Sein Denken erweckt indes starkes Interesse auch in der Kirche.

Unter anderem bei dem katholischen Theologen Thomas Pröpper. Er betrachtet Kolakowski als Dialogpartner in seinem Werk „Der Jesus der Philosophen und der Jesus des Glaubens“.

Der katholische Wissenschaftler will ein theologisches Gespräch mit Kolakowski führen. Aber nicht nur mit ihm, sondern mit weiteren ausgewählten Denkern, wie Jaspers, Bloch, Gardavsky, Machovec, Fromm und Ben-Chorin. Bis auf Ben-Chorin, einen jüdischer Gelehrten, verstehen sich die anderen als Atheisten, nimmt man darüberhinaus noch Jaspers aus, auch als Marxisten. Sie alle kommen aber darin überein, daß sie ein besonderes Interesse an Jesus bekunden und dies oft in eindrucksvoller Weise zum Ausdruck bringen.

Bleiben wir der Aktualität halber bei Kolakowski. Bereits 1965 hat er in einem Vortrag über Jesus als Prophet und Reformator den Versuch abgelehnt, Jesus, unter dem Vorwand, wir glaubten nicht an den Gott, an den er geglaubt hat, aus unserer Kultur zu verdrängen. Unbekümmert um die Dogmen der Kirchen, so sagt Pröpper, aber auch um alle offizielle Parteipropaganda, suche Kolakowski einen philosophischen Zugang zu Jesus. Für Kolakowski habe Jesus das Elend des zeitlichen Daseins überhaupt offenbart, er habe das Liebesprinzip eingeführt, das in der Utopie der allgemeinen Brüderlichkeit weiterlebe. Auch sei es ihm gelungen, jeglichen Auserwählungsglauben zu überwinden, und damit die Voraussetzung für die Idee der Einheit der Menschheit zu schaffen.

Soweit dieses Beispiel der von Pröpper sehr sachlich dargestellten verschiedenen Jesusinterpretationen. Pröpper zeigt sich als gläubiger Theologe beeindruckt von dem Humanismus, von dem glaubwürdigen Engagement und Ethos der aufgeführten Atheisten. All das ähnele so sehr einer christlichen Einstellung, daß man erst eine weite Strecke auf dem angebotenen Weg mitgehen möchte, ehe man Unterscheidungsfragen aufwerfe. Auf die Unterschiede kommt Pröpper selbstverständlich zu sprechen, und er sieht den entscheidenden darin, daß diese Jesusvorstellungen der atheistischen Philosophen ohne Gott auskommen möchten. Dies aber bedeute, trotz aller Hochschätzung der Person Jesu, eine entscheidende Verarmung.

Wo aber sieht Pröpper dennoch den Wert eines Gespräches mit den atheistischen Denkern über Jesus? Er meint, die Theologen könnten von den Nichtchristen lernen, die vergessenen Züge der Menschlichkeit Jesu wieder zu erschließen, bei ihrer Suche nach überzeugendem Menschsein stärker auf Jesus selbst zu achten und unbefangener den Sinn seiner Reich-Gottes-Botschaft und ihrer Auswirkung auf die jetzigen politischen Verhältnisse zu erwägen. So könnte Jesus für Christen, Atheisten und Marxisten zu einem Grund der Verständigung werden.

Pröpper pflegt einen vornehmen Umgang mit Andersdenkenden, die ihrerseits Kritiker der kirchlichen Position sind. Er will nicht nur eine ideologische Koexistenz, bei der jeder den anderen gelten lässt, ohne ihn als Menschen und Denker zu eliminieren. Es geht ihm darum, die Gemeinsamkeiten herauszustellen, trotz tiefgreifender Denkunterschiede.

Diese Einstellung zum Atheisten ist für die katholische Kirche, die eher von einem Freund-Feind-Verhältnis auszugehen pflegt, und sich anderen Positionen gegenüber abzugrenzen sucht, neu. Sie entspricht aber durchaus den Leitlinien des Konzils aus den sechziger Jahren. Im Rahmen der prinzipiellen Öffnung zur Welt und der Aufnahme eines globalen Dialogs hat sich die Bischofsversammlung dafür ausgesprochen, denen gegenüber Achtung und Liebe aufzubringen, die in sozialen, politischen und religiösen Fragen anders denken und handeln. „Je mehr wir in Freundlichkeit und Liebe“, so heißt es in einem der Grundsatzdokumente (Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, Nr. 28), „ein inneres Verständnis für ihr Denken aufbringen, desto leichter wird es sein, mit ihnen ins Gespräch zu kommen“. Gesprächspartner sind ausdrücklich auch die Atheisten, insofern Glaubende und Nichtglaubende zusammen sich am rechten Aufbau dieser Welt beteiligen müssen (Nr. 21). Damit ändere sich nichts – so wird betont – an der Zurückweisung des Atheismus.

Dennoch geht es mehr als um eine bloße Koexistenz. Im Vordergrund steht die Kooperation für eine menschliche Zukunft der Welt. Die Gemeinsamkeit der Aufgabe Iässt die ideologische Gegnerschaft zurücktreten. Die Kirche ist sogar bereit, sich helfen zu lassen und zwar auch von denen, die sie anfeinden (Nr. 44). Wer die menschliche Gesellschaft voranbringe, leiste auch der kirchlichen Gemeinschaft, soweit diese von äußeren Dingen abhängt, nicht geringe Hilfe.

Mit diesen Verweisen wird eine dialogfreudige und kooperationsbereite Kirch erkennbar, deren Feindbild vom „Atheisten“ eine Wandlung erfahren hat. Das hat seine Auswirkungen bis in die vatikanische Ostpolitik hinein.

Die Kirche versucht, ihr Verhältnis zu den Atheisten, sowie zu den anderen Konfessionen und Religionen zu revidieren und ist dabei entscheidende Schritte weitergekommen als seriöser Dialogpartner der heutigen Welt. Wie aber steht es mit den Abweichlern im eigenen Haus, mit den innerkirchlichen Bürgerrechtlern? Haben auch sie von der Öffnung nach außen profitiert? Es ist anzunehmen; denn eine Öffnung nach draußen ist nur möglich durch ein Entkrampfen eigener Positionen, durch die Auflösung etwa vorhandener interner Angststrukturen. Das dialogische Prinzip kann der Welt gegenüber nur durchgehalten werden, wenn es auch für die eigene Kommunikation maßgebend ist.

Am 30. April berichtet die Stuttgarter Zeitung von einem „Ketzergericht“ in Anführungszeichen, vor dem der katholische Kirchenrechtler Professor Horst Herrman aus Münster in Kürze stehen werde. Fünf Professoren der Theologie und ebenso viele Bisch6fe, die der Mainzer Kardinal Volk als Chef der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz einberufen habe, würden auf Antrag des umstrittenen Theologen über das gegen ihn vom Münsteraner Bischof verhängte „Berufsverbot“ verhandeln. Die Zeitung meint, Professor Herrmann werde wohl nicht als Irrlehrer im klassischen Sinne eingestuft, sondern als eine Art politischer Häretiker, weil er u.a. öffentlich für die Abschaffung der Kirchensteuer plädiert und die enge Verbindung der Kirche mit der CDU/CSU kritisiert habe.

Tags zuvor hatte Publik-Forum über eine Anzeige gegen den katholischen Theologen Otto Hermann Pesch, Hamburg, bei eben dieser Glaubenskommission informiert. In einem eigenen Beitrag zeigte sich Pesch darüber enttäuscht, daß er bis dato keinerlei offizielle Benachrichtigung über diese Anzeige habe, daß er nicht wisse, welche seiner Aussagen im einzelnen beanstandet würden und wie die Glaubenskommission darüber befunden habe.

Derweil setzt Erzbischof Lefèbvre dem 80-jährigen Papst Paul VI. den Ketzerhut auf und bezichtigt das letzte Konzil der Häresie. Rom reagiert mit Amtsenthebung des rebellischen Kirchenführers. Seine Bischofskollegen versagen ihm den Zutritt zu den Kirchen ihrer Sprengel.

In der Kirche wird wieder mit harten Bandagen gekämpft. Dafür gibt es eine lange und ungebrochene Tradition. Es ist empfehlenswert, in einer Textsammlung von Hasenhüttl und Nolte: „Formen kirchlicher Ketzerbewältigung“ zu blättern. Die Texte reichen von aggressiven Sätzen des Neuen Testamentes bis zu Ausführungen der modernen Theologie. Überraschend ist, „daß die gegenwärtige Theologie und ihre Hauptvertreter an der durchgängigen Auffassung festhalten, Ketzerei und Lehrabweichung seien strafwürdige Delikte. „U.a. wird der Senior moderner katholischer Theologie, Karl Rahner, zitiert mit dem erstaunlichen Satz: „Die Unwahrheit der Häresie ist eine viel absolutere Bedrohung der menschlichen Existenz als alle anderen Vorkommnisse, denen gegenüber auch ein Mensch von heute noch immer Gewalt als berechtigt empfindet.“ Rahner setzt sich selbstverständlich und mit Nachdruck für eine faire und tolerante Bewältigung innerkirchlicher Lebens- und Lehrkonflikte ein.

In einer jüngsten Veröffentlichung „Toleranz in der Kirche“ geht er davon aus, daß innerkirchliche Konflikte grundsätzlich unvermeidlich sind. Er spricht sich auch dafür aus, daß solche Konflikte geduldig ausgehalten werden, daß die moderne Technik der Konfliktbewältigung aus der profanen Gesellschaft übernommen werde, daß es ein Recht auf öffentliche Erörterung von Konfliktfallen und die Möglichkeit von Appellationen bei einer höheren Instanz usw. geben müsse. Gleichzeitig wendet er sich aber gegen solche in der Kirche, die meinen, daß sich beim Willen zum offenen Dialog alle Konflikte in der Kirche auflösen lassen, ohne daß Entscheidungen getroffen werden müssen. Er vergleicht die Gesinnungsgemeinschaft Kirche und ihre verbindlichen Glaubensüberzeugungen mit einer politischen Partei, die sich auf ein Parteiprogramm festgelegt habe und u.U. den Ausschluß eines Parteimitglieds wegen erheblichen Verstoßes gegen dieses Programm betreiben müsse.

1968 hatten 38 Theologen, unter ihnen auch Karl Rahner, eine Erklärung zur Freiheit der Theologie unterzeichnet, in der es heißt, daß irrige theologische Auffassungen nicht durch Zwangsmaßnahmen erledigt werden können. Wirkungsvoll könnten sie in unserer Welt nur durch eine unbehinderte, sachliche, wissenschaftliche Diskussion korrigiert werden, in der die Wahrheit durch sich selbst siegen könne. Jegliche Art von noch so subtiler Inquisition – so meinten damals die 38 Theologen – füge der Glaubwürdigkeit der gesamten Kirchen der Welt von heute unabsehbaren Schaden zu.

Desungeachtet wird weiterhin nach Ketzern gefahndet, die der kirchlichen Lehre schaden könnten. Rahner räumt der Kirche das Recht ein, sich – auch hier wieder Parteijargon – gegen Unterwanderung und Umfunktionierung zur Wehr zu setzen. Der Konzilstheologe Rahner ist ein Beweis dafür, daß sich an dem Verständnis von Ketzerei und ihrer Überwindung in der Kirche grundsätzlich nichts geändert hat.

Ein kritischer – vielleicht auch einseitiger – Denker, der in der Kirche Unruhe stiftet, steht selten allein, ist vielmehr zumeist Ausdruck einer Bewegung, die in ihren Anfängen eine umstrittene Randstellung einnimmt, aber auf das Zentrum des Glaubens und kirchlichen Lebens ausgerichtet ist. Solche Erneuerungsbewegungen mit dem Ruch der Ketzerei hat es in der Kirche immer gegeben und muß es auch weiterhin geben. Der evangelische Theologe Peter Meinhold beschreibt die modernen Bewegungen als „Außenseiter in den Kirchen“. Sie, die Jesus – Bruder- und Schwesternschaften, die Basisgruppen in den verschiedenen Erdteilen, die Gruppen charismatischer Erneuerung suchten über die Grenzen von Kirchen und Konfessionen hinaus, und an allen vorgegebenen kirchlichen Formen vorbei, nach einer zeitgemäßen Einlösung des Glaubens. Meinold weist diesen Außenseitern – und ich würde hier die sogenannten Ketzer mit einschließen – der Kirche gegenüber eine wichtige Funktion zu. Sie haben „eine einmalige, absichtlich anstoßerregende, immer provokative Aufgabe: Mit Beunruhigung, Störung und Ärgernis wollen sie eine schlafende Welt erwecken und zu neuem Leben entzünden.“

besprochene Bücher:

Thomas Pröpper
Der Jesus der Philosophen und der Jesus des Glaubens
Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz

Hasenhüttl/Nolte
Formen kirchlicher Ketzerbewältigung
Patmos Verlag, Düsseldorf

Karl Rahner
Toleranz in der Kirche
Herder Verlag, Freiburg

Peter Meinhold
Außenseiter in den Kirchen
Herder Verlag, Freiburg


Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 31.5.1977, Redaktion Norbert Kutschki


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