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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1978 :::

2. Mai 1878
HESSISCHER RUNDFUNK
Abt. Kirchenfunk
Redaktion: Norbert Kutschki

Keine Kirche neben der Kirche!

INHALT
Die vielen katholischen italienischen Gemeinden, die im Rahmen der Beschäftigung italienischer Arbeitsmigranten in Deutschland entstanden sind, müssten besser in das Gefüge der Ortskirche und ihrer Pfarreien eingebunden sein.

Nicht nur in den Großstädten wie Frankfurt, Köln und München sind sie zu finden die besonderen Gemeinden für Italiener, sondern auch in vielen Mittel- und Kleinstädten, in Limburg, Ingolstadt und Kempten zum Beispiel. Ihre Existenz ist die kirchliche Antwort auf die Anwesenheit von mehr als 570.000 italienischen Arbeitern und Familienangehörigen in der Bundesrepublik.

Mittlerweile ist ein Netz von etwa 100 Missionen, wie die kirchliche Fachsprache sagt, mit 140 italienischen Priestern über das Bundesgebiet gespannt.

Die deutschen Pfarreien haben sich an das Vorhandensein der italienischen Missionen gewöhnt. Sie fühlen sich durch sie in ihrer Verantwortung gegenüber den italienischen Gemeindemitgliedern entlastet. Die Missionen sind ihr Alibi. Diese haben sich in der Zwischenzeit zu einer Art Nebenkirche entwickelt. Das entspricht übrigens der Einschätzung der ausländischen Wohnbevölkerung als Nebenbevölkerung in unserer Gesellschaft.

Die italienischen Priester und die pastoralen Mitarbeiter in den Gemeinden sind sich ihrer gesellschaftlichen und kirchlichen Randstellung durchaus bewusst. In ihrer Einschätzung sehen sie sich durch eine Untersuchung bestätigt, die sie für ihre pastorale Jahrestagung in Würzburg unter deutschen Pfarrern durchgeführt haben. Bei der vorsichtigen aber kritischen Auswertung der eingegangenen Fragebogen glauben sie feststellen zu können, daß die Lage ihrer Landsleute und der ausländischen Arbeitnehmer überhaupt auf der Ebene der Pfarreien kaum ein Interesse weckt und keine Rolle spielt. Die deutschen Kollegen geben zu 60% an, sich nur gelegentlich mit Ausländerfragen zu befassen. Die Hälfte muß gestehen, daß das Ausländerthema noch nie auf einer Priesterkonferenz behandelt worden sei. Ob. eine Zusammenarbeit mit den italienischen Gemeinden notwendig sei, hält wiederum die Hälfte nicht einmal eine Antwort wert. Bei denen, die sich für eine Zusammenarbeit aussprechen, überwiegen Wünsche nach Unterstützung und Hilfe gegenüber partnerschaftlicher Zusammenarbeit.

Die italienischen Teilnehmer der Würzburger Tagung kommen zu dem ernüchternden Schluß, daß es in den deutschen Pfarreien nur eine höchst oberflächliche Vorstellung über die kirchliche Arbeit für die Katholiken anderer Muttersprache gibt. Es fehle an jeglichem tieferen Verständnis für Sinn und Bedeutung der christlichen Gemeinden von Gläubigen, die aus anderen Ländern kommen. So sehen sich die italienischen Priester, Diakone, Schwestern und aktiven Laien in eine bedenkliche, psychologische und pastorale Isolierung gedrängt. Ihre Missionen seien nicht eingepflanzt in den Mutterboden der Ortskirche.

Trotz dieses Befundes wollen die Missionen keine Neben- oder Ghettokirche sein. Sie betrachten sich als vollwertigen Bestandteil der hiesigen Kirche, mit der sie künftig stärker als bisher die Verbindung halten und den Dialog führen wollen. Selbstkritisch sprechen die Konferenzteilnehmer von der eigenen Unbeweglichkeit und der mangelnden Beherrschung der deutschen Sprache. Sie wollen nicht vergessen, daß der Grad der Aufmerksamkeit, die die deutschen Pfarreien und Pfarrer für das Ausländerproblem aufbringen, den Aktivitäten und Initiativen einzelner Missionen entspricht.

Dem mangelnden kirchlichen Konzept für die anderssprachigen Katholiken setzt die Jahrestagung die theologische Vorstellung von der einen Kirche entgegen, die sich als Gemeinschaft verschiedenster Gemeinden aufbaut. „Die Kirche“, so heißt es im Tagungspapier, „ist nicht einfach eine Gemeinde von Individuen, sondern eine Gemeinschaft von Ortsgemeinden.“ Hierzu zählen auch die Gemeinden der Katholiken anderer Muttersprache. Die ethnischen Gemeinden beanspruchen die Möglichkeit, in eigenständiger Weise ihren Glauben entsprechend ihrer Kultur und Mentalität zu erleben und auszudrücken. Nur so glauben sie die wichtige Mittlerrolle zwischen den eigenen Landsleuten und der Ortskirche spielen und diese aufgeschlossener für die Anliegen der ausländischen Arbeitnehmer machen zu können.


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