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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::

KATECHESE OHNE KATECHISMUS

Kritische Fragen an die Glaubensunterweisung

INHALT
Das Glaubensbuch, das dem in Agonie liegenden schulischen Religionsunterricht vielleicht noch aufhelfen kann, wird aus ein paar lose zusammengefügten Blättern bestehen, auf denen engagierte christliche Gemeinschaften ihre Erfahrungen mit dem Evangelium niedergelegt haben.

HINWEIS
Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 18. August 1970 – Redaktion Norbert Kutschki

Seit vier Jahrhunderten gibt es in der katholischen ebenso wie in der evangelischen Kirche den „Katechismus“ als Lehr- und Lernbuch. Es scheint die Zeit gekommen, daß die Kirche von diesem Buchtyp endgültig Abschied nimmt. Als im Jahre 1955 der „Neue Katechismus der Bistümer Deutschlands“ herauskam, wurde er mit einhelligem Lob bedacht und sehr bald in die verschiedensten Sprachen übertragen. Doch sein Ruhm sollte sehr kurzlebig sein. Das II. Vatikanische Konzil und seine Mentalität degradierten dieses Buch zu einem Werk vorkonziliaren Geistes. Gemessen an den mittlerweile auch im katholischen Raum rezipierten Ergebnissen der Bibelwissenschaft wirkt die Interpretation einzelner aus dem Zusammenhang gerissener Schriftworte geradezu sinnentstellend. Ein vernichtendes Urteil gibt Halbfas über die Sprache ab: „Daran erschrecken die Naivität des Denkens, die so alten und so vertrauten Floskeln, die innere Auszehrung dieser Sprache, d.h. ihr fast absoluter Wirklichkeitsverlust…“ Bei dieser Einschätzung eines hochoffiziellen Schulbuches blieb den Bischöfen keine andere Wahl, als einen neuen Katechismus in Auftrag zu geben, der mit dem bisherigen die Grundkonzeption teilen, im übrigen aber die neuen biblischen, theologischen und didaktischen Erkenntnisse einbeziehen sollte. Das auf den ersten Blick Neue an dem vorigen Jahres erschienenen neuesten Katechismus ist der Umstand, daß er nicht mehr als Katechismus firmiert, sondern als Arbeitsbuch zur Glaubensunterweisung mit dem Titel „GLAUBEN – LEBEN – HANDELN“. Beim ersten Lesen gefällt die Sprache, die sich an dem großen Vorbild des Holländischen Katechismus orientiert zu haben scheint. Das gilt auch für die Art und Weise, wie das menschliche Fragen als Ausgangspunkt jeder Katechese gewertet wird. Dennoch stellt Norbert Scholl in seinem Buch „Katechese vor dem Anspruch der Zukunft“ fest, daß dieses Fragen gar nicht richtig ernstgenommen werde. Zum Inhalt vermerkt er höchst kritisch: „Freilich… äußert sich der Fortschritt des neuen Katechismus gegenüber dem alten leider weniger oder gar nicht in der Theologie.“ Besteht diese Kritik zu Recht, dann zählt das Arbeitsbuch bereits zur katechetischen Makulatur. Scholl macht dafür Auffassungen verantwortlich, die bei der modernen Theologie abgeklärte Vorstellungen vermissen und nur solide Grundlagen für die Unterweisung der Jugend gelten lassen. Solange aber keine Abklärung erfolgt ist, muss das Althergebrachte in modernerer Form angeboten werden. „Diese Meinung“ – schreibt Scholl – „hat natürlich einiges für sich, Freilich hätte sie sicher nicht zum Zweiten Vatikanum oder zum Holländischen Katechismus geführt.“

Bei der erhöhten Empfindlichkeit in Sachen Rechtgläubigkeit und bei dem offiziellen Charakter eines Katechismus war ein besseres Ergebnis rechtens nicht zu erwarten. Wer auf alle Strömungen in der Kirche Rücksicht nehmen will, muss entsprechende Konzessionen machen. So weiß man, daß eine Unzahl von Änderungswünschen dem ursprünglichen Text eingearbeitet werden mussten. Es kommen zwangsläufig Sätze heraus, die einen Theologen scholastischer Provenienz befriedigen, einen Schüler aber völlig unberührt lassen. Hinter dieser Problematik steht aber nicht nur der unterschiedliche Verstehenshorizont eines Theologen oder Schülers, sondern die disparaten Ansätze einer essentiellen bzw. existentiellen Theologie. Letztere kommt zu keiner Aussage, in der nicht der Aussagende in seiner konkreten Glaubenssituation mitenthalten wäre. Daher liegen in dieser Theologie immer Wagnis, Unsicherheit, aber auch Aktualität. So sagt Halbfas in der Einleitung zu seiner „Fundamentalkatechetik“: „Freilich, wer heute wagt, Theologie und Glauben wieder zusammenzurücken und eben deswegen den Religionsunterricht zum Ort des Zweifelns und Fragens zu erklären, damit hier kritisch geprüft werde , was existentiell realisierbar ist, der riskiert einen gefährlichen Weg. Zwar gehen heute schon zahllose Zeitgenossen, Theologen wie Nichttheologen, auf diesem Wege mit, doch bleibt die katholische Gefährtenschaft weithin auf die verschwiegenen Pfade beschränkt, denn das derzeitige Kirchensystem erträgt noch nicht jene Freiheit, die sagen lässt, was uns zuinnerst im Glauben bestimmt. Umso notwendiger, daß wenigstens einzelne Stimmen laut sagen, wie sie heute als Christ leben können und wo sie Wege nach vorne sehen, um dadurch vielen Mitmenschen, die sonst resignieren würden, Hilfe und Ermutigung anzubieten.“

Hat Halbfas, als er diese Worte niederschrieb, geahnt, daß er mit ihnen sein persönliches Schicksal umriß? Jedenfalls hat die kirchenamtliche Aufnahme, die seinem Buch zuteilwurde, eklatant gezeigt, daß ein Katechismus in den Perspektiven, die Halbfas entworfen hat, nicht als Schulbuch herauskäme. Das ist eine grundsätzliche Frage, die weit über den konkreten Fall Halbfas hinausreicht. Entschieden ist die Frage wenigstens in dem Sinne, daß ein zeitgemäßes Unterrichtsbuch, welches notwendigerweise Gewagtes und Einseitiges enthält, eine amtliche Billigung nicht erhalten kann.

Setzen wir aber einmal den fiktiven Fall, der Katechismus Halbfas’scher Prägung würde geschrieben und approbiert. Wäre er ein wirklich zeitgemäßer? Es ist füglich zu bezweifeln, und zwar nicht aus den Gründen, die zur Ablehnung der „Fundamentalkatechetik“ geführt haben, sondern wegen der fehlenden Gemeindetheologie. Dieser Mangel ist charakteristisch, ist er doch von unbedeutenden Ausnahmen abgesehen in der gesamten Literatur, die sich mit dem schulischen Religionsunterricht befasst, feststellbar. Seit sich die Schule in dem notwendigen Säkularisierungsprozeß immer stärker von der kirchlichen Gemeinde getrennt hat, fiel dem Religionsunterricht in der Schule eine immer eigenständigere Rolle zu. So hat man auch in der Theorie schließlich mehr darauf gesehen, ihm die gemäße Stelle in der Schule anzuweisen, als seine Rückbindung an die kirchliche Gemeinschaft zu betreiben. Nur schwer will der Gedanke eingehen, daß sich der Religionsunterricht damit von seinem Mutterboden gelöst hat. Wenn ihm das bisher so leicht gefallen ist, hängt das damit zusammen, daß die kirchlichen Gemeinschaften, die einen Religionsunterricht befruchten könnten, kaum vorhanden sind. Damit ist die christliche Unterweisung in der Schule aber nicht entlastet, sondern von der Auszehrung bedroht. Die große Misere zeichnet sich allenthalben ab, auch wenn gerade in den Gymnasien noch eine Scheinaktualität durch die ständige Kritik an der Kirche erreicht wird.

Das Gemeinte lässt sich an der Stellungnahme eines Studienrates verdeutlichen, der auf die Frage, welche Maßnahmen die Krise des Religionsunterrichtes beheben könnten, antwortet: „Ich hätte Interesse an lebendigen Gemeinden, wo meine Schüler das Gelernte erproben könnten. Kirche als Trachten- und Brauchtumsverein nützt dem Religionsunterricht nicht: Wo statt Gemeindeaufbau Mummenschanz getrieben wird, kommt der Schüler nicht zur Selbstkritik und zum neuen Leben.“ Gelerntes erproben zu können, ist sicher unaufgebbarer Bestandteil einer auf Lebensgestaltung bezogenen Unterweisung. Der „Rahmenplan für die Glaubensunterweisung“ spricht in diesem Zusammenhang von den ganzheitlichen Prozessen der Einübung in liturgisches, kirchliches, überhaupt christliches Verhalten; mehr als dem Unterricht und der Lehre allein schreibt er dieser Einübung die entscheidenden Wirkungen der Katechese zu. daß die Schule den geforderten Prozess höchstens anregen oder im nachhinein aufarbeiten kann, hängt mit ihrer partiellen Funktion und dem Spezifischen christlicher Existenz zusammen. Wie sehr hierbei die Gemeinde – und nicht nur die übliche Ortsgemeinde – aufgerufen ist, lässt sich Grundsatzüberlegungen aus dem latein-amerikanischen Raum entnehmen. Nach Scholl zitiert heißt es geradezu: „Unter Katechese verstehen wir eine Gemeinde, die im Licht des Glaubens ihren geschichtlichen Prozess reflektiert.“ An einer anderen Stelle ist der Inhalt des Prozesses näher um schrieben: „Die Evangelisation (Katechese) ist jene Aktion, durch die eine menschliche Gruppe sich des umfassenden Fortschritts der Menschheit bewusst wird, in dem Gott sie anruft, sich aktiv einzusetzen.“

Diese Sicht wird gleichermaßen unsere Auffassungen von Gemeinde wie von Katechese revolutionieren. Letztere vornehmlich dadurch, daß sie in erster Linie Erwachsenenkatechese und erst in zweiter Linie Kinder- und Jugendkatechese sein muss, d.h.: Katechese ist ein Reflexionsvorgang Erwachsener, an dem der Jugendliche nach Maßgabe seines Aufnahmevermögens partizipiert.

Es ist an dieser Stelle unerlässlich, die dargelegte Konzeption zu konkretisieren. Als charakteristisches Beispiel bietet sich die Gemeinde des Isolotto an. Sie bildete sich in den fünfziger Jahren aus ca. 3.000 Einwanderern aus dem Süden, aus Flüchtlingen Istriens und Griechenlands, aus Arbeitern und Handwerkern, die sich in einem neuen Stadtteil von Florenz angesiedelt hatten. Ihr Pfarrer wurde Don Enno Mazzi, um den sich eine Gruppe von Priestern und hundert Laien sammelte, die ein intensives Gemeinschaftsleben pflegten. Sie waren bemüht, sich nicht abzugrenzen, sondern für alle offen zu sein. Ihr Leben versuchten sie ganz nach der Heiligen Schrift zu orientieren. Dabei teilten sie alle Notlagen des Stadtviertels und seiner Bewohner und trachteten danach, sie zu lösen. Es wurden Kundgebungen und Protestversammlungen abgehalten und Aktionen in die Wege geleitet. Allmählich wuchs eine einsatzbereite und solidarische Gemeinschaft aus evangelischem Geist, die sich bald auf weltweite Verbundenheit mit den Armen und Unterdrückten einstellte. All dies wurde als Konsequenz des Glaubens erfahren. In solche Erfahrung möchte die Gemeinde im Isolotto ihre Kinder einführen.

Diese Absicht verdanken wir den inzwischen berühmt gewordenen „Katechismus des Don Mazzi“, der christliches Gedankengut enthält, das voll und ganz von einer Gemeinde realisiert wurde. In Wirklichkeit tritt dieses Buch nicht im geringsten unter dem Anspruch auf, ein Katechismus zu sein. Literarisch niedergelegt sind Handreichungen für die zahlreichen in der Gemeinde tätigen Katecheten. Außerdem handelt es sich um Arbeitsblätter für die Hand der Kinder. Wenn hinter diesem Manuskript auch die kollektive Erfahrung von zehn Jahren steht, betrachtet keiner im Isolotto das Ergebnis als endgültig. Die Texte werden jährlich neu bearbeitet.

Das Ziel, das sich die einzelnen Katechesen stellen, ist der Aufbau einer Gemeinschaft von Christen, die sich im Namen Christi verbunden wissen, Gemeinschaft miteinander halten und ihr Leben ganz in den Dienst der anderen stellen, wie sie es am Vorbild Jesu ablesen. Von ihm hat die florentinische Gemeinde eine dezidierte Vorstellung, insofern sie ihn zu den kleinen Leuten und den Armen zählt, von denen auch heute noch das Heil für die Welt ausgehe. Jesus will ihrer Überzeugung nach den Armen helfen, daß sie in sich selbst die Kraft finden, zur Freiheit und Gleichheit zu gelangen. „Er eröffnet ihren Zukunftserwartungen“, so heißt es wörtlich, „grenzenlose Perspektiven und gibt denen, die zu allen Zeiten ihr Leben dem wahren Fortschritt der Menschheit widmen, die entscheidende Orientierung.“ Dieser Christus, das ist die tiefe Überzeugung, ist als der Auferstandene heute noch gegenwärtig.

Wer sich unbefangen und vorurteilsfrei auf das „Tagebuch“ dieser Gemeinde einlässt, fühlt sich immer stärker in eine Atmosphäre versetzt, die er als eigenwillig, nichtsdestoweniger aber auch als christlich bezeichnen muss. Kinder, die so im christlichen Glauben unterwiesen werden, dürfen sich glücklich schätzen.

Die Gemeinde, deren bisheriger Pfarrer wegen kirchenamtlicher Schwierigkeiten als Elektriker arbeitet, fühlt sich indes nicht als Einzelfall. „Viele Pfarrgemeinden“, sagt die Einleitung, „in denen man sich um die rechte Verständigung des Gotteswortes bemüht, könnten in ähnlicher Weise der Sache dienen, wenn sie ihre konkreten Erfahrungen auf diesem Gebiet mitteilten. Die Bestrebungen zur Erneuerung der Katechese sollten mehr auf solche Erfahrungen zurückgreifen, als auf theoretische Überlegungen.“ Der „Anti-Katechismus“ aus Florenz, für das gleichnamige Erzbistum verboten, rechtfertigt es, den gegebenen Rat zu befolgen.


Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 18. August 1970 – Redaktion Norbert Kutschki


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