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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1971 ::: ARCHIV KIRCHE 1971 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 24. – 29. Mai 1971

RADIO KURZPREDIGTEN

Heidnische Christen


Unzählige Menschen halten sich an astrologische Prophezeiungen. Mögen die Prognosen noch so vage sein, sie dürfen sich sogar widersprechen, dennoch wird daran geglaubt. Selbst Hinweise auf Scharlatane, die in den Redaktionsstuben der illustrierten Massenblätter sitzen, fruchten wenig. Hier wird erstaunlich fest geglaubt, während andererseits manche Wahrheiten des christlichen Glaubens bezweifelt werden. Nach zwei Jahrtausenden kirchlicher Predigt sieht es so aus, als gäbe es doch noch viele Heiden.

Der Psychologe C. G. Jung vertritt die Ansicht, das Christentum sei an der Oberfläche geblieben. Darunter regierten noch die heidnischen Götter. Die großen Ereignisse der heutigen Welt kämen nicht aus dem Geist des Christentums sondern eines ungeschminkten Heidentums. Es sei immer noch in den Tiefenschichten der Seele lebendig. Von diesen Schichten gingen die entscheidenden Antriebe für das Handeln aus. Das Christentum habe noch nicht so weit vordringen können. Seine Prägekraft habe sich bislang als zu schwach erwiesen. Wörtlich schreibt Jung: „Die christliche Kultur hat sich in erschreckendem Ausmaß als hohl erwiesen.“

Das Urteil ist mehr als hart. Es klingt zu pauschal, wenn wir an so viele überzeugende Christen denken. Andererseits wollen wir uns nicht verhehlen, wie wenig das Christentum in der Welt ausrichtet. Obwohl Jung so kritisch Stellung bezieht, gehört er nicht zu denen, die das Christentum totgesagt haben. Er ist hingegen davon überzeugt, daß es dem Menschen viel zu bedeuten hätte. Aber es müßte mit seiner Erziehungsaufgabe neu ansetzen. Nur dann gibt er ihm die Chance, sich den Heiden, die Europa bevölkern und vom Christentum nichts vernommen haben, verständlich zu machen.

Was hat die Kirche nach Jung bisher falsch gemacht? Sie hat zwar viel gepredigt. Sie hat auch sehr viel Religionsunterricht erteilt. Es genügte ihr zu oft, daß die Wahrheiten des Glaubens auswendig gelernt wurden. Die Kinder mußten sie ohne Stocken und fehlerlos aufsagen können. Abfragbares Wissen wurde gespeichert. Ob es verstanden wurde, war eine andere Sache. Wichtig war weiterhin, daß der Gottesdienst möglichst regelmäßig besucht wurde. Es galt viele Formen und Bräuche einzuhalten. Großer Wert wurde auf das moralische Verhalten gelegt. Bei all dem hat die Kirche sehr viel von der Seele gesprochen. ihren Dienst hat sie sogar als Seelsorge umschrieben. Jung meint aber, die Kirche habe die Seele des Menschen nicht ernst genug genommen,

Nach der Theorie von Jung schlummern in der Seele Bilder. Sie bestimmen entscheidend, was der Mensch erlebt. Allerdings können sie auch verdeckt bleiben. Dann verkümmert der Mensch trotz großen Wissens. Bilder sprechen den Menschen nämlich tiefer an als Begriffe. Zu den wichtigsten Urbildern gehört die Vorstellung von Gott. Daher braucht Gott nicht von außen her bewiesen zu werden, er ist erfahrbar. Aufgabe der Kirche ist es, diese Erfahrung möglich zu machen.

Jungs Ansichten bewahrheiten sich heute auf überraschende Weise. Das Religiöse, von dem man geglaubt hatte, es habe sich überlebt, meldet sich unter der jungen Generation wieder. Kürzlich wurden zwei Mitglieder einer Kommune zu einer kirchlichen Tagung eingeladen, Sie erregten bei den Diskussionen besondere Beachtung; denn sie sprachen sehr schlicht und überzeugend von Gott und der Suche nach ihm. Dabei bedeutete ihnen die Kirche herzlich wenig. Über die Musik und die indische Philosophie waren sie zu ihrem Gottesglauben gekommen.


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