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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::

Katholische Morgenfeier
im Hessischen Rundfunk Frankfurt/M.
1. Hörfunkprogramm
am 18. Oktober 1970

Gottesdienst und Messe


1. Sprecher: „Seht euch das an, wie dieser Mensch lebt! Ein Fresser und Trinker, ein Kumpan von Betrügern und Ausbeutern!“ Diese Vorwürfe wurden gegen Jesus erhoben, weil er gern Einladungen annahm und sich dabei nicht scheute, mit Leuten am Tisch zu sitzen, die in der jüdischen Gesellschaft einen zweifelhaften Ruf genossen. Er liebte es, gerade mit ihnen über die Zeit des Heils zu sprechen, die jetzt bereits anhebe.

Sie sei zu vergleichen mit einem großen Hochzeitsessen, an dem die Verachteten, die Krüppel und die Armen den Reichen und den Frommen vorgezogen würden. Seine Zuhörer waren zuerst erstaunt, aber dann glaubten sie ihn zu verstehen: Alle Menschen sollten sich an einem Tisch zusammenfinden, am Tische Gottes.

Was an diesem Tisch geschieht, wird deutlich beim Letzten Abendmahl. Es wird berichtet, daß Jesus vor seiner Hinrichtung noch einmal mit seinen Freunden zusammen gesessen habe. Dabei hält er ihnen Brot hin und sagt: „Nehmt davon und esset! Das ist mein Leib für euch.“ Ebenso nimmt er einen Becher mit Wein und spricht dazu: „Trinket davon! Das ist mein Blut, das für euch, ja für alle vergossen wird. Die Apostel spüren, was Jesus damit ausdrücken will: Ich bin ganz für Euch da; mein Leben gehört euch; ich setze es für alle Menschen ein. Schließlich bittet Jesus seine Freunde, das immer zu wiederholen, was er eben in ihrer Mitte getan habe und sich dabei an ihn erinnern. Johannes, der an diesem Abend ganz in der Nähe Jesu gesessen hat, weiß, was es mit diesem Erinnern auf sich hat. In einem seiner Briefe heißt es von Christus:

„Er hat für uns sein Leben eingesetzt, so sind auch wir es schuldig, für die Brüder das Leben einzusetzen.“ (1 Jo 3,16) Der dankbare Rückblick auf das, was Jesus getan hat, schließt die Verpflichtung mit ein, ähnliches zu tun. Jeder, der an diesem Erinnerungsmahl teilnimmt, tritt demnach in ein besonderes Verhältnis zu seinen Mitmenschen.

Das schlägt sich nieder in der Art und Weise, wie die ersten Christen miteinander leben, soweit wir aus der Apostelgeschichte darum wissen:

2. Sprecher: „Was die Apostel über Jesus berichteten, hielt sie zusammen. Die Verantwortung, die einer für den anderen empfand, das gemeinsame Mahl, das sie feierten, und das gemeinsame Gebet waren die verbindenden Kräfte. Um sie her bildete sich ein Ring staunender Menschen… Alle aber, die sich zu Christus zählten, fühlten sich einander zugehörig und legten all ihren Besitz zusammen. Sie verkauften ihr Hab und Gut und teilten den Erlös an alle aus, die eine Hilfe nötig hatten… Das heilige Abendmahl hielten sie von Haus zu Haus. Wenn sie so gemeinsam aßen, taten sie es in ihrer einfachen Freude an Gott, sie priesen ihn, und das ganze Volk freute sich mit. Der Herr aber fügte täglich neue Menschen hinzu, die den Schritt wagten, in die Gemeinschaft einzutreten, und die das Heil und die Seligkeit fanden.“ (Apg 2,42-47)

1. Sprecher: Diese knappe Schilderung führt uns eine ideale Gemeinschaft vor Augen, in der die Feier des Abendmahles eine entscheidende Rolle spielt. Dieses Mahl – man nannte es schon sehr bald „Das Herrenmahl“ – fand in Verbindung mit einer normalen Mahlzeit statt. Sie wurde von den wohlhabenden Mitgliedern der Gemeinde bestritten, so dass die ärmeren keinen Mangel mehr zu leiden hatten. An dem Tisch, wo sich Christen zusammenfanden, hörten die Unterschiede auf zwischen arm und reich, zwischen hoch und niedrig, zwischen Mann und Frau, zwischen Jung und Alt, zwischen Herr und Sklave.

So konnte es kommen, daß in den Gemeinden, die sich überall in den Städten bildeten, ein Sklave das Herrenmahl leitete. Auch er tat nichts anderes, als was Jesus getan hatte: Er nahm Brot und Wein, sprach das Dankgebet und teilte aus. In der Weltstadt Korinth gab es schon sehr früh eine Gemeinde, die Paulus gegründet hatte. Auch dort traf man sich regelmäßig, um miteinander zu speisen und das Herrenmahl zu halten. Eines Tages kam ein Brief von Paulus, der die Gemeinde in größte Verlegenheit brachte; denn darin hieß es:

2. Sprecher: „Es ist da weiter kein Wunder, daß ihr bei euren Zusammenkünften kein Liebesmahl des Herrn mehr feiert, jedenfalls keines , das diesen Namen verdient. Es setzt sich jeder vor sein eigenes Essen, das er sich mitgebracht hat. Der eine hat nichts und hungert, der andere hat alles und ißt und trinkt sich voll. Wenn ihr kein Liebesmahl feiern könnt, dann bleibt doch in euern Häusern und eßt jeder für sich – oder habt ihr keine Häuser? Ist euch die Gemeinschaft der Kirche Gottes nichts mehr wert, dass ihr die Ärmeren unter euch so beschämt?“ (1 Kor 11,20-22)

1. Sprecher: Diese Kritik an egoistischen Christen steht in demselben Brief, der auch den ältesten Bericht von Letzten Abendmahl enthält. Drei Jahrzehnte sind seit dem Tode Christi erst vergangen, und schon erleben wir Christen, die Christus und seine Brüder im Grunde mißachten. Leider lehrt die Geschichte, daß die Kirche bis auf den heutigen Tag mit diesen Widersprüchen zu rechnen hat.

In der Folge wird die gemeinsame Mahlzeit, die die Christen bei ihren Zusammenkünften einzunehmen pflegten, von der Feier des Herrenmahles getrennt. An die Stelle der „Agape“, so hieß das Liebesmahl, tritt ein Wortgottesdienst. Er hält sich an jüdische Vorbilder und umfaßt Lieder, Lesungen aus den Heiligen Schriften und eine Predigt. So ergibt sich die Grundgestalt der Messe, wie sie heute noch erhalten ist im Wortgottesdienst und in der sich anschließenden Eucharistie – d.h. Dankfeier.

Auch bauen sich die Christen im Laufe der Zeit eigene Häuser für ihre Zusammenkünfte: die Kirchen, Basiliken und Dome. In ihnen veranstalten sie Meßfeiern, die immer festlicher und anspruchsvoller werden. Die Menschen, die zu diesen Feiern in großen Scharen herbeiströmen, erschauern über den Glanz und die Pracht, die sich vor ihnen entfaltet. Der Bischof und seine Diener, die in Gewänder des kaiserlichen Hofes gehüllt sind, führen fernab im Chor das geheimnisvolle Spiel der himmlischen Liturgie auf. Schließlich entzieht sie noch eine Trennwand den Blicken der einfachen Gläubigen, die nur noch dem getragenen Gesang der Priester und Mönche lauschen.

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Schlußteil des Kyrie aus einer Messe mit gregorianischem Choral. ca. 25´`

1. Sprecher: Die Trennwand und die fremde Sprache, in der die Messe gehalten wurde, sollte allen bewußt machen, wie geheimnisvoll und wichtig diese Feier war. Das schloß aber nicht ein, daß die Gläubigen auch verstanden, um was es eigentlich ging. Zu weit hatte man sich entfernt von dem gemeinsamen Essen und Trinken in Erinnerung des Todes und der Liebe Christi. So läßt der spanische Dichter Calderon in seinem Spiel von der Messe eine Frau mit verbundenen Augen auftreten und die Worte sagen:

2. Sprecher: „Ich bin die Unwissenheit und im Namen dieser Unwissenheit vieler muß ich sagen, das ganze Jahr gehe ich zur Messe, verstehe aber blutwenig von der Messe.“

1. Sprecher: Obwohl diese Form der Messe bis in unsere Zeit unverändert blieb, wissen wir um die Kraft, die unzählige Menschen aus der Messe geschöpft haben. Nur so sind die heimlichen Messen zu erklären, die Christen unserer Generation in Todeslagern, Scheunen, Wohnzimmern und Gefängnissen gefeiert haben. Den Glauben dieser Menschen beschreibt Heinrich Böll in seiner Erzählung „Klopfzeichen“:

Ein Mann war während des Krieges ins Gefängnis gekommen, weil er einem hungrigen Polen Brot und Zigaretten zugesteckt hatte. Nach Jahren erinnert er sich noch der Klopfzeichen, mit denen die Gefangenen ihre Nachrichten von Zelle zu Zelle weitergegeben hatten. Ein ganz bestimmtes Klopfzeichen bleibt ihm unvergeßlich. Er trommelt es auf den Tisch und fragt seine Frau:

2. Sprecher: Weißt Du, was dieses Klopfzeichen bedeutet? Wenn dieses Zeichen durchkam, war es Julius gelungen, Mehl zu besorgen, einen halben Eßlöffel voll. Aber, bevor wir kommunizieren konnten, mußte noch viel besorgt werden. Wein mußte in die Zelle des Priesters geschmuggelt werden. Wir bekamen ihn aus dem Revier in einer Flasche, auf der `Hustensaft´ stand. Ein Bügeleisen mußte her, und es mußte erhitzt werden. Mit dem erhitzten Bügeleisen buk Julius die Hostien. Sie waren nie ganz weiß, schimmerten ein wenig bräunlich wie die Oberfläche des Bügeleisens; und sie waren so klein wie Pfennige. Zwanzig gab es aus einem halben Löffel Mehl. Dann erst konnte der Priester in seiner Zelle die Messe feiern, konsekrieren.

Und ich denke an die Messen, an denen ich nie teilgenommen habe, wie an etwas besonders Kostbares….. Die kleinen Hostien, die der Priester nachts konsekriert hatte, wurden in winzige Briefchen aus Zeitungspapier gesteckt und morgens denen, die danach verlangten, zugesteckt wie Kassiber. Meine erste bekam ich aus der Hand eines Mörders, der vor mir herging.

1. Sprecher: Als die katholischen Bischöfe sich vor einigen Jahren in Rom trafen, um zu beraten, wußten sie um die einmalige Bedeutung der Messe; sie wußten aber auch, daß diese Bedeutung in Vergessenheit geriete, wenn die Form der Messe nicht zeitgemäß verändert wird. So beschlossen sie eine Reform der Messe. Die ganze Feier sollte einfacher und damit verständlicher werden; vor allem durfte die Volkssprache verwendet werden. Zu der neuen Regelung schrieben die deutschen Bischöfe 1965:

2. Sprecher: „Die Eucharistiefeier – Opfer und heiliges Mahl zugleich – gliedert sich gemäß dem Beispiel dessen, was der Herr im Abendmahlsaal getan: Er nahm das Brot und sprach darüber die Danksagung, brach es und teilte es aus. So werden zunächst die Gaben gebracht und auf dem Altar bereitgestellt.“

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Gottesdienstübertragung aus Kriftel v. 26. Dezember 1969

(Pfarrer:) „Herr, unser Gott, um Brot und Frieden bitten wir dich, und Jesus, dein Sohn, ist die Antwort: Brot ist er für das Leben der Welt, unsere Hoffnung ist er auf Frieden. Wir bitten dich, daß er weiterwirke in unserer Mitte, und daß wir uns erfreuen können an diesem Menschen, den du uns gegeben, Christus, unser Herr. Amen“

1. Sprecher: Dann wird das Hochgebet gesprochen mit seinem Kern, dem Einsetzungsbericht, der früher nur geflüstert werden durfte:

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(Gottesdienstübertragung aus Kriftel)

(Pfarrer:) „Denn in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot, brach es und reichte es seinen Jüngern mit den Worten: Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.
Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch, danke wiederum und reichte ihn seinen Jüngern mit den Worten: Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des Neuen und Ewigen Bundes, Mein Blut, das für euch und alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
Tut dies zu meinem Gedächtnis.
Geheimnis des Glaubens!“
(Gemeinde:) „Deinen Tod, o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

1. Sprecher: Es folgt die Speisung, die eingeleitet wird durch das Gebet des Herrn und die Brotbrechung.

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(Gottesdienstübertragung aus Kriftel

(Lied:) Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Schuld der Welt, gib uns deinen Frieden, gib uns deinen Frieden.
(Pfarrer:) So spricht Jesus Christus, unser Bruder:
Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nicht mehr dürsten.

1. Sprecher: Mit einer neuen Form ist noch kein neuer Geist gegeben. Er meldet sich aber an in der Frage, ob die Christen sich weiterhin so ruhig an den Tisch des Herrn setzen wollen und sich dabei sagen lassen: Christus ist das Brot der Welt, wenn andererseits der größere Teil der Menschheit unter Hunger zu leiden hat?

Sind diese Christen nicht vielmehr zu tadeln als die von Korinth? Ist das noch das Mahl des Herrn begehen? Auf diese drängenden Fragen hat der südamerikanische Priester und sozialrevolutionär Camilo Torres seine persönliche Antwort gegeben:

2. Sprecher: „Ich habe aufgehört, die Messe zu feiern, um besser diese Nächstenliebe im zeitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich verwirklichen zu können. Wenn mein Nächster nichts mehr gegen mich hat, wenn die Revolution verwirklicht wurde, will ich wieder Messen aufopfern, wenn es Gott erlaubt.“

1. Sprecher: Camilo Torres wußte um die unzähligen Messen, die zu seinen Lebzeiten auf dem Kontinent Südamerika gefeiert wurden. Aber was änderte sich? Er konnte nicht ahnen, daß sich etwas ändern würde.

Wer aber neuerdings Berichte aus Südamerika verfolgt, stößt immer wieder auf die Tatsache, daß die Feier der Messe die Veränderung der Menschen und der Verhältnisse bewirkt. In einer Stadt treffen sich junge Christen in einer überfüllten Kirche, nicht nur, weil dort zum Rhythmus elektrischer Gitarren gesungen wird, sondern weil der Pfarrer in der Predigt unablässig Freiheit und Menschenwürde fordert und ungeschminkte Berichte über die wirkliche Lage der Menschen bringt. In einer anderen Gemeinde sitzt der Pfarrer ohne Meßgewand im Halbkreis mit den Gläubigen und diskutiert die Frage, was zu tun ist, weil Elendsviertel abgerissen werden und die entsprechenden neuen Wohnungen fehlen. Wörtlich heißt es über diese Gemeinde:

2. Sprecher: „In der Gemeinde von Cristo Obrero ist auch ein gut Stück jener Einmütigkeit verwirklicht von der die Apostelgeschichte berichtet. Der Fremde spürt das unmittelbar im Gottesdienst. Fürbitten nach dem Predigtgespräch spricht jeder, der etwas vorzutragen hat. `Für alle, die in der Schule sitzen geblieben sind´ , sagt eine Indianerin. `Für die Brüder, die vom Gesetz der Auflösung der Elendsviertel betroffen sind´, sagt ein junger Mann.

Der Fremde ist aufgenommen in die Freude und Hoffnung, die sich auch in hier gewachsenen, hier getexteten Gesängen darstellt….. `Nimm meine Hand, Bruder, komm mit zum Tisch, den Gott uns bereitet. Christus ist auferstanden..´ Gesang und Handeln stimmen überein. Keiner tritt isoliert zur Kommunion.´ Zwei, drei reichen sich die Hand. `Vereint in der Kirche durch Glaube und Liebe´ singend, gehen sie zum Mahl.“

1. Sprecher: Das Foto aus einer dritten Gemeinde zeigt eine Hochzeitstorte auf dem Altartisch. Bei der Gabenbereitung war sie mit Brot und Wein dorthin gestellt worden. Nach dem Segen soll sie von der Braut angeschnitten werden. Dazu werden die Tische an den Altar gerückt. Die Gemeinde, die das eucharistische Hochzeitsmahl gefeiert hat, wird gemeinsam den Hochzeitskaffee trinken.

In dieser Gemeinde, in der die Brüderlichkeit im Wachsen begriffen ist, kommen ständig Männer und Frauen zu Pfarrer. „Wenn das Christentum ist“, sagen sie, „dann wollen wir Christen werden.“

Es ist wie an Anfang, wo die Tischgemeinschaft zum Leben der Christen wesentlich hinzugehörte. Daher stimmt auch der Text des folgenden südamerikanischen Liedes wieder: „Herr, wir ziehen vom Altar hinaus, um der Welt dein Antlitz aufzuprägen.“

Einblendung:
(„A dar tu rostro al mundo“ aus: Misa „Hacia el Padre“
ams Studio 15 o29/Schwann-Verlag) Dauer 1`25„


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