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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1972 :::

Die gottesdienstliche Funktion von Räumen

Vortrag auf dem Treffen einer Gemeindegruppe in Todtnauberg vom 13. – 15. August 1972. Der Verfasser, damals Jugendpfarrer und Bezirksvikar im Bezirk Main-Taunus, war zu diesem Thema eingeladen worden auf dem Hintergrund der Diskussionen um das „Hofheimer Meß-Festival“, das am 13. Juni 1971 in Hofheim stattgefunden hatte.

Bei dem Respekt, den wir der Architektur, im besonderen der kirchlichen gegenüber aufbringen, fällt den Räumen, die für den Gottesdienst verwendet werden, eine bestimmende Funktion zu. Sie rührt sicher nicht nur von der ästhetischen Relevanz eines gelungenen Bauwerks her, sondern vermutlich stärker von einer autoritären Fixierung, die sich aus der Rolle repräsentativer Bauten – und dazu sind auch die bisherigen Kirchen zu zählen – ergibt. Es dürfte nicht schwer sein nachzuweisen, daß Macht sich immer wieder in großen Baudenkmälern demonstriert. Ich möchte diesen Gedanken mit der unvermeidlichen Einseitigkeit an den Anfang stellen, da künftig die Verwendung und die Veränderung von vorhandenen Kirchen auch unter diesem Aspekt betrachtet werden muß. Denn der radikale Wandel der Kirche, der einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft einschließt, macht die Repräsentation der Gemeinde Jesu Christi durch ihre Kirchenbauten höchst problematisch. Die gottesdienstliche Nutzung der kirchlichen Gebäude ist ebenfalls von der Krise betroffen, von der Krise des Gottesdienstes und von der Krise der Gemeinde.

I. Der babylonische Turm und unsere Kirchen

In diesem Zusammenhang stelle ich die Frage: „Sind unsere Kirchen nicht babylonische Türme?“ Die Erzählung aus dem 1. Buch Mose spricht von dem krampfhaften Bemühen, durch ein monumentales Bauwerk den drohenden Zerfall der Einheit und die damit einhergehende Sprachverwirrung der Menschheit zu verhindern. „Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen!“ (Gen 11.4) Dieses Ziel wird nicht erreicht, der Versuch Macht in einem Bauwerk sichtbar aufzugipfeln mißlingt, der Bau wird zum Symbol der Uneinigkeit und des gegenseitigen Mißverständnisses. Dabei ist zu bedenken, daß die in Mesopotamien bekannten Stufentürme Göttertempel waren. Die Könige im Lande Schinear, die sich bereits im 3.Jahrtausend v. Chr. „Könige der vier Weltgegenden“ nannten und damit den widergöttlichen Anspruch auf Weltherrschaft stellten, geben den Denkmälern ihrer Macht religiöse Züge. Ihre Herrschaft über Menschen wird als Gottesherrschaft ausgewiesen.

Bei den sieben Weltwundern des Altertums ist es nicht viel anders, (Hier werden die Pyramiden, die hängenden Gärten der Semiramis, der Tempel der Göttin Artemis von Ephesus, der Koloß von Rhodos – eine riesige Götterstatue, die breitbeinig über der Hafeneinfahrt stand, das Mausoleum in Halikarnassos und die Figur des Göttervaters, des Zeus von Olympia aufgezählt.) Der Mensch, oder genauer gesagt, die jeweils herrschende Schicht, setzt sich und ihren Göttern – sind sie nicht nur Projektionen des eigenen Selbst? – Denkmäler. Die Bauten spiegeln die bestehenden Herrschaftsverhältnisse wieder, für die die Religion eine bestätigende und rechtfertigende Funktion ausübt. Im Sinne der Liaison von Thron und Altar gibt es beachtliche Entsprechungen zwischen Gottesdienst und Herrschaftskult.

Die Gottesherrschaft setzt aber Herrschaft von Menschen über Menschen außer Kurs. „Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll wie der Jüngste sein, der Gebieter wie der Dienende“(Mk 10, 42-44). Daher bedarf es auch seitens der Kirche keiner Machtdemonstration mehr, nur noch der Zeichen des Dienstes.

Nun zeigt aber die ganze Kirchengeschichte ein größeres Vertrauen auf die Herrschaft von Menschen als auf die Herrschaft Gottes, die allzu leicht als eine übermächtige Art menschlicher Autoritätsausübung angesehen wurde. Das kann an der Geschichte des Kirchbaus dargetan werden. Es mögen einige Beispiele genügen. Wir sprechen von den Kaiserdomen in Worms und Speyer. In Cluny ist seinerzeit die größte Kirche des christlichen Abendlands gebaut worden, deren wenige Ruinen noch heute große Bewunderung abnötigen. Cluny, der Ausgangspunkt einer kirchlichen Erneuerungsbewegung, wird zu einem europäischen Machtzentrum. Ein Kunstführer beschreibt in aller Schlichtheit die Konsequenz: „Macht bedeutet für Mönche Verweltlichung und Verfall“. Gilt das nur von den Mönchen oder nicht auch von der Kirche? Beauvais rühmt sich den größten gotischen Chor der Welt zu besitzen. Was hat das mit dem christlichen Glauben zu tun? Eine pure Prestigeangelegenheit, die man sicher auch für andere große Kirchen, Dome und Kathedralen der Christenheit nachweisen könnte. Ein geradezu idyllisches, aber ebenfalls charakteristisches Beispiel sind die beiden Kirchen von Saint Thégonnec und Guimiliau in der Bretagne. Sie sind zusammen mit ihren Kunstschätzen das Produkt eines über mehrere Generationen sich hinziehenden Wettstreits.

Der Zorn der französischen Revolution richtete sich nicht zuletzt gegen die Kirchen. Heiligenstatuen wurden geköpft, Kirchtürme abgebrochen, weil sie dem Geist der Gleichheit widersprächen. Robespierre ruft in den Nationalkonvent: „Priester, wodurch habt ihr eure Sendung nachgewiesen? … Habt ihr die Gleichheit geliebt, die Rechte der Völker verteidigt, den Despotismus verabscheut und die Tyrannei bekämpft? … Das Szepter und das Rauchfaß haben zusammengewirkt, um den Himmel zu entehren und die Erde zu vergewaltigen.“ Mit dieser Kritik sind auch die Kathedralen getroffen, diese einmaligen Kunstwerke. Sind sie christlicher Natur?

Hat sich diese Kritik erübrigt? Niemals in der Geschichte (Deutschlands) sind so viele mehr oder weniger repräsentative Kirchen gebaut worden wie nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik, niemals sind auch so viele alte Bauten restauriert worden. Die Kirche hat sich damit als Machtfaktor in der Gesellschaft ausweisen wollen. Die einzelnen Konfessionen haben dabei versucht einander gleichzutun oder sich sogar auszustechen. Mir ist eine Stadt von 20.000 Einwohnern bekannt, in der in den 50er Jahren eine große moderne evangelische Kirche gebaut wurde. Einige Jahre später holt sich die katholische Gemeinde einen der besten deutschen Kirchenarchitekten, um 200 Meter daneben einen ebenbürtigen städtebaulichen Akzent zu setzen.

Wie aber steht es mit der inneren Verfassung unserer Kirchen und Gemeinden? Unsere schönen Kirchen haben nicht verhindert, daß es eine babylonisch-theologische Sprachverwirrung gibt. Unsere Gemeinden als Zeichen der Einheit unter den Menschen gedacht, sind Zentren der Kommunikationsstörung. Warum? Vermutlich deswegen, weil die Gottesherrschaft nicht stärker angenommen wurde, und weil es noch zu viel Selbstbehauptung gibt, im Baulichen eindrücklich sichtbar. Die Räume haben ein Übergewicht an unchristlicher Repräsentanz, sie sind nicht in Deckung zu bringen mit dem Dienstcharakter einer christlichen Gemeinde, in der herrschaftsfreie Verhältnisse vorhanden sein müßten, Verhältnisse unter Brüdern und Schwestern, die sich im gegenseitigen Dienen zuvorkommen. In der Vision der Apokalypse heißt es: „Siehe, das Zelt Gottes unter den Menschen: Er wird unter ihnen wohnen. Sie werden seine Völker sein, und er wird Gott mit ihnen sein“ (Offb 21,3). Und: „Einen Tempel sah ich nicht in ihr (der Stadt): Der Herr, der Allherrscher und das Lamm ist der Tempel“ (Offb 21, 22). Das Lamm Gottes ist der Tempel (repräsentiert im Nächsten.)

Die Frage, was machen wir mit unseren alten Kirchen, ist keine andere Frage als die, was machen wir mit unseren Kirchen? Werden die Gemeinden der Zukunft sich noch wohl in ihnen fühlen, oder kommt es zum großen Exodus, einem Exodus nicht nur derer, die der Kirche den Rücken kehren, sondern gerade derer, die wirklich Kirche sein wollen? Damit würde die Veränderung bzw. die Erhaltung kunsthistorisch. wichtiger Kirchen eine Angelegenheit der staatlichen Konservatoren. Die Außenrenovierung des Limburger Domes z.B. ist bereits keine Angelegenheit der Diözese Limburg, sondern des Landes Hessen. Wie dürfte eine Kirche auch Millionen dafür verwenden, um einen Bau mit einem reizvollen Außenanstrich zu versehen? Der Limburger Dom ist eine Touristenattraktion Hessens. In der Ära De Gaulles wurden die schönsten Kathedralen Frankreichs restauriert, Prunkstücke einer „glorreichen Nation“. Die Erhaltung von Kunstdenkmälern wird zu einer gesellschaftlichen und politischen Aufgabe,

Im Grunde ist die christliche Gemeinde unabhängig von jedem Raum. Ihre Versammlungen und Gottesdienste sind prinzipiell nicht an besondere räumliche Ausgrenzungen gebunden. Das ist theologisch zwar ein Gemeinplatz, psychologisch und faktisch wird die Kirche aber auch in dieser Hinsicht immer wieder von dem ihr innewohnenden Heidentum eingeholt. In Wirklichkeit braucht die Gemeinde nur ein Dach über dem Kopf, gleich wie und gleich wo, Daß der Raum ihr gehört, daß sie darüber volles Verfügungsrecht hat, daß sie andere Gruppen und Menschen davon ausschließt, daß sie sich vom Raum ihren Gottesdienst bestimmen läßt, kann biblisch und theologisch nicht begründet werden. Raumqualitäten sind für die Gemeinde und ihren Gottesdienst von nachgeordneter Bedeutung, ich hüte mich zu sagen, von keiner Bedeutung, das wäre unmenschlich, bzw. der menschlichen Natur nicht angemessen. (Das sei zur Absicherung gesagt).

II. Erfahrungen mit Gottesdiensten und Räumen

Aus meinen Erfahrungen hinsichtlich der Beziehung von Gottesdienst und Raum, die ich in der letzten Zeit machen konnte, möchte ich einige benennen, die meine These erhärten oder vielleicht sogar weiterführen.

Im vergangenen Sommer habe ich mit einer Gruppe junger Leute einen Jugendgottesdienst gehalten, das Hofheimer Meß-Festival. Dieser Gottesdienst im weiteren Sinne war für’s Freie geplant und sollte die Elemente jugendgemäßer Festlichkeit mit dem Zentralgedanken der Eucharistie verbinden. Wegen ungünstiger Witterung mußten wir einen Raum aufsuchen. Da uns zwei vorgesehene Turnhallen nicht zur Verfügung gestellt werden konnten, blieb uns keine andere Wahl, als eine Kirche zu wählen, die modernste, die es in der Umgebung gab.

Es war verblüffend, mit welcher Selbstverständlichkeit die 6-700 jungen Leute diesen sakralen Raum als ihr Festival-Gelände in Beschlag nahmen. Bereits kurz nach 14:00 Uhr lag eine Rauchwolke über der Versammlung, die der Wolke, die mit dem Volke Israel einherzog, alle Ehre gemacht hätte. Man saß auf, vor, zwischen und auch in den Bänken, unterhielt sich, klatschte Beifall, ging zu den einzelnen Musikgruppen, die auf den Kirchenraum verteilt waren, diskutierte in kleinen Gruppen, beteiligte sich an der Plenumsdiskussion, schmuste miteinander, aß Würstchen und trank Cola und tanzte schließlich zum Schluß. Eine großartige Atmosphäre gegenseitiger Toleranz, Gelöstheit und auch andächtiger Aufmerksamkeit. Der Raum war trotz seiner fester Bankreihen kein Hindernis. Förderlich für dieses Treffen war allerdings eine sich dem Halbrund annähernde Zuordnung der Bänke.

Die Reaktion auf diesen Gottesdienst könnte man als ein innerkirchliches Erdbeben mittlerer Stärke bezeichnen. Ich beschränke mich auf die Auseinandersetzung, die sich auf die unkonventionelle Nutzung des Gottesdienstraumes bezog. In einem Brief an den Bischof hieß es: „Das wüste Treiben dürfte ungefähr sechs Stunden angedauert haben und steigerte sich immer mehr zur Orgie… Die Kirche St Bonifatius, die allen Ernstes einer neuen Weihe bedarf, werde ich nicht mehr betreten, bevor in dieser Angelegenheit Klarheit geschaffen worden ist.“ In einem anderen Brief an mich heißt es: „Schändung eines Gotteshauses ist ein Teufelswerk“. Der Bischof hat sich beeilt, bereits am nächsten Sonntag in höchst konventionellem Stil eine Messe zu zelebrieren. In einer Veröffentlichung heißt es dazu: „Später hat der Bischof im Gotteshaus eine hl Messe zelebriert um die Schmach zu sühnen.“

Wie sah die beteiligte Jugend die Angelegenheit? In einem Gespräch mit dem Bischof gab sie deutlich zu verstehen, daß sie mit sakralen Räumen nichts mehr anzufangen wisse. „Die Kirche ist für mich ein reiner Versammlungsraum, in dem Christen die Eucharistie feiern, die auch woanders stattfinden könnte.“ „Was sollen wir mit einem heiligen Bezirk anfangen, der uns nichts sagt, weil wir uns dort nicht so benehmen können, wie wir sind.“ Einer sieht sogar eine besondere Gefahr darin, wenn man sich in sakralen Räumen anders verhält als sonst, weil damit ein Übergang des Christlichen in das Alltagsleben verhindert wird. Dennoch will die Jugend der älteren Generation ihre sakrale Räume zugestehen, unter der Bedingung, daß der Jugend ebenfalls der nötige Spielraum gewährt wird.

Der Bischof kam trotz vieler Gespräche zu keinem anderen Ergebnis, als das Verhalten der Jugendlichen zu verurteilen. In seiner Stellungnahme vom 31. 8. 1971 heißt es: „Was sonst als Verstoß gegen den guten Geschmack und als Stillosigkeit empfunden wird, wirkt im religiösen Bereich als Ehrfurchtslosigkeit und damit als ein ignorieren des Gott (!) gegenüber angemessenen Benehmens.“ In einer Verordnung über die Nutzung von Gottesdiensträumen legt er fest: „Konsekrierte oder benedizierte Gottesdiensträume bleiben grundsätzlich dem Gebet, den sakramentaIen Handlungen und der religiösen Unterweisung vorbehalten.“ Zur Not könnten Pfarrversammlungen und Konzerte stattfinden. Derselbe Bischof hatte kaum ein Jahr zuvor seine Zustimmung gegeben, daß bei Neuplanungen von Gemeindezentren e i n großer festlicher Raum gebaut werden soll, der nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für andere Veranstaltungen der Gemeinde genutzt werden kann.

In der katholischen Kirche gibt es demnach noch eine sehr unterschiedliche Wertung der Räume und der darin vollziehbaren Gottesdienste. Überschreiten Gottesdienstformen den üblichen Rahmen, wird man derzeit noch auf andere Räumlichkeiten ausweichen müssen. In der Diskussion um das Hofheimer Meß-Festival wurde verschiedentlich betont, daß ein Herausdrängen der Jugend aus dem eigentlichen Gottesdienstraum der Gemeinde eine andere Form der Exkommunikation sei. Ein Briefzitat belegt dies: „ich glaube, Christus hätte alle, die sich beim Meß-Festival so unwürdig betragen haben, nicht nur mit Stricken aus dem Gotteshaus verjagt…“ Dieser Exkommunikation entspricht der eben bereits angedeutete Exodus.

In Rom habe ich während der Bischofssynode im vergangenen Oktober (1971) zwei eindrucksvolle Gottesdienste erlebt. Der eine fand samstags abends am Stadtrand von Rom in einem Neubaugebiet mit riesigen Wohnsilos statt. In einem kahlen Raum von 25 qm hatte sich eine Gruppe von 40 Menschen um einen alten Küchentisch versammelt. Kurz zuvor hatten sie mit Don Lutte, einem Priester, der wegen allzu starker Anfreundung mit Slumbewohnern aus seinem Orden ausgeschlossen worden war, über den Notstand diskutiert, daß das Wasser nur bis in die unteren Stockwerke reiche und der Aufzug seit einem Monat nicht mehr funktionierte. Jetzt hörten sie zu, wie eine junge Mutter, die Seligpreisungen der Bergpredigt vorliest, während draußen eine Musikband zu einem Fest der kommunistischen Partei die Verstärker voll aufgedreht hatte. Hier wirkten die Worte der Schrift überzeugender als in jeder Kirche.

Am Sonntag Nachmittag treffe ich eine Gruppe Italiener, die sich am Obelisken des Petersplatzes niedergelassen hat, um für Ostpakistan zu demonstrieren. Es handelt sich um eine christliche Kommune von fünf Arbeiterpriestern, einem Ehepaar und zwei unverheirateten Frauen aus Viareggio. Am Spätnachmittag nehmen sie ihre Gesangbücher, und während Hunderte an ihnen vorbei zum Petersdom ziehen, um dieses Bauwerk zu bewundern, singen sie auf dem Boden sitzend ihre Sonntagsvesper. Auch sie brauchen keine Kirche, und es ist höchst fraglich, ob sie sich in St. Peter wohlfühlen würden. Ihre Art zu demonstrieren, ihre Art zu leben und zu beten, läßt dieses Denkmal päpstlicher Machtausübung überflüssig werden. St. Peter kann nicht mehr auf moderne Gottesdienste umgestellt werden, es ist bereits Museum.

Im Januar feiere ich in der Notkirche einer Siedlung (Schwalbach-Limes bei Frankfurt) Gottesdienst mit einer Gemeinde von 150 Personen. Es steht die Perikope von der Taufe Jesu am Jordan an. Ich versuche mit der Gemeinde ins Gespräch zu kommen: Nehmen wir an, Jesus wäre nach Frankfurt gekommen. Sie haben schon viel von ihm gehört und möchten ihn nun auch sehen. Wo würden Sie ihn suchen?“ Kurze, überraschte Stille. Dann meint ein etwa 45-jähriger Mann: Auf der U-Bahnbaustelle bei den Arbeitern, besonders bei den ausländischen.“ Gegenfrage einer jüngeren Dame, die offensichtlich darüber beunruhigt ist, daß ich diese Antwort gelten lasse: „Was sollen wir denn hier noch in der Kirche?“ Kaum besser als durch diesen kurzen Dialog läßt sich die Problematik unserer Gottesdienste und der gottesdienstlichen Räume zum Ausdruck bringen. Denn wo Christus ist, da sollte auch seine Gemeinde sein.

Eine Wochenendschulung für Gruppenleiter: Das Thema ist „Gespräch in der Gruppe“. Die Tagung soll mit der Messe schließen.. Es steht eine schöne und moderne Kirche zur Verfügung. Keiner denkt daran, sie zu benutzen. Der größte Raum, der mit Polstersesseln ausgestattet ist, wird für den Gottesdienst gewählt. Aus der Kirche hat man die Kerzen und einen großen Blumenstrauß geholt. Auf den Tischen, die im Geviert aufgestellt sind, stehen bereits Kuchen und Getränke für die Agape. Der Wortgottesdienst beginnt mit einem Brainstorming zum Begriff „Gespräch“.

Diese Erfahrung, daß die Kirche nicht benutzt wird, mache ich bei Tagungen und Wochenenden mit Jugendlichen faktisch immer. In der Kirche ist für sie das nicht möglich, was sie unter einem zeitgemäßen Gottesdienst verstehen. Der Raum wird als Hindernis für Spontaneität, Gespräch und Gemeinschaft empfunden.

Katholischerseits ist es üblich, daß die Jugend am Freitag vor der Karwoche den Kreuzweg betet. Bei der Vorbereitung war es sofort klar, daß diese Veranstaltung nicht in einer Kirche stattfinden sollte. Das Thema lautete: „Holt den Menschen vom Kreuz“. Dabei war vorgesehen, die Kreuzwegstationen Christi in Beziehung zu setzen mit dem Kreuz, das Menschen, die unter uns leben, zu tragen haben. Es versammelten sich etwa 130 Jugendliche in einem von der Schule zur Verfügung gestellten Raum. Vertreter aus einem Altersheim, Krankenhaus, einem Heim für körperbehinderte Mädchen, einem Aussiedlerlager und Vertreter der ausländischen Mitbürger schilderten die entsprechenden Notsituationen. Zwischendurch spielte eine Band immer wieder das Lied: „Jesus Christus, wir haben dich verraten“. Dann setzten sich einzelne Gruppen zusammen, um zu überlegen, wie die einzelnen helfen könnten. Ihren Berichten wurden gleich die Fürbitten hinzugefügt. Der Gottesdienst dauerte drei Stunden.

Palmsonntag in einer Taunusgemeinde: Es ist eine Jugendmesse vorgesehen, die auf der abgeschlossenen Bühne der Mehrzweckhalle stattfindet. Auch hier wurde die Benutzung der Kirche ausgeschlossen, weil man sich dann in den Formen und Vollzügen beengt fühlte. Zum Thema „Jugend im Knast“ versucht die Vorbereitungsgruppe die Situation eines Gefängnisses zu simulieren. Jeder Teilnehmer bekommt eine Nummer angeheftet und wird danach erst eingelassen. Hinter ihm wird die Tür wieder verschlossen. Alle werden im Kommandoton aufgefordert einen Rundgang anzutreten. Zu elektronischen Klopfzeichen werden Situationsberichte aus Gefängnissen vorgelesen. Eine Liste mit Kontaktadressen geht herum. Das Herrenmahl wird in ganz schlichter Form gefeiert. Es geht in eine Agape über, zu der eine dünne Suppe, als Solidaritätssuppe gereicht wird.

In Taizé (Frankreich) war über Ostern wieder ein Jugendtreffen zur Vorbereitung des Konzils der Jugend. In Erwartung eines Massenansturms von jungen Leuten aus aller Welt war an die bereits früher herausgebrochene Rückwand der Kirche ein dreimastiges Zirkuszelt angebaut worden. Dieses mußte am Karsamstag, als sich der Zustrom über alle Kalkulationen hinaus verstärkte – am Ostersonntag waren es 16.000 aus 80 Nationen – durch ein zweites Zelt erweitert werden, So entstand ein riesiger Raum, in dem die vielen Tausenden Platz fanden, um an den Gottesdiensten der Mönche teilzunehmen. Es waren Mönchsgottesdienste und keine Jugendgottesdienste, zu denen sich die jungen Leute immer wieder einfanden. Die Brüder, die in weißen Kukullen die Liturgie feiern, hatten ihr durch Stühle gebildetes Karrée aus der Kirche in das Zelt verlegt, von allen Seiten umlagert. Kleidung, Aufstellung, Psalmengesang, Bibeltexte und traditioneller Gebetsstil verwandelten die Zirkusarena in eine Abteikirche. Das Zelt beeinträchtigte nicht im geringsten diese wenig progressiven Gottesdienste.

Zwischen den im sakralen Klima stattfindenden Gottesdiensten waren Zelt und Kirche ein einziges Kommunikationszentrum, in dem Dutzende und Aberdutzende von Gruppen stehend, sitzend oder sternförmig mit den Gesichtern zueinander auf dem Boden liegend die Botschaft von Taizé diskutierten.

Abends verwandelte sich die Kirche in einen großen Schlafsaal. Während vor dem Bild der Gottesmutter die Kerze brennt, rücken hundert oder zweihundert Jugendliche mit Schlafsäcken oder Decken an, um auf dem mit einem Teppich ausgelegten Fußboden bunt durcheinander gewürfelt zu schlafen.

Am Abend des Ostertages findet unter Anwesenheit Kardinal Königs aus Wien und des Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen Carson Blake eine feierliche Messe statt. In das Läuten der fünf Glocken wird über Verstärker ein zwanzigminütiges Orgelspiel eingeblendet, wohl als Versuch eine meditative Ruhe zu erreichen, Das große Murmeln geht aber weiter, bis der eigentliche -Gottesdienst beginnt. Die französischen Teilnehmer vermögen einige Liedverse mitzusingen, alle anderen verharren in einer passiven Stille. Erst als nach dem Evangelium Grußtelegramme verlesen werden, und Kardinal König eine kurze Ansprache an die Jugend hält, gibt es Beifall, der endlich den sakralen Rahmen sprengt. Nach der Messe verliest der Prior Roger Schutz die Osterbotschaft 1972, immer wieder durch Klatschen unterbrochen. Der Höhepunkt seiner Rede, die Ankündigung, daß das Jugendkonzil 1974 stattfinden soll, wird mit einhelligem Jubel aufgenommen. Das Klatschen geht spontan in den Gesang eines rhythmischen Kehrverses über. Die ersten fassen sich an den Händen und beginnen zu tanzen. Im Nu ist das Zelt und die Kirche eine tanzende, klatschende, singende, jubelnde und springende Menge, die sich nicht mehr beruhigen will. Endlich kann sie nach den ziemlich langweiligen Gottesdiensten ihre Osterfreude ausdrücken. Das Zelt und die Kirche werden zum Festsaal. In der Mehrzwecknutzung fehlt nur noch das Essen und Trinken.

III. Thesen zum Verhältnis von Gottesdienst und Raum

  • Die Notwendigkeit von Kirchen ist stark relativiert: Es verstärkt sich das theologische Bewußtsein, daß Gemeinde für ihre Versammlungen vom Raum unabhängig ist. Sie kann überall (zur Eucharistiefeier) zusammenkommen.
  • In dem Maße, wie die bisherige Rolle von Kirche und Kirchbau als Ausdruck unzulässiger Machtverhältnisse erkannt wird, werden unsere Kirchen als problematisch empfunden.
  • Die derzeitige Situation der konservativen Gemeinden zwingt vor allem die Jugend zum Exodus. Sie fühlt sich durch den autoritären Prägewillen der Gebäude und der sie benutzenden Gemeinden in ihrer Freiheit beeinträchtigt.
  • Die kirchliche Gemeindebildung verlagert sich in kleine übersichtliche Gruppen, für die die Kirchenräume ohnehin zu groß sind. Mit Kirche wird wieder stärker Gemeinschaft und nicht ein Bauwerk assoziiert.
  • Picker („Pluriformes Christentum“) spricht im Zusammenhang mit der Eucharistie von einem Kommunikationsmahl: „Wichtig ist dabei die anbrechende Versöhnung: es müßten Mähler zwischen verschiedenen Menschen sein, getrennten, zerstrittenen, deklassierten, Man müßte erst im Sinne Jesu in Gasthäusern, Restaurants und Privatwohnungen wirklich einmal versuchen, die Gemeinschaft herzustellen, über alle Schranken, auch gerade die Schranken religiöser Art hinweg.“
  • Bei der weiteren Nutzung der Kirchen (sie sind nun einmal da) müssen alle Formen von Gottesdienst möglich sein, so vielfältig nutzbar, wie der Lebensvollzug einer zeitgemäßen Gemeinde ist. Dabei geht es u.a. um die Aufhebung der autoritären Raumorientierung. Die Kirche wird zum Laboratorium, das auch für säkulare Zwecke verfügbar ist.
  • Die Bewältigung der Gegenwart gelingt nur dadurch, daß ständig Neues aufgenommen wird. Der Gottesdienst ist ein Fest, bei dem die Tagesordnung, die die Welt aufstellt. In christliche Reflexion übergeht.

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