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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1969 ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 13. – 18. Oktober 1969

RADIO KURZPREDIGTEN

Gottes- und Nächstenliebe


Ein amerikanischer Soziologe hat vier christliche Gemeinden daraufhin untersucht, wie es dort um das Verhältnis von Gottes- und Nächstenliebe bestellt sei. Die Ergebnisse seiner Arbeit legte er bei einer einschlägigen Konferenz in Rom vor. Er will festgestellt haben, daß diejenigen Christen, die am stärksten ihre Liebe zu Gott beteuern, am wenigsten bereit sind, den Nächsten gegenüber Liebe zu üben. Damit scheint auf wissenschaftliche Weise die oft vorgebrachte Ansicht bestätigt, daß gerade bei treuen Gottesdienstbesuchern erschreckende Lieblosigkeit anzutreffen sei, wohingegen überzeugende Güte bei denen vorliege, die sich um Gott und Gottesdienst nicht sonderlich kümmerten.

Wir wissen natürlich, daß der Gläubige niemals vor Lieblosigkeit gefeit ist; aber daß er durch seinen Glauben hinsichtlich der Nächstenliebe geradezu gefährdet sein soll, widerspricht jeder theologischen Lehre. Schließlich hängen Gottesliebe und Nächstenliebe so eng zusammen, daß beide nicht voneinander zu trennen sind. Auf die Frage nach dem größten Gebot im Gesetz, antwortet Christus bekanntlich: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen… dies ist das größte und erste Gebot; das zweite ist ihm gleich“, fügt er hinzu» „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22, 37-40). Damit zitiert Christus nur das Alte Testament. Nach ihm hängt das ganze Gesetz und die Propheten an diesen beiden Geboten.

Wenn wir davon ausgehen dürfen, daß die Verkündigung dieser Grundsätze niemals unterlassen wurde, wird es noch unverständlicher, was der Soziologe herausgefunden hat. Allerdings befaßt er sich nur mit den Tatsachen, eine Erklärung ist von ihm nicht zu erwarten. Das gehört eher – wenn auch nicht ausschließlich – in den Bereich der Psychologen. Einer von ihnen, Alexander Mitscherlich, untersucht den Zusammenhang von mittelalterlicher Frömmigkeit und Judenpogromen. Er schreibt wörtlich: „Die Innigkeit einer Riemenschneider’schen Madonna und der totgeprügelte Jude sind nicht zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben, sondern zwei Seiten ein und derselben Kultur.“ Er lastet diese enge Verbindung von Frömmigkeit und Ausschreitung allerdings nicht den Liebesgeboten des Christentums an, sondern einer kirchlichen Moralauffassung, die den Menschen zu sehr unter Druck gesetzt habe. Nach ihm wurde dies dadurch erreicht, daß ethische Maßstäbe unzulässigerweise in der Vorstellung eines strafenden und lohnenden Gottes verankert wurden. Diese überstrikte Verbotsmoral führe trotz aller Appelle an Güte und Menschenfreundlichkeit zu Lieblosigkeit und Brutalität. Wenn diese in so massierter Form in Zentrum des Religiösen immer wieder aufbrechen, dann stellen sie den Bankrott der bisherigen religiösen Erziehung dar.

Um nun nicht einer einseitigen Betrachtungsweise zu verfallen, ist zu erwähnen, daß wir in der Geschichte der Kirche unübersehbar viele Beispiele dafür haben, wie aus wirklicher Gottesliebe starke und echte Nächstenliebe erwachsen ist. Wo von Gottesliebe die Rede ist und Nächstenliebe fehlt, wird Gott ja überhaupt nicht geliebt, sondern ein Götze; er muß herhalten, um Rachegelüste und Haßgefühle religiös zu verbrämen, als führe man einen heiligen Krieg gegen die Gottlosen. Immer noch gilt eher das Wort: „Wenn jemand sagt, er liebe Gott, und seinen Bruder haßt, ist er ein Lügner!“ (1 Joh 4,20).


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