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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1974 :::

DIE HEUTIGE PHASE DER GASTARBEITERFRAGE
UND IHRE SPEZIFISCHEN PROBLEME
MÖGLICHKEITEN DER MITARBEIT FÜR MÄNNER
IN DEN DIÖZESEN UND GEMEINDEN

INHALT

HINWEIS
Referat auf der Konferenz
DES STÄNDIGEN KATHOLISCHEN ARBEITSKREISES FÜR MITARBEIT IN DER MÄNNERSEELSORGE UND MÄNNERARBEIT
am 25. September 1974 in der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen Frankfurt/M.

Hindernisse für eine bessere Integration

Die 2,5 Millionen ausländischer Arbeitnehmer sind hier, weil unsere Wirtschaft sie braucht, während sie für die heimische Wirtschaft überzählig sind. Sie arbeiten nicht hier, weil wir Deutsche ein besonders fremdenfreundliches Volk wären, oder es gar als eine Aufgabe großen Stils ansähen, Menschen anderer Nationalität, die arbeitslos sind, Arbeitsplätze zu schaffen. Das national-ökonomische Interesse ist somit das Fundament der Ausländerbeschäftigung. Es prägt entscheidend die Einstellung unserer Gesellschaft zu den ausländischen Arbeitnehmern und ihren Angehörigen. Es entspricht dem national-ökonomischen Interesse, daß die ausländischen Arbeitnehmer als Arbeitskraftreserve fungieren, die je nach der wirtschaftlichen Lage strategisch eingesetzt wird. Ein gutes Beispiel hierfür bietet die augenblickliche angespannte Wirtschaftslage. Als erstes wurde ein Anwerbestopp für ausländische Arbeitnehmer verfügt. Gleichzeitig wurden die Arbeitsämter angewiesen, Vermittlungen von Arbeit suchenden Ausländern nur nach dem Anlegen von strengen Maßstäben vorzunehmen.

Parallel dazu reagieren die Ausländerbehörden, die einen breiten Ermessensspielraum haben und sich feinfühlig der wirtschaftlichen Situation anpassen. Einen gewissen Höhepunkt stellt die kürzlich gemachte – recht vage Bemerkung – des Bundesarbeitsministers dar, wenn sich die Arbeitsmarktlage verschärfe, müsse man die Gastarbeiterbeschäftigung überdenken. Unabhängig von der Wirtschaftslage versucht man den Ausländern immer wieder zu verdeutlichen, daß sie nur a u f Z e i t willkommen sind, in dem man u.a. darauf hinweist, die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland. (Im klassischen Sinn wie die USA zum Beispiel, Kanada oder Australien ist sie es sicher nicht, wohl aber in einem neuen, noch nicht voll fixierbaren Sinn).

Über die sozialrechtliche Gleichstellung der ausländischen Arbeiter hinaus, wird ihnen und ihren Angehörigen offiziell die Integration in die deutsche Gesellschaft angeboten, wobei diese unbewusst als eine durchaus einseitige Anpassung des Ausländers an die hiesigen Verhältnisse betrachtet wird. Dieses Angebot ist aus den verschiedensten Gründen eine glatte Überforderung, auf die die Ausländer nicht anders als durch Abwehr, Zurückhaltung und eine spezifische Art Ghettomentalität reagieren. Alle bisherigen Integrationsbemühungen – wie z.B. Sprachschulung, soziale Eingliederungshilfe, besondere Programme der schulischen Förderung – sind gemessen an der umfangreichen und äußerst schwierigen Aufgabenstellung als völlig unzureichend anzusehen. Sie versagen vor allem dort gründliche wo die Arbeitsemigranten – wie etwa in den industriellen Ballungsgebieten – in einem besonders hohen Prozentsatz auftreten. Hier stellen die infrastrukturellen Mängel auf dem Wohn- und Schulsektor eine erhebliche Behinderung jeglicher Integrationsprogramme dar.

Am stärksten wird die Integration aber durch zwei Faktoren behindert, die sich in ihren gemeinsamen negativen Auswirkungen potenzieren. Der ausländische Arbeiter kommt durchwegs in der Absicht in die BRD, um dort in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen. So schnell wie möglich möchte er wieder in seine Heimat zurückkehren, um sich dort eine selbständige Existenz aufzubauen, vielleicht als Obsthändler oder Taxichauffeur. Im Unterschied zum klassischen Auswanderer, der praktisch die Brücken hinter sich abbricht, bleiben die ausländischen Arbeitnehmer ihrer Heimat, die sie, nur gezwungenermaßen verlassen haben, zutiefst verbunden. Der nach ihrer Meinung provisorische Charakter ihres Aufenthaltes in Deutschland motiviert sie nur dazu, die allernotwendigste Anpassung vorzunehmen. Von daher sind sie gar nicht in der Lage, die unendlichen Mühen einer Integration für sich und ihre Kinder auf sich zu nehmen. Die Erfahrung zeigt, daß die meisten ausländischen Arbeitnehmer wesentlich länger hier bleiben müssen, als sie ursprünglich vorhatten. Genau genommen wissen die meisten nicht, wie lange sie hier in der BRD bleiben werden. Dennoch wird die Illusion einer Rückkehr in absehbarer Zeit genährt, zumal eine solche Illusion erhebliche Entlastungen für die menschlichen Beeinträchtigungen in der Emigration gewährt. Andererseits lässt diese Bewusstseinslage keine sinnvolle Zukunftsplanung zu, vor allem nicht, was die Ausbildung der Kinder angeht.

Der zweite Desintegrationsfaktor ergibt sich aus der Ausländerpolitik in der BRD. Man lässt die Ausländer über ihre Zukunft – soweit sie sich auf das Verbleiben in der BRD bezieht – im unklaren. Zwar wird die Ausländerbeschäftigung als eine Notwendigkeit auch für die Zukunft angesehen; aber doch eher im Sinne eines notwendigen Übels. Man will auf jeden Fall verhindern, daß Ausländer In größerer Zahl sich auf einen Daueraufenthalt einrichten. Hier spielt unterschwellig die Angst vor einer Überfremdung mit, aber auch die Sorge, man sei den politischen, sozialen und finanziellen Konsequenzen nicht gewachsen, die sich hieraus ergeben. So haben wir ein Ausländerrecht, das zwar als das liberalste in der Welt gilt, aber im Grunde einen Fremde abwehrenden Charakter trägt. Mit der eingangs dargelegten Konjunkturpufferfunktion der ausländischen Arbeitnehmer zusammen, haben wir es mit einem Abwehrkomplex zu tun, der Hunderttausende Ausländer in einer unvertretbaren Unsicherheit über ihre Zukunft belässt. Ein kleiner Einblick in das Funktionieren der behördlichen und sonstigen Abwehrmechanismen genügt ‚um zu verstehen, warum es mit der Integration so schlecht bestellt ist.

Wir stehen erst am Anfang damit, diese Hintergründe zu analysieren und sie in ein breites Bewusstsein zu heben. Das allerdings ist notwendig, um die Energien zur Verbesserung der Situation nicht an der falschen Stelle anzusetzen. Es ist leicht einzusehen, wie unwirksam moralische Verbrüderungsappelle angesichts dieser Lage sein müssen.

Die Stellung der Kirche zu dieser Frage

Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik hat im November 1973 die Vorlage „Der ausländische Arbeitnehmer – eine Frage an Kirche und Gesellschaft“ verabschiedet. Darin werden die gesellschaftspolitischen Versäumnisse der Vergangenheit festgestellt, die zu Mißständen geführt haben, welche durch die freien Wohlfahrtsverbände nur dürftig gemildert werden konnten. Kritisch wird festgestellt, daß die Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer bisher ausschließlich unter wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten betrachtet und ihr Kommen dem Marktmechanismus allein überlassen wurde. Menschen werden nicht als Menschen, sondern als bloße Arbeitskräfte gewertet, ja als Ware, die dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterstehen. Nach den Vorstellungen der Synode darf der Mensch aber nicht im Dienst der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft nur im Dienst des Menschen stehen.

Die gesamte Ausländerbeschäftigung wird von der Synode nicht als unwiderrufliches Naturereignis angesehen. Bei ihrem Forderungskatalog will sie sich an erster Stelle für Maßnahmen einsetzen, die die aus wirtschaftlichen Gründen erzwungene Wanderung in das Ausland verringern oder überflüssig machen. Für die ausländischen Arbeitnehmer fordert die Synode eine Chancengerechtigkeit in allen Bereichen und vor allem angemessene Formen der Mitwirkung am öffentlichen Leben. Leider versagt es sich die Synode, Formen dieser Mitwirkung zu benennen. Allerdings soll die Gewährung des aktiven kommunalen Wahlrechts ins Auge gefasst werden.

Sicher dürfte es zu keiner entscheidenden Verbesserung der Situation der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien kommen, solange sie nicht an der politischen Willensbildung beteiligt sind. Die Parteien nehmen die Ausländer erst von dem Augenblick an ernst, wo diese über die Mehrheitsverhältnisse in den Parlamenten mitbestimmen; wobei man sich klar darüber sein muß, daß die eigentlichen Entscheidungen über das Wohl und Wehe der Ausländer – ich meine die politischen Entscheidungen — im Bundestag fallen.

Bis das Ziel der Selbstvertretung der Ausländer in allen Bereichen erreicht ist, werden diese starker Anwälte bedürfen. Die Synode umschreibt die Funktion der Kirche gegenüber den Ausländern besonders gern als die eines Anwalts, der die Rechte der Ausländer zu verteidigen und ihre Chancengleichheit durchzusetzen hat; d.h., die Synode sieht die Kirche in ihrer besonderen Verantwortung gerade den Menschen gegenüber, „deren Rechte und Freiheiten durch gesellschaftliche Verhältnisse in ungerechter Weise eingeengt oder beschnitten werden“.

Zahlreich sind die Appelle, die die Synode an wenigstens 25 verschiedene Adressaten in der BRD und Europa richtet. Ausgangspunkt – hierbei ist die Kirche mit ihrem Internationalismus gegenüber allem nationalen Denken in der Vorhand – ist die Forderung nach der grundsätzlichen Gleichbehandlung aller Menschen.

Über das hinaus, was eben schon erwähnt wurde, werden für die Ausländer reklamiert: das Recht auf Daueraufenthalt, das Recht auf Familienzusammenführung, die Gleichbehandlung bei Wohnungen, im Kindergarten, in der Schule, in der Berufsausbildung, am Arbeitsplatz usw.. Der Katalog ist eindrucksvoll, vor allem unter dem Gesichtspunkt, daß es sich hier um Zielvorstellungen handelt, von denen die Synode erwartet, daß sie kurz- oder mittelfristig erreicht werden.

Dabei hat sich die Synode nicht der Frage gestellt, wie diese Forderungen durchgesetzt werden könnten. Man geht doch sicher nicht von der Vorstellung aus, daß diese für sich selbst sprechen und von den zuständigen Gremien vorrangig behandelt werden. Es scheint, daß die Synode der Auffassung ist, Leitung und Basis der Kirche selbst könnten hier den erforderlichen Einsatz leisten, wenn sie jeden Christen und die Kirche in allen Gliederungen aufruft, „die Rechte:. der Ausländer zu verteidigen und ihre Chancengerechtigkeit in Kirche, Staat und Gesellschaft durchzusetzen“. Wenn allerdings die Synode eingesteht, „daß die Kirche der Bundesrepublik sich dieser Probleme bisher nicht genügend angenommen hat“, wird man nüchtern davon ausgehen dürfen, daß es noch einer ganz gehörigen Bewußtseinsänderung bedarf, bis die Kirche in der Lage ist, nicht nur an ihrer Spitze Anwalt für die ausländischen Arbeitnehmer und ihre Familien zu sein.

Die Hauptzielrichtung des Synodenpapiers ist gesellschaftspolitischer Natur. Es gibt aber auch viele Aussagen zu der speziellen kirchlichen Aufgabe gegenüber den Ausländern.

In diesem Zusammenhang wird die Kirche als Zeichen der Einheit für die ganze Menschheit gesehen. Dieses Zeichen kann sie nur sein, wenn sie innerkirchlich die volle Solidarität aller Gläubigen verwirklicht. Für die kirchliche Ausländerarbeit werden drei konkrete Ziele angegeben.

  1. Auf dem Hintergrund, daß zahlreiche Ausländer kaum einen Bezug zur Kirche haben, sollen diese Arbeiter in ihrer konkreten menschlichen Situation angesprochen und allmählich zu einer menschlichen Reife geführt werden, die sie auch für religiöse Werte empfänglich macht.
  2. Ausländer, die länger in Deutschland bleiben, sollen befähigt werden, am deutschen gottesdienstlichen und gemeindlichen Leben teilzunehmen.
  3. Oberstes Ziel ist der mündige Christ, der seine Aufgabe in Kirche und Gesellschaft erfüllt.

Die Synode spricht in diesem Zusammenhang von missionarischen Methoden, die gefunden werden müssen, da die gestellte Aufgabe mit den überlieferten Formen kirchlichen Dienstes allein nicht bewältigt werden kann.

Ausgangspunkt für eine neue Methode müßten die besondere Lage und die besonderen Werte der Ausländer sein. Diese Lage wird so gekennzeichnet, daß die Ausländer der unteren sozialen Schicht angehören, weithin Diskriminierungen unterliegen und in hohem Maße vom kirchlichen Leben entfremdet sind. An positiven Werten werden herausgestellt, das Wachsen eines universalen Bewusstseins, eine große Verantwortung gegenüber der Familie und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die Kirche in Deutschland wird sich schwer tun, ein entsprechendes Konzept zu finden. Ihr fehlt der entscheidende Zug zu den Ausländern, die im wesentlichen den unteren sozialen Schichten angehören. Die Kirche in der BRD ist keine Kirche der Arbeiter. Sollte eine zeitgemäße Ausländerpastoral gefunden und akzeptiert werden, so wäre das ein entscheidender Schritt auf eine Kirche der Unterprivilegierten und Benachteiligten zu. Auch hier haben Diözesen, Pfarreien und Verbände noch Entscheidendes zu lernen.

Auf dem Ausländerforum des Katholikentages in Mönchengladbach, das in einer großen Aula vor 50 Teilnehmern stattfand, wurde festgestellt, daß erst eine einzige Diözese das Synodenpapier im Amtsblatt veröffentlicht und damit ratifiziert hat.

Möglichkeiten einer Pfarrei

Das in sozialpolitischer Hinsicht vorzügliche Synodenpapier spricht zwar immer wieder von der Aufgabe der Kirche; aber da, wo es um Vorstellungen geht, die die Kirche am Ort verwirklichen kann, reicht die Phantasie nicht sehr weit. Dennoch gibt es unzählige Möglichkeiten für eine Gemeinde, wie folgendes Beispiel belegen mag:

In der Pfarrei St. Ursula, Oberursel, ist jedes 4. Gemeindeglied Ausländer. In einer besonderen Informationswoche hat sich die Gemeinde mit der Situation der unter ihr lebenden Ausländer vertraut zu machen versucht.

Es begann mit einem sonntäglichen deutsch/italienischen Gottesdienst. Nachmittags fand ein Treffen ausländischer und deutscher Familien statt. Gleichzeitig wurde auch die Ausstellung „Wir schaffen das moderne Deutschland mit !“ eröffnet. Wichtige Aufschlüsse über das, was die Pfarrei tun könnte ergab eine Diskussion, die sich an einen Lichtbildervortrag anschloß. Einen Monat später hielt der Pfarrgemeinderat eine entscheidende Sitzung ab; dabei wurde beschlossen:

  1. Verhandlungen mit der Stadt aufzunehmen, wegen der Herausgabe eines umfassenden Informationsheftes in 5 Sprachen.
  2. Die Gründung eines Ausschusses für Gastarbeiterfragen.
  3. Die Einrichtung einer Beratungsstelle, die mit eigenen ehrenamtlichen Kräften besetzt werden soll.
  4. Eine Eingabe an die Schulbehörde, um eine Beschwerde aufzuklären, wonach Gastarbeiterkinder zu schnell in Sonderschulen überwiesen werden.

Des weiteren, wie die sogenannten Schlüsselkinder vor und nach Schulschluß beaufsichtigt werden könnten und was getan werden müsste, um Kurse in der Muttersprache einzurichten.

Außerdem will der PGR weitere Kontakte und Hilfen in der Pfarrei anregen. Dazu gehören:

a) ein nächstes Familientreffen,

b) ein Briefkasten für Anfragen und Anregungen der Gastarbeiter,

c) die Empfehlung, Sprachunterricht für einzelne Erwachsene oder Kinder zu erteilen,

d) die Bitte um Anschriften von Familien, die ein ausländisches Kind, dessen Eltern berufstätig sind, am Mittagessen teilnehmen lassen,

e) die Vermittlung von gut erhaltenen Haushaltsgeräten und Einrichtungsgegenständen für die Wohnungen.

Selbst, wenn die Gemeinden nur einen Teil ihres Programmes realisiert, wäre das eine beachtliche Leistung.

In der Gemeinde Kronberg/Taunus finden 14-tägig eine internationale Messe und ein anschließendes Informationstreffen statt. Hierzu wird über zwei Aushangkästen und den Pfarrbrief in den verschiedenen Sprachen eingeladen. Beim letzten Treffen hatten sich ca. 100 Personen aus 6 Nationen eingefunden: Italiener, Spanier, Jugoslawen, Portugiesen, Türken und Deutsche. Für diese Nationalitäten sind deutsche und ausländische Kontaktpersonen vorhanden. Die Versammlung wird darüber informiert, daß sich in der Zwischenzeit ein italienischer und ein spanischer Club gebildet haben.

In Kürze beginnen wieder 3 Deutsch-Kurse für Anfänger, für Ausländer mit gewissen Sprachkenntnissen und für Fortgeschrittene. Kurse in der Heimatsprache für die Kinder wurden in Absprache mit der Schulbehörde und den Konsulaten in der Zwischenzeit eingerichtet.

Es besteht auch eine Schulaufgabenhilfe.

Wenn Kindergartenplätze gesucht werden, kann man sich an eine bestimmte Adresse wenden. In Kronberg sind derzeit Kindergartenplätze frei.

Bei diesem Treffen war auch der Leiter der Jugendarbeit der Pfarrei anwesend, der das Angebot machte, ausländische Kinder und Jugendliche in die Gruppen aufzunehmen. Auch die Kolpingfamilie stellte sich vor und lud zu ihren Veranstaltungen ein. (Ein afrikanischer Priester, der bei der internationalen Messe konzelebrierte, war überrascht, daß man diese Messe i n t e r n a t i o n a l nannte. Er meinte, sie sei doch nur e u r o p ä i s c h.)

Mit den aufgezeigten Aktivitäten sind die wesentlichen Anregungen aufgenommen, die die Synode gegeben hat. Dabei bietet sich vor allem für die Pfarrei hinsichtlich der Kindergärten eine besonders gute Möglichkeit. Hier können entscheidende Voraussetzungen geschaffen werden, um dem ausländischen Kind einen normalen Bildungsgang zu gewährleisten. So empfiehlt die Synode bei der Aufnahme in die Tageseinrichtungen und Kindergärten die Gleichbehandlung von ausländischen und deutschen Kindern zu gewährleisten. Wo der Bedarf an Kindergarten- und Hortplätzen nur langfristig gedeckt werden kann, sind Übergangslösungen zu schaffen. Die Pfarreien sollten hierfür in ihren Gemeindezentren entsprechende Räume zu Verfügung stellen. Diese Aufgabe bekommt ein besonderes Gewicht in den Ballungsgebieten, wo etwa – wie in Frankfurt 1973 – ein Drittel der dort geborenen Kinder Kinder ausländischer Eltern sind. Bei dieser Größenordnung bekommt die pädagogische Aufgabe in einem Kindergarten eine neue Dimension, die in der Ausbildung bislang nicht berücksichtigt worden ist.

Für den außerschulischen Bereich empfiehlt die Synode ebenfalls verstärkte Hilfen. Dabei soll ein Schwergewicht auf die Aufgabenhilfe gelegt werden. Diese sei aus öffentlichen Mitteln zu fördern. Aufgerufen sind besonders die Pfarreien.

In unserem Bereich hat sich diese Arbeit sprunghaft entwickelt; sie wird bisher vom Hessischen Kultusministerium in großzügiger Weise finanziert. Bereits jetzt tritt die Notwendigkeit auf, diese Arbeit zu koordinieren und die Helfer weiterzubilden. Die natürlichen Voraussetzungen, die hier in einer Pfarrei gegeben sind, ermöglichen prinzipiell einen umfangreichen Einsatz, der als wirksame Integrationshilfe aufgefasst werden kann.

Angeordnet wird die besondere Bildung von Ausschüssen für Ausländerfragen und zwar auf der Ebene der Pfarreien, der Dekanate, der Regionen und der Diözesen. Meines Wissens gibt es solche Ausschüsse nur im begrenzten Umfang. Gerade auf der Ebene der Diözese könnte ein solcher Ausschuss die geforderte gesellschaftspolitische Funktion übernehmen.

Eine Empfehlung auf die verschiedenen Ebenen einer Diözese wird für eine bessere Informationsarbeit über Ausländerangelegenheiten gegeben. Dabei müßte es um eine gegenseitige Information gehen. Gerade aber dieser Informationsaustausch zwischen der deutschen und der ausländischen Seite ist völlig unterentwickelt. Es fehlen vorab den Ausländern genügend journalistisch geschulte Personen, die es als eine wichtige Aufgabe ansehen, nicht nur ihre eigenen Landsleute, sondern gerade auch die Deutschen aus ihrer Perspektive auf dem Laufenden zu halten.

Den Bistümern wird schließlich empfohlen, ihren Siedlungsträgern verstärkte finanzielle Hilfen für spezielle Bauprogramme und zur Gewinnung sonstigen Wohnraums für Ausländer zur Verfügung zu stellen. Dabei sollen vor allem Modelle gefördert werden, die das gute Zusammenleben der verschiedenen Nationalitäten ermöglichen.

Aufgabe der Erwachsenenverbände

Eine diesen Kreis vielleicht besonders interessierende Empfehlung, die ich, zum Schluß kommend, doch noch etwas ausführlicher behandeln möchte, lautet: „Die Erwachsenenverbände sollen den ausländischen Mitchristen gegenüber eine bewußt offene Haltung einnehmen, sie zu ihren Veranstaltungen und zur Mitarbeit einladen und ihnen auch die volle Mitgliedschaft ermöglichen.“

Selbst wenn sich ein Verband in vollem Umfang auf diese Empfehlung einzulassen gedenkt, wäre noch lange nicht garantiert, daß ihm dabei ein entsprechender Erfolg beschieden ist. Die Erfahrungen zeigen, daß es mit größten Schwierigkeiten verbunden ist, sich der Mitarbeit von ausländischen Arbeitern zu versichern. Zitat aus einem Brief: “ Nach anfänglichen Erfolgen und noch mehr Mißerfolgen besteht in unserer Gruppe eine ziemliche Ratlosigkeil, in welcher Form eine Arbeit mit Ausländern überhaupt möglich und sinnvoll ist,“

Die Bewusstseins- und Interessenlage ist viel zu unterschiedlich. So liegt z.B. das normale Veranstaltungsprogramm eines unserer Erwachsenenverbände so weit von dem ab, was einen ausländischen Arbeitnehmer, der hier lebt, bewegt, daß man selbst bei der freundlichsten Einladung n i c h t auf ein Echo hoffen darf.

Eine große Rolle spielen hierbei selbstverständlich auch die Sprach- und Mentalitätsunterschiede. Wie wollen Deutsche einen Süditaliener verstehen, wenn selbst die italienischen Geistlichen, die meistens aus dem Norden kommen, dies als eine fast unlösbare Aufgabe betrachten? In Anschlag zu bringen ist auch ein gewisses Unterlegenheitsgefühl bei Ausländern gegenüber den Deutschen, erst recht gegenüber einer deutschen Organisation.

Wer sich ernsthaft auf den ausländischen Mitbürger einstellt, muß auf eine sehr intensive Art und Weise sein Bewußtsein bilden und verändern, in dem er sich mit der Situation der Arbeitsemigration hier in Deutschland und mit ihren Hintergründen befasst. Daraus läßt sich bereits ein umfangreiches Bildungsprogramm ableiten. Des weiteren ist ein echtes Interesse daran erforderlich, daß sich die Situation der Ausländer hier bei uns verbessert. Gleichzeitig muß die Bereitschaft vorhanden sein, sich zu engagieren. Beides bedeutet für eine Gruppe, für einen Verband oder eine Organisation, daß sie ihre Interessen an den Interessen des Ausländers ausrichtet, und nicht das Umgekehrte erwartet.

Zu den ersten Schritten gehört die Aufnahme eines freundschaftlichen und ungezwungenen Kontaktes, auf den die ausländischen Arbeitnehmer und ihre Familien so stark angewiesen sind und den sie, im Unterschied zu ihrer Heimat, hier weitgehend vermissen. Diese Kontakte können leicht über gesellige und festliche Veranstaltungen erfolgen, deren Ausrichtung allerdings nicht nur eine deutsche Angelegenheit sein sollte. Ist dann mal eine gewisse Vertrauensbasis gefunden, geht es darum, die besondere Situation, die Vorstellungen, Sorgen und Wünsche der Ausländer kennenzulernen, um je nach Zielsetzung des Verbandes, oder der Gruppe, Unterstützung anzubieten. Sie darf allerdings den Ausländer nicht in ein neues Abhängigkeitsverhältnis bringen, sondern nur seine Eigeninitiative fördern.

An dieser Stelle beginnen die eigentlichen Schwierigkeiten, weil Aktivität im Sinne irgendeiner Veränderung für Ausländer nicht selbstverständlich ist. Sie kennen normalerweise aus der Heimat und aus der hiesigen Situation nur die Rolle dessen, über den andere verfügen. Ganz abgesehen davon, ist eine Vereinstätigkeit in unserem Sinne bei dieser Bevölkerungsgruppe ziemlich unbekannt.

Wir haben es mit einem Aufgabengebiet zu tun, das ein erhebliches Umdenken verlangt. Ein Umdenken, vor allem auch in dem Sinne, daß ein wirkungsvoller Einsatz ohne eine sozialpolitische, oder sogar politische Komponente nicht auskommt. Sie ist bereits dadurch im Spiel, daß man Stellungnahmen und Resolutionen verfasst, in die Öffentlichkeit geht und sich an Behörden und Politiker wendet.

Bei gelungenem Ansatz könnte es sich auch ergeben, daß vorübergehend und auf längere Sicht hin eigenständige Organisationen der Ausländer entstehen, die ihre spezifischen Belange nicht ohne Zusammenarbeit mit deutschen Schwesterorganisationen wahrnehmen. Das wäre ein Stück gleichrangiger Partnerschaft, die die Ausländer in die geforderte Eigenständigkeit entließe, ohne sie in ein Ghetto abgleiten zu lassen.


Referat auf der Konferenz
DES STÄNDIGEN KATHOLISCHEN ARBEITSKREISES FÜR MITARBEIT IN DER MÄNNERSEELSORGE UND MÄNNERARBEIT
am 25. September 1974 in der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen Frankfurt/M.


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