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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV MIGRATION 1979 :::

23. September 1979
SAARLÄNDISCHER RUNDFUNK
Abt. Kirchenfunk

TAG DES AUSLÄNDISCHEN MITBÜRGERS 1979

„Für eine gemeinsame Zukunft –
gleiche Chancen für die Kinder von Ausländern“

INHALT
Berufliche und gesellschaftliche Chancengleichheit für die Kinder der ausländischen Mitbürger

Ein smarter Jüngling in der Uniform der Berliner Polizei, das geschickt nachgeschobene Pressefoto der Senatsverwaltung in einer hochpolitischen Diskussion in Berlin, Bonn und anderswo. Können Türken in der Bundesrepublik Polizisten werden? Die ablehnenden Stimmen kommen von der Polizeigewerkschaft und aus der Ecke konservativer Politiker. Die von Deutschen auszuübende Hoheitsbefugnis dürfe nicht aus den Händen gegeben werden. Die Befürworter sehen in der Polizistenlaufbahn für Türken nur eine Konsequenz für die Integration der zweiten Generation von ausländischen Arbeitnehmern. Die Debatte um Nicat Dogru, den ersten Polizisten türkischer Abstammung, ist allerdings verfassungs- und beamtenrechtlich kaum bedeutsam. Der 20-Jährige ist nämlich seit einiger Zeit Deutscher.

Ein Ausnahmefall und nicht der glücklichste Ansatz für eine bundesweite Diskussion über die gesellschaftliche und berufliche Eingliederung von Hunderttausenden junger Menschen nichtdeutscher Herkunft, die hier geboren wurden bzw. aufgewachsen sind. Für sie haben die Kirchen bereits längst das Motto ausgegeben, das auch für die örtlich begangenen Ausländertage dieses Jahres gelten soll: „Für eine gemeinsame Zukunft – gleiche Chancen für die Kinder von Ausländern“. Vor ein paar Jahren waren die Kirchen hiermit noch einsame Rufer in der Wüste, und zwar bei der Öffentlichkeit und bei den eigenen Gemeinden. Zu fest saß das längst überholte Bild vom mobilen, heimatorientierten Gastarbeiter in den Köpfen.

Gerade in diesem Jahr aber hat sich Politik und Gesellschaft mit einer überraschenden Aufmerksamkeit der zweiten Generation zugewandt, sicher auch ein positives Ergebnis des allzu leicht ironisierten Jahres des Kindes. Aber es steckt noch mehr dahinter. Die Politiker bekommen es nämlich mit der Angst zu tun und Angst mobilisiert sie immer noch am ehesten. Was wird – so fragen sie sich – aus den jungen Menschen, deren größter Teil keinen Hauptschulabschluß erreicht hat oder erreichen wird? Damit ist eine berufliche und gesellschaftliche Chancengleichheit absolut nicht gegeben. Statt Integration beherrscht Desintegration das Feld. Hierfür hat sich ein bedenklicher Sprachgebrauch in den Medien und bei politischen Aussagen eingeschlichen: Von „Sozialem Zündstoff“, vom „Zeitzünder aus Anatolien“, von „Einer sozialen Zeitbombe“, vom „Explosionsstoff der Zukunft“ ist die Rede. Damit sind nicht die Granat- und Giftgasfunde von Hamburg oder neu zu befürchtende Terrorakte gemeint, sondern die Kinder der nichtdeutschen Arbeitnehmer.

Niemand kann bestreiten, daß die kaum gelungene Eingliederung unzähliger Kinder und Jugendlicher für unsere Gesellschaft große Probleme aufwirft. Aber dennoch ist es nicht statthaft, das Verursacherprinzip auf den Kopf zu stellen, als wären diese Kinder und nicht unsere Gesellschaft dafür verantwortlich, daß Integration weithin ein Fremdwort geblieben ist. Es wäre für die gemeinsame Zukunft deutscher und nichtdeutscher Jugendlicher kaum hilfreich, wenn die Angst vor den Folgen nicht gelungener Einfügung in die deutsche Gesellschaft überhand nähme und türkische Polizisten in Berlin die ersten Ghettowächter einer abgedrängten Minderheit wären.

Doch es gibt auch positivere Töne aus berufenem Mund. Arbeitsverwaltung und Wirtschaft verweisen darauf, daß das Angebot an deutschen Erwerbspersonen nach 1990 stark zurückgehen werde. Die entstehende Lücke könne aus heutiger Sicht am ehesten durch die Kinder der ausländischen Arbeitnehmer gefüllt werden. Dabei sei es allerdings erforderlich, daß sie über eine ausreichende Allgemeinbildung und über eine abgeschlossene berufliche Ausbildung verfügten. Die Unternehmer sind bereit, sich hierfür verstärkt einzusetzen, wobei sie getrennte Ausbildungsgänge für deutsche und ausländische Jugendliche ablehnen. Für sie gilt die Parole: Eine gemeinsame berufliche Zukunft.

Es ist zu erwarten, daß die positive Wertung der Wirtschaft die Chancen der zweiten Generation erheblich verbessert und mehr Kräfte zur Eingliederung mobilisiert, als die Ängste vor einem „Sozialen Zündstoff“. Beides sind Teilaspekte. Eine gemeinsame Zukunft für nichtdeutsche wie deutsche junge Menschen bedeutet wesentlich mehr, nämlich eine volle gegenseitige Anerkennung und einen neuen gemeinsamen Lebensstil, bei dem nicht einfach das Deutsche als allein maßgebend dominiert. Ein solcher Lebensstil könnte am besten im Kindergarten eingeübt werden und hier wären unsere Kirchengemeinden am Zug.

(Sendemanuskript von Herbert Leuninger)


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