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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::

Katholische Morgenfeier
im Hessischen Rundfunk Frankfurt/M.
1. Hörfunkprogramm
am 28. Mai 1970

Fronleichnam ökumenisch?


Lied (Orgel und Chor):
„Die Liebe Gottes ist ausgegossen.
(Schallplatte: Singendes Gottesvolk II)

Ansprache:

Meine verehrten Hörer!

Dreihundert Jahre bevor die Reformation die westliche Christenheit trennte, entstand das Fronleichnamsfest. Damals gab es intensive Reformationsbestrebungen, die unter anderem zu einem Fest führten, das der besonderen Verehrung Christi im Sakrament des Altares dienen sollte. Man sah den Glauben an die wirkliche Gegenwart Christi durch neue Theorien in`s Wanken geraten, vor allem zeigte man sich bestürzt über die Lauheit, mit der die Christen dieser Feier gegenüberstanden. Nicht zuletzt aber sollte ein Ausgleich gefunden werden für das Verhalten unsittlicher und geldsüchtiger Priester, deren Lebensweise ihrer leitenden Stellung in der Kirche Hohn sprach.

Der Tag selbst wurde anfänglich mit einer festlichen Messe begangen. Die Christen wurden aufgefordert, zahlreich am Mahl teilzunehmen. Bald darauf wurde das Fest mit einer Prozession bereichert, die dann siebenhundert Jahre als das Charakteristische der Fronleichnamsfeier betrachtet wurde. Katholische und nichtkatholische Christen sehen in ihr ein typisch katholisches Fest, an dem der ganze Glanz des katholischen Kultes entfaltet wird und wo das Unterscheidende der Konfessionen besonders deutlich hervortritt.

Schließlich ist es noch gar nicht so lange her, daß sich katholische Pfarrer etwas darauf zugutehielten, wenn sie nach dem Krieg in überwiegend protestantischen Gegenden eine Fronleichnamsprozession abhielten und verkündeten, dies sei die erste derartige Veranstaltung nach der Reformation. Daß die protestantische Reaktion auf diese katholische Demonstration nicht besonders wohlwollend ausfiel, ist vollauf verständlich.

Die Versuche, dem Fronleichnamsfest eine zeitgemäße Form zu geben und die Bemühungen um die Einheit der Christen lassen aber erwarten, daß dieser Tag keine trennende, sondern sogar eine verbindende Rolle spielen kann. Dafür empfiehlt es sich für uns Katholiken, hinzuhören auf das, was die anderen Christen vom Abendmahl des Herrn denken. Martin Luther hat im Jahre 1519 eine Predigt gehalten „von dem“, so wörtlich, „Hochwürdigen Sakrament des Heiligen wahren Leichnams Christi.“ Aus dieser Predigt verdienen die Gedanken unser besonderes Interesse, die sich mit der Haltung eines Christen befassen, der dieses Sakrament genießt. Für Luther verbindet die Teilnahme an diesem Mahl mit der Not der anderen. Er sagt:

Sprecher:

„Da muß sich dein Herz nun der Liebe ergeben und lernen, daß dieses Sakrament ein Sakrament der Liebe ist, und wie dir dabei Liebe und Beistand widerfährt, sollst du ebenso Liebe und Beistand Christus und seinen Bedürftigen erzeigen. Denn hier muß dir leid sein alle Unruhe Christi in seinem heiligen Wort, alles Elend in der Christenheit, alles ungerechte Leid der Unschuldigen, das im Übermaß an allen Orten der Welt vorhanden ist. Hier mußt Du ihm wehren, handeln, bitten und, falls du nicht mehr tun kannst, herzliches Mitleid haben…“

Die Einsetzungsworte „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, das ist mein Blut, das für euch vergossen wird“ und der Satz, „so oft ihr das tut, gedenkt meiner dabei“, versteht Luther so, als spräche Jesus

Sprecher:

„Ich bin das Haupt, ich will der erste sein, der sich für euch hingibt, will euer Leid und eure Not zu meiner machen und sie für euch tragen, damit ihr mir und einander das Gleiche tut und alles in mir und mit mir gemeinsam sein laßt; ich hinterlasse euch dieses Sakrament als ein gewisses Wahrzeichen von all dem, damit ihr mich nicht vergeßt, sondern euch täglich daran übt und gemahnen laßt, was ich für euch getan habe und tue, damit ihr euch stärkt und einer den anderen trage.“

Mehrmals in seiner Predigt kommt Luther darauf zu sprechen, wie diese Solidarität mit Christus und den Mitmenschen auszusehen hat: den Armen helfen, für die Elenden sorgen, die Besserung der Kirche und aller Christen suchen, das eigene Vermögen bereitstellen, als gehöre es den andern, die Sünder ertragen und schließlich Zwietracht und Uneinigkeit überwinden. All das folgert er aus der tiefen Gemeinschaft, in die der Mensch durch die Kommunion mit Christen eintritt.

Nur zu deutlich empfindet er den krassen Widerspruch, dass zwar viele Messen gehalten werden, aber die geforderte christliche Gemeinschaft nicht entsteht oder sogar zerstört wird. Daher hält er nicht viel davon, täglich zur Messe zu gehen, wenn die Betreffenden sich nicht ändern, ja sogar schlimmer werden. Im Grunde ist es der gleiche Widerspruch, den Paulus bei den Christen von Korinth feststellt und den er mit folgenden Sätzen kritisiert:

Lesung: (1 Kor11,20-26)
Sprecher:

„Es ist da weiter kein Wunder, daß ihr bei euren Zusammenkünften kein Liebesmahl des Herrn mehr feiert, jedenfalls keins, das diesen Namen verdient. Da setzt sich jeder vor sein eigenes Essen, das er sich mitgebracht hat. Der eine hat nichts und hungert, der andere hat alles und isst und trinkt sich voll“.

Paulus spricht hier von der Übung der ersten Christen, mit der Feier des Abendmahles ein gemeinsames Essen zu verbinden, zu dem jeder nach Kräften beisteuerte. Auf diese Weise unterstützten die Reichen die Ärmeren.

Sprecher:

„Wenn ihr kein Liebesmahl feiern könnt, dann bleibt doch in euren Häusern und eßt jeder für sich- oder habt ihr keine Häuser? Ist euch die Gemeinschaft der Kirche Gottes nichts mehr wert, daß ihr die Ärmeren unter euch so beschämt. Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? In dieser Sache ganz gewiss nicht.

Ich habe die Ordnung des Liebesmahles, die ich euch übergeben habe, vom Herrn selbst empfangen. In der Nacht, da er verraten ward, nahm Jesus, der Herr, Brot, sprach die Worte des Dankes, brach es und sprach: das ist mein Leib, den ich für euch hingebe. So sollt ihr das Brot essen zum Gedenken an mich. Nach dem Mahle nahm er in gleicher Weise den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist das Zeichen für die Gemeinschaft der Liebe zwischen Gott und euch, die in meinem Tod geschlossen wird, durch mein Blut. So sollt ihr es halten, so oft ihr trinkt zum Gedenken an mich.

Lied (Orgel und Chor):
„Dies ist mein Gebot“
(Schallplatte: Singendes Gottesvolk II)

Verehrte Hörer!

Die Kritik, die Paulus schon zu seiner Zeit anzubringen hat, ebenso die eindringlichen Worte von Martin Luther über die Gemeinschaft mit den Notleidenden zeigen, wie sehr die Christenheit um die echte Feier des Abendmahles zu ringen hat. Das sind in erster Linie keine dogmatischen Probleme, auch keine Sorgen um liturgische Zeremonien, die es in diesem Zusammenhang zu bewältigen gilt, sondern die ständigen Versuche, vor der harten Konsequenz, die sich aus der Mitfeier des Herrenmahles ergibt, auszuweichen. In einer modernen Version – einem Gedicht von Hermann Hesse – ist es kraß formuliert: (Jesus und die Armen)

Sprecher:

Du bist gestorben, lieber Bruder Christ,
Wo aber sind die, für die du gestorben bist?

Du bist gestorben für aller Sünder Not,
Aus deinem Leibe ward das heilige Brot,
Das essen sonntags die Priester und die Gerechten,
An deren Türen wir Hungrigen fechten.

Wir essen Dein Brot der Vergebung nicht,
Das der fette Priester den Satten bricht;
Dann gehen sie, verdienen Geld, führen Krieg und morden,
Keiner ist durch dich selig geworden.

Wir Armen, wir gehen auf deinen Wegen
Dem Elend , der Schande, dem Kreuz entgegen,
Die andern gehen vom heiligen Nachtmahl heim
und laden den Priester zu Braten und Kuchen ein.

Bruder Christ, du hast vergebend gelitten,
gib du den Satten, um was sie dich bitten!
Wir Hungrigen wollen nichts von dir, Christ;
Wir lieben dich bloß, weil du unser einer bist.

Die in diesem Gedicht enthaltene Kritik an unseren Gottesdiensten geht nicht in`s Leere, weil sie auf viele unserer Gottesdienste zutrifft, mehr noch, weil sie unzählige Christen betroffen macht. Das Gespür für das Auseinanderklaffen von Liturgie und Leben ist stärker geworden und drängt auf ein neuartiges Ineinander. Der südamerikanische Priester und Sozialrevolutionär Camilo Torres sah für dieses Problem vorderhand nur eine Lösung; so bekennt er von sich: „Ich habe aufgehört, die Messe zu feiern, um besser diese Nächstenliebe im zeitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich verwirklichen zu können. Wenn mein Nächster nichts mehr gegen mich hat, wenn die Revolution verwirklicht wurde, will ich wieder Messen aufopfern, wenn es Gott erlaubt.“ Hier ist auf ein Schriftwort angespielt, welches dem Gläubigen verbietet, seine Gabe zum Altar zu bringen, bevor nicht alle Schwierigkeiten mit dem Bruder ausgeräumt sind. Torres ist davon überzeugt, daß die Menschen, die unter katastrophalen Verhältnissen leben müssen, allen Grund besitzen, etwas gegen die Christen zu haben, solange diese nicht alles daran setzen, die Verhältnisse in der Welt zu ändern. Um der Messe in ihrem Anspruch gerecht zu werden, ist Torres zum Revolutionär geworden. Er ist nicht mehr dazu gekommen, erneut die Messe zu feiern. Der Tod ereilte ihn, ohne daß sein Ziel nur annähernd erreicht wurde. Aber von diesen und anderen Menschen geht eine Unruhe auf die Christen über, die ihren eucharistischen Feiern ein neues Gepräge gibt.

Vor kurzem traten in Paris fünf Ingenieure und Techniker in einen Hungerstreik, weil in ihrem Industriebetrieb über 90, zumeist ältere Putzfrauen entlassen werden sollten. Mit ihrem Streik wollten sie erreichen, daß den Frauen, die nicht in der Lage waren, sich selbst zu wehren, ein Arbeitsplatz gesichert wurde. Der einzige Platz, der sich für den Hungerstreik der Männer als geeignet erwies, war der Raum unter der Kirche. Für die Gemeinde ergab sich plötzlich eine neue Situation, als sie sich anschickte, das Abendmahl zu feiern. Denn sogleich tauchte die Frage auf, wie können wir hier Mahl halten, wenn unter unseren Füßen Menschen hungern? Die Überlegungen führten schließlich dahin, daß sich die Gemeinde mit der Aktion solidarisch erklärte. Dann erst fühlte sie sich imstande, am Mahl des Herrn teilzunehmen.

Das ist in der Form natürlich ein Einzelfall, aber er ist kennzeichnend für das gewandelte Verständnis der christlichen Mahlfeier. Gerade, wer mit Aufmerksamkeit die Texte und Formen neuer Eucharistiefeiern verfolgt, stellt fest, daß das Herrenmahl immer stärker mit einem sozialen Engagement verknüpft wird; denn es geht ja längst nicht mehr nur um die Behebung individueller Not, sondern um eine weltweite Verbesserung der Verhältnisse. Die Angst vieler, das Christentum könne sich in sozialer Aktion verlieren, ist sicher weniger berechtigt als die Sorge, die Christen würden gemächlich zum Tisch des Hernn schreiten, ohne an die zu denken, die unter ihren Füßen hungers sterben.

Bezeichnend für die neuen Eucharistiefeiern ist aber nicht nur der Umstand, daß sie zu aktivem Einsatz anleiten, sondern daß sie immer häufiger Christen verschiedener Konfession zusammenführen. Dabei hängt das eine wohl mit dem anderen zusammen; die Unruhe unter den Christen über die heutige Welt führt immer stärker zu gemeinsamer Überlegung und zu gemeinsamem Handeln. Hierbei spielen – wenigstens auf der geistigen und menschlichen Ebene – konfessionelle Unterschiede eine völlig untergeordnete Rolle; nicht deswegen, weil man sie verdrängt, sondern, weil sich das Bewußtsein verändert hat. Ganz andere Fragen, als die nach der Gegenwartsweise Christi oder das richtige Amtsverständnis sind in den Vordergrund getreten. Sie lassen Konfessionsunterschiede zu Spielarten des Christlichen werden. Darum finden sich immer selbstverständlicher Christen aus den verschiedenen Lagern am Tisch des Herrn ein. Die Mahlsituation, die im Neuen Testament für Jesus und seine Anliegen so zentral erscheint, ist auch ihnen für die gemeinsame Arbeit unerlässlich. Dabei sind die Kreise bei all ihrer Sorge schlecht beraten, die versuchen dieser neuen Lage mit den bisherigen dogmatischen Vorstellungen beizukommen. Die Theologie wird sich vielmehr beeilen müssen, den Lebensvollzug dieser christlichen Vorhut einzuholen.

Das Fronleichnamsfest kann auf die Dauer kein katholisches Fest im konfessionellen Sinne mehr bleiben. Es ist kirchlichem Reformwillen entsprungen. Will es seinem Ursprung treu bleiben, wird es in Zukunft zu einem ökumenischen Tag werden müssen.

Gebet:
Sprecher:

Du bist gestorben, Bruder Jesus Christus,
Wir suchen alle, für die du gestorben bist.
Gestorben bist du für die Not der Menschheit,
Dein Leben wird uns zu kostbarem Brot.
Wir essen es am Sonntag, wenn wir zusammenkommen,
weil wir hungern nach Gerechtigkeit für alle.

Wir essen das Brot der Vergebung
und brechen es für alle, denen wir Vergebung schulden.
Wir sind bereit, die Wege der Armut zu beschreiten,
dem Elend, der Schande, dem Kreuz entgegen.

Wenn wir vom Brudermahl nach Hause zurückkehren,
laß uns bereit sein, Not und Elend bei uns einzuladen.
Bruder Christus, du hast nicht vergebens gelitten,
Gib uns und der Welt, was wir von dir erwarten;
Wir lieben dich, weil du unser Brot bist.

Lied (Orchester und Chor):
„Preiset den Herrn“
(Schallplatte: Singendes Gottesvolk II)


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