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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV ASYL 1989 :::
Demonstration am 11. März 1989 in Nürnberg
Schlußkundgebung vor der Lorenzkirche

Fremdenfeindlicher Wahlkampf
der CDU in Hessen

siehe auch Zwischenruf

Demonstration:
am 11. März 1989 in Nürnberg
„Gleiche Rechte für Ausländer und Deutsche statt Ausgrenzung durch neue Ausländergesetzte“

Veranstalter:

  • Ausländerbeiräte von Nürnberg, Fürth und Erlangen
  • DGB-Kreisvorstände von Nürnberg, Fürth und Erlangen
  • Initiative Ausländer und Deutsche, Nürnberg

Schlusskundgebung
vor der Lorenzkirche Nürnberg:

Redner:

  • Renate Schmidt (SPD), MdB
  • Otto Schily (Die Grünen), MdB
  • Yilmaz Karahasan, Sekretär im IG-Metall Bundesvorstand
  • Pfarrer Herbert Leuninger, Sprecher von PRO ASYL

Wir haben in Hessen den schlimmsten Wahlkampf seit Bestehen der Bundesrepublik erlebt. Es war ein Kampf der CDU gegen Minderheiten.

Der CDU/CSU insgesamt sind nach den Berliner Wahlen die moralischen Sicherungen durchgebrannt. Wie schon manchmal in unserer Geschichte wird eine wehrlose Minderheit zum Sündenbock gestempelt. Die sogenannten Republikaner haben die Regie geführt, und die CDU hat nach Anweisung getanzt. Was, wenn auch die Judenfeindlichkeit im Drehbuch der Rechtsradikalen gestanden hätte? Oder stand sie vielleicht drin, im Kleindruck? Die Hessische SPD bezichtigt die CDU rassistischer Parolen. Die Grünen sehen in der Auseinandersetzung um Daniel Cohn-Bendit Antisemitismus im Wahlkampf.

Ich bin Jahrgang 1932, Geboren zwischen den letzten freien Reichstagswahlen. Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß noch einmal ein solcher Wahlkampf auf dem Rücken von Menschen, die keine Stimme haben, ausgetragen wird: Menschen verachtend, Gott verachtend, Christus verachtend.

Der Sturm der Entrüstung ist ausgeblieben. Ich habe das erst recht nicht für möglich gehalten. Vielleicht ist das die eigentliche Katastrophe. Was sollen alle Gedenkreden zum Aufstand vom 20. Juli 1944, zur Kapitulation Hitlerdeutschlands, zur Reichspogromnacht? Was sollen alle Feiern „40 Jahre Bundesrepublik“? Die entscheidende Lektion ist nicht gelernt!

PRO ASYL hat in Appellen, Briefen und Anzeigen die Meinungsführer der politischen und geistigen Öffentlichkeit beschworen. Stoppt die Wahlkampagne gegen Asylbewerber! Wehrt den Angriff auf eine stimmlose Minderheit ab!

Die Literaten und Verleger von Weltliteratur waren mit den Satanischen Versen beschäftigt. Was soll da eine Provinzposse in Hessen?

Die großen Theologen waren mit dem Papst beschäftigt, mit Bischofsstühlen und ihren eigenen Lehrstühlen. Kein Gedanke an die Schwachen. Keine Solidarität mit ihnen.

PRO ASYL hat die Kirchen beschworen, läutet die Glocken zum Schutz der Flüchtlinge. Die evangelische Kirche hat sich gegen den Wahlkampf der CDU gestellt. Die katholische, meine Kirche hat in der Öffentlichkeit geschwiegen. Sie hat die Schwachen, für die sie da ist, im Stich gelassen. Damit hat sie Christus im Stich gelassen.

Viele Menschen in Hessen waren verzweifelt und fühlten sich wie gelähmt. SPD und Grüne haben die CDU in aller Schärfe kritisiert. Dennoch, eine breite Solidarität über die Parteien und über die evangelische Kirche in Frankfurt hinaus ist ausgeblieben.

Sie ist aber für die Zukunft mehr denn je erforderlich. Der Wahlkampf in Hessen ist zu Ende. Der nächste Wahlkampf tobt bereits.

Die heutige Demonstration ist ein wichtiger Beweis der Solidarität. Es gibt die Solidarität in der Bundesrepublik, nicht die große, sondern die kleine. Die Solidarität der Kleinen mit den Flüchtlingen. Ich habe in den letzten Jahren nichts Großartigeres erlebt als diese tiefe und unverbrüchliche Solidarität mit den verachteten Asylbewerbern. Diese Solidarität, besonders von Frauen, ist die große Hoffnung auf eine Wende. Warten wir nicht auf die Solidarität der Großen. Stärken wir die Solidarität der Kleinen. Das ist die wirkliche Solidarität. Nur die Gleichheit in der Solidarität bringt die Gleichheit im Recht!


Publik-Forum Nr. 7 – 7. April 1989

Katholiken
Nur mit sich selbst befaßt?

Wahlen in Hessen. Ein Zwischenruf, der nachdenklich macht

Frankfurt, Römerberg. Nach dem Einzug der NPD ins Stadtparlament demonstrieren 8.000 Menschen gegen den Rechtsradikalismus. Der katholische Pfarrer Herbert Leuninger, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Pro Asyl“, beklagt in einer flammenden Rede, daß seine, die katholische Kirche, in der Öffentlichkeit zu den Wahlkampf-Angriffen der CDU gegen die stimmlosen Asylsuchenden geschwiegen hat: „Ein vielleicht historisches Versagen.“

Leuninger geht noch einen Schritt weiter. Auch die Theologen, die sich in den letzten Wochen verstärkt innerkirchlichen Strukturfragen zugewandt haben, bekommen ihr Fett ab: „Die großen Theologen waren mit dem Papst befaßt, mit Bischofsstühlen und ihren eigenen Lehrstühlen. Was ficht es sie an, daß Menschen anderer Herkunft die Stühle vor die Tür gesetzt werden?“

Deutliche Worte. Sind sie berechtigt? Da engagieren sich katholische Amtsträger, Priester und Theologen zwar für eine kirchliche Erneuerung, doch halten sie sich nicht auf gesellschaftlichen Bewährungsfeldern in unverantwortlicher Weise zurück? Tatsache ist: Von Leuninger selbst abgesehen, waren es im hessischen Kommunalwahlkampf nur evangelische Stimmen, vor allem zahlreiche evangelische Pfarrer, die die Ausfälle gegen Ausländer und Fremde verurteilten. Und auch in anderen gesellschaftlichen Spannungsfeldern, etwa an ökologischen Brennpunkten, erheben immer wieder evangelische Geistliche ihre Stimme für die bedrohte Schöpfung und greifen dabei auch die Herrschenden an. Bei den katholischen Kollegen herrscht dagegen in aller Regel Schweigen im Walde, von einigen Sonntagsreden, die nichts kosten und konkrete Bezüge und Parteinahme außen vor lassen, einmal abgesehen.

Freilich: Ein Protest, wie er in der Kölner Erklärung zum Ausdruck kommt, ist dringend notwendig und unverzichtbar. Doch reicht dies nicht. Würde die katholische Kirche mehr Mitbestimmung in den eigenen Reihen zulassen, dann fänden wohl auch mehr ihrer Vertreter den Mut, öffentlich und eindeutig für die Schwachen in unserer Gesellschaft Partei zu ergreifen – und nicht nur für das ungeborene Leben. Wichtig ist die Erkenntnis: Das Engagement in der Kirche ersetzt nicht das Engagement in der Gesellschaft. Die Kirche, das sind die Menschen, die „Kirche sind“ -, kann nur dann glaubhaft Zeichen für ein menschliches Miteinander setzen, wenn sie sich um Reformen in Kirche und Gesellschaft kümmert.

Wigbert Tocha


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