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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1973 :::

Fremd unter Freunden

Die Ausländer in den deutschen Pfarreien

INHALT

HINWEIS
Text einer Sendung im Hessischen Rundfunk, 2. Hörfunkprogramm am 8.5.1973
veröffentlicht in: Mitteilungen des Bistums Limburg 5/73, S. 3-6

Niemand wird bestreiten wollen, daß die Kirche vom Prinzip her eine völkerverbindende Gemeinschaft ist. Es zählen zu ihr Menschen aller Nationen, Rassen und auch Klassen. Wie sieht es aber auf der untersten Ebene, auf dem Boden der Gemeinde aus, wo durch die Völkerwanderungen unserer Generation Christen aus fünf, vielleicht sogar zehn verschiedenen Nationen zusammenwohnen, wo 15 oder 25 Prozent der Gemeinde aus Ausländern besteht? Diese Tatsache stellt eine Herausforderung an den Geist christlicher Einheit dar, die man sich größer kaum vorstellen kann.

Bleibt man im Rahmen frommer Theorie, wäre die Gemeinde ein wichtiger Integrationsfaktor für alle, die als ausländische Christen in unser Land kommen. In einer für sie fremden und neuen Umgebung dürften sie hier die ersten ermutigenden Erfahrungen machen, daß sie angenommen sind. Eine solche Theorie geht von Voraussetzungen aus, die in Wirklichkeit nicht gegeben sind. Aufseiten der Gemeinde müßte ein entwickeltes Solidaritätsbewußtsein vorhanden sein. Soweit es sich in Ansätzen zeigt, reicht es gerade für den normalen Hausgebrauch. Auf die Ausländer hin muß es sich erst noch bilden.

Erwartungen an die Kirche?

Unsere Integrationsidylle geht des weiteren bei dem Emigranten von der Voraussetzung aus, er habe ein spezifisches Interesse an Kirche und Gemeinde. Das aber ist eine große Illusion. Nur ein kleiner Prozentsatz der Italiener etwa, die auswandern, behalten weiteren Kontakt mit der Kirche, d.h. entweder mit einer deutschen Pfarrei oder einer italienischen Auslandsgemeinde. Dabei geht der italienische Pfarrer von Frankfurt, Cotelli, davon aus, daß doch immerhin 50 bis 60 Prozent seiner Landsleute in der Heimat mit der Kirche Verbindung hatten. Ihm kommt es so vor, daß die allermeisten von ihnen in dem Augenblick die kirchliche Verbindung aufgeben, wo sie mit ihrem Koffer den Zug besteigen, der sie in die Schweiz oder nach Deutschland bringt. Als Pfarrer Cotelli in einer Diskussionsrunde mit Italienern die Frage stellte, warum ihre Landsleute so schnell ihren Glauben verlieren, erhielt er von einer jungen Dame die Antwort: „Sie haben ihren Glauben nicht verloren, weil sie vorher überhaupt keinen Glauben hatten!“ Damit wies sie auf den auch in unserem Land weidlich bekannten Umstand hin, daß Christlichkeit oft mehr ein soziologisches als ein personales Phänomen im Leben eines Menschen ist. Aber auch diejenigen, die mit ihrer kirchlichen Praxis durchhalten, werden religiös sehr unsicher. Die Erwartungen, die sie an Gottesdienst und Gemeindeleben haben, sind durch eine Volksfrömmigkeit, die

in Prozessionen und Heiligenfesten ihre Höhepunkte hat, geprägt. Das finden sie in Deutschland nicht wieder. Daher suchen sie ein wenig religiöse Heimat in den speziellen Gemeinden, die von Priestern ihres Landes geleitet werden. Aber auch hier hat sich das Rad kirchlicher Geschichte weitergedreht. So ist es ihnen nicht vergönnt, das Stückchen religiöse Heimat zu finden, das sie gerade in der Fremde vermissen. Verständlicherweise wollen die meist jüngeren Priester aus dem Ausland kein Kind mehr taufen, damit es vor Leibschmerzen bewahrt wird, oder die Ehe von jungen Mädchen einsegnen, nur weil sie von zu Hause weggelaufen sind. Vielmehr geht es ihnen darum, einen zeitgemäßen und lebendigen Glauben zu fördern.

Ein tiefer Einschnitt

Aus spanischer Perspektive sieht es im Grunde nicht viel anders aus. In Spanien muß

man katholisch sein. Hier kann man sein, was man will. So sieht es ein spanischer Arbeitnehmer für viele seiner spanischen Kollegen. Er selbst aber, Mitglied der spanischen katholischen Arbeiterbewegung, wertet den Kontakt mit der deutschen Gesellschaft als eine Möglichkeit zur Befreiung von religiösen Formen, die den Menschen nur unterdrücken wollen. „Hier sehen wir“, so meint er, „wie die spanische Kirche wenigstens zum Teil noch die Regierung und einen Kapitalismus stützt, der uns in aller Seelenruhe in die Emigration schickt.“ Er bleibt aber auch in der gehörigen Distanz zur deutschen Kirche, die, wie er sagt, das Geld der spanischen Arbeiter einstreicht und damit eine Wirtschaftssituation stützt, die die Gastarbeiter geringschätzt und als Schachfiguren ohne menschlichen Wert einsetzt.

Das Leben in Deutschland bedeutet für die Ausländer, aus welcher Nation sie auch kommen mögen, einen tiefen Einschnitt in ihrem religiösen Selbstverständnis. Die deutschen Christen werden sich kaum ein Bild davon machen können, welche seelischen Krisen hiermit verbunden sind. Offensichtlich tun sich hier über die sprachlichen und mentalitätsbedingten Unterschiede hinaus Gräben auf, die durch gemeinsame Glaubensformeln allein nicht überbrückt werden.

Kaum Hilfe von der Synode

Auch wenn die Pfarreien dem hohen Anspruch christlicher Integration der Ausländer kaum gerecht werden können, sind sie bei entsprechendem Problembewußtsein durchaus in der Lage, sehr vieles in der Ausländerfrage zu tun. Dabei sind die Gemeinden auf praktikable Vorschläge, vielleicht sogar auch auf Direktiven angewiesen. Hier scheint allerdings die Gemeinsame Synode der Deutschen Bistümer den Pfarreien wenig Hilfe zu bieten. Das in sozialpolitischer Hinsicht vorzügliche Synodenpapier über die ausländischen Arbeitnehmer spricht zwar von der Kirche, die den Auftrag habe, sich der Fremden und Bedrängten anzunehmen und dabei vor allem für die Wahrung der Rechte der menschlichen Person im öffentlichen Leben einzutreten. Aber da, wo es um Vorstellungen geht, die die Kirche am Ort verwirklichen kann, reicht es nur für eine Anordnung und zwei Empfehlungen. Angeordnet werden soll die Bildung von Ausschüssen für Ausländerfragen auf Pfarrebene. Die Empfehlungen beziehen sich auf die Jugendarbeit. Einmal geht es darum, jugendliche Ausländer oder Mitarbeiter der Ausländerseelsorge in den Jugendausschuß des Pfarrgemeinderates zu nehmen, im anderen Fall möchten sich die katholischen Jugendverbände darum bemühen, junge Ausländer als Mitglieder in ihren Gruppen zu gewinnen. So wird an dem Synodenpapier auch kritisiert, daß der Bezug auf die konkrete Gemeinde, die mit den Problemen der ausländischen Arbeitnehmer konfrontiert wird, fehlt. „Es müßte deutlich werden,“ so heißt es in einem Änderungsvorschlag, „wie der Einzelne und die Gemeinde zur Lösung der gestellten Aufgabe beitragen können.“ Mehr ins einzelne gehen auch andere kritische Einlassungen nicht. Von großem Belang ist indes noch die Bemerkung des Erzbischofs von Freiburg, Dr. Schäufele, daß die Bemühungen der Kirche um die Ausländer mehr oder weniger zum Scheitern verurteilt sind, wenn sich die Gemeinden nicht in ihrer Gesamtheit engagieren oder sich sogar gegen die Aufnahme der ausländischen Gläubigen in ihrer Mitte sperren. Daß die erste Aufgabe vielleicht darin bestehe, Verständnis und Verantwortungsbewußtsein zu wecken, belegt Professor Bertsch, Frankfurt, mit der Bemerkung von der Interesselosigkeit und der Renitenz eines Teils der Priester in Ausländerfragen.

Vorschläge der „Fachleute“

Es ist naheliegend, die ausländischen Geistlichen und die für die Ausländer tätigen Sozialarbeiter zu fragen, was aus ihrer Sicht heraus eine Kirchengemeinde für die ausländischen Arbeitnehmer und ihre Familien tun könne. Auf eine diesbezügliche Anfrage hin erklärt ein kroatischer Pfarrer rundheraus, die Pfarreien könnten sich fast in allen Fragen für die Ausländer einsetzen. Stellt man einen Katalog der Vorschläge zusammen, die von Verantwortlichen in der Ausländerarbeit gemacht wurden, möchte man ihm Recht geben.

So wünscht man sich von einer Gemeinde, daß sie mit den Ausländern, die neu zuziehen, Kontakt aufnimmt, Kontakt durch einzelne Gemeindeglieder, die sich auch nicht scheuen, in Baracken zu gehen. Als sehr wichtig wird es angesehen, daß sich eine Gemeinde gelegentlich darüber informieren läßt, welche Ausländer in ihrer Mitte wohnen, wo und wie sie leben, was sie arbeiten und wo ihre Probleme sind.

Ein nächster Schritt bestünde darin, die ausländischen Mitchristen und Mitbürger am Leben der Gemeinde teilnehmen zu lassen. Es werden die Gottesdienste genannt, aber vornehmlich solche, die mit den Ausländern zusammen gestaltet und gefeiert werden. Noch wichtiger für das gegenseitige Verständnis erscheinen den Experten die größeren geselligen Veranstaltungen. Hierzu sollten die Ausländer mit ihren Familien möglichst persönlich eingeladen werden.

Was im kommunalen Bereich noch in weiter Ferne liegt, läßt sich im kirchlichen Raum bereits verwirklichen: Die aktive Beteiligung von Ausländern in den Entscheidungsgremien einer Pfarrei. Treten sie dort jedoch allein auf, stehen sie auf verlorenem Posten.

Die Chancen der Gemeinde

UMFRAGE BEI SPANISCHEN ELTERN

Frage:
Wie lange war das Kind seit seiner Geburt von seinem Vater getrennt?

Antwort:
zwei, vier und mehr Jahre 57,5 %

Die Chance der Gemeinde Mitglieder für bestimmte Aufgaben zu motivieren, hat vielerorts zur Einrichtung von Schulaufgabenhilfen geführt. Diese Hilfe ließe sich – zumal vom Staat finanziell unterstützt – vervielfachen, wenn sich entsprechende Arbeitskreise zur gegenseitigen Anregung und Unterstützung bildeten. Von der Einzelhilfe durch einen Schüler oder Studenten über die Schulaufgabenbetreuung in einer Familie mit den deutschen Kindern zusammen bis zur Einrichtung von sogenannten Lernstuben bestehen vielseitige Möglichkeiten. Auch in der Zusammenarbeit mit der Schule ließe sich die katastrophale Bildungssituation der Ausländerkinder verbessern,

Wer sich ein wenig unter Ausländern umhört, weiß, daß sie Möglichkeiten suchen, sich außer Haus untereinander zu treffen, um die erfahrene Isolierung im gegenseitigen Meinungsaustausch zu überwinden. Die Kirchengemeinden verfügen über Räume, die in vielen Fällen nur unzulänglich genutzt werden. Dennoch ist es für ausländische Gruppen, selbst dann, wenn sie kirchlich firmieren, sehr schwierig, für regelmäßige, vielleicht sogar wöchentliche Treffen Räume zu erhalten. Pfarrer und Vorstände geben sich als Hausherren, die die Ausländer nur als gelegentliche Gäste aufnehmen.

Eine große Verantwortung haben die Kirchengemeinden auch, was die Kindergärten angeht. Wie aber exemplarische Befragungen in den Kindergärten des Bistums Limburg ergeben haben, sind die Kinder ausländischer Arbeitnehmer nicht einmal gemäß ihres Anteils an der Gesamtkinderzahl, geschweige denn gemäß ihrer sozialen Problematik vertreten. Andererseits zeigt sich, daß der Besuch eines deutschen Kindergartens die Startchancen ausländischer Kinder für die Schule erheblich verbessert. Als bedeutsam, aber nicht repräsentativ darf die Information aus einem katholischen Kindergarten Frankfurts gewertet werden, in dem seit Jahren etwa ein Drittel der vorhandenen Plätze für Ausländerkinder zur Verfügung steht. Danach besuchen alle Ausländerkinder, die bisher in die Schule übergewechselt sind, das Gymnasium oder die Realschule.

Konsequenzen einer Informationswoche

Ein Beispiel, wie sich eine Gemeinde der Verantwortung für die Ausländer bewußt wird, bietet die Pfarrei St. Ursula in Oberursel. Jedes vierte Gemeindeglied ist ein Ausländer. In einer besonderen Informationswoche hat sich die Gemeinde mit der Situation der unter ihr lebenden Ausländer vertraut zu machen versucht. Es begann mit einem sonntäglichen deutsch-italienischen Gottesdienst. Nachmittags fand ein Treffen ausländischer und deutscher Familien statt. Gleichzeitig wurde auch die Ausstellung „Wir schaffen das moderne Deutschland mit!“ eröffnet. Wichtige Aufschlüsse über das, was die Pfarrei tun könnte, ergab eine Diskussion, die sich an einen Lichtbildervortrag anschloß. Einen Monat später hielt der Pfarrgemeinderat seine entscheidende Sitzung ab. Dabei wurde beschlossen:

  1. Verhandlungen mit der Stadt Oberursel aufzunehmen wegen der Herausgabe eines umfassenden Informationsheftes in fünf Sprachen.
  2. Die Gründung eines Ausschusses für Gastarbeiterfragen.
  3. Die Einrichtung einer Beratungsstelle, die mit eigenen ehrenamtlichen Kräften besetzt werden soll.
  4. Eine Eingabe an die Schulbehörde, um eine Beschwerde aufzuklären, wonach Gastarbeiterkinder zu schnell in Sonderschulen überwiesen werden, des weiteren, wie die sogenannten Schlüsselkinder vor und nach Schulschluß beaufsichtigt werden könnten und was getan werden müßte, um Kurse in der Muttersprache einzurichten.

Außerdem will der Pfarrgemeinderat weitere Kontakte und Hilfen in der Pfarrei anregen. Dazu gehören: ein nächstes Familientreffen; ein Briefkasten für Anfragen und Anregungen der Gastarbeiter; die Empfehlung, Sprachunterricht für einzelne Erwachsene oder Kinder zu erteilen; die Bitte um Anschriften von Familien, die ein ausländisches Kind, dessen Eltern berufstätig sind, am Mittagessen teilnehmen lassen; und schließlich die Vermittlung von guterhaltenen Haushaltsgeräten und Einrichtungsgegenständen für die Wohnungen.

Selbst wenn die Gemeinde nur einen Teil ihres Programms realisiert, wäre das eine beachtliche Leistung.

Kein Betreuungsobjekt sondern Partner

Bei jedem etwaigen Einsatz muß sich eine Pfarrei die Gretchenfrage stellen lassen, wie sie es mit dem Ausländer in ihrer Mitte zu halten gedenkt. Ist er nur ein Objekt der Betreuung oder gleichrangiger Partner? Der italienische Pfarrer Bertoli glaubt festgestellt zu haben, daß sich seine Landsleute in sozialer und personaler Hinsicht vor einer deutschen Pfarrgemeinde unterlegen fühlen. Um das zu verändern, müßte eine Gemeinde erst dafür empfänglich gemacht werden, die Ausländer voll zu akzeptieren; wobei deren Traditionen, Sitten und Gebräuche zu berücksichtigen wären. Er ist skeptisch gegen ein rein karitatives Tun, bei dem etwa Kleider und Möbel verschenkt werden. Das mag demjenigen, dem es zugute kommt, gefallen, im Grunde legt es ihn aber auf eine abhängige Rolle fest. Wichtiger als eine derartige Hilfe ist ihm der dauernde und direkte Kontakt zwischen Deutschen und Ausländern. Als vorbildlich hierin betrachtet er die Pfarrei Eschborn im Taunus. Dort seien Gemeindeglieder ehrlich bemüht, den Ausländern innerlich näherzukommen, indem sie persönliche Kontakte durch private Einladungen unter deutschen und ausländischen Familien pflegen, so daß regelrechte Freundschaften entstehen. Das sei zwar ein schwerer und langer Weg, aber im Moment wohl der einzige. – Wer auch andere Wege für gangbar hält, wird zustimmen können, daß es sich bei dem empfohlenen um den entscheidenden handelt.

(Text einer Hörfunksendung am 8.5.1973 im HESSISCHEN RUNDFUNK)

UMFRAGE BEI SPANISCHEN FAMILIEN

Frage:
Haben Sie Freundschaft mit deutschen Familien?

Antwort:
nein, gar keine 31,2%

sehr wenige, wenige 26,1%


Text einer Sendung im Hessischen Rundfunk, 2. Hörfunkprogramm am 8.5. 1973
veröffentlicht in: Mitteilungen des Bistums Limburg 5/73, S.3-6


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