Generic selectors
Nur exakte Ergenisse
Suchen in Titel
Suche in Inhalt
Post Type Selectors

15. August 2015

Flüchtlinge früher und heute
„Heißen wir sie willkommen“


15.08.2015 – Über 9000 Flüchtlinge befinden sich in den hessischen Erstaufnahmelagern. Noch viel mehr sind es in den Einrichtungen der Städte, Gemeinden und Landkreise. Vielerorts haben sich Initiativen mit Ehrenamtlichen gebildet, die die Flüchtlinge willkommen heißen, sie in den ersten Wochen und Monaten begleiten. Vor rund 30 Jahren, als ebenfalls viele Flüchtlinge in Deutschland ankamen, gab es diese Hilfsbereitschaft nicht. Herbert Leuninger, ehemaliger Sprecher von „Pro Asyl“, langjähriger Flüchtlings- und Ausländerreferent des Limburger Bischofs und Priester, im Gespräch mit Johannes Laubach über Willkommenskultur.

Hungern für Häuser – unter diesem Slogan trat Herbert Leuninger (r.), hier im Gespräch mit Asylanten, 1986 in den Hungerstreik.

Herr Leuninger, was unterscheidet die Aufnahme von Flüchtlingen Mitte und Ende der 1980er-Jahre von der von heute?

HERBERT LEUNINGER: Dass sich so viele Menschen aus der Bevölkerung ehrenamtlich für die Flüchtlinge engagieren und einsetzen, das gab es nicht. Das überrascht mich, das freut mich. Auch die damit verbundene Botschaft, sich mit der Situation der Flüchtlinge und den Gründen ihrer Flucht auseinanderzusetzen, gab es vor 30 Jahren nicht. Auch habe ich den Eindruck, wonach diejenigen, die in den Asylverfahren entscheiden, heute grundsätzlich positiver den Menschen gegenüber eingestellt sind, die ihre Heimat verlassen mussten.

In den Medien wird ständig über das Schicksal der Flüchtlinge, vom Tod auf der Flucht, vom Krieg in den Herkunftsländern berichtet.

LEUNINGER: Es gab vor 30 Jahren auch eine Fülle von Informationen, aber nicht in der Breite, in der Dichte und auch nicht von der Emotionalität von heute. Die Bilder führen zu einem Mitleidsgefühl. Außerdem erleben wir mit der Dramatik am und auf dem Mittelmeer etwas, was es vor 30 Jahren noch nicht gab.

Aber löst die Fülle von Bildern und Informationen über das Schicksal der Flüchtlinge nicht auch andere Reaktionen aus?

LEUNINGER: Durchaus. Die Bilder führen auch zu einer Angst, dass da etwas in Bewegung ist, das nicht mehr einzudämmen ist, und damit auch zu einem Gefühl auf der politischen Ebene, nicht mehr Herr der Lage zu sein, die Entwicklung nicht mehr steuern zu können.

Millionen von Menschen sind auf der Flucht, sollten wir da nicht besser von Völkerwanderungen sprechen?

LEUNINGER: Ich stehe dem Begriff kritisch gegenüber, er wird der Dramatik nicht gerecht. Völkerwanderungen in der Geschichte hatten oft wenig besiedelte Gebiete zum Ziel, selbst dann, wenn sie anschließend zu Verschiebungen angestammter Bevölkerungen führten. Heute drängt alles in dicht besiedelte Länder. Und die Gründe für die heutigen Veränderungen werden mit dem Begriff Völkerwanderung nicht deutlich: Krieg, Unterdrückung, hoffnungslose Armut. Ich halte es daher für sinnvoll, weiter von Flucht zu sprechen.

1986 haben Sie sich in die damalige Zeltstadt von Flüchtlingen in Schwalbach begeben und sind in einen Hungerstreik getreten, um gegen die Art der Unterbringung zu demonstrieren.

LEUNINGER: Das politisch gewollte Signal damals war Abschreckung. Damit sollte das Signal in die Welt gesendet werden: Wir sind voll. Auch heute, so mein Eindruck, kommt die große europäische Politik über eine Abwehrhaltung nicht hinaus. Allerdings muss ich auch sagen, die Zeltstädte heute in unserem Land haben eindeutig provisorischen Charakter. Aber sie sind kein mitteleuropäischer Standard, wir gleichen uns da den Herkunftsländern an.

Was ist denn von der großen Politik nach Ihrer Einschätzung notwendig?

LEUNINGER: Europa ist für die Flüchtlinge das Paradies. Unsere große Politik muss klarmachen, dass es kurzfristig keine Änderungen geben wird. Mittel- und langfristig muss Politik zu Veränderungen in den Ländern führen, aus denen die Flüchtlinge kommen. Das heißt aber auch, wir müssen unser Leben ändern, denn die Art, wie wir leben, gefährdet die Lebensbedingungen der Menschen, die flüchten. Das betrifft die wirtschaftliche Seite, indem wir zum Beispiel landwirtschaftliche Strukturen durch westliche Agrarpolitik zerstören. Das betrifft aber auch die politische Krisenintervention. Kriegsverhinderung legitimiert dabei Militäreinsätze. Dabei müssten politische Lösungen viel früher einsetzen.

Herbert Leuninger
Und die Politik im eigenen Land?

LEUNINGER: Sie muss die derzeit wirklich bemerkbare Aufnahmebereitschaft und Willkommenskultur aufrechterhalten. Das ist nicht einfach, denn diese Bereitschaft und Kultur sollten auf Dauer angelegt sein. Es wird auch da keine kurzfristigen Lösungen geben. Und parallel dazu gilt es, die Voraussetzungen in den Ländern zu verbessern, aus denen die Flüchtenden kommen.

Es gibt die Idee, über Facebook die Botschaft zu verbreiten, dass es in Deutschland gar nicht so schön, so nett zugeht.

LEUNINGER: So etwas ist politisch naiv und wird nach meiner Einschätzung das Gegenteil von dem bewirken, was es bewirken soll. Es wird nicht Flüchtlinge abhalten, sondern Flüchtlinge anziehen. Der Unterschied der Lebenssituationen zwischen Deutschland und den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, ist einfach zu groß. Nicht nur, was die materielle Versorgung angeht, sondern auch im Bezug auf Rechtsstaatlichkeit und Einhaltung der Menschenwürde.

Rechte Aktivisten sind gar nicht nett zu Fremden und treten mit ihren Parolen und Forderungen auch immer wieder öffentlich auf.

LEUNINGER: Natürlich sind die am rechten Rand zu erkennenden fremdenfeindlichen Tendenzen kritisch zu sehen und es gilt zu hinterfragen, ob sie in einem Zusammenhang mit anderen nationalistischen Tendenzen in Europa stehen. Aber vielleicht ist das aktuell festzustellende und bisher noch nicht dagewesene ehrenamtliche Engagement auch dazu nützlich, Fremdenfeindlichkeit zurückzuhalten. Das Signal ist dabei wichtig: Handeln für die Flüchtlinge, sie willkommen heißen und sie in unserer Mitte begrüßen.

Fünf Tage Hungerstreik
Herbert Leuninger, Jahrgang 1932, ist katholischer Priester und war Mitbegründer von „Pro Asyl“. Er war lange Jahre ihr Sprecher, 1986 trat Leuninger in einen fünftägigen Hungerstreik in der Flüchtlingsunterkunft in Schwalbach.
28. Juli 2015

Leserbrief

Zum Artikel vom 25.7.2015 „Flüchtlinge können kommen“

Was für eine Katastrophe?!

Auf einer Industriebrache in Limburg werden Katastrophenzelte für Flüchtlinge aufgebaut. Um was für eine Katastrophe, so muss man sich fragen, handelt es sich dabei eigentlich? Ist es eine Unwetterkatastrophe, die im Westerwald oder Taunus größte Schäden angerichtet hat? Es ist wohl eine viel größere Katastrophe, nämlich eine symbolträchtige, es ist die Botschaft an die Flüchtlinge, wir wollen euch eigentlich nicht, zumindest nicht in der großen Zahl. Es ist eine Botschaft, mit der Deutschland sich auf das Niveau der ärmsten Nachbarländer von Krisenregionen begibt, in denen die Vereinten Nationen für Zehntausende Flüchtlinge Zeltlager schaffen müssen. Dieses Symbol – wenn auch nur „vorübergehend“ gesetzt – ist leider wirkmächtiger als alle Willkommensbekundungen. Die Menschenverächter, die Schweinsköpfe vor den Eingang eines für Flüchtlinge vorgesehenen Hauses in Mengerskirchen-Dillhausen geworfen haben, dürfte es freuen. Sie und Gleichgesinnte könnten sich politisch gesehen durchaus verstanden fühlen.
Übrigens: Großzelte für 150 Personen; da kann man auch Betten im Limburger ICE-Bahnhof statt nur an der ICE-Trasse aufstellen. Da bräuchten die Flüchtlinge wenigstens nicht wie dieser Tage Angst vor Gewitter, Platzregen und Orkanstürmen zu haben.

Herbert Leuninger


Ressourcen: Heißen wir sie willkommen


Nach oben