Frankfurter Rundschau
vom 25. März 1999
Nachrichten Extra: Der Kosovo-Konflikt
Cap Anamur
„Flüchtlinge sind in katastrophaler Lage“
MAINZ/ATHEN/BRÜSSEL, 24. März (afp/öhl/dpa/kna). Die Situation der Flüchtlinge in Kosovo ist nach Ansicht des Vorsitzenden der Hilfsorganisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, katastrophal. Von einer in irgendeiner Weise organisierten Evakuierung der Kampfzonen könne nicht die Rede sein, sagte Neudeck am Mittwoch im ZDF.
Die Menschen „fliehen zwischen brennenden Häusern und zwischen Tanks hindurch auf Leiterwagen und auf kleinen Pferdefuhrwerken und auf Traktoren“. Sie schliefen in Kleidern, weil sie Angst vor Angriffen der serbischen Armee und Sonderpolizei hätten. Die Versorgung sei nicht mehr gesichert, weil die Vorratslager leer seien, sagte Neudeck. Er war am Montag aus der Provinz zurückgekehrt.
Lager mit Hilfsgütern der Europäischen Union für die Bevölkerung in Kosovo sind nach EU-Angaben in der Provinzhauptstadt Pristina und Umgebung geplündert worden. Ein Sprecher der EU-Kommission teilte am Mittwoch in Brüssel mit, damit sei die Versorgung der Menschen auch dann in Frage gestellt, wenn die humanitären Organisationen nach Kosovo zurückkehren können.
Nach Angaben von Augenzeugen waren am Mittwoch in Kosovo mindestens 50 000 Zivilisten auf der Flucht. Die griechische Regierung befürchtet, daß viele von ihnen nach Griechenland fliehen werden. Der Weg nach Albanien ist den Menschen weitgehend versperrt. Serbische Streitkräfte haben die Grenzregion vermint, um den Waffennachschub für die Kosovo-Befreiungsarmee UCK zu unterbinden. Die meisten Flüchtlinge bewegen sich daher nach Süden in die Republik Mazedonien. Die Regierung in Athen nimmt an, daß das nur eine Durchgangsstation ist.
Pro Asyl fordert von den Staats- und Regierungschefs der EU, die zur Zeit in Berlin tagen, ein humanitäres Gesamtkonzept und Sofortmaßnahmen zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Kosovo in den EU-Staaten. Die „humanitäre Katastrophe“ sei bereits da; das von der EU propagierte Konzept einer regionalisierten Aufnahme von Flüchtlingen in den Nachbarstaaten Kosovos sei gescheitert.
Das ausländische Hilfspersonal der Vereinten Nationen hat inzwischen Kosovo verlassen. Nach Angaben einer UN-Sprecherin sind nur noch die Ärzte ohne Grenzen und das Rote Kreuz vor Ort.